Raupe 2.0

Die Wolken ziehen heute eilig als dicke, feste Wattebällchen über den Himmel. Die Bäume, die ich durchs Fenster sehen kann, zittern beständig unter dem pfeifenden Wind und schwanken hin und her. Zumindest stelle ich mir vor, dass der Wind pfeift, denn hier drin, auf der Couch, höre ich nichts. Hier drin ist eine nahezu unnatürliche Stille, in der einzig meine Gedanken und die Worte, die diese Gedanken bilden Platz haben. Selbst das nahezu melidiöse Schnarren des Bohrers, mit dem einer der Mieter weiter unten die Wände töten will vermag nicht die Gedanken zu übertönen. Denn hier, auf der Couch, da haben sie Platz. Platz und Gesellschaft.

Ich liege auf der Couch, jenem recht bequemen Zentrum meines geistigen Lebens und beobachte, wie Vögel in mein Blickfeld taumeln. Ihr Kampf mit den Böen hat etwas kunstvolles, spielerisches und lässt mich schmunzeln. Mir, festgeklebt an den Boden, fällt das kämpfen schwerer. Sie taumeln in mein Blickfeld, dass ich mittlerweile nahezu auswendig kenne. Die vergammelten Fenster, die fast in einer Linie mit dem kahlen Schornstein enden, der aus dem roten Schindeldach hervorzubrechen scheint wie ein Gewülst. Die Bäume, die stellenweise so dicht sind, dass ich die dahinterliegenden Wolken nicht mehr erkennen kann, dann jedoch wieder Lücken aufweisen, ganz so wie ein rasierter Pudel. Für mich sind die Bäume schon längst Cheerleader meiner eigenen Überlegungen geworden und oft stelle ich mir vor, wie sie mich mit leeren Phrasen anfeuern, während ich auf der Couch bin und versuche Klarheiten zu gewinnen. Klarheiten über mich und die Dinge die mich niederdrücken, kämpfen lassen. Auf jener Couch, auf der ich Frieden finden kann.

Dunkle Wolken ziehen unter den weißen heran, noch eiliger und drängender im Tempo als ihre Vorgänger. Während sie die, nun fast gemächlich daherschreitend wirkenden, Wattebällchen verschlingen merke ich, dass ich nicht nur auf der Couch liege, sondern auch rede. Rede über mich und jene Dinge, die mich bewegen. Auf jener Couch, die mein Leben bewegt, auf der ich mein Leben bewege. Und so wie die zwei Armeen dort am Himmel um den Platz kämpfen, so ist auch mein Kopf in einem ewigen Gerangel gefangen, in dem dunkle Gedanken mit wolkigen Wattebällchen voller Euphorie um das Blau des eigenen Horizonts streiten.

„… Phase in der ich mich wie in einem Netz gefühlt habe. In das ich mich immer mehr verwickele; in dem ich immer weniger erkenne und gefangen werde……… Und dann ist mir aufgefallen, dass ich selbst dieses Netz spinne. Dass es so sein soll; ich  mich in einen Kokon hülle…. [längeres Schweigen]…. Vielleicht um mich vor mir selbst und meinen Gedanken zu schützen. Damit ich Zeit habe, mich zu verwandeln. Zu verändern….. Schönes Bild. Darüber werde ich heute – glaube ich – schreiben.“

Wie in einem guten Theaterstück beendet mein Satz die Szene und der Vorhang fällt. Anschließend schreite ich, noch immer beflügelt von der Schönheit des Bildes, des Konstrukts meiner eigenen Überlegungen, den noch immer eilenden Wolken hinterher, gedrängt durch die Gedanken, die sich in meinem Kopf schon zu Sätzen formen und ungeduldig darauf warten, niedergeschrieben zu werden. So lasse ich in meiner Ungeduld die Couch hinter mir zurück, die mein Leben bestimmt. Mein Leben bestimmt indem sie mir die Freiheit und den Raum gibt, mich selbst zu bestimmen und zu erkennen. Die Möglichkeit gibt mich selbst zu erkennen und das auch auszuhalten.

Wenn ich will.
Wann ich will.

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