Das Treiben der Wolken

Schlaf verklebte seine Augen und hüllte die Welt in dunstige Schwaden. Müde kniff er die Augen erneut zu und blinzelte, doch hielten sich die Schwaden weiterhin, ganz so als würde sich sein Körper wehren, wach zu werden. Er drehte sich auf seiner Schlafmatte auf den Rücken und schaute zu den Wolken hinauf.
Die Sonne schien, dennoch lag dem Tag eine Kühle inne, die versprach, dass der Frühling noch immer dem Winter unterliegen würde, dass es noch nicht Zeit für ihn war, Einzug zu halten und die Natur mit seiner Pracht zu füllen. Dicke, aufgequollene Wolken trieben umher, einige langsam, gemächlich wie alte Menschen, andere wiederum schnell und hastend, wie es nur junge Menschen vermögen.
Es war merkwürdig, wie sich aus der Betrachtung Formen ergaben und verwarfen, wie ziellos und doch zielstrebig die weißen Haufen dort oben – getrieben von Wind und den Göttern – wirkten und daherschwebten. Er sah in einigen Wolken noch Reste grauen Regens und bei diesem Gedanken konnte er auch riechen, dass der Wind, der durch die Lande strich, den Geruch von Regen hatte. Es musste die ganze Nacht geregnet haben.
“Warum treiben Wolken eigentlich unterschiedlich schnell? Treibt sie nicht ein und dieselbe Kraft an? Sind sie nicht in Art und Gestalt meist gleich? Was bringt einige von Ihnen dazu, die Welt zu durchhasten?“ – Er unterbrach seine Gedanken für ein leises Lachen; es war zu früh für derart philosophisches Denken. Doch ganz konnte er es nicht unterbinden. Zu deutlich stand ihm nun das Gleichnis zwischen Menschen und Wolken vor den Augen. Er suchte mehr und mehr dieser Parallelen und schmunzelte. Es war erstaunlich wie gleich die Natur alles aufbaute, wie sich alles glich, auch wenn die einen schnell und die anderen langsam lebten.
Er wurde aus seinen Überlegungen gerissen, als eine heftige Windböe sein provisorisches Zelt – seinen an einem Ast aufgehängten Mantel als Schutz vor dem Regen – löste und mit einem Schwall Blätter in die Höhe hob. Für einige Sekunden schien es so, als sei der Mantel beseelt, er sprang herum, tanzte mit dem Wind und sank langsam zu Boden.
Er rollte sich auf die Seite, sah seinen Mantel an und stierte, gefangen von dem Bild und unfähig sich zu rühren, irgendwo ins Nichts hinter ihm. Endlich riss er sich zusammen, schüttelte demonstrativ den Kopf, rappelte sich auf und stapfte trotzig zu seinem Mantel.

“Was ist heute nur für ein Tag. Ich bin nicht einmal eine halbe Stunde wach und denke nichts als Unsinn.“ dachte er, während er sich nach seinem Mantel bückte, ihn aufhob und ausschüttelte, um ihn sich anschließend über die Schultern zu werfen. Erneut trieben seine Gedanken fort, fast ohne sein Zutun. Er horchte in sich hinein, in die Welt die ihn umgab. Frieden. Nichts weiter als Frieden spürte er. Ein Lächeln umspielte sein Gesicht, Wärme durchrann sein Herz und er spürte, dass er es weitergab an seine Welt.
Doch mit einem Mal spürte er eine Unstimmigkeit. Nicht nahe, am Rande des Waldes musste es sein, doch sie war da. Und sie schien wichtig. Er seufzte und rief sich kurz noch einmal die Erinnerung an den kurzen Moment des Friedens in den Kopf um anschließend zu seinem Schlafplatz zurückzuschlendern. Während er seine Matte zusammenrollte, dachte er über die Unruhe nach, erkundete sie bereits im Geist und tastete sich an sie heran. Nachdem er sein Gepäck verstaut hatte, schulterte er seinen Bogen, gürtete sich sein Schwert um und richtete sich auf, den Blick auf den Horizont gerichtet.
Die Wolken trieben schneller, weit entfernt konnte er eine dunkle Front erkennen und erneut musste er schmunzeln. “Alles ist gleich, alles ist verbunden.“

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