Von Einem, der auszog als er seines Lebens zufrieden ward (1)

Es war ein sonniger Tag, als er beschloss sein Leben, so wie es gerade war, müsse sich ändern. Nicht einer jener grauen, tristen, kalten und generell lebensverachtenden Tage, sondern ein echtes Prachtstück von Zeit. An solchen Tagen wurden Postkartenfotos geschossen; gingen Paare hinaus und stellten fest, dass sie sich noch immer liebten; wurden alte Knochen munter und Eltern einspannt genug um ihre Kinder den Unbillen des Monsters Mutter Natur auszusetzen. Vögel zwitscherten, dort wo sie sich zu zeigen pflegten, bis ihre Kehlen heiser wurden und die Menschen erfreuten sich beim gemütlichen Picknick daran.
Kurzum, es war ein Tag, an dem selbst Anwälte den Schlips lockerten und alles Leben Sinn zu ergeben schien.
Und genau an diesem Tag also beschloß er, sein Leben passe zu sehr zu ihm und das sei mit sofortiger Wirkung zu ändern.
Er ging zu seinem Kleiderschrank, öffnete ihn und sah nichts als geschmackvolle Kleidung, die genau seinem Stil entsprach, seine körperlichen Stärken betonte und die Schwächen weicher gestaltete. Er schloss den Schrank wortlos und warf den Koffer, den er schon zur Hand genommen hatte, ungefüllt und achtlos in eine Ecke.
Unschlüssig, im dicken Mantel seiner eigenen Gedanken nahezu unfähig zu klar umrissenen Handlungen, wankte er aus seinem Schlafzimmer und fand sich – ohne genau Erinnerung, wie er dorthin gekommen wäre – nach einer Weile in Zentrum seines Lebensraums wieder.
Seine Wohnung erschien ihm im warmen und bezaubernden Licht der funkelnden Sonne mit einem Mal fremd. Die stilvollen Holzmöbel, die bequeme Couch, die dezenten Dekorationen – welche das Interieur auf das exakt passende Maß füllten, damit es nicht zu voll und auch nicht spartanisch leer wirkte. All das nahm verzerrte Ausmaße an. Die Wände schienen sich in ihren warmen und freundlichen Mustern zu drehen und winden, als würden sie in der lauen Luft unerträgliche Schmerzen leiden. Das Glänzen der Politur auf dem Eichentisch verlor seine Behaglichkeit und Wohnlichkeit und nahm einen bedrohlich summenden Farbton an.
Und über Allem schwebte das leichte Plätschern des kleinen Zimmerbrunnens in seiner „japanischen Ecke“, dass jedoch immer weiter anschwoll und in alle Ritzen seiner luftigen, hellen Dreizimmerwohnung drang, bis es schien als würde sie überlaufen, ihn umschlingen und er in einem einzigen, wirbelnden Dröhnen die Toilette heruntergespült.
Immer weiter strömte das Wasser um ihn herum, wanderte seine Socken und Hosenbeine empor, waberte um seinen – trotz aller Joga-, Pilates- und anderen Trainingsstunden – leichten Bauchansatz, um schließlich gluckernd in seine Ohren, seine Nase und seine Augen einzudringen. Mit einem Mal umgab ihn Stille, einzig unterbrochen durch das leise Plätschern des Wassers über ihm am Deckenlüster.
Und schließlich, wie von Weitem, drang ein Brummen zu ihm durch. Leise, stetig, sanft und als es ihm gewahr wurde, schien es fast als ginge es von ihm aus. Genauer gesagt von seinem Schritt.
Er griff nach dem Brummen und indem er sein Mobiltelefon aus der Hosentasche zog, kehrte er – mit einem fast hörbaren, zumindest jedoch für ihn deutlich spürbaren Schnappen – in die Wirklichkeit, wie sie uns alle Abseits unserer Gedanken umgibt, zurück.

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