Immer dem Frühling nach

„Lass uns verreisen.“

Sie blickte verdutzt von ihrer Schreibarbeit auf, als der Satz durch ihr gemeinsames Wohnzimmer klang und schaute zu ihm hinüber. Er saß da, eingekuschelt in seinen Lieblingssessel; die Augen geschlossen, einen Sonnenstrahl auf dem Gesicht, eine dampfende Tasse Tee in den Händen, das Buch auf den Beinen, diese wiederum eingewickelt in seine Lieblingsdecke. Nichts an ihm deutete Unruhe, Verdruss oder Ärger an. Sein sommersprossiges Gesicht war eine Maske der Entspannung, seine Mundwinkel zu einem leichten Lächeln verzogen als ob er über irgendetwas in seinem Kopf amüsiert wäre. Es war Sonntagvormittag, die Sonne hatte sich endlich einmal wieder gezeigt und sie beide hatten für den weiteren Tag keine Termine oder Pläne, einzig ein schönes Mittagessen war angedacht, hierfür allerdings auch schon die meiste Arbeit getan.

Umso verwunderlicher kam ihr dieser eine kleine Satz vor, da sie von ihm wusste, dass er es bevorzugte, wenn es war wie gerade. Zu Hause, ein gutes Buch, eine gute Tasse Tee und gute Gesellschaft waren für ihn, so seine Aussage, das Nirwana auf Erden. Und in diese gemütliche, ruhige Idylle fiel der Satz wie eine Bombe, zersprengte ihre Gedanken in unzählige Richtungen, warf Brocken von Fragen auf und vernebelte die Luft mit stickiger Unsicherheit.

Er öffnete seine Augen, jene grünen Augen, von denen sie noch immer annahm, dass sie bis auf den Grund ihrer Seele schauen konnten und sie sah ihren ersten Eindruck bestätigt. Kein Unfriede, kein Verdruss oder Ärger umwölkte seinen Blick. Eher sah sie in ihnen ein Funkeln der Erheiterung, ganz so als wäre hinter seiner Aussage ein versteckter Witz, den zu erfassen sie jedoch nicht imstande schien.

„Lass uns verreisen.“

Er wiederholte den Satz genauso gelassen, wie er ihn zuerst gesprochen hatte: leise, melodisch, entspannt, nahezu verschlafen. Und doch spürte sie hinter diesem Satz, seinen Augen und seiner Miene die Aufforderung, das Gewicht der Worte und die Härte des Wunsches. Ihr fiel nicht ein, was sie hätte sagen sollen und blinzelte ihn aus erstaunten Augen an. Er lächelte, kaum merklich, sein geheimnisvolles Lächeln, welches er – so dachte sie gerne – nur für sie benutzte und lehnte sich noch tiefer in seinen Sessel, während er die Augen wieder zu flattern lies und seinen Hals ein wenig reckte um weiterhin den Sonnenschein abzubekommen. Wie eine Katze, ging es ihr durch den Kopf.

„Ich bin des Winters leid. Es ist mir zuwider auf den Frühling zu warten, jede Woche erneut darauf zu hoffen, dass der Schnee sich nun bald endlich zurückzieht. Es ist mir zuwider, dieses ewige Weiß in all seinen dreckigen Schattierungen. Es ist mir zuwider, das Viertel einer Stunde mit ankleiden und entkleiden zu verbringen, ein jedes Mal wenn man aus dem Hause geht.“

Seine Worte klangen unwirklich durch den Raum, ein summender Kontrapunkt zu seiner Haltung, seiner Stimme und seiner Mimik. Er sprach, als würde er die Vorzüge eines seiner Lieblingstees erörtern, nicht im Geringsten konnte man erahnen, ob die Worte der Wahrheit entsprachen oder nur einen seiner Späße darstellten. Nun war sie vollends verwirrt, fühlte sich gewogen aufzustehen und einen Schritt um den Tisch herumzugehen. Dann zögerte sie jedoch, lehnte sich auf der Tischplatte vor, ihr Kinn auf der einen Hand abstützend, mit der Anderen nachdenklich an ihren Lippen zupfend. Sie zog die Stirn kraus, entschied sich jedoch, erst einmal zu warten ob er noch mehr sagen würde.

Stille kehrte in die Lesestube zurück, aus der sie so rüde vertrieben worden war. Aber von der vormals herrschenden Ruhe war wenig zu spüren, es lag eine Anspannung in der Luft, die nahezu mit Händen zu greifen war. Stille und Ruhe sind sich sehr ähnlich, doch nicht einheitlich, schob sich ihr kurz ein Gedanke in den Weg, doch sie schob ihn beiseite wie eine störende Schmeißfliege. Er saß, unverändert in seiner Ruhe, da und wäre aus der Tasse nicht stetig wabernder Dampf emporgestiegen, hätte die Szene auch ein Standbild sein können. Lange Zeit herrschte diese angespannte Stille, während der sie versuchte zu ergründen was in seinem Kopf vorging und warum er so entspannt wirkte, wo er doch ihre Unruhe spüren musste. Endlich hob er erneut den Blick, nur leicht öffneten sich seine Lider und er schien fast entrückt als er, noch leiser und nahezu unbetont weitersprach.

