Hochzeitstanz

Der Tag neigt sich seinem Ende zu, doch schon lange ist es dunkel wie in tiefster Nacht. Gewitterwolken knechten den Himmel von Horizont zu Horizont und drücken ihn in die Knie, sodass es fast so wirkt als könne unser Boot hindurch stoßen wenn es auf einem der Wellenkämme reitet. Einzig das Licht der Laterne zu unseren Häuptern spendet tanzendes Licht, mit dem wir schemenhaft erkennen können was uns umgibt. Blitze durchbrechen wild zuckend die Dunkelheit hinter dem Schein der Lampe, in der sich Wasser und Himmel die Hand geben und ineinander verlieren.

Wir wohnen einer Hochzeit bei, einer wilden, stürmischen und gnadenlosen Hochzeit zwischen den tobenden Fluten unter uns und den brüllenden Wolken über uns. In einer irren Wut wirft uns das Meer umher, lässt uns auf Berge klettern um uns im nächsten Moment in bodenlose Schwärze stürzen zu lassen. Es wirft uns umher in seinem unbändigen Tanz, ringt mit unserem Boot und versucht uns in seinen eisigen Pranken zu zerschmettern. Der Himmel versucht Ihren herzlichsten Wunsch zu erfüllen, überschüttet unser Boot mit seinen endlosen Sturzbächen und drückt uns – mehr noch als die schweren, pechschwarzen, tief hängenden Wolkenmassen – in den Schoß seiner frisch angetrauten Braut.

Wir kämpfen um unsere kleine Hülle aus Holz und Tuch. Unermüdlich schöpfen wir die kalte Suppe aus Regen und Meerwasser zurück in die endlosen Wogen, Kälte lässt unsere Hände erstarren und aufplatzen, Salz frisst sich in die Wunden ein und beißt in den verkrusteten Wunden. Jeder Atemzug ist, als würde man Wasser atmen, so dicht fällt der Regen um uns herum. Doch wir kämpfen um unser kleines Boot, kämpfen um das Einzige, weshalb wir noch nicht am Grund des Ozeans liegen sondern weiterhin den rohen Gewalten um uns herum trotzen können. Wir schöpfen und schöpfen und schöpfen, stoisch, unentwegt, hartnäckig.

Während wir unseren Kampf bestreiten, ist das Licht unsere einzige Wärme, unsere einzige Hoffnung in der allumgebenden Dunkelheit. Einzig dieses unstete Flackern – jeden zweiten Herzschlag scheint es erlöschen zu wollen – ist geblieben von den Sonnenstrahlen des Tages, von den rauen Scherzen unserer Gruppe und dem Frohsinn auf baldige Rückkehr. Und doch begleitet es uns. Immer und immer wieder hat es genug Kraft aufzuzüngeln und sich selbst in sich selbst zu verzehren. Immer wieder stemmt es sich den fauchenden Winden entgegen, die jede Ritze der schützenden Laterne ausnutzen und wirft sich den erdrückenden Schatten um uns entgegen.

Es ist ein erbitterter, verbitternder Kampf, den wir alle führen. Der Kapitän mit dem Ruder, wir mit dem Wasser und die Lampe mit dem Wind, dem Wasser und dem Schwanken unseres Bootes. Es ist ein langes, endlos langsames Sterben und wenn ich innehalten würde und mir einen Moment Ruhe erbitten würde… Ich fürchte in diesem Moment würde unser Boot untergehen und mit ihm  meine Kameraden, der Kapitän und, zuletzt und mit leisem Zischen, die Laterne. Doch solange das Licht brennt schöpfen wir weiter; sterben wir weiter und hoffen auf ein Ende der Hochzeit, denn – so sind unsere Gebete – jede Nacht endet einmal.

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