Memento der Leichtigkeit

Verstehste? Das Problem ist nicht, ob das Leben einen Sinn hat, sondern DASS es einen hat. Wir suchen uns alle möglichen Sinne in allem möglichen. Sei es Arbeit, Familie… Alkohol.
[Ein Blick auf eine halbleere Flasche]
Wir suchen einen Sinn in unserem Tun. Unfähig sind wir. Verstehste? Unfähig uns selbst zu ertragen. Wir wollen etwas sein, weil wir nicht ertragen können, nichts zu sein. Geht das in deinen Kopf rein, eh? Verstehste?
[Ein tiefer Zug aus der Pulle]
Ich will nicht sagen, dass du schlecht bist. Ich will gar nichts sagen… will ich nicht. Aber was du wissen solltest. Was du dir wirklich merken solltest. Hörste mir zu? Hörste? [Keuchender Husten]
Wir sind alle unfähig uns selbst zu ertragen. Wir suchen uns unsere herrlichen Sinne, suchen etwas hinter dem wir uns verstecken können. Wir wollen alle einen Grund, zu tun was wir tun. Und nicht zu tun, was wir tun sollten. Weißte, was ich mein? Wir sind…
[Ein weiterer Schluck]
Wir sind nicht mehr als Schauspieler. Unfähig unsere eigene Rolle zu spielen. Wir sind doch alle nur feige. Unfähig sind wir. Unfähig, hörste?
[Der Blick schweift in die ferne Leere]

So wie auch ich. Früher versteckte ich mich hinter dem Schreiben. Oh, es war wundervoll. Diese Momente der Leichtigkeit, wenn ich ganz in meiner Arbeit versank. Wenn ich wirklich glauben konnte, dies sei mein Sinn. Wenn ich in zahllosen Nächten, Nacht um Nacht, die Feder über ungezählte Rollen schweifen ließ, ganz gefesselt von dem Vorgang selbst. Die Faszination, der Spitze meiner Feder zu folgen, den Sinn des Geschriebenen nicht mehr wahrzunehmen und einfach die Feder fliegen zu sehen. Die Leichtigkeit mit der sie glitt, Tinte hinter sich herziehend. Und dann, am nächsten Morgen, stets begleitet von der unerbittlichen Härte des Tageslichts, die Erkenntnis, dass Leichtigkeit Nichts ist. Ungezählte zerknüllte, verworfene, ausgespieene Schriftstücke. Verschwendung!
[Ausspucken, ein weiterer tiefer Schluck]
Wir sind unfähig uns selbst zu ertragen. Das hab ich gelernt. Verstehste? Wir sind nicht fähig ohne unseren Sinn zu leben. Wir flüchten in jeden dahergelaufenen Sinn, einfach nur um nicht daran zu zerbrechen, dass wir keinen haben. Aber das haben wir nicht. Wir haben keinen Sinn. Wir belasten uns, damit wir nicht aufblicken können um die Wahrheit zu sehen. Wir haben keinen Sinn, keine Last. Wir brauchen keine Last. Denn wir haben keinen Sinn. Immer suchen wir die Last um der Leichtigkeit unseres Seins zu entkommen. Der unerträglichen Leichtigkeit des Seins.
[Pause, Starren]

Weißte, wir brauchen keinen Sinn. Denn wir sind. Das ist alles was zählt. Wir sind. Und darin liegt eine Leichtigkeit, die wir nicht ertragen können. Wir sind nur. Mehr nicht. Doch das ist so abartig einfach, dass wir es nicht erdulden wollen. Wir wollen nichts Leichtes. Denn etwas Leichtes kann ja keinen Sinn machen. Aber das tut es… hörste? Das tut es! ES MACHT KEINEN SINN! DENN WIR BRAUCHEN KEINEN! WIR WOLLEN EINEN, ABER ER WIRD UNS VERWEHRT BLEIBEN!
[Heftiges Husten, Stille, Ein langer Schluck, leere Flasche]
Wir sind nur Hüllen. Wir suchen unseren Sinn, doch es gibt keinen. Und damals als ich die Feder schwang, da war ich so wie alle. Geblendet von meinem Sinn, der eingebildeten Leichtigkeit meiner Feder, die doch nur die Schwere meines Sinnes verbarg. Wir haben keinen Sinn…. Keinen Sinn…
[Flasche fällt aus den Händen, Scherben, Gemurmel, Stille]

2 Kommentare zu “Memento der Leichtigkeit

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