Die Motte

Die Motte umflatterte den Lampenschirm, emsig mit ihren klebrigen, haarigen Flügeln schlagend. Beinahe besinnungslos von den Aufschlägen auf der rauen Oberfläche des Schirmes, der ihren beharrlichen Anstürmen noch immer die Starrheit seines Seins entgegenbrachte, trieb es sie doch immer und immer wieder zu dem Leuchten des flackernden Scheins, der innerhalb der Hülle aus Tierhaut brannte.
Es muss sie wahnsinnig machen, dem Ziel ihres Strebens so nahe zu sein. Gibt es in ihr kein verborgenes Wissen um die Gefährlichkeit der Flamme? Wieso strebt sie stets weiter, allen Widerständen zum Trotz, zu dieser?! Ist es das Flackern der Flammen? Sind es die Schatten, die das Feuer vertrieb und gleichzeitig beschwor? Ist es das Flimmern einer Vision, das sie hinter den Flammen, innerhalb des Feuers zu erkennen meint? Warum nur beherrscht dieses Gebilde aus brennendem Öl ein lebendes Wesen so absolut?
Immer noch hielt das Leder dem Treiben der Motte inne, doch wenn man genauer hinsah – und das tat er – dann konnte man erkennen, dass die Anflüge drängender, begehrender wurden. In dem gleichen Maße, wie ihre Gier wuchs, verlor sie jedoch ihre Eleganz. Das Fliegen des Ungeziefers verlor an Zielstrebigkeit, es schien nunmehr wie ein Taumeln, ein nahezu willenloses Heranstürmen. Sie war einzig beherrscht von dem Gedanken jene Flammen zu erreichen, die ihren Geist bereits verzehrt hatten.
Sieht sie nicht die Kadaver ihrer Artgenossen? Bemerkt sie nicht den knochentrockenen Geruch, der dort oben noch in der Luft liegen muss, der Gestank der verbrannten Glieder ihrer Vorgänger? Oder lockt er sie nur noch weiter? Ist es nicht einmal das Flackern der Flammen das sie fesselt, sondern der Verwesungsgeruch jener Unglücklichen, die scheiterten, wo sie zu brillieren sucht? Ist es der Glaube an eine Einzigartigkeit? Oder schlicht Dummheit? Wahnsinn? Übersteigerter Ehrgeiz? Was immer es ist, es treibt sie in den sicheren Tod.
Endlich hatte die Motte das Loch ganz oben in der Lampe gefunden, durch das Luft entströmte. Die Hitze dieser Winde trieb sie weg von den Flammen. Doch schon näherte sie sich erneut der klein anmutenden Lücke in der gigantisch scheinenden Barriere, jener Passage zu ihrem angestrebten Glück. Wieder und wieder schleuderte es sie weg von der Öffnung, egal von welcher Richtung sie sie anflog, vollkommen unerheblich, mit welcher Kraft sie sich mühte.
Es hat keinen Sinn. Gib auf! Du wirst nie hindurch kommen. Und selbst wenn du es schaffst, allein die Hitze wird die Haare deines Körpers versengen, die feinen Fühler verbrennen. Du wirst nur Schmerzen leiden, elendig um dein Leben kämpfen bis du letztlich, erschöpft von deinem Kampf, in die Flammen, die du so begehrtest, sinkst um dort zu vergehen.
Unaufhaltsam, wie das Vergehen der Zeit, der Wandel der Welt um sie herum, gewann die Motte das Ringen mit den Luftströmen, immer näher kam sie der Öffnung, bis sie, endlich, hindurchschlüpfte, nun nicht viel mehr als ein Schatten hinter der verwischenden Hülle der gegerbten Haut. Es brauchte wenig Vorstellungskraft, den nun entbrennenden verzweifelten Kampf der Motte zu verfolgen. Es kam, wie er befürchtet hatte. Erstaunlich war jedoch, dass das Flattervieh noch immer, von Momenten der endlosen Begierde überschwemmt, umdrehte und direkt auf die Flammen zuflog. Erst als die Schmerzen sie aus diesem Wahnsinn herausrissen, begann Ihre, schon längst sinnlose Flucht, von neuem. Endlos lange schien es, bis die Bewegungen der Motte erstarben, bis sie in ihrem hektischen Flattern vollkommen erstarb und sich zu ihren Artgenossen legte, den letzten Rest ihres Geistes in die Glut hauchend.
Seufzend lenkte er den Blick von der Lampe weg. Das Schauspiel war zu Ende, der Vorhang gefallen. Er ließ die Augen durch den Raum schweifen und letztendlich auf dem Tisch vor ihm enden. Jemand hatte scheinbar in den letzten Minuten eine Kerze darauf gestellt. Er hatte es nicht einmal bemerkt, so sehr hatte ihn der Kampf der Motte gebannt. Nun brannte die Kerze dort, flackerte munter vor sich hin. Es hatte etwas Faszinierendes, dem Wachsen und Sterben dieser Flamme zuzuschauen. Neues Leben aus dem Wachs ziehend, es verzehrend und durch die Schnur des Dochtes in einem einzigen, vollkommenen Glutbündel auszuspeien. Das Spiel der Schatten auf der Tischplatte, auf seinen Händen. Und flimmerte dort nicht Etwas? Genau da! Direkt hinter… Nein… in den Flammen.

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