Meister der Ablenkung

Freitag Morgen Elf Uhr Fünfundfünfzig stehe ich am Bahngleis meiner Ubahn und warte auf den Zug. In fünf Minuten habe ich einen Termin, wie mir ein kleiner, wacher Teil meines Gehirns mitteilt, doch für den Rest meines Geistes ist Alles immer noch ein Aufwachen und damit eine ganze Traumwelt weit weg. Mein Körper hat noch den Abdruck der Matratze im Gefühl, der zurückgekehrte Winter noch nicht gänzlich die Wärme der Bettdecke vertrieben und ich stehe mit einem mehr schlecht als recht sitzendem Wrack von Frisur in der letzten Leere, kurz bevor die Massen der hungrigen Mittagspausierenden aus den stumpfen Bürogebäuden ausgespuckt werden.
Entsprechend meiner Verfassung lasse ich meine Augen ziellos umherwandern und schon bald sehe ich keine Konturen mehr, sondern mit jenem unscharfen Blick den jeder Brillenträger kennt. Jene Art von schauen, die für 3D-Bilderbücher benötigt ist – wo wir mit ihr kämpfen – und die bei exessiver Müdigkeit eintritt – ganz egal ob wir das wollen.
Ich muss kurz komplett weggetreten sein, denn mit einem Mal wird mir bewusst, dass ich nun schon eine Weile auf den schwarz-weiss marmotisierten Boden starre. Ich kann nicht genau bestimmen wann ich anfing dorthin zu starren, noch wie mein Blick dorthin gewandert ist; dazwischen ist eine Lücke, gefüllt mit wattiger, klebriger Unbestimmtheit.
Ich befinde mich in jenem Schwebezustand zwischen Wachsein und Abwesenheit, in dem meine Gedanken eine unrealistische Schärfe erreichen, mein Körper jedoch nicht mehr als eine flüchtige Erinnerung ist und mir wird mit einem Mal deutlich, was meine Augen mir zeigen:
Der Boden unter mir atmet, pulsiert und scheint sich wegen irgendwelcher Schmerzen zu winden. Ich stehe im Schacht einer Ubahn und unter mir räkelt sich das Gestein – welches Menschen vor mir zerschnitten, gesprengt, transportiert und in einer anderen Form wieder zusammengestückelt haben – und es lebt mehr als ich. Es atmet und lebt in einem derart starken Puls, dass es mich durch die gesamten Schichten meiner Gedankenwelten erbeben lässt, packt und aus meiner körperlichen Hülle hinausschleudert.
„Was ist Leben? Wie lebe ich? Lebe ich überhaupt?“ fragt Etwas, dort angekommen, unbestimmt in Fleischlichkeit, einzig definiert über die zarte Bindung  der Gedanken an eine weit entfernte Puppe.
„Ist das mein Leben? Bin ich der den ich lebe?“ denkt Etwas und die Bindung wird zu einem schmalen Pfad, während rings um mich her eine stille Schwärze lauert.

Ist es mein Leben, welches ich lebe? Eine sehr interessante Frage. Auch wenn du sie dir nicht das erste Mal stellst. Interessant auch deshalb, weil du einer Antwort noch immer nicht näher gekommen bist, wie ich annehmen darf. Nicht? War zu vermuten. Es würde mich auch überraschen, wenn du…

Während er mit sich selbst in eine uralte Diskussion einsteigt, schlüpft er unbemerkt aus sich heraus und geht den schmalen Pfad entlang, weg von dem Streit. Immer weiter läuft er, bis er sicher ist, dass sie ihn nicht mehr bemerken. Da hält er auf einmal inne, schaut zurück in die Richtung in der sie verweilen, lässt seinen Blick an dem Weg entlanggleiten. Wie er auf ihn zukommt, unter ihm entlangläuft und in der anderen Richtung im Nichts verschwindet. Dort wo jene – vage erinnerte – Hülle hätte sein sollen erstreckte sich nichts außer einer dämmrigen, grauen Ungewissheit. Unsicherheit verzerrt sein Gesicht, als er Hin und Her schaut auf jenem Pfad. Unsicherheit macht sich in seinem Herzen breit, breitet sich in ihm aus, raubt ihm die Kraft und hätte er einen Körper gehabt: er wäre erschöpft zusammengebrochen. So blieb er eine Weile, unbewegt und formlos, bis er letztlich einen Entschluss fasste und zurücklief.

Dämmrige, graue Ungewissheit Nichts als diese ewige Suppe um mich herum und nichts verändert sich Müsste ich nicht schon längst angekommen sein bei Ja schon lang müsste ich daran vorbeigegangen sein Wo sind sie nur Und wieso verändert sich nichts in dieser elengen, dämmrigen widerlich grauen beschissenen Ungewissheit?

