Ich will nicht über Weihnachten schreiben

Will ich wirklich nicht. Und doch scheinen meine Gedanken seit Tagen über nichts anderes zu kreisen.

Was haben alle für ein Problem mit dem Fest? Was macht es so kompliziert für euch?
So in diese Richtung gingen viele der Gedanken. Es ist mir ein recht unzugängliches Konzept, wie diese riesige Erwartungshoffnungsseifenblase entstehen konnte, die heutzutage in nahezu jedem Kopf herumzuschillern scheint.

Sind Hollywood, schlechte Weihnachtsgeschichten (oder auch gute) und oder doch einfach nur der böse Konsum schuld an der weihnachtlichen Stressstimmung? Wieso ist ein Fest, dessen intrinsischer und ureigener Anspruch nicht kleiner sein könnte, zu solch einer großen Eiterbeule der Gesellschaft angewachsen, in der jeder damit beschäftigt ist sich selbst und alle anderen schlecht zu finden, wenn er/sie von dem Gedanken „Heiligabend“ nicht direkt in speichelsprühende Raserei versenkt wird.

Was will Weihnachten eigentlich von uns? Was wollen wir davon? Und was wollen wir eigentlich nicht?
Es sind ja doch vorwiegend erwachsene (im Sinne von ausgewachsen) Menschen, die das größte Problem mit dem Fest haben. Kleinkinder und junge Jugendliche sind noch in der bedenkenbefreiten heilen Geschenkewelt. Junge erwachsene hingegen gerade in der „boah ey, is das alles ööööde.“ Haltung, welche an sich auch sehr befreiend ist, da hier nicht die wirklich zugrundeliegenden Probleme angedacht, sondern ein rein egoistisch geschaltetes Ablehnen im Vordergrund steht.

Es sind die Erwachsenen; die zu alt gewordenen. All jene, die gelernt haben, was Sozialisation heisst und wie man sich ihr beugen muss um beim umkippen nicht unelegant zu wirken. Jene Menschen, denen die Tugenden des Selbst, welches sie präsentieren so viel wichtiger sind als ihr eigenes Glück. Denn man darf nicht sein, wie man will.

Was will Weihnachten eigentlich von uns? Herzlich wenig, ich habe es schon angedeutet.
Was wollen wir eigentlich von Weihnachten? Zu viel, müsste der logische Schluss aus der Antithese sein.

„Zeit mit unserer Familie verbringen.“

Poh. Kleiner Satz, eigentlich leicht gewährleistet. Und doch glaube ich, dass dieser kleine Satz für viele Menschen in etwa so zu lesen sein muss: „Einen Abend damit verschwenden, mit Menschen, die mein ganzes Leben schon nicht zu meinen Liebsten gehören, ertragen, während ich so tue als hätte ich all die Verletzungen, Beleidigungen und anderen Verletzungen meines eigenen aufgeblasenen Egos vergessen.“

Die Kirche nervt mich meist mit ihren Botschaften. Mit ihrer Weihnachtsbotschaft ist es ähnlich. Nettes Ziel, verfehlte Wirkung und schlechte PR dazu. HABT EUCH LIEB!… sonst kommt ihr nicht in den Himmel.

Was wollen wir wirklich an Weihnachten? Was ist es, das wir uns nicht wagen einzugestehen?
Das wir NICHT mit unserer Familie sein wollen? Das wir NICHT in der Lage sind, unser eigenes, unwichtiges und mickriges, Ego wegzustecken? Das es uns nicht die Bohne interessiert, ob an diesem Tag andere Menschen glücklich sind? Das wir selbst unglücklich sind? Das wir uns einer riesigen Scharade hingeben und nicht vernünftig unsere Wünsche äußern?

Es ist nicht viel, aber wohl doch zuviel verlangt, von Menschen zu erwarten, dass sie sich für eine kleine Weile im Jahr einfach lieb haben. Verlange ich das an einem bestimmten Tag, dann wird das allein schon aus Protest nicht klappen. Ganz normal-menschliches Verhalten. Erwarte nicht von mir ein Ziel zu erfüllen, dass ich ohne deinen Willen auch selbst erreichen wollen würde, sonst lehne ich es ab, da ich niemals einen anderenWillen meinem überordne.

Es ist vielleicht merkwürdig, das jetzt zu lesen, aber ich liebe Weihnachten!

Wenn ich durch die Kaufhäuser streiche.
Wenn ich einkaufen gehe.
Wenn ich einfach durch die kalte Stadt zum Training spaziere.
Wenn ich durch die emsige, gefräßige und stinkende Hölle schlendere, die sich Vorweihnachtsstress nennt…

dann werde ich innerlich ruhig.

Meist habe ich Musik auf den Ohren. Ruhige, laute, leise, hektische… egal. Ich könnte auch ein Hörbuch hören, denn was mich beruhigt ist nicht, abgeschnitten zu sein von dem Moloch um mich herum, sondern einzig ein perfider Gedanke:

„Und all diese Menschen haben genausoviel Zeit wie ich.“

Die Familie, die ich im Supermarkt 20 Minuten lang immer wieder beim streiten beobachten konnte (hören dank Musik nicht), steht letzten Endes neben mir in der Schlange. Rotköpfig, verschwitzt, angespannt und exakt eine Minute vor mir zur Tür hinaus.
Der Vater, der seine Frau durch die Kaufhalle traben lässt um noch die letzten der 72 Geschenke für sein wunderbares Drecksbalg zu besorgen sieht kein bisschen glücklicher aus, als ich es mit meinem Croissant bin, welches ich beim Bäcker verspeise und dabei in einem Buch stöbere, weil ich mir sicher bin, dass meine Familie mich auch ohne ein einziges Geschenk lieben würde. Gut das ich bereits einem passenden über den Weg gelaufen bin.

Gut, das ich mir keine besinnliche Zeit erkaufen muss.

Was will Weihnachten eigentlich von uns?
Was will ich eigentlich von Weihnachten?
Warum kann ich das nicht äußern?
Warum wird nicht akzeptiert was andere wollen?

Eigentlich ist das nicht viel. Scheinbar ist es zu viel für den Rest der Welt.

Besinnliche Weihnachten euch allen.

3 Kommentare zu “Ich will nicht über Weihnachten schreiben

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