Ein Knopfdruck zum Ende

Warum vertrauen wir uns, wenn wir uns wenig kennen, so leicht alles an…

Darüber habe ich mir, vor Jahren und in einem anderen Zusammenhang, mal Gedanken gemacht. Ich könnte ein nigerianischer Prinz sein, der in England studiert hat und in Spanien Deutsch gelernt hat. Du könntest ein 20 jähriger Junge sein, der sich einen sehr eloquenten Witz erlaubt. Wieder jemand anders könnte sich als du ausgeben. Aber das sind wir nicht. Und was wir sind, wissen wir voneinander dadurch immer noch nicht, selbst wenn wir genau das wiedergeben was wir sein wollen.

Dadurch sind wir befreit. Befreit von den Vorstellungen uns irgendwo über dir Füße zu laufen. Du könntest jetzt in der Bahn neben mir sitzen, lesen was ich geschrieben habe und dennoch wäre unser Leben getrennt.
Anonymität. Darum geht es. Ich glaube, Menschen sind per se uneingeschränkt Vertrauensseelig. Es sind sie Ängste – um die eigene Person, um die eigene Lebenswelt – die misstrauisch machen. Das lässt sich natürlich nicht auf alles übertragen, aber auf das „Gesprächsvertauen“ schon… denke ich.

Wir kennen uns kaum, was kann dir als Person also passieren? Ich kann es nicht einer Person in deinem Leben erzählen. Ich kann es meinen Menschen erzählen und es ergäbe keinen Sinn für Sie. Keine Konsequenz für dich. Dieser riesige, nahezu unmöglich zu überwindende Graben schafft Offenheit. Denn wir sind nur einen Knopfdruck vom Ende weg. Wie können jederzeit das Gegenüber ohne nachweisbare Rückstände aus unserem Leben vertreiben. Das mit einem Bekannten  zu machen fällt schwerer. Vielleicht hängen gemeinsame Freunde dran, vielleicht Kinder, Partner,  Hunde.

Manchmal -wahrscheinlich meistens – brauchen Menschen nur ein Gefäß in das sie ihre eigenen Gedanken hinterlegen und sortieren können. Dazu eignen sich Fremde eben gut. Den Ratschlägen muss man nicht Folge leisten, denn die Erfolge kann das Gegenüber eh nicht messen. „Wenn zwei Menschen miteinander sprechen sind es meist zwei Monologe, die nebeneinander daherplätschern“ sagt man ja. „Man“ wie in „ich“.

Ich finde, dass deshalb dem Anvertrauen gegenüber Fremden ncihts merkwürdiges, sondern vielmehr etwas total Natürliches anhaftet. Natürlich nur, wenn wir voraussetzen, dass Austausch ohne direktes Gegenüber natürlich vonstatten geht. Wer schon damit beginnt, dass der Kontakt ohne haptisch greifbares Gegenüber unwirklich ist. Ja dem kann und will ich dann auch nicht mehr helfen.

4 Kommentare zu “Ein Knopfdruck zum Ende

  1. Hm, da möchte ich mal meine Gedanken zu äußern, jedenfalls aus meiner Sicht. Da ich schon viele anonyme Gesprächskontakte hatte, kann ich da aus Erfahrung sprechen. Vertrauen ist nicht gleich Vertrauen, wenn auch vielleicht manchmal etwas leichter über die Lippen bzw. in die Tasten kommt, als bei direkten Freunden usw.. Obwohl das auch nicht unbedingt so sein muss, wie auch im Realen. Ein wenig Gespür für das anonyme Gegenüber braucht es schon, selbst wenn man mal daneben liegt. Von den Kontakten die ich hatte, habe ich sehr unterschiedliche Gespräche geführt und war ganz bestimmt nicht gleich zu jedem gleich vertrauensselig. Manchmal braucht es auch eine Weile, bis man sich annähert und anfängt sich zu öffnen, manchmal klappt’s nie und manchmal geht es ganz schnell. Im Grunde genommen ist es ähnlich wie im realen Leben, für mich zumindest. Es sollte ja gerade kein- wie zwei Monologe nebeneinander plätschern- sein, sondern ein sich auf den anderen einlassen und miteinander. Das Gefühl von fremd, kann dann auch sehr schnell schwinden und Nähe entstehen.
    Es ist natürlich im anonymen Schreiben schwieriger den anderen intuitiv in seinem Wesen zu erfassen.
    Ich sehe einen Austausch auch nicht als Gefäß, um meine Gedanken zu hinterlegen und zu sortieren.
    Es kann schön und bereichernd sein, Menschen auch auf diesem virtuellen Wege kennenzulernen, selbst wenn es immer nur eine Schreibfreundschaft ist.
    Und woher kannst du wissen, nicht doch mal jemand so persönlicher kennenzulernen. Es sei denn du schließt so etwas von vornherein aus.
    Offenheit und Vertrauen entstehen m.E. nicht wegen der Anonymität, sondern weil man sich dem Gegenüber zuwendet, hineinspürt, versucht wahrzunehmen, wenn man spürt, da ist Resonanz, ein gegenseitiges Annähern und Umkreisen. So kann Freundschaft entstehen und das geht nicht immer und nicht grundsätzlich.
    Ich sehe so einen Austausch für mich nicht so viel anders und verschieden von einem Begegnen und Kennenlernen mit einem realen Menschen. Und da kann ich auch nicht jeden gleich vertrauen und nähere mich vorsichtig.

    Positive wie negative Erfahrungen gibt es im Realen genau wie im Virtuellen, ich kenne beides.

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    • Wie immer erhebe ich in meinen Texten den vollkommenen Anspruch auf Unvollkommenheit. Es ist ein Aspekt meines Denkens, ein Teil dessen was meine Meinung ausmacht und auch manchmal etwas, das ich nicht meine 🙂 Deine Bedenken habe ich auch. Nur eben nicht formuliert.

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