Wer bin ich, über sie zu richten?

Ein Wollpulliglatzkopf, 0,25 Liter Cabernet-Sauvignon im Plastikglas, ein Laptop und sein Smartphone;  eingepfercht auf einen der sterilen Beinhocker der Deutschen Bahn. Es scheint ein langer Tag – oder nicht der erste Wein – gewesen zu sein, denn nach dem Glas kippt sein Kopf nach hinten und gibt den Blick auf das gefleckte Innenleben seines Gaumens frei.
Vor ihm, auf einem „Vierer“ ein Dreiergespann von Verkäufern. Einer alt genug um zu sehen, dass er sich die Haare möglichst effizient über die samtig anmutende Schädelhaut verteilt. Er trägt den Schal zwischen seinen Halsfalten im perfekten Juppiknoten und während er seine Edeldesignkopfhörer in sein blitzendes iPad mini steckt und ich vage klassische Musik höre,  Wende ich mich von diesem wandelnden Statussymbol ab.
Neben der Konsumikone sitzt sein Kollege, an und für sich unspektakulär, doch ich kann mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen,  als ich den indischen Einschlag in seiner Sprache höre. Das war jetzt rassistisch schießt es mir durch den Kopf, ganz der politisch korrekt getrimmte Mensch, der ich sein soll. Als er aber seinem Gegenüber mitteilt, er habe zehntausend Matratzen verkauft, sind diese Gedanken passé. Soviel Klischee muss anerkannt werden.
Anerkennung sucht der jungsche, gegeelte Kollege scheinbar vergebens. Zumindest sehe ich einen grünen Schimmer um seine Nase und ein loderndes Feuer in seinen Augen, als er kritisch zu hinterfragen beginnt. Später sehe ich ihn mehrfach seinen Status bei Xing bearbeiten,  verzweifelt nach Aufbesserung seines Egos suchend.
Vorerst wende ich mich jedoch ab – zu meiner Erleichterung endlich meinen geliehenen, unscheinbaren Standardkopfhörern habhaft geworden – und lasse meinen Blick von der müden, traurigen Gruppe abgleiten.
Er bleibt kurz danach – oder auch zwei Sitze weiter – an den mürrischen Dobermannbacken einer Frau hängen, die früher einmal so etwas wie Charme oder Ausstrahlung besessen haben mochte, heute immerhin noch ein wenig Mittelstandsklasse aufweisen kann. Was in Ihrem Leben so frustrierend gewesen sein mag, entzieht sich ein wenig meinem Verständnis, denn der pummelige Mann neben ihr – der auch als gut rasierte Variante des  Weihnachtsmanns durchgehen könnte – wirkt sympathisch und lebensfroh.
Auf meiner langen Reise wechseln die beiden dennoch kein Wort miteinander. Wahrscheinlich betrügt er sie und sie weiss es. Vielleicht mit dem Haarschopf, von dem ich durch die Rückenlehne nicht mehr erkennen kann als den nachgetönten  Haaransatz.
Zumindest redet er mit ihr.
Sie nicht.

Die Reise ist lang und auf einmal merke ich…

Der junge Mann schlägt auf Xing den Kontakt eines gemeinsamen Kollegen nach, weil er und der Inder festgestellt haben, den selben Schulweg hinter sich zu haben und sich so über eine oder zwei Ecken schon seit zwanzig Jahren kennen.
Im Telefonat mit seiner Frau erklärt der Juppi verzweifelt, dass er beim nächsten Trip wieder seinen alten CD-Player mitnimmt, denn mit dem iPad-Ding kommt er gar nicht klar und habe es ja nur mit um seine drei Kinder nicht zu enttäuschen, die es ihm geschenkt haben.

Der Weihnachtsmann und der Haarschopf stehen auf und lassen die Doberfrau und mich allein zurück, während sie Händchen haltend aus dem Abteil schwanken.

Die Doberfrau schaut mich an, ich schaue zurück. Und durch die Spiegelung ihrer Augen sehe ich mich selbst, mit hängenden Mundwinkeln, kritischer Miene und strengem Blick. Ob sie auch sich sieht? Oder sieht sie nur einen hippen, unnützen Studenten, ständig auf sein Smartphone schauend, zu laut Musik hörend und ignorant der Umwelt gegenüber?

Irgendwann geht auch sie und ich reise alleine durch das dunkle Deutschland. Ich will hinausschauen, aber auch dort sehe ich nur meine eigene Spiegelung. Es sind noch zwei Stunden und es gibt niemand zu richten, als mich selbst.

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