Product Misplacement – Manifest einer verkannten Revolution

„Das Neue Flachbrot irgendwas“ stand glaube ich auf Ihrem Shirt. Woran ich dabei dachte hat allerdings wenig mit flach oder Brot zu tun. Nur wenn ich sehr weit in Euphemismen abschweifen würde. Aber das wäre nun wirklich abwegig.
Während ich der jungen Dame also auf die Brüste starre, krampfhaft bemüht die Werbung zu lesen – schließlich wird da irgend ein Sonderangebot beworben – beschleicht mich das Gefühl, Opfer einer sozialisierten Falle zu werden. Wie soll ich als Mann – der ich nun mal bin – vernünftig und in Ruhe die Anzeige lesen, die die Vorzüge des Ladens bewirbt, ohne nicht jederzeit mit einem gesellschaftlichen Regenschirm und der dazugehörigen Oma im Blümchenkleid rechnen zu müssen.

Verlegen, weil mein Blick nun doch bestimmt schon eine ungebührliche Dauer unterhalb der Augen der Frau ruht, bestelle ich also – fieberhaft um die schnelle Beseitigung dieser Situation bedacht – das Nächstbeste. Natürlich bin ich im Nachhinein mit dieser Wahl unzufrieden. Auch bin ich unzufrieden, weil ich immer noch nicht weiss, was nun da beworben wurde. Und nicht zuletzt, weil ich noch nicht einmal den Brüsten genügend die Ihnen zustehende Anerkennung gezollt habe. Zu sehr war ich damit beschäftigt die verknitterten, durch verschiedene Wölbungen hin und her springenden, Buchstaben zu einem sinnvollen Satz zusammenzubringen. Dass Teile der Buchstaben auch noch in Winkel gedrängt wurden, die mehr Fantasie als Brillenstärke brauchen ist hierbei wenig hilfreich.

Ich bin nicht chauvinistisch. Bestimmt nicht; zumindest will ich es nicht sein. Aber ich kann eine gewisse Wehmut nicht abstreiten, als mir – ergeben auf Etwas rumkauend, was ich eigentlich nicht haben wollte – klar wird, dass ich in einer Situation, in dem ich von außen betrachtet bereits am „Schielen“ war, nicht einmal wertschätzen konnte was sich mir geboten hat. Und das habe ich tatsächlich nicht einmal richtig angeschaut. Wenn man mal nicht von außen mit der Sioziobrille, sondern vom meiner Warte aus schaut.
Es ist quasi der Schmerz der doppelten Vergeudung, der mich in der Winterkälte zittern lässt und an meinem ungeliebten Mahl würgen lässt.

Wer entscheidet eigentlich, wo ein Werbespruch hinkommt? Und wo kann man eigentlich Werbung anbringen, ohne dass sie zu solchen Dilemmas führt? Richtet sich die Länge eines Werbespruchs nun nach der durchschnittlichen Körbchengröße der Mitarbeiterinnen? Oder der Spannweite X des Rückens Q, von Schulterblatt H1 zu Schulterblatt H2 gemessen, geteilt durch Schriftgöße Y in Schriftart Z?
Ich seh die Werbefuzzies vor mir, wie sie aus Neukölln Jugendliche einladen, da ihnen nicht einfällt, wie man „weniger zahlen ist sehr zu beführworten“ kürzen kann. Um anschließend – nach einem arbeitsreichen aber produktiven Projektwochenende im Seminarhaus Wuhlheide – mit der genialen Formel „Geiz ist Geil!“ aufzuwarten. Ok, der Spruch ist schlecht. Aber er passt auf jedes T-Shirt. Hinten UND Vorne. Egal ob Größe S oder XXL.

