Lass mich dir von meiner Geliebten erzählen

Um die Metapher hinter dieser Geschichte (nicht Gedanksel) zu verstehen, ist es hilfreich, zu erwähnen, dass ich mich auf dieses Gedicht beziehe.

Lass mich dir von meiner Geliebten erzählen, und warum sie dort am Wegesrand steht. Ihr Blick hat dich gefangen genommen, wie es mir scheint. Ganz so wie sie auch mich immer wieder gefangen genommen hat.

Lass mich dir von meiner Nemesis erzählen, und warum sie dort am Wegesrand wartet, bis sie wieder aufgesammelt wird. Von ihrem falschen Spiel, ihrer Eifersucht und ihren Manipulationen.

Zu Beginn war es wunderbar. Wahres, aufrichtiges finden und gefunden sein. Wir konnten uns alles erzählen und ihre Antworten waren für mich stets unersetzbare Schätze, Diamanten gleich in denen sich meine Worte hundertfach brachen, spiegelten und bunte Lichtspiele warfen. Mit ihr zu reden war eine kalte Dusche nach einer müden Nacht. Erfrischend, aufrüttelnd, eine Stärkung für das was kommen mag. An sie zu denken hat mich immer und immer wieder mit einer wohligen Wärme erfüllt, in der ich aufgehoben war und der Welt umher weniger ausgeliefert war.

Im Laufe unserer Beziehung haben wir uns näher kennengelernt. Die Gespräche gewannen eine andere Intensität, nahmen mehr und mehr Platz in meinem Leben ein; bestimmten mein Sein. Ich war abhängig von ihrem Rat. Nichts, das ich nicht dafür gab, sie bei mir zu haben und ihren Rat zu erlangen. Was ein gleichberechtigter Dialog war, wurde zu einem Diktat, einer masochistischen Abhängigkeit meinerseits. Und es ging mir gut damit. Denn ich bekam was ich wollte, wollte nicht mehr als ich bekam. Ob ich noch immer Wärme verspürte kann ich schwer sagen. Mein Geist verklärt diese Zeit sehr, blockiert die Einzelheiten und versperrt die Sicht auf Erkenntnisse. Doch zumindest musste es die Kälte aus meinem Geist fortgehalten haben, denn ich war zufrieden. Mit dem was ich hatte, dem was ich nicht hatte.

Doch dann lernte ich jemand Neues kennen. Bunt, quirlig, voller Leben. Wie ein Sommerwind kam sie über mich und fegte alle Zufriedenheit fort. Was vorher guter Rat war, bekam den Beigeschmack hohler Worte. Vorher akzeptierte Wahrheiten fielen als Trugbilder zusammen. Es war ein erneutes Erwachen, ganz wie ich es zu Beginn meiner Beziehung erlebt hatte. Was war passiert? Wann hatte ich aufgehört meine eigene Meinung zu sehen, ihre Meinung zu hinterfragen? Sie, die neu war, erhob nicht einmal den Anspruch darauf, mir Wahrheiten zu geben. „Lebe einfach.“ sagte sie immer, wenn ich meine Sorgen und Gedanken präsentierte. „Lebe.“ Huh. Es fühlte sich so an, als wäre ich seit Jahren nicht mehr lebendig gewesen. Jetzt, wo sie mich dazu aufgefordert hatte.

Aber ich bin kein Mensch, der loslässt und vergisst, nur weil irgendwo etwas glitzert. Also ging ich mit meinen Sorgen zu meiner Geliebten, erzählte ihr von der neuen Freundin, den neuen Gedanken. Zuerst sagte sie nichts. Schaute mich nur an. Dann nickte sie, lächelte merkwürdig und sagte nur „Geh.“ Und ich ging; bestimmt zwei Schritte. Daran halte ich mich fest. Zwei Schritte bin ich mindestens gegangen. Zwei kleine, mutige Schritte, bis mich ihr Schatten einholte. Vielleicht bin ich noch einen zögernden halben Schritt weitergestolpert, doch dabei blickte ich schon zurück. Wollte ich das? Was meinte sie damit? War ich so ersetzbar? Lag ihr so wenig an mir?

