Antwortschreiben des Eremiten an Seine Heiligkeit

Meist ist der Geist leer. Eine Leere, so weiß wie gebleichte Knochen legt sich über alles, was der Geist zu erdenken vermag. Jede noch so kleine Klarheit, jedes Wissen wird verschlungen von dem Sog, den dieses weiße Loch erzeugt. Und so sitzen wir, unfähig uns zu rühren oder zu befreien da und harren der Zukunft, verspricht sie doch ein winziges schwarzes Pünktchen. Das dunkle Licht am Horizont, welches nicht Helligkeit, sondern Schatten, Konturen birgt.
Wir sind uns bewusst, dass wir falsch vorgehen, wenn wir versuchen, die kühlenden Schatten herbei zu zwingen, unseren Geist mit Konturen, Bildern und Gestalten zu füllen. Doch wir zwingen es herbei, in der Hoffnung, dies eine Mal doch Erfolg zu haben, wohl wissend, dass wir im Ende nicht mehr bewirken werden, als dies Licht in noch weitere Ferne zu rücken.
So manch einer sagt, durch Ruhe des Geistes sei es herbei zu rufen, herbei zu locken. Doch erlangen wir dann endlich, nach endlosen Anstrengungen und Bemühungen, die Ruhe, so stellen wir fest, dass diese Ruhe kaum von dem Sturm zu unterscheiden ist, der uns sonst von dieser Ruhe ablenkt. Kommt der Geist zur Ruhe, finden wir uns im Zentrum des Wirbelwindes unserer Ablenkungen wieder, nur um festzustellen, dass das Auge des Sturms ein ungleich heftigerer, da konzentrierter, Orkan ist. Es reißt uns herum, zeigt all jene Dinge, die in den verhältnismäßig lauen Böen der Zerstreuung untergingen und rüttelt an den Festen unseres Geistes.
Nur all zu gern flüchten wir uns dementsprechend, so schnell es unserem zerrütteten Geist möglich ist, wieder in die Feste, welche wir in den vertrauten Filden der Kurzweil gebaut haben. Dort bleiben wir, in der Verbitterung des Misserfolgs, ermattet liegen und verfluchen jene, die uns dazu brachten, die Ruhe in unserem Geist zu suchen. Während wir dort liegen und verschnaufen, kehrt unser Geist sich jedoch wieder der bleichen Ebene zu, die unser inneres Auge bestimmt. Unendlich weit entfernt können wir, wenn wir uns anstrengen und hoffen, noch den schwarzen, erlösenden Punkt ausmachen, der nun nicht mehr allein Schatten und Konturen verheißt, sondern zum Inbegriff für Bewegung, für Leben geworden ist. Oder sehen wir doch nur die Täuschung, die wir selbst uns dort hingesetzt haben?
Wir verschnaufen, wir verharren. Und in dieser Verharrung beginnt die Ebene um uns herum sich zu verändern. Wir merken, dass die vormals eher einladend, einlullend wirkende Ebene feindselig zu werden beginnt. Auch wenn wir sie nicht sehen, machen wir doch die tödlichen Gruben aus die dort draußen unser harren. Wir fühlen die Gefahren, die geboren werden und über uns herfallen werden, wenn wir uns erneut hinauswagen. Doch wenn wir bleiben, wird die blendende Helligkeit der Ebene uns endgültig erblinden lassen, alle Konturen mit sich reißen und uns auf ewig als formlosen Schemen zurücklassen. Und so raffen wir uns erneut auf, ohne Hoffnung auf Erlösung, erneut den Weg unserer vermeintlichen Erlösung beschreitend.
Die erwarteten Gefahren bleiben nicht aus. Wenn wir uns genau konzentrieren, können wir sie sehen, direkt hinter uns, vor uns, im Sand vergraben, hinter dem Flimmern der Luft versteckt. Anspannung befällt uns, denn wenn wir die Konzentration verlieren, verlieren wir sie aus den Augen. Dann ist der Sand nur mehr Sand, die Luft nur mehr Luft und hinter uns nichts als unsere, bereits nahezu ausgelöschten, Fußspuren. Doch dass dort etwas ist, dass wissen wir. Und so bleiben wir angespannt, gefasst auf das nahende Verderben, unfähig uns dagegen zur Wehr zu setzen. Endlos lange verkrampfen wir uns so in erzwungener Aufmerksamkeit, stets bemüht jenen Fehler zu vermeiden, der uns garantiert das Leben kosten wird. Und schließlich passiert es doch, genau wie wir vorausgesagt haben. Wir stolpern, erschlagen von der Last die wir tragen und sofort sind sie heran, fallen über uns her und zwingen uns zu Boden. Wir sinken herab, ohnmächtig gegenüber der Wucht unseres Gegenübers, außer Stande uns von dem zu überzeugen was wir letztendlich doch einsehen müssen, während wir in den Sand hineingezogen werden und verschwinden.
Das Gesicht, welches unser Feind, all jene lang gefürchteten Gefahren, tragen, ist unser.