Welchen Preis bezahlt eine Firma für geeignetes Product Placement? Euro oder IQ-Punkte? Gibt es Prämien für Mottos unter 5 Worten? Wenn ich den Spruch mit einer Druckerpatrone mehr als einhundert Mal auf eine A4 Seite bekomme (Schriftgröße 8), bekomme ich dann eine Beförderung?
Es ist schwerlich vorstellbar, sich Menschen als einen wandelnden Produktstandort vorzustellen, ohne nicht gleich eine Degradierung hineinzuinterpretieren. Die wenigsten Menschen möchten als ein großes Würstchen durch die Welt laufen. Und die wenigen die das möchten, führen ein wohl behütetes Leben in ihren speziellen Clubs, wo sie sich ausgiebig Senf auf die Wurst schmieren können, das Ganze in ein knusprig warmes Brötchen packen und es dann aneinander verfüttern. Manch einer macht daraus ja sogar einen Wettkampf; dabei schamlos auf Senf, Brötchen oder gar Röstzwiebeln verzichtend.

Aber die meisten Menschen wollen nicht so rumlaufen.

Es fällt mir schwer zu glauben, dass solche Situationen, wie mein dramatisches Sozialdilemma im ersten Akt, nicht bedacht werden. Solche Sprüche könnten doch auch ein wenig höher angebracht werden. Dann hätte man zumindest schon einmal allen Frauen, deren Brüste dem Joch der Gravitation ein wenig nachgegeben haben, geholfen. Und nicht jeder stellt ausschließlich junge Dinger ein.
Oder eine kurze Nachricht unterhalb des Werbespruchs im Sinne von „nach dem Lesen bitte wieder Blickkontakt mit Träger herstellen“. Damit wäre allen geholfen. Frauen insbesondere, aber auch Hühnerbrüstigen Jungen, bebrusteten dicken Männern und all jenen, die von der durchschnittlichen Blickhöhe des Standardkunden abweichen.
Quasi Win-Win.

Aber an wen wende ich, wenn ich mich derart belästigt fühle? Meine Hoffnung, dass das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf meinen empörten Brief reagiert, in dem ich Ihnen meine unglaubliche Notlage eindringlich schildere… ist klein. Soviel Realismus habe ich ja noch, mir bewusst zu sein, dass in einem echten Ministerium nicht gearbeitet wird. Egal wie berechtigt eine Beschwerde ist.
Und das ist sie.
Die Beschwerde.
Berechtigt.
Es erscheint mir schwierig, mich direkt an die Polizei zu wenden, denn anzeigen kann ich eigentlich nur diejenigen, die diese widerlichen Fallen des Sozialisation tragen müssen. Nicht jene, die sie erzeugen. „Hallo liebe Polizei, bitte verhaften Sie den Erfinder des Spruches da auf dem T-Shirt. Aber schauen Sie nicht zu genau hin, sonst bekommen Sie noch eine Anzeige wegen sexueller Belästigung während der Arbeitszeit!“
Es ist fast bewundernswert, wie ein simpler Werbespruch einen rechtsfreien Raum schaffen kann. Niemand kann den Spruch lesen, ohne sich nicht im gleichen Zuge eines üblen Vergehens strafbar zu machen. Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man als Abschluss eines jeden Spruchs liest „…treue Kunden unserer Filiale werden nicht verklagt. Tüdelü!“

Und ohne es zu wollen bin ich Ihnen auf die Schliche gekommen. Mein Leben hat damit wahrscheinlich eine erhebliche Verkürzung seiner Halbwertszeit erfahren, aber ich bin gewillt der erste einer internationalen Revolutionsbewegung zu sein. Wir werden die Fesseln des implizierten Sexismus sprengen und Werbesprüche auf politisch korrekte Orte verbannen. Vielleicht über Retinatatoos, in denen der Werbespruch auf die Innenhaut der Augen der Verkäufer_innen gebrannt wird. So schauen wir allen in die Augen, bekommen aber dennoch unseren Newsflash unbedingt notwendiger Informationen zu den neuesten Angeboten. Da wir hier lediglich von der Verletzung der Menschenrechte sprechen, sollte das in spätestens 5 Jahren überhaupt kein Problem mehr darstellen. Solange es nicht sexistisch ist.

