Die Grenzen des Sein

Menschen sind egoistische Rudeltiere.

Sagtest du. Ich schwieg.

Das Rudel brauchen wir nur, weil wir uns alleine verlieren. Ohne die spürbare Grenze anderer Menschen zerfließen wir mit unseren Gedanken und weichen auf. Das ertragen können die wenigsten.

Sagte ich später noch. Eine Antwort hörte ich schon nicht mehr, mein Kopf war bereits auf Reisen.

Wo, also wann, beginnt das eigentlich… dieses Ich. Dieses Ego.
Wie, also warum, haben wir das eigentlich… diese Identität. Dieses Individuum.
Und vor allem… wie kommen wir damit klar, jeden Tag erneut den Hochseilgarten zwischen Alleinig und Allgemein zu wandeln ohne zu stürzen?

Was ich so lapidar daher gesagt hatte, als Antwort auf eine stammtischphilosophische Diskussion, lässt mich seitdem nicht mehr los.

Was ist Identität, was ist Ego. Können wir ohne sein oder ist es vielleicht schlicht notwendig egoistisch zu sein, da wir gar nicht anders können?
„Wissenschaftlich“ gesprochen ist es recht klar, warum wir eine Identität ausbilden. Wir haben nunmal einen Körper, der mit einem Hirn verbunden ist und mit dem wir unsere Umgebung wahrnehmen. Wir sind, jetzt wieder eher unwissenschaftlich, quasi um unseren einen Blickpunkt herum aufgebaut. Ich kann mich nicht als Vogel wahrnehmen, denn dazu müsste ich den Körper eines Vogels haben.
Oder könnte ich doch? Wenn ich zum Beispiel gänzlich isoliert aufwachse. Nur großgezogen von Affen… halte ich mich dann nicht auch für einen? Da muss vermutlich nicht nur ich am Mogli denken. Aber was, wenn ich jemand bei Adlern aufwachsen lasse? Oder als Adler verkleideten Menschen. Und immer wieder sage ich ihm er sei ein Vogel…
Alberne Vorstellungen, gewiss. Aber dem liegt ja die Überlegung zugrunde, wie und warum wir unseren Ego bilden.
Schon früh erfahren wir, dass wir alleine sehr aufgeschmissen sind. Verständlich wäre es also dann doch, wenn wir aus dieser Erfahrung ableiten, Gemeinschaft sei notwendig und eine Art „hive mind“ (Schwarmintelligenz) wie bei Ameisen entwickelten. Das Wohl der Gemeinde als Grundkomponente unseres Seins. Doch da dem nicht so ist, stellt sich weiterhin die Frage, was genau dazu führt, dass wir uns als Person und nicht als Teil eines Personenkorpus definieren.

Wie fahre ich fort, wenn ich mitten in einer Überlegung abhanden komme und erst Wochen später vor einem mir seltsam fremden Text sitze? Das Gefühl und die Gedanken sind nicht direkt weg, aber doch ungenau und verwaschen. Es ist ein Segen, dass ich kein Autor sein will, sonst müsste ich mich nun in den alten Stil reindenken und zwingen.

Also. On verra. Weiter.

Ich; was für ein elementares Wort in unserer Sprache. So gut wie nie beziehen wir uns auf etwas, ohne uns selbst nicht vorher selbst zu definieren. „Ich mag niemand“. Und abgesehen von manch einem selbstverliebtem Geist scheint das auch soweit natürlich. Nicht irgend jemand anderes will das sagen, sondern ich. Ich allein.
Im Umkehrschluss könnte man auch sagen: dadurch dass ich jemand anderes wahrnehme und eine Grenze zwischen ihr/ihm/es und mir ziehe, muss ich eine eigene Person erzeugen.

Soweit also zur Notwendigkeit eines Ego.

Doch, wie mir hier plötzlich einfällt, ging es zu Beginn ja um eine andere Note in diesen Überlegungen.

Der Mensch ist ein egoistisches Rudeltier.
Das waren deine Worte. Vor Monaten. Und noch immer habe ich nicht viel mehr erklärt als mit dem pathetischen Spruch in Zeile 6 ff.

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