Mit Schrecken wachen wir dann auf, eingegraben in den Sand und unsere Augen sehen nichts. Schwärze umgibt uns, endlose, tief mit den Schatten verwurzelte Dunkelheit. Klarheit erfasst uns, tiefe, verstehende Klarheit. Doch wenn wir versuchen, sie zu greifen, sind unsere Arme gefesselt von der Masse des Sandes. So liegt die Klarheit kurz vor uns, wir erahnen sie auch, doch wir können sie nicht fassen. Kurz suhlen wir uns in dem Gefühl, dem Verstehen, dass uns umgibt. Wir fühlen das Spannen unserer Sehnen, die über die Fingerknöchel gleiten, das Schlagen unseres Herzens. Obwohl erblindet sehen wir mit einer Klarheit, die der Welt eine Maske der Kunst anzieht. Wir stehen außerhalb der Zeit, spüren mit all unseren Sinnen Wärme, Gefühle, Auren und verstehen. Wir verstehen.
Dann jedoch endet dieser Moment, die Klarheit verlässt uns und zurück bleibt nicht mehr als die dumpfe Gewissheit, von einer Wahrheit kaum mehr als eine Handbreit entfernt gewesen zu sein. Wir sehen uns noch danach, als uns die Ebene wieder ausspuckt, nun wieder die wohl gesonnene Leere, die sie zuvor war. Doch wir sind wieder dort, wo wir begonnen hatten, wieder endlos entfernt unseres Ziels. Hier mag manch einer verzweifeln, sich in Lethargie und Niedergeschlagenheit begeben, einzig beseelt von der Hoffnung, dies Unglück vergessen zu können, indem man es nicht beachte. Manch einer mag auch verzweifeln und ganz aufgeben, auf ewig gefangen in den Weiten der Leere. Meist wird man sich nun mit der Ebene arrangieren, auf Dauer feststellen, dass auch ohne die klaren Konturen dessen was wir in unserem Ziel erhofft hatten in dieser Ebene Formen zu finden sind
Manchmal, sehr selten, entflammt in uns jedoch der innige Wunsch, die Seeligkeit jenes Momentes unter dem Boden erneut herbeizuführen. Und so sinnen wir, wie es zu bewerkstelligen sei, welche Wagnisse von Nöten seien und was unser Lohn sei. Wir verharren einerseits in der Angst dessen, was wir noch all zu klar in Gedanken haben. Erinnern uns an die peitschenden Winde der Ruhe, als wir unseren Geist zur Ruhe kommen ließen. Lassen die peinigende Qual jener Zeit erneut an uns vorbei rinnen, als wir – in der Furcht vor Fehlern – endlose Zeiten aufs äußerste gespannt waren. Dann jedoch erinnern wir uns an diesen einen Moment. An jene Klarheit die uns umgab. Die Wärme, Geborgenheit. Es ist schwer, sich zu entscheiden, ob die Wagnisse jenen kurzen Moment wert sind. Doch wenn wir uns auf diesen Weg begeben, lernen wir, dass die kurzen Momente nicht herbei zu führen sind. Wir können sie nicht erzwingen, nicht herbei locken. Und schon sind wir erneut erinnert an unser damaliges Ziel, jenen dunklen, Formen versprechenden Punkt, der unser Dasein bestimmte. Angst umklammert das Herz in jenem Moment, Zweifel peitschen die Winde unseres Geistes auf und so wir in jenem Moment in Ruhe verweilten, so erfordert es all unsere Kraft, nicht herausgefegt zu werden aus den wirbelnden Wogen des ruhenden Sturms.
Doch wir können weiter schreiten. Können uns erneut zur Ruhe bringen, uns erneut fortbewegen. Doch abgesehen von jenen zufälligen, unverhofften Momenten der Klarheit, bleibt uns über lange Zeit die Klarheit verwehrt. Wir bewegen uns zwischen dem Zwang, die Klarheit zu erlangen und dem Druck, unter der stetig größer werdenden Anstrengung unterzugehen. So gehen wir, hin und her gerissen von den Winden unseres Geistes, der so manches mal auch die Leere der Ebene aufzupeitschen vermag, stets in der Hoffnung, jenen Punkt zu sehen, an dem kein Wind weht, an dem vollkommene Ruhe herrscht.

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