Zeitdillatation

„Bei dir dauert es immer eine halbe bis dreiviertel Stunde, egal obs zehn Minuten oder zwei Stunden sind.“ Sagtest du, während du dein Lächeln trugst. Dein Lächeln, das immer versucht die Ernsthaftigkeit, die für dich dahinter steckt, die Verletzungen und Enttäuschungen, die dich berühren, und die Trauer, die dich lähmt, zu übertünchen.
Dieses Lächeln, dass ich von mir selbst so gut kenne, wenn ich wieder einmal sage: „Alles gut.“, Auch wenn nicht alles gut ist. Nicht mit uns. Aber damit belasten wir niemanden, denn niemand will damit belastet werden.
Dieses Lächeln, das erkannt hat: wir sind mit unseren Worten zu weit gegangen, jetzt belastet es doch. Und versucht das Ganze hinüberzuziehen in die humorvolle Ebene.

„Das ist echt lustig.“ Sagtest du, während du deinen Blick hattest. Deinen Blick, der bemüht ist, die Trauer auszudrücken die du hast, das Gegenüber zu erreichen, gesehen zu werden wie du selbst auch siehst. Dein Blick, den ich von mir selbst auch kenne, wenn ich verzweifelt nach mehr sehne. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Hilfe, mehr von allem. Aber niemand sieht. Nicht uns. Denn niemand will uns sehen. Dieser Blick, der den Mut hat zu sagen was wir nicht sagen: beachte meine Wünsche mehr, verletz‘ mich nicht!

„Wenn Worte meine Sprache wären“ Diese Worte fallen mir immer wieder ein. Danke an Tim Benzko dafür. Das Lied ist nicht so mega, dass Video hoffnungslos kitschig. Aber dieser eine Halbsatz beschreibt unsere Kommunikation.
Wenn Worte unsere Sprache wären, würden wir mehr miteinander reden. Doch so reden wir mit allem außer Worten. Unsere Worte sind Hüllen, die die Stille füllen in der wir uns verstehen. Sind Gebilde, die dem was zählt Raum und Platz geben. Darum magst du meine Texte wahrscheinlich auch nicht. Zu viele Worte für das, was du auch so verstehst. Oder eben nicht. Egal wie viele Worte ich verwende.

„Bei dir dauert es immer eine halbe bis dreiviertel Stunde, egal obs zehn Minuten oder zwei Stunden sind.“ Sagtest du und mir bleibt nichts anderes als dir zuzustimmen. Nachdem du das sagtest war ich kurz darauf unterwegs. Eine halbe bis dreiviertel Stunde. Drei mal hintereinander. Die genaue Zeit, die vergeht ist weniger relevant, scheint mir. Es ist mehr eine Umschreibung. „Ich bin jetzt weg, für eine Weile, aber doch nicht den ganzen Tag. Lang genug, dass es nicht nur kurz ist, zu kurz dass es lang ist“ Könnte man sagen. Oder es auch lassen. Geht es um Zeit oder um eine Lebenseinstellung? Was verletzt eigentlich? Das Aweichen der genannten Zeit oder der vermutete Abspruch von Interesse/Kontrolle oder wie man es auch sonst nennen mag? All das fragte ich mich, als ich feststellte, dass es tatsächlich immer eine halbe bis dreiviertel Stunde sein soll. Und doch nie ist.

Irgendwann wollte ich mit diesem Text zum Thema Zeit und der Wertung derselbigen gelangen. Das erscheint mir nun überflüssig und sinnlos. Denn was ich nutzen würde, um mich zu erklären, sind Worte. Immer mehr und mehr Worte. Hülsen und Gebilde. Leere Worte, die eines genauen Blicks bedürfen um gefüllt zu werden. Diesen Blick, liebster Bruder, haben wir nicht füreinander. Wie aber erkläre ich mich in einem Blick, einem Erfühlen, wenn nicht nur durch einen Zufall.

„Wenn Worte unsere Sprache wären…“ Ja dann könnte es klappen.

2 Kommentare zu “Zeitdillatation

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