Blauer Frosch im Kulturwald

Ich liege auf einer Wiese in Berlin Mitte.
Genauer gesagt auf der Wiese in Innenhof der Humboldt Universität Berlin.
In der Luft liegt die Schwere eines Tages, der mit seinen gefühlten 50 Grad noch für ein paar Stunden vor sich hinsiechen will und sich mit dem Sterben bis spät in die Nacht Zeit lassen wird.
Im Hintergrund ist das Gemurmel der – in Berlin Mitte zu erwartenden – Touristenmassen zu hören, die auch in solchen Temperaturen die profitabelste aller Berliner Geldmühlen am laufen halten.
Untermalt wird das Ganze von an- und abfahrenden Trams, Bussen und dem, warum ich in diesem Moloch aus Lebensart, versuchter Freikörperkultur und angestrengter Betriebsamkeit überhaupt anzufinden bin.

Es läuft Klassik.
In live und wenn ich hinschauen würde auch in Farbe.
Irgendeine Symphonie.
Eine neunte, wenn mein Kleinigkeitengedächtnis sich das richtig gemerkt hat.
Von wem, von wann oder warum die gespielt wird… es könnt mir nicht egaler sein.

Mich beschäftigen andere, wesentlichere Fragen!
Zum Beispiel wüsste ich gerne, ob es unhöflich ist, wenn mein Kind (welches nicht meines ist, aber es geht hier ja um Hypothesen) schreit und den epischen Moment der Stille nach den Pauken zerstört.
Oder ob ich klatschen muss,  weil die Musiker ihre Instrumente einstimmen… dem Bauarbeiter gratuliere ich auch nicht, wenn er seinen Presslufthammer schon um sieben Uhr morgens „einstimmt“ um in dann erst nach seinem Frühstück  wieder in aller Ausführlichkeit zu benutzen; natürlich erst kurz nachdem ich wieder eingeschlafen bin.
Was interessiert mich die Musik, die meine Ohren sehr wohl vernehmen, wenn ich dabei nicht mit den Menschen reden darf, die mich umgeben, da das ja unkultiviert und störend wäre. Generell ist ein Gespräch ja meist sowieso und überhaupt störend wenn Musik läuft. Zumindest wenn die Musik alt ist. Vermutlich ist das eine Art Altersstarrsinn der Branche.

Während ich hier liege, merke ich jedoch auch, dass mir der Hipsterkerl vor mir –  der seine Freundin mit gekonnt verkacktem Sarkasmus beeindrucken will und sich ununterbrochen über die Musik lustig macht – gehörig auf den Zeiger geht.
Es ist eine Kunst mit der Kunst.
Eine Kunst kultiviert, aber nicht gekünstelt zu sein.
Eine Kunst, die ich definitiv nicht mein Eigen nenne.

Eine andere Frage beschäftigt mich so sehr, so dass ich wieder verpasse, den Künstlern Applaus zu spenden: wenn ich hier sitze, in einem knallblauen Tshirt, mit aufgedruckter, knatschigen gelben Zitrone und normaler Jeans, umgeben von Mädels in Tanktop und Hotpants… ist das alles hier dann noch Kultur oder schon ein Happening?
Bin ich Opfer eines geschickt eingefädelten Hipsterkonglomerats geworden die die Klassikszene revolutionieren wollen?
Der Hipsterfreund des vor mir sitzenden Hipsternervsacks legt es zumindest nah. Zwar kennt er sich nicht mit einem Bügeleisen oder den Grundregeln von Kleidungsstils aus, aber immerhin er kennt das Stück.

Ich liege auf einer Wiese in Berlin Mitte.
Genauer gesagt auf der Wiese in Innenhof der Humboldt Universität Berlin.
Und mir ist klar… ein Frosch auf einem Baum wäre besser aufgehoben.

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