Warum Tinder Zeitverschwendung ist

Zuerst muss es raus: ja, ich nutze es. Ich bin einer dieser unglaublichen, oberflächlichen, notgeilen YOLO-Kerle, der sich des „Wisch und weg verliebens“ bedient.  Only… I am not.

Tinder, dass ist in der Grundidee schon nicht ganz verkehrt. Zuerst siebe ich aus was mir beim angucken der bis zu 6 Bilder nicht gefällt und in den tiefgründigen 600, Zeichen die zur Verfügung stehen, etwas sagt was mich abschreckt.
Ich bin kein Mensch, der sich seiner Oberflächlichkeit verwehrt.  Mal ganz ehrlich… Oberfläche ist wichtig! Nicht das wichtigste auf diesem Planeten,  nicht einmal besonders ausschlaggebend für das funktionieren eines guten Miteinanders, aber keineswegs unwichtig. Zumindest für mich nicht. Was nicht heißt, dass ich oberflächlich bin. Aber ich HABE Oberfläche und ich nehme anderer Menschen Oberfläche wahr. Dort nicht stehen zu bleiben ist die Kunst. Aber wenn ich es mir aussuchen kann (und das kann ich nun mal Dank der Bestrebungen unserer Vorfahren), dann wähle ich etwas, das ich auch anschauen kann ohne mich ablenken zu müssen.

Aber allein in dieser Reduktion auf eine Handvoll Bilder und einen Brocken Informationen kommt schon das erste Problem zum tragen.  Noch viel stärker als im „vis-a-vis“ Kontakt ist das Heitei von Tinder geprägt durch Konstruktion. Wir bauen wer wir sind. Kein einziges meiner Bilder ist zufällig. Nicht ein Wort in meiner Beschreibung (die immer wieder wechselt, je nachdem was mein Ego gerade hergibt) ist unüberlegt hingeschrieben. Ich bastele seit einiger Zeit daran, es ist ein kleines geliebtes Wesen geworden,  denn ich so manche Stunde Aufmerksamkeit gegeben habe. Und es wächst und gedeiht so vor sich hin, ganz zufällig und total spontan natürlich.

Durch die Vermeidung von Kontakt bevor beide Seiten Interesse bekunden sollte ja eigentlich vermieden sein, dass Menschen in Kontakt kommen, die keine Lust auf miteinander sprechen haben. Aber hier haben die Entwickler von Tinder nicht mit dem Phänomen Mann gerechnet. Das erste bei einem Kontakt (oder auch tinderisch „Match“) ist somit, sich sorgsam beschnuppern zu lassen, stets darauf bedacht, nicht in Schubladen gesteckt zu werden die mir allerdings eh nicht passen. Ich bin kein Freund des kurzen Vergnügens undOne Night Stands ergeben für mich keinen Sinn, denn was gefällt möchte ich doch in der Regel wiederholen. Whatever, so sei es eben. Über den Tanz mit dem „einlassen und klar sein“ habe ich mich ja schon an anderer Stelle ausgelassen.

Es ist lästig, sich jetzt über die einzelnen Schritte auslassen… rumschreiben, interessant wirken, sich rar machen, mit der Antwort warten, dann vielleicht irgendwann doch ein erstes Treffen, dann weiterschreiben,  dann blablabla. Wir kennen das an dem Punkt vermutlich alle, gedatet hat jeder schon (und wenn nicht, dann ist weiterlesen eh sehr überflüssig).

Was macht Tinder also, der Titel war ja schon ein Versprechen,  zur Zeitverschwendung. Nun, das ist eigentlich recht simpel:

Sucht.

Tinder ist schnell. Es spielt uns vor, immer neue Menschen in unmittelbarer Nähe haben zu können; immer noch was Besseres finden zu können und mit einem Wisch, einem Klick oder Nasenschnauben das lästige Alte loszuwerden. Und unter uns… es gibt viele schöne Menschen. Immer wieder findet sich ein Profil, das reizt und Lust auf neuen Kontakt macht.
Aber was wenn ich dort anhalte?! Was, wenn Mister/Miss 100% erst noch kommt? Und danach Mister/Miss 101%?! Die Suche nach Betty Blue.