„Man müsste dem Frühling entgegen reisen. Nicht sich ein bestimmtes Land als Ziel setzen, sondern eine Temperatur, eine bestimmte Farbe im Gras. Vielleicht den Gesang eines bestimmten Vogels. Man müsste dem Frühling entgegen reisen und dabei nicht auf den Weg achten, sondern nur auf die Umgebung und die Knospen der Bäume. Und an dem Punkt, an dem der Frühling sich in all seiner Pracht zeigt, oder doch zumindest in der Pracht die einem am liebsten scheint, sodann müsste man umdrehen und stetig in der Geschwindigkeit des Frühlings die Welt bereisen. Immer Rund und Rund müsste man reisen, stets auf Schritt mit dem Erblühen und Erwachen der Natur. Aber man müsste aufpassen, nicht zu lange zu verweilen, denn es ist einem ja bewusst, dass dem Frühling nur allzu schnell der Sommer folgt. Und der Sommer ist fast ebenso scheußlich wie der Winter. Die bratende Hitze mit der einem das Hirn heraus geschmolzen wird, die ungehemmte Frivolität, mit der ein jeder meint seine Umgebung belästigen zu können und nicht zuletzt die schlaflosen Nächte, in denen man die Trinker erdulden muss, für die eine Nacht im Sommer stets als passend für ihre Eskapaden erscheint. Man müsste also aufpassen, nicht zu lange zu verweilen, will man nicht den Frühling verlieren.“

Sie schüttelte sich kurz, als wache sie aus einer Trance auf, so lebhaft hatten die Bilder seiner Worte vor ihren Augen gestanden. Es musste schon eine Weile still gewesen sein im Raum, denn er hatte seine Augen wieder geschlossen und an seinem Tee genippt, sein Aroma eingeatmet und in einem langen Zug seinen Atem entweichen lassen. Sie schaute grübelnd auf seine Brust, welche sich nun nur langsam hob und senkte, ganz so als sei er eingeschlafen während seines Monologs. Und sie hätte es ihm nicht verdenken können, so verträumt und verworren hatten seine Worte geklungen. Gerade als sie sich nicht mehr sicher war, ob er nicht tatsächlich eingeschlafen war, räusperte er sich kurz und strich sich eine Locke aus der Stirn.

„Wenn wir dem Frühling folgen würden, wären wir stets von Leben umgeben, wären wir eins mit dem Kreislauf des Lebens und all seinen Wundern. Sorgen erscheinen mir als das Ergebnis von Sesshaftigkeit. Erscheinen mir wie etwas, das man sich nicht ins Gepäck packen muss, aber seine Wohnung mit einrichtet. Eine niemals endende Reise, fort von Sorgen, Verpflichtungen und den Geißeln, die wir uns selbst jeden Tag aufs Neue wieder und wieder über den wunden Rücken ziehen, in der Hoffnung irgendwann der Reue würdig zu scheinen.“

Er schaute sie nun wieder direkt an, seine Augen waren weit geöffnet und in ihnen lag eine Dringlichkeit, die ihr Schauer über den Rücken laufen ließ. Er richtete sich auf, stellte die Tasse auf den Beistelltisch und hielt ihr die Hand entgegen, das Buch fiel hierbei von seinem Schoß und kam polternd auf dem Holzboden zu liegen. So stand er da, halb aufgerichtet in seinem Sessel, noch immer vollkommen entspannt und ruhig in Haltung und Mimik. Doch für sie war es, als würde sich die Welt auf seine Hand reduzieren, der Raum um seine Finger herum verblassen und in weite Ferne rücken. Diese Hand war ein Ultimatum, eine Aufforderung, eine Chance, ein Wagnis. Sie saß an ihrem Tisch, unfähig sich zu rühren, einen Gedanken zu fassen oder gar zu sprechen, während seine Hand in der Luft hing, leicht zitternd und einladend nach oben geöffnet.

„Lass uns verreisen.“

Noch lange saß sie so, bis die Haushälterin ihren Kopf zur Tür hereinstreckte und verwundert feststellte, dass eine der Herrschaften anwesend waren. Nach mehrfachem Klopfen und Klingeln, ganz wie es die Sitte gebot, hatte die Bedienstete anschließend, in der Annahme man sei ausgegangen, den Ersatzschlüssel bedient hatte und war so in die Wohnung gelangt. Doch auch jetzt reagierte sie nicht und es dauerte wohl ein Dutzend Nachfragen, bis sie endlich die Worte der Frau verstand und so langsam an die Oberfläche der Welt zurückkehrte. Inzwischen war die Haushälterin schon mehr als besorgt und hatte Riechsalz, einen Fächer sowie einen Schnaps herbeigeschafft, ganz wie es ihr beliebe und wonach ihr gerade sei. Man frage sich doch, was ihr widerfahren sei und nicht zuletzt, wo seine Lordschaft verblieben sei. Hier merkte sie kurz auf, blickte auf die Frau, dann an ihr vorbei zum Sessel und anschließend hinaus zu dem sich verdunkelnden Himmel.

„Immer dem Frühling nach.“

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