Später, als ich wieder zu mir kam und jenen dumpfen Zustand brütenden Gleichklangs hinter mir ließ, fand ich mich in einem riesigen Gewölbe wieder. Der Weg unter mir war, sehr zu meinem Schrecken, verschwunden und ich zuckte innerlich zusammen. Mein Magen rutschte mir in den Hals, als das Gefühl des Fallens einsetzte, ich schloß die Augen und ergab mich meinem Schicksal. Als nach einer Weile nichts passierte, öffnete ich die Augen vorsichtig und stellte fest, dass ich weiterhin fest stand. Der Pfad… er war noch da! Er war lediglich unsichtbar oder doch zumindest durchsichtig. Erleichtert ließ ich mich sinken – nur kurz verblüfft darüber meinen Körper wahrzunehmen – und atmete tief durch.

Während ich dort saß, noch immer befangen von dem unangenehmen, nicht abzuschüttelnden Gefühl im Nichts zu schweben, fiel mir auf, dass um mich herum Fackeln brannten. Unzählige vin ihnen säumten jeden Winkel des Gewölbes, und nachdem es mir erst einmal bewusst wurde stellte ich fest, dass sie überall waren. Ich war umgeben von flackerndem Licht, die letzten so weit entfernt, dass sie sich am Horizont zu treffen schienen. Noch während ich zu begreifen suchte, was um mich herum geschah, fiel mir auf, dass zu jeder Fackel ein kleiner Gang gehörte, welcher sich hinter dem Licht in eine kaum wahrzunehmende Dunkelheit wand.

Mein Weg, so wusste ich mit untrüglichen Gewissheit – jene die einen von Zeit zu Zeit ohne Vorwarnung überkommt – lag in exakt EINEM dieser Gänge. Doch in welchem, hierbei half jenes Gefühl nicht, dass – ähnlich einem Frühlingsduft – bereits verschwunden war und mich in meiner Unschlüssigkeit allein ließ. Ich starrte, grübelte, verharrte, lief auf und ab – denn schienbar war ich doch nicht zum Stillstand verdammt – und verharrte erneut, starrte erneut und grübelte weiter. Das Licht der Fackeln schien zuzunehmen, die einzelnen Lichtpunkte in der Ferne verschwammen zu einem wabernden orangeroten Leuchten und noch immer hatte ich nicht den Hauch einer Ahnung, wohin ich mich wenden sollte.

Verzweiflung rollte in einem rauschenden Grollen heran, umspülte mich und riss mich mit sich fort. Ich wirbelte herum, rang nach Luft, schrie lautlos und rang mit den Wellen. Sie drang in meine Lungen ein, umnebelte meinen Geist und erstickte meine Stimme. Sie war überall und ich.. ich verschwand.

Stille. Schwarze, kalte Stille. Stille in einem Ozean an fernen, unbekannten Ufern.
Ein Lichtpunk segelt herab und verlischt, noch bevor er begriffen werden kann. Noch einer folgt, verschwindet – ohne zu existieren – und entsteht erneut.
Ein ständiger Akt von Tod und Wiedergeburt, getanzt in völliger Stille.
Wasser brandet über stille Ufer ferner, unbekannter Ozeane und verrinnt lautlos im weißen Sand.

Wir sehen ihn, auf dem Pfad der keiner zu sein scheint.
Er steht dort, reglos und nahezu leblos.
Er öffnet die Augen, blicklos und entrückt.
Sein Mund öffnet sich, mechanisch und krotesk.
„Welchen Unterschied macht es also?“
Wir
hören ihn, als der Pfad in unzähligen Splittern zerspringt.
Er fällt, reglos und nahezu leblos.
Er schließt die Augen, blicklos und nahezu leblos.
Sein Mund schließt sich, mechanisch und krotekst.

„…zurückbleiben bitte!“ dröhnt es mir in die Ohren, begleitet vom widerlichen Tuten, dass Fahrgäste darauf hinweist das die Türen der Ubahn schließen. Ich starrte weiterhin stumpf auf den reglosen Boden.

Freitag Morgen Elf Uhr Sechsundfünfzig stehe ich am Bahngleis meiner Ubahn und warte auf den nächsten Zug.

Ein Kommentar zu “Meister der Ablenkung

  1. Ist es mein Leben, welches ich lebe… das ist eine von den Fragen, mit dem sich so ein Hirnforscher sehr intensiv beschäftigt. Gott, wenn mir sein Name einfallen würde. Total interessant. Wird dir gefallen. Diese Avatarthese ist auch gar nicht abwegig. Ich werde versuchen es rauszufinden. DU musst über ihn mehr wissen 🙂
    Schöner Beitrag übrigens…

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