Tinder ist wie ein Spiel, in dem wir uns selbst des Spielziels berauben.  Als Genre beschrieben wäre das „Sandboxdating“, daten ohne Grenzen. Und auch wenn das manchen Menschen am Computer Spaß macht (man schlage im Internet die Worte „sandbox game“ oder „idle game“ nach), ist für mich das Ganze sinnbefreit. Wie machen den ganzen Shit um Kontakte zu knüpfen,  die wir nicht haben wollen weil was anderes lockt. Da kann ich auch nichts unternehmen und bin vermutlich gleichauf.

Was vermutlich auch die meisten kennen: die ganze Scheiße ist Streß! Der Balanceakt, den man geht um zu gefallen, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ego, der Kampf um Souveränität undundund. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass es eine Begleiterscheinung von dating ist,  sich selbst zu hinterfragen. Und das tut einem Tinder ständig an. Seit der Überwachungsstaat die Ausrede des verbundenen Menschen gefunden hat, sind wir alle zu kleinen Spitzeln geworden. Es ist fast ein Wunder, dass der Online-Status diverser Programme (wie zum Beispiel Tinder) nicht bereits die Kamera anzapfen und Beweisfotos machen kann, aber mit zuletzt online und „hat gelesen und befunden nicht zu antworten, denk man drüber nach“ sind wir auf gutem Wege.

Doch wenn wir einmal, alle  Statistiken, Vermutungen und Überzeugungen weglassen… wie sind sich Tinderpaare ihrer selbst sicher?  Zeremonielle Löschung beider Accounts? Das Versprechen des Verzichts? „Das ist schon okay“?

Tinder ist nicht per se  Zeitverschwendung. Es ist nicht einmal wirklich zu verurteilen. Es hat ein riesiges Potential, entspannte Kontakte zu erzeugen und sogar Beziehungen, die einem modernen und lockerem Miteinander entsprechen könnten. Das Problem ist nur, dass meiner Vermutung nach die wenigsten Menschen dort wissen was sie im Ansatz wollen und daher den Menschen, denen sie begegnen von vornherein keine Chance geben. Und in dieser Ungewissheit überspitzt sich die Abneigung zu alten und überdauerten Formen von Beziehung (z.b. Partnerschaft weil es muß) derart, dass jegliche Bemühung nur im gelegentlichen Sex enden DARF.

Da bin ich allerdings nicht scharf drauf. Klar mach ich das mit. Sex ist nicht zu verachten, besonders wenn es Spaß macht. Aber es ist halt Zeitverschwendung, wenn nichts folgen kann. Und auch wenn ich gerne mal Zeit vergeude… beim Thema „Liebe“ ist mir das schnell zu langweilig. Tinder kann etwas sein, was seine Benutzer allerdings nicht hingekommen, denn dafür fehlt ihnen vor allem eines: „Vertrauen“.

20 Kommentare zu “Warum Tinder Zeitverschwendung ist

  1. Gut, Dein Artikel ist schon etwas älter, ungefähr um die Zeit entstanden, als ich Tinder grad gelöscht hab und….auf eine andere Plattform umgesattelt bin 😉 …Ich denke auch, dass man im Netz ebenso wie im Real Life dieselben Chancen hat, jemanden zu treffen. Öfter wurde ich dazu schon gefragt : „Warum machst Du das?“ (bin eher 39+) …und meine Antwort war, dass ich es als eine von vielen Möglichkeiten sehe. Die Dates selbst haben mich immer dichter an meinen Kern gebracht, sozusagen als ständiges infragestellen, was ich eigentlich will. Ist ja nicht wirklich einfach…aber effektiv, wenn man von der Spinatrolle bis zum PS-Gott so einiges ausprobiert *grins
    Also absolut keine Zeitverschwendung kann ich bestätigen.
    Danke für Deinen wirklich locker-leicht zu lesenden Beitrag und Dir noch viel Glück und liebe Grüße

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    • Ach Tinder. Das liegt ja nun schon zwei leben hinter mir. 😀 aich ne andere Plattform. Aber das Thema bleibt. Und schön zu lesen, dass es dir da auch so ging. „Näher an den eigenen Kern“. Schöne Worte. Danke

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      • …Du bist aber schnell mit Deinen Leben *lach und dabei erschienst Du so jung *grins…ich fang grad mal das fünfte an und meine das nicht beziehungstechnisch…da wird sich i-wann mal ein BUMMM ergeben und bis dahin…jage ich 😉

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      • Ich jage nicht, dafür bin ich zu verkopft. Aber ich richte es so ein, dass dem BUMM mehr Möglichkeiten offenstehen. 😉

        Ich lebe im Moment in etwa meist für eine Woche. Dann beginnt ein Neues. Mehr oder weniger.
        Tabula Rasa hatte ich aber nun auch schon. .. mh… 3 mal. Trotz jung. 😛

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      • Jagen kann man nur mit Köpfchen …Verstand behalten, wenns brenzlig wird, bin sonst zu schnell im Gefühl, nicht gut.

