Life in silent mode

Sie redet und redet und redet.

Unauffällige Hinweise, dass ich gerade eigentlich nicht an dem unfreiwillig aufgedrückten Gespräch teilnehmen will ignoriert sie ebenso gekonnt wie alle Grenzen der Privatsphäre.
Ich kenne sie nicht einmal. Bis eben hatte ich nicht einmal eine Ahnung, dass es sie gibt. Bis eben saß ich noch gelassen in meiner  Lieblingsbäckerei, hatte mir einen Tee bestellt und wollte in der Atmosphäre dieser kleinen ruhigen Insel ein wenig treiben und schreiben.
Nun ist sie da, Kundin der Bäckerei und wie auch ich scheint sie sich wohl zu fühlen. Zumindest wirkt sie als sei sie in ihrem Wohnzimmer und alle Anwesenden ihre Papageien mit denen sie redet. Und redet. Und redet.

Kurzerhand entschlossen flüchte ich mich zumindest teilweise in Musik und stecke mir den Kopfhörer ins rechte Ohr. Das hindert sie zumindest daran mich direkt anzusprechen. Was jedoch ihren generellen Redefluss nur unmerklich reduziert. Während der Sänger von „The Parlor Mob“ mich vollseiert, dass er mich sehen will, betritt eine andere Kundin die Bäckerei und ergeht sich in minutenlangem lautem Überlegen, was nun zu tun sei, wo doch das geplante Brot nicht erhältlich sei.
Ich beschließe den zweiten Knopf ins Ohr zu schieben.
Die Welt wird Musik, ich kann schweigen.
Dabei fällt mir auf, dass ich trotz der vielen Worte, die in dem Raum gesprochen wurden und noch immer wie stickiger Smog die Luft in der Bäckerei schwängern, von meiner Seite und auch der der Bäckerin kaum etwas gesagt wurde.  Sie hat die Pflicht als Angestellte die Kundin zu unterhalten, doch ich konnte mich (relativ) unbemerkt aus dem anstrengenden Smalltalk ausklinken.
Losgelöst von der Situation betrachte ich die sich bewegenden, lautlosen Münder und lausche dem Auf und Ab von „God is an Astronaut“. So wie die Musik, verzettele auch ich mich in Gedanken und Tagträumen; die gedämpften Geräusche meine Umgebung scheinen in einem See aus Stille zu ertrinken.

Murakami schreibt:
„Ist man mit einem Toten in einen Raum, verstummen allmählich alle Laute.
Die Geräusche der Wirklichkeit draußen verlieren immer mehr an Realität.
Auch bedeutsame Geräusche verwandeln sich bald in Stille.
Eine Stille, die allmählich tiefer wird,wie Schlamm sich auf dem Meeresgrund sammelt.“

Wenn ich Musik höre, geht es mir oft so.
Die Welt verliert an Substanz,  ich höre auf ein Teil von ihr zu sein.
Und als erstes verflüchtigt sich meine Stimme. So kann es vorkommen, dass ich zu einem Treffen komme und keine Lust mehr habe zu reden. Nicht weil ich keine Lust auf Menschen habe – ich habe aufgehört mich mit Menschen zu treffen, wenn ich es nicht will (was mein Leben sehr vereinfacht hat) – sondern weil ich meine Stimme noch nicht wiedergefunden habe. Es ist als wäre ich auf stumm geschaltet worden und jemand hat die Fernbedienung versteckt.

Die Musik wird mir mit einem Mal zu laut.
„Rise against“ ist eine jener Bands, die ich immer hören kann und die es eigentlich nicht verdient auf leiser Lautstärke gehört zu werden; doch gerade ist alles zu laut. Ich drehe die Lautstärke runter.
Die Musik wird ausgetauscht vom Lärm der Straße, die Wirklichkeit legt sich wie ein Mantel um mich und empfängt mich auf ihre raue kalte Art gleich einmal mit einem Presslufthammer.

Mein Leben wirkt immer wieder wie ein schlecht verfasstes Skript voller Klischees und schlechten Pointen.

Ich drehte an der Lautstärke der Welt und der Musik, um einen Mittelweg zu finden; doch es ist alles zu laut. Über den Lärm der Welt beginne ich meine Gedanken in krasser Deutlichkeit wahrzunehmen. Sie hallen von meinen Schläfen wider, turnen hinter meinen Augen herum und rauschten durch die Trommelfelle.

Viel zu laut. Alles viel zu laut.

Und mir wird mir klar,
dass ICH zu laut bin.
Mein Reden,
mein Handeln;
alles ist übertrieben,
gestellt,
laut.

Ich raste aus.
Schreie mich an, zerschlage mein Ich in ungezählten Spiegeln, bis mir das Blut in Strömen über die Knöchel fließt. Die Scherben der zerschellenden Spiegel haben zudem meine Kleidung zerfetzt und aus einer Vielzahl Schnitte tropft klebrig dicker, roter Sud.
Doch meine Raserei ist noch nicht besänftigt.
Ich drücke die blutigen Ruinen dessen, was ich einmal Körper nannte auf die Trümmer um mich herum.
Das Glas schneidet mich weiter auf und ich schreie.
Vor Schmerz.
Vor Wut.
Vor Angst, Angst vor mir selbst.

Ich drehe die Lautstärke ganz auf. Rise Against wieder. Die Bässe vibrieren spürbar auf meinen Trommelfellen, während die einzelnen Schläge des Schlagzeugs zu stechenden Messern in meinem Kopf werden.

Although we have no obligation
to stay alive
On broken backs we beg for mercy
We will survive
I won’t be left here
behind closed doors

…schreit es mich an und meine Welt erbebt unter der Macht der Worte und der Stimme.

Der Lärm in meinem Kopf, aus meinen Kopfhörern und von außen verschmiert miteinander und wird zu einem bunten Rauschen. Der Schmerz in meinen Ohren betäubt mein Hirn und dort – in diesem zerstörerischen Strudel – gelange ich in das Auge des Sturms. Ruhe erfasst mich, Stille umgibt mein Herz, ganz so wie Murakami es geschrieben hat. Alles andere verblasst. Nur das es ausser mir in diesem Raum niemanden gab der sterben konnte.
Es wird still und ich erkenne, dass es sich nicht anders anfühlt als der Lärm davor. Die Grenzen sind verwischt. Ob ich noch im Auge stehe oder es nie eins gab kann ich nicht mehr sagen.

Ich stehe auf – in meiner stillen Welt – stelle meine Teetasse ab.
Meine Bäckerin schaut mich an, nickt nur leicht lächelnd und räumt das Geschirr weg.

Sie spricht nicht; ich auch nicht.

Es ist ja alles gesagt.

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