Nebensätzliche Tribute

Es ist dann doch eine lange, lange Nacht geworden. Dabei hatte er sich erneut geschworen es nicht zu übertreiben, da sein Wochenende lang und fordernd sein würde.
So lang war die Nacht, dass er an den Punkt gelangt war an dem er, trotz seines Verzichts auf Alkohol, wie benebelt durch die morgendlichen Gassen wankte um nun, halb blind, aus dem Fenster der Bahn zu starren. Sein Kinn ruhte dabei in seinem Handballen und immer wenn er ausatmete, glomm die dumpfe Erinnerung eines Kitzeln in seinem schlafhungrigen Hirn auf.
Die Sonne stand trotz der frühen Morgenstunde bereits warm am Himmel; Wärme überzog ihn wie eine wohlige Decke. Außerhalb des Zuges strich die, mit Lebendigkeit explodierende, Landschaft vorbei, ganz so als sänge alles ein Liebeslied an den Frühling und tanze dazu einen, ihm leicht unverständlichen, Reigen.
Er schloss die Augen, während seine Gedanken den verschlungenen Pfaden eines übermüdeten Gehirns folgten und genoss die Schwere, die seinen Körper erfasste und in die sanften Tiefen eines Schlummers ziehen wollte.
Mit einem Mal stand in riesigen, kalt funkelnden Buchstaben „Dystopie“ vor seinem Inneren Auge. Sein Verstand schreckte davor zurück als hätte er sich verbrannt, nun wieder wesentlich wacher; seine Augen flatterten auf.
Was er sah, hatte nicht mehr viel Ähnlichkeit mit der bunten und lauten Lebendigkeit dessen, was noch – wenn er sich darauf konzentrierte – undeutlich hinter den Dingen zu erkennen blieb. Schnee bedeckte verwitterte Ruinen vergangener Tage, Eis spiegelte sich in den Knospen sterbender Hoffnung und ein höhnischer Wind sang in den gähnenden Löchern gesprungener Träume. Eine Welt die untergegangen war hatte, schon so lange er denken konnte, eine unheimliche Faszination auf ihn ausgeübt. In einer Version der Realität, die gescheitert war und dennoch weiterging gab es für ihn etwas, dass sein innerstes Sein ansprang und sich in seinem Wesen festgekrallt hatte wie ein Löwe, der seine Beute riss.
Lange hatte er nicht begriffen; nicht verstehen wollen, was diese Faszination ausmachte und unbeschwert die Einsamkeit verlorener Zivilisationen und Zugrunde gegangener Welten genossen, sich in der Einsamkeit des letzten Menschen auf diesem Planeten gespiegelt, während um ihn herum der Verfall seinen Anteil an der Realität forderte.
Doch nun, in der Diskrepanz zwischen ihn umgebenden Frühling und inneren Winter, erkannte er diesen tiefen, ureigenen Wunsch sich wiederzufinden in dem was ihn umgab und nicht mehr in einer anderen Welt zu existieren, die ihm niemals wirklich einen Platz bieten konnte, wenn sie nicht – so wie er – an sich selbst scheiterte. Sich selbst bereinigte um anschließend, gelöst vom Ballast ihrer eigenen Vergangenheit, an einer befreienden Wegschneide zu stehen und die Wahl zu haben: in ewigem Winter zu schlafen bis die Kälte und Schwere alle Spuren seines Selbst ausgelöscht hatte oder aufwachen und neu zu gestalten was er selbst sein wollte.

Es war eine lange Nacht gewesen. Länger als er es sich hätte leisten wollen. Doch während er im letzten Moment aus der dösenden Träumerei erwachte, um an seiner Station auszusehen, wusste er, dass er diese Nacht, diesen Morgen und die Sonnenstrahlen in seiner Dystopie wieder und wieder sehen wollte.

Für Alex

6 Kommentare zu “Nebensätzliche Tribute

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