Darstellungen (Kapitel 1)

Kapitel 1

Er war noch nie ein Mensch für Museen. Selten gab es eine Ausstellung, einen Künstler oder überhaupt ein Bild, von dem er sagen konnte: „das fesselt mich jetzt so stark, dass ich aus dem staunen nicht herausfinde“
Er war noch nie ein Mensch für die Künste gewesen, nein wirklich nicht. Die endlosen Debatten seiner Kollegen und Freunde (zu denen ich mich auch zählen konnte) über dieses oder jenes Bild, jene Kunstepoche oder was sie (wir) nicht noch alles fanden um sich (uns) gegenseitig im ihrem kulturellen Wissen zu messen, waren ihm derart zuwider, dass er durchaus auch mal den Raum verließ.
Er war wirklich kein Freund der Kunst. Nie gewesen und wollte es auch nie sein,  sah er doch überall in der Kunst nur Anstrengung. In der Beschäftigung mit derselben nur Profilierungssucht.

Um so mehr erstaunte es mich, als ich durch einen jener Kataloge – eines jener Schundblätter, das man immer in hochwertigeren Wartezimmern findet – blätterte und sein Gesicht neben der Überschrift eines Artikels über zeitgenössische Kunstkritik sah. Ich schaute zur Sicherheit noch einmal genauer hin; doch das feiste, leicht aufgequollene Gesicht, welches verkniffen durch eine Nickelbrille in die Kamera stierte blieb seines.

Ich kann mich heute nicht mehr an den Inhalt des Artikels erinnern,  es war nur ein weiterer jener Aufsätze, die Arbeitsplätze sichern und Wartezimmerwartezeiten erträglich machen. Das Interview schlecht geführt,  die Fragen nichtssagend und entsprechend leer beantwortet.
Ich weiß aber noch, dass ich noch in diesem Wartezimmer zu meinem Handy griff, ein Foto der Seite in diesem ABM-Katalog machte und es an seine Nummer schickte, betitelt mit dem einzigen, was mir dazu in diesem Moment einfiel:

„???“

Später am Abend kam seine Antwort in einem für unsre Kommunikation typischen Stil:

„Morgen Abend, 20 Uhr. Stammkneipe.“

Die Wartezeit bis zu dem Abend kam mir, unerklärlicherweise, länger vor als die Wartezeit auf den Arzt vom Vortag, länger sogar als der Rest der Woche. Es wunderte mich, dass mich diese Kleinigkeit so sehr beschäftige.  Wir sind früher Freunde gewesen; sehr gute sogar. Aber wie so oft im Leben hatte sich das nach einigen Jahren auseinander gelebt. Es musste bereits mehr als ein halbes Jahrzehnt her sein, dass wir uns das letzte mal gesprochen hatten. Noch ein paar Wochen länger hatten wir uns nicht gesehen.
Waren wir damals im Streit auseinander gegangen? War da zwischen uns etwas vorgefallen?
Es fiel mir keine Antwort ein, wieso die Verbindung, die uns lange bestimmt hatte, mit einem Mal fort war. Wahrscheinlich ist einfach nur das Leben passiert. Zeit ist ein hungriges Haustier und wer nicht aufpasst bemerkt nicht, wie es einem unbemerkt große Teile des Lebens abknabbert.
Es war für mich befremdlich, nun mit dieser Intensität über ihn nachzudenken – mich aus einem inneren Zwang dazu verpflichtet fühlte – obwohl er in den langen Jahren zuvor nicht im entferntesten in meinem Leben aufgetaucht war. Nicht aus Ablehnung oder Verdrängung, er hatte schlicht nach einem Akt des Theaterstücks „Mein Leben“ keine Rolle mehr gehabt und niemand hatte es bemerkt. Nun jedoch hatte er erneut einen Auftritt im Stück und ich merkte, wie wichtig seine Rolle vorher war, wie sehr er mich interessierte, ich ihn vielleicht sogar vermisste.

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