        Jeweils eine (!!!) Woche wow…also über nen Monat darf sich das schon bei mir hinziehen *grins …Ältere genießen eben mehr *rofl….

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      • Dann weißt Du nicht, was HSP ist ;-P …auf den Rezeptorenkram gemünzt…nicht nur, dass meine mehr als sehr gut funktionieren und ich natürlich eine Hedonistin bin, zusätzlich hab ich das große Glück, dass sämtliche Reize ungefiltert im Hirn ankommen…Dein Leben ist spontan, meines ist bunt und deshalb etwas wählerisch *lach

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      • Tatsächlich sage mir HSP jetzt so in der Abkürzung nichts.
        Hedonistisch ist nicht gleich hedonistisch.
        Beispielsweise hasse ich diese gesamten YOLO Hashtag whatever Wichser. Hashtags sind die Krätze unser Gesellschaft. Und Hedonismus wird leider zu oft mit „nehmen was ich will“ gleichgesetzt.

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      • Hsp = Highly Sensitive Person (bezieht sich auf sämtliche Wahrnehmungskanäle, also auch Gefühle) und hedonistisch meinte ich in bezug darauf, dass mir ein Salatblatt nicht genügt, ich also durchaus ein 3-Gänge Menü genießen kann. Mit dem, was Du da beschrieben hast in puncto Hass, kann ich wiederum nichts anfangen (ok, ja ich weiß, was hashtags sind, aber das wars auch schon)…

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      • Das ist eben nur ein winzige teil von Hedonismus. Aber egal 😉

        YOLO : YOU ONLY LIVE ONCE. Eine in unserer Gesellschaft gängig gewordene Ausrede um sein Leben mit Party und Exzess zu füllen. Die Vereinfachung von Hedonismus auf „nimm! Genieße! Denk nur an sich und gehe dabei über alles“. So mehr oder weniger. Eben diese affigen Partymenschen, deren Welt sich um sie selbst dreht als den Megastar.

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  2. Reinste Zeitverschwendung!
    Nicht nur das. Es traegt, wie alle „Internet-Partnersuch-Applikationen“ zur Verbloedung von Menschen und zur Degeneration bei!

    Eine schöne Frau muss man erobern und Sie will erobert werden…Man sieht sie zwar auf dem Bildschirm, jedoch bekommt man unter Umständen keine Chance Kontakt zu knüpfen, da aus irgendwelchen oberflächlichen, statischen oder gar technischen Gründen sie nicht auf den richtigen Knopf drueckt. Die zweite Chance, wie in der realen Welt, bekommt man erst gar nicht. Der „Jagdtrieb“ geht verloren. Zurück bleiben degenerierte Schwuchteln von ehemaligen Maennern die sich schminken und ihre Zeit vor dem Handy und Computer totschlagen und dabei traeumen und verdummen. Von den ganzen technischen Manipulationen wie „Fakes“, um Abos und „Like-Kaeufe“ abzukassieren oder Nutten, will ich gar nicht anfangen…Wer sich vermitteln lassen will, sollte einen guten Freund fragen, der ihn auf eine Party mitnimmt oder 5x hintereinander ins gleiche Restaurant/Kino/Friseur.. gehen, wo seine „Superlike“-Frau arbeitet, aber vor allem diesen virtuellen Schwachsinn aufgeben…

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  3. Ich bin da mittlerweile sehr abgeklärt. Du kannst online das gleiche haben wie du es auch im realen Leben haben kannst. Ich sehe da mittlerweile keine großen Unterschied mehr. Bei nahe jeder Single ist auch online auf irgendeiner Plattform angemeldet.
    Was ich in meinem bisherigen Singledasein gelernt habe ist, dass sich irgendwie grundsätzlich die Einstellung zu dem Thema Beziehung und Partnerschaft sehr verändert hat. Manchmal hab ich das Gefühl, dass es nur noch zwei extreme gibt. Die, die es locker angehen wollen und sich nicht festlegen wollen und dann noch die, die einen am liebsten direkt heiraten wollen.
    Und da sind wir beim Vorteil von tinder usw. , denn sowas kann man online im vorab besser kommunizieren. Man kann besser die Spreu vom Weizen trennen. ^^
    Außerdem finde ich, dass kaum etwas, dass mit menschen kennen lernen zu tun hat zeitverschwendung ist. Solange man aus allem das beste macht. 😉

    So, mein wirrer Senf dazu.