Interessanter Zwischengedanke: Was, wenn ich Brustimplantate bewerbe? Wird dann nicht ein bewerben in den Augen zu einem Widerspruch? „Sie schauen mir ja auf die Brüste?!“ „ICH SCHAUE IHNEN IN DIE AUGEN!“ „SAG ICH DOCH!“….. Ein paar Handschellen, eine gründliche Durchsuchung des Devianten inklusive Gummihandschuh und eine populärjounalistische Verhandlung später (es gab Popkorn) endet Man(n) gebrochen und allein in der Gosse, von nun an nichts anderes als die Schuhe seiner Gegenüber anschauend. Auf der wahrscheinlich bald auch Schuhwichse beworben wird und somit das arme Opfer sich im Versuch der Flucht selbst blendet.

Es ist ein Teufelkreis. Eine Verschwörung von ganz oben, um die kleinen Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Denn damit wird es nicht aufhören. Kurz danach wird es vor Apfelwerbung auf Jeanshintern, Gurkenabbildungen auf Hosentaschen für Männershorts und anderen juristisch ausschlachtbaren, sexualklagefähigen Inhalten wimmeln. Dieser Spirale gilt es schon heute Einhalt zu gebieten! Die einzigen Gewinner des Ganzen sind letztendlich eben nur die da Oben und die Popkornhersteller. Und die stecken wahrscheinlich unter einer Decke! Aus Mais.

To place a Product. Ein Erzeugnis auf einen Ort transferieren. Darin liegt die Wurzel des Widerstands. Ich befinde mich bereits in der Herstellung diverser „Werbeträger“, in denen die Perversion der Werbung in aller Deutlichkeit aufgezeigt werden wird. Ein Pullover (das T-Shirt hielt den Belastungen leider nicht statt; hierfür entschuldige ich mich noch einmal Mama!) an den ich Melonen angenäht habe bildet den Aufhänger meiner Kampagne für Frauen. Hosen, an deren Hosenbund ich ein Dutzend Wiener befestigt habe bildet den Stoßtrupp des Schlachtzugs für Männer.
Als weitere Maßnahme habe ich in verschiedene bekannte Werbesprüche provokante Worte eingestreut um auf die Problematik des Ganzen hinzuweisen. Beispiele wären: „Meika macht PENIS das Würstchen.“ oder „Think different BOOBIES“ und andere, dabei verlasse ich mich vor allem auf die aufrüttelnde Wirkung der Großbuchstaben. Denn wie wir alle wissen (und wie ihr auch in meinem Videokurs „Plakativ schreiben mit EINFACHEN Mitteln – Ein Tutorial (Anfängerkurs)“ lernen könnt – !!!! Like! me onYoutube!!!!) helfen Großbuchstaben darin, die Driglichkeit einer jeden Aussage BESSER und DEUTLICHER zu vermitteln. Ich will nicht lange auf die Inhalte des Kurses eingehen, aber weiterhin seien Ausrufezeigen und der Wechsel von Schriftgrößen erwähnt (Es lohnt sich also reinzuschauen!)!

Zum Schluss will ich mich an dich wenden, lieber Leser!
SEI DABEI! BEGINNE MIT MIR DIE REVOLUTION GEGEN DIE GNADENLOSE AUSNUTZUNG DER WERBEAGENTUREN DURCH SUBTIL EINGESTREUTE SEXUALERZIEHUNG!!!!!!!111

4 Kommentare zu “Product Misplacement – Manifest einer verkannten Revolution

    • Die Strickanleitung (subtil eringewebte Muster libidoanregender Inhalte erhöhen den Wirkungsgrad!) sowie speziell gedrehter Nähgarn folgen mit dem nächsten Briefgeier. Tauben haben leider nicht die Tragekapazitäten.
      Melonen bitte ich aus ökologisch korrekten und liebevollem Anbau zu besorgen. Egal woher, Hauptsache es kamen keine Pollen dabei zu schaden. Abgase sind ja keine Verletzung von Ökomoral.

      Als Farbwahl empfehle ich Popelgrün und Augenkrebsgelb.

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