Sommertag

„Auf, Sohnemann. Genug auf der faulen Haut gelegen. Wir gehen heute wandern. Also pack deine Sachen, ich will in einer Stunde los!“

Müde grunzt Paul seine Abneigung unter der Decke hervor,  aber das hört sein Vater schon nicht mehr, da er bereits wieder aus dem Zimmer gepoltert ist. Natürlich nicht ohne vorher die Vorhänge zur Seite gezogen zu haben und damit das Zimmer dem gleißenden Licht und der flirrenden Hitze preis zu geben.
Wie sein Vater so früh am Morgen, dazu noch mitten im Hochsommer, an einem Tag wo es schon zum Nichtstun zu heiß ist, auf die bescheuerte Idee kommt, wandern zu gehen… darüber denkt Paul nach, während aus der Küche der kaum zu überhörende Lärm der Frühstücksvorbereitungen herüberschallt. Paul schafft es dennoch und schläft noch einmal ein, nur um kurz danach von seinem Vater erneut geweckt zu werden.

„…und dann könnten wir uns ja eine kleine Pause in der Bergalm gönnen. Was meinst du, eh, Paule? Sag mal… schläfst du etwa immer noch? So haben wir nicht gewettet Freundchen! Schaff‘ dich aus dem Bett oder ich mach dir Beine! Is‘ ja nicht zu fassen mit dir. Einfach so…“

Paul versucht noch den letzten Zipfel seiner Bettdecke festzuhalten, aber er ist zu langsam und so segelt sie zur anderen Seite des Zimmers. In unerreichbare Ferne. Müde blinzelt Paul seinen Vater an, der sich in gespielter Empörung vor ihm aufgebaut hat wie ein Walross. Die Hände hat er in die Seiten gestemmt, das Kinn kampfeslustig vorgereckt, seinen Sohn herausfordernd anfunkelnd. Nur seine Augen verraten den Schalk in der Situation und als Paul den Pfannenwender sieht, der sich aufgrund der Pose auf dem Hemd seines Vaters verewigt, prustet er los, bald gefolgt von seinem Vater.

Und so sind die beiden wenig später, nach einem langen Frühstück mit viel Schabernack und Frohsinn, dann auch unterwegs. Jeder hat einen Rucksack geschultert, der Vater hat es sich sogar nicht nehmen lassen, Hut und Spazierstock zu wählen. Sie wandern durch den dichten Wald, welcher das gemeinsame Haus umgibt und die Sonne zwickt Paul in den, noch immer müden, Augen. Unter den Bäumen nimmt die drückende Hitze des Tages ein wenig ab, wird jedoch bald von einer beengenden schwüle ersetzt, sodass Paul froh ist, als der wald lichter wird und Platz schafft für den Fuß des Berges, den sich sein Vater heute als Ziel gesetzt hat. Erwartungsvoll steht er schon da, wie immer im beherzten Gang schneller als sein Sohn vorangeschritten.

Als sie beide dann am Fuß des Berges stehen, legt der Vater seinen Kopf in den Nacken, schiebt sich den Hut aus der Stirn und schaut eine Weile zum Gipfel. Paul, jetzt schon müde von der Wanderung, graust es ein wenig vor dem anstieg, doch da er seinen Vater kennt, erhebt er keine Einwände, auch wenn er viel lieber nichts getan hätte als das Ende des Tages in seinem bett abzuwarten.

„Weisst du, Paul… letzten Endes sind wir alle ersetzbar. Ich, Du, ein jeder Mensch der dir je wichtig war, wichtig ist und wichtig sein wird. Du magst ein Gefühl von Ihnen mögen und als unersetzbar empfinden… aber die Person die es dir vermittelt ist austauschbar. Denk‘ mal drüber nach. Wir sehen uns oben.“

Und mit diesen Worten stiefelt er davon, während Paul fassungslos seinem Vater hinterherstarrt.

Die Vögel zwitscherten an diesem Tag besonders deutlich, scheinbar hatte sich das Leben zu ihrem Gunsten entwickelt und sie fühlten sich heute besonders gut. Es wehte ein leichter Wind und das hohe Sommergras auf den Hängen verbeugte sich ein jedes Mal, wenn die Böen auf Besuch kamen. Roter Mohn, gelbe Arnika, blaue Glockenblumen und unzählige andere Blumen genossen mit voller Freude die Wärme der Sonne und wiegten sich im leichten Tanz mit dem Wind. Die ganze Welt strahlte eine besinnliche Ruhe aus, das es fast schmerzte in sie hineinzuhorchen. Kein Getier ließ sich vernehmen oder gar erspähen, es war die Mittagszeit und alles schien beschlossen zu haben zu ruhen. Dicke, weiße Wolken quollen über den Himmel; einer Herde Schafe, gut gesäubert für die Sommerschur, gleich zogen sie gemütlich über den Himmel und hielten nur kurz an den bergspitzen an, um ein wenig zu grasen. Einsam hallte der Schrei eines Adlers über den Berg, er selbst jedoch nur als dunkler Schemen am Himmel, mit bloßem Auge kaum mehr zu erkennen. Ganz als wäre die Welt von diesem geräusch aufgewacht, begann ringsumher auf den Wiesen ein wahres Brummkonzert, als sich ungezählte Bienen, Wespen, Hummeln, Brummer und anderes Insektentier in die Luft erhoben und ihrem Tagewerk erneut nachgingen. Salamander huschten über die sonnengewärmten Felsen, eilig Abstand suchend, Gemse sprangen davon und suchten ihre Herden. Alles geriet in Bewegung und Aufruhr, es war eine rechte Explosion des Lebens umher.

Lange sehen sich Vater und Sohn in die Augen, als Paul mit hochrotem Kopf an der Alm ankommt. Anschließend nimmt sein Vater ihn in die Arme und während sie so dastehen, sich selbst Halt gebend und Kraft aus dem anderen schöpfend, ist es Paul gleichgültig, ob er den Schweiß seines Vaters riecht, ob die Wärme ihrer Körper unangenehm klebrig ist… er ist glücklich.

„Ach Sohnemann. Das Leben geht immer weiter.“

Ein Kommentar zu “Sommertag

  1. Eine sehr schöne Geschichte und ein sehr schönes Bild dazu. Es wirkt so einladend zum Wandern an einem schönen Sommertag. Durch Wälder und Wiesen, vorbei an Wildblumen und Bächen, die Geräusche der Natur aufnehmend und die flirrende Hitze spürend, alles ist leicht, fast schwebend… Hoffnung und Freude liegen in der Luft und im gemeinsamen Einatmen davon…………ach, Leben kann schön sein….

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