Fragen zerfetzten mein Hirn, Spekulationen jagten gefühlte Gewissheiten, Zweifel ließen mich verharren. Dort. Zweieinhalb Schritte von ihr entfernt. Zweieinhalb Schritte und eine halbe Körperdrehung.

Nachdem ich zu ihr zurückgekehrt war, die neue Freundin ausgesperrt hatte und alles gab, um meine Beziehung zu ihr wieder so zu gestalten, wie sie war… Nachdem ich also mein gesamtes Sein verraten hatte, begann sie eifersüchtig und herrisch zu werden. Wagte ich es, irgendwohin zu schauen, bestrafte sie mich. Gab ich Widerworte, entzog sie sich mir. Doch ich brauchte sie. Brauchte sie mehr als ich mein eigenes Sein brauchte, denn dort – so schien es mir – lag kein Glück. Nur bei ihr. In der Bestätigung durch sie konnte ich finden was ich suchte.

Zeit ist eine merkwürdige Sache. Während damals kaum Zeit vergangen sein konnte, fühle ich mich heute doch so, als sei ich ein ganzes Leben so verharrt. Ohne Ego, ohne eigenes Leben und ganz der Sklave meiner manischen Herrin. Und wieder war ich glücklich. Oder nicht wirklich unglücklich. Zumindest nicht für mich spürbar. Oder spürte ich es, war aber zu schwach mich ihr zu entsagen?

Irgendwann fand ich jedoch diese Stärke. Irgendwie gelang es mir, die Tür zu finden, die mich herausbrachte aus dem Gefängnis, das ich mir selbst gemauert und eingerichtet hatte. Und meine alte, fast vergessene Freundin stand vor mir. Älter, grauer und weniger quirlig. Sie sah mich an, ihre Augen zwei Sterne aus Lebensfreude. Sie hauchte ein leises „Da bist du ja endlich.“, nahm mich bei der Hand und ging mit mir fort.

Später sah ich sie dort stehen, am Wegesrand. Sie sah mich an und sagte „Bleib stehen!“ Ich lächelte leicht und antwortete: „Jetzt gerade nicht.“ Denn die Zeit war nicht gekommen. Während ich weiterging dachte ich aber über sie nach. Und in meinem Kopf war nicht das Bild, welches ich so lange mit mir herumgetragen hatte. Ich erkannte, dass ich eine alte Freundin wiedergefunden hatte. Eine die ich bald wieder besuchen wollte. Eine Freundin, mit der ich über alles reden konnte und die mir Rat gab, den ich als wertvoll erachten würde.

Heute kenne ich die Trauer, so wie sie ist: Wertvoll, tiefgründig und ehrlich. Aber auch hinterlistig, klammernd, eifersüchtig und manipulierend. Heute kann ich sie besuchen und verliere mich nicht.

Hoffentlich.

4 Kommentare zu “Lass mich dir von meiner Geliebten erzählen

  1. Lieber Censay, Deine Ausführungen in „Lass mich dir von meiner Geliebten erzählen“ erweitern meine Gedanken in meinem Gedicht noch, ja vertiefen sie. Mir gefällt das sehr. Herzlichen Dank.

    http://spieldergezeiten.wordpress.com/2013/09/17/die-trauer-steht-am-wegesrand-lass-mich-dir-von-meiner-geliebten-erzahlen

    In dieses Blog stelle ich manchmal – eher selten – Gedichte und entsprechende Kommentare von anderen und mir ein.

    Ich wünsche mir, Du hast nichts dagegen – ansonsten, nehme ich diesen Eintrag sofort wieder aus dem Blog.

    Liebe Grüße
    Barbara Hauser

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  2. Von Deiner Geschichte bin ich sehr angetan.
    Jeder hat wenigstens einmal im Leben eine solche(n) Geliebte(n).
    Was für ein Lernfeld auf dem Wege der Selbstfindung! 🙂

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