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    • Na mist. Langer Kommentar verschwunden….

      Ich sehe in der Abgeklärtheit das Grundproblem. Wir wollen uns zu gut auskennen in einem Thema, wo wir bestenfalls gut raten können. Durch die Abgeklärtheit wird dann jedoch alles langweilig. Entweder zu wenig oder zu viel… eben nicht perfekt.

      Fehler machen! Das muss wieder in sein. Mein letzter „Fehler“ ging ein Jahr und war super. Für mich und sie.

      Mit den zwei Extremen stimme ich dir bedingt zu. Deine Zweiteilung setzt voraus, dass Menschen wissen was sie wollen. Und aus dieser Unwissenheit ordnen sie sich meiner Meinung nach diesem zwei gängigen Modellen zu. Der Rest braucht ja eine echte und eigene Meinung. Uncooooool.;-)

      „Time well wasted is not time wasted“ sagt man im englischen und ich LIEBE Zeitverschwendung! Ich verwende manchmal einfach gerne provokante Formulierungen, es ist mir also bewusst, dass ich den Begriff mit einer anderen Bedeutung verwende als allgemein damit verbunden ist. Denn ich kann mir den Luxus leisten Zeit zu verschwenden. Einfach an mir vorbeifließen zu lassen und nicht einmal hinterherwinken.

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  4. Ah! Da ist ja das Pendant zu meinem Artikel. 😉 Ich gebe Dir damit auf jeden Fall recht… nur könnte man den Artikel auch „Daten ist Zeitverschwendung“ nennen… denn wo die Kontakte entstehen ist derzeit doch egal. Viele die Du offline kennenlernst haben dazu noch ein online Leben und andersherum genauso. 😉

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  5. Hey, ich kann deine Gedanken zu Tinder absolut unterstreichen. Du sprichst einfach genau das aus, was es ist und was das grundsätzliche Problem daran ist. Sich selbst ständig zu hinterfragen, auf Miss 101% zu warten, sich nicht mit der Person zufrieden geben, die dich evtl. glücklich machen kann, du aber die ganze Zeit im Hinterkopf hast, vielleicht wartet da doch eine noch Bessere, noch Schönere. Langfristig glücklich werden? Das auf Tinder oder anderen Datingapps zu finden mag wohl sehr naiv sein…
    Cooler Schreibstil! 🙂

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      • Ja mag sein, vielleicht ist das dann auch nur der Türöffner zu einer größeren Chance, die Richtige zu finden, aber ich rechne den Beziehungen, die aus dem Kennenlernen in der echten Welt resultieren eine größere Chance zu 🙂

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      • Weil du so viel leichter mit den Menschen um dich herum in Kontakt kommst? Weil die Person, mit der du „mehr Chancen“ hast genau wie du gerade in dem Moment zufällig in Flirtlaune ist? Weil sie nicht vor einer halben Stunde erst in einer völlig überfüllten Bahn war und genervt ist von jedem der sie auch nur anschaut?

        Im Leben gibt es immer Chancen und Risiken. Das Netz ersetzt einige des real-haptischen Lebens, das real-digitale Leben hingegen hat andere Nachteile. Eine Gewichtung finde ich hierbei fehl am Platz. Die kommt aus der Tradition und was Tradition bewirkt… da frag mal die Kirche oder so.

        Indem wir sozialisieren, dass das Netz nicht real und weniger wert ist, ist es eine logische Folge, den daraus folgenden Beziehungen weniger Wert zuzurechnen.

        Abgesehen davon nimmst du vermutlich die besten Voraussetzungen im RealLife und sie schlechtesten im DigitalLife an. Kennenlernen auf der Tanzfläche hat auch meist keine lange Lebensdauer. ElitePartner scheinbar schon.

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