Surren

Es ist ein komisches Wort, aber es ist auch ein komisches Gefühl… dieses Surren.

Es breitet sich in meinem Kopf aus, nimmt nach und nach immer mehr Form an; was paradox ist, da es bei jeglicher Art der Betrachtung stets seine Form verliert und wie ein flirrender Schwarm klitzekleiner Schmeißfliegen erscheint. Gedanken, vorher klar, strukturiert oder einfach nur: deutlich; jetzt ist das alles übertüncht vom Surren und verzerrt von den unzähligen Flügelschlägen des Schwarms.

Es ist fast so, als würde sich sogar meine Sicht verändern, meine Augen immer wieder getrübt von den Schemen der störenden kleinen Biester, die sich ungefragt in meine Wahrnehmung eingeschlichen haben. Sie bilden eine klebrige, schlierige Schicht über meinen Pupillen und meine Augen fühlen sich schwerer an, als sie es sein sollten. Ähnlich des Gefühls, wenn man an Schlafmangel leidet. Nur ohne die narkotischen Züge.

Ich denke zu viel. Soviel ist mir klar. Aber merkwürdigerweise kommt das Surren auch, wenn ich nicht viel denke, also auch außerhalb der Zeiten an denen man es vermuten würde. Nicht nur im Zustand absoluter geistiger Überarbeitung oder Anspannung gibt mein Geist auf und ertrinkt in dem betäubenden Zustand, welcher mit dem Surren einhergeht. Nein, auch wenn ich entspannt, eigentlich gelassen und . . . wach bin.

Auch dann überkommt meinen Kopf eine Art geistiger Umnachtung, fahren meine Sinne auf minimale Leistung herunter und stehe ich vor den einfachsten Konzentrations- bzw. Erinnerungskunststücken und kann nichts anderes vernehmen als dieses latente, penetrante Surren.

Mich an ein Konzept für diese Sätze zu erinnern ist mir schier unmöglich, auch wenn es zu Beginn des Textes noch vorhanden war und wahrscheinlich auch sinnreich genug war, dass ich zu Papier und Feder gegriffen habe und loslegte. Und so stolpere ich durch diesen Text – den ich bei einem erneuten durchlesen wahrscheinlich schlichtweg zerreißen würde – und versuche in dem Surren, das meinen Kopf mit einer Art drückender Stille überschwemmt, einen klaren Gedanken zu fassen, der länger als bis zum nächsten Augenaufschlag hält.

Gegen mich selbst scheine ich die meisten Kämpfe zu führen. Gegen mich selbst und gegen die Gewissheit, dass ich gegen mich selbst am meisten Kämpfe. Ganz so als würde ich mir – wie der sprichwörtliche Hund es tut – selbst versuchen in den Schwanz zu beißen. Und während ich mich drehe, wild nach meinen eigenen Fehlern schnappe, alles aber gleich vergesse da ich in dem Surren gefangen bin, merke ich, wie meine Form zerbricht. Wie ich selbst Bestandteil des Schwarm werde, kleine Brocken von mir abfallen, Flügel bekommen, mit einem kleinen „Surr“ losschwirren und sich in den bedrückenden Reigen des Surrens einreihen. Ich drehe mich um mich selbst, mein Blick schweift nach außen und ich sehe, dass die Wolke des Geschmeiß mich umfasst, mich einhüllt. Mein Blick schweift nach innen und ich sehe, dass in dieser wabernden Masse nichts ist.

Wir kreisen um ein imaginäres Zentrum, nur gehalten von der endlosen Kreisbewegung unseres Vordermannes und würde einer von uns stehen bleiben… unser Sinn wäre verworfen und wir würden aus dieser Existenz scheiden. Also kreisen wir, denn es wird schon passen das wir kreisen. Solange wir kreisen. Unser Flügelschlag betäubt die Gedanken an das „Warum“, an das „wie lang“, an alles außer das „Weiter“. Unser Surren ist unser Sinn, unser Gebet und unser Leben.

Ich kann nicht sagen, wie lange ich nach diesen Sätzen vor mich hin stierte, ganz versunken in das Kreiseln des Schwarms, zerfließend in dem Moment, der einem jeden kleinen Teilchen des Surrens gegeben ist. Ich war gefangen von dem glitzernden Flattern der Membrane, gefesselt von dem geflüsterten Zwitschern und der tiefen Resonanz der Flügel, dass ich nicht merkte, wie oder wann ich in meine stoffliche Form zurückkehrte. Selbst als ich es tat, blieb ich leer zurück, ausgehöhlt von der schleifenden Berührung ungezählter Chitinkörper, zerstäubt von den Flügelschlägen des Surrens.

Form haben, Form halten, Form verlieren. Floskeln in denen wir uns Sicherheit bauen, über die wir versuchen Zusammenhalt zu erzeugen, wo kein Zusammenhalt besteht. Es ist die Angst davor, außer Form zu sein, die das Surren erzeugt. Unbedachtheit, Ungelenktheit, ohne Richtung sein und ohne Sinn… das scheint ein großes Vergehen für den Verstand. Und sich selbst zu strafen die natürliche Folge. Doch was ist das Surren? Warum ist es da? Ist es die Strafe? Oder ist es die Rebellion gegen die Strafe?

Ich müsste klar denken können, doch wenn ich klar denken kann, ist das Surren weg. Beobachte ich das Surren, kann ich nicht klar darüber nachdenken und vergesse all meine Gedanken ebenso schnell wieder, wie ich sie fasse (mitunter noch schneller). Denke ich darüber nach, kann ich es nicht beobachten, was es erschwert, klare Aussagen zu treffen. Denn ich muss mich erinnern an das, was sich der Erinnerung widersetzt.

Ich muss tiefer. Die Form verlieren. Länger, intensiver. Ohne Rückweg, ohne Rückhalt. Klarheit ist eine Farce, die uns nicht hilft. Richtung eine Idee, ein hübsches Hirngespinst. Für eine Richtung bräuchte ich ein Gefühl, ein Wissen um die Zukunft. Doch wir wissen nicht einmal um den nächsten Herzschlag. Warum und wofür denke ich? Wann denken wir? Und wenn wir denken, was lernen wir daraus? Das Surren, es ist laut. Es überdeckt die Fugen, die kleinen Unfeinheiten.

Und so kreisen wir…

2 Kommentare zu “Surren

  1. …wir kreisen und kreisen und das Surren hört nicht auf, wie ein Strudel, der uns mitzieht und warum? Ist es nicht so, dass der Mensch dazu neigt, immer diese Leere zu füllen, eine Leere, die er schlecht aushalten kann……………?
    Meine Gedanken dazu.

    LG
    Ariana

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    • Aber das Surren hört auf. Meist unbemerkt und ganz plötzlich. Manchmal nach dem schlafen, manchmal scheint es nie fort gewesen zu sein.
      Ich weiss nicht, ob Menschen immer dazu neigen, die Leere zu füllen… ich für mich müsste darüber erst nachdenken. Denn spontan gefragt würde ich Jein antworten. ^^

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