Was du nie hören wirst

„Vorsicht! ich hab‘ Lust mich zu verlieben, so richtig.“

Ich hab‘ keine Ahnung mehr, wie dein Gesicht ausgesehen hat. Ich glaube du warst blond und nicht schlecht gebaut. Ganz so wie es sein soll in dieser Welt, die auf Perfektion aus ist. Ganz so, wie es mir gefallen könnte. Aber ein Detail stimmte bestimmt nicht… vermutlich so etwas unwichtiges wie die Haare, denn alles was ich im Kopf habe sind diese Worte. Es ist fast so, als könnte ich mir nur eines merken. Wie du aussiehst, oder wie du bist. Entweder sprichst du mein Hirn oder meine Augen an. Beides zusammen… das hat nicht geklappt. Wie es scheint. Bei mir zumindest.

„Vorsicht“ hast du gesagt, als wäre es ein Verbrechen, diesen Wunsch zu haben. Zumindest ihn auszusprechen. Als wäre es die Pest, Gefühle zu haben und diese auch noch nach außen mitzuteilen. Eine Aussätzige, die ihre widerliche Galle in die gepuderten Gesichter der Aristorkatie speit. Du hast dein Puder abgenommen und zeigst allen die Eiterbeulen darunter, denn wenn ich hinschaue, sehe ich die vergilbten Rüschen an deinen Unterröcken und die zerlotterte Perücke weist auf längst vergangene Tage in Schlössern bei Kapern und Schaumwein. Du warst, wer sie sind und hast doch die Krankheit in dir erkannt, hast dich ihr geöffnet und nun suchst du jene, die mit dir aus dem falschen, heuchlerischen Traum eines vergnügten Nachmittags mit Cnapés im Rosengarten aufwacht.

„ich hab‘ Lust“, so lässig und unverfänglich wie ein Siebzigjähriger vor seiner jugendlichen Nichte über seine Jugend spricht, zeigst du dein Gesicht unter der Floskel. Nicht „mal eben“ soll es sein. Du hast Lust und nicht „Alles kann, nichts muss“. Nein. Du hast Lust und das sagst du. Es muss! Du zeigst mir den Schimmer eines lodernden Feuers unter deinen Worten, die gnadenlose Hitze, mit der du explodieren willst, sobald jemand den Schlüssel findet. Lust. Nicht mit ein wenig Motivation wird es passieren, sondern mit all deiner Kraft, all der lodernden Leidenschaft und dem verschlingenden Eifer den du aus deinem Hirn, deinem Körper und deiner Seele quetschen kannst.

Mit deinem „mich zu verlieben“ wirfst du dich in die einzige Schale, die dir dein Leben retten kann. Du bist vor eine Meute hungernder Tiere gefallen und alle wollen dein Fleisch reissen. Doch du weichst nicht zurück, ziehst dir nicht ihren Pelz an und frisst mit an deinen eigenen Eingeweiden. Du bist nicht der sechste Affe aus diesem Experiment mit der Treppe und der Banane, der seine Kameraden verdrischt ohne zu wissen um was es geht. Du weisst um was es dir geht. Du willst dich verlieben. Einfach so. Ohne Erklärungen. Und einen besseren Schutz vor den Hyänen wirst du niemals finden. Liebe sollte nicht rot, sondern grün sein. Dann könnten wir es umbenennen in Kryptonit und endlich wäre die Ausrede gefunden, warum es so gemieden wird.

Vor allem soll es „so richtig“ sein. Nicht nur ein wenig. Sondern volle Kanne. Komplett und völlig. Das ist doch total idiotisch! Niemand sollte das wollen! Denk‘ doch mal an die Gefahr, der du dich aussetzt. So komplett? Also auch auf mit dem Risiko verletzt zu werden? Hör‘ dir doch mal zu! Sowas macht man doch vielleicht mit Siebzehn, wenn man noch unerfahren ist. Du müsstest es doch besser wissen. Das endet schlecht, das garantiere ich dir! Bestimmt. Muss so sein. Womit sonst habe ich meine Zeit zugebracht? Mit Zeitweschwendung? Mit dem Gedanken an Schicksal? Das wäre ja lachhaft! Ja, es ist Frühling, aber willst du wirklich so aus dir ausbrechen? Bedenk doch, was du zurücklassen könntest. Bestimmt endest du nachher als Trauerkloß und niemand wird dir beistehen. Und wer garantiert, dass du überhaupt verstanden wirst, wenn du dich hinstellst und das einfach so sagst?

Ich weiss nicht mehr, wie dein Gesicht aussieht, vielleicht habe ich dich auch nur geträumt. Aber deine Worte hallen ohne Stimme in meinem Kopf wieder und rütteln an den Festen meiner Gedanken. Ich will mit dir ausbrechen, mit dir explodieren und den Sprung wagen.

Denn ich will mich auch verlieben.
So richtig.

Weil der Rest einfach nicht das Gleiche ist und niemals sein kann. Wir können uns etwas vormachen und weitergehen. Wir können uns anschauen oder uns einen Orgasmus vortäuschen. Aber wir können uns nicht erkennen und aneinander vorbeigehen ohne ein Stück unserer Seele zu verlieren. Aber da wir uns jetzt noch nicht kennen, lass uns üben. Lass uns der Welt unsere Lust entgegenwerfen und diejenigen aussortieren, die alles können, aber nichts müssen. Denn wir müssen, wenn wir nicht verenden wollen und als abgenagte Gerippe für die Geier enden wollen, die eigentlich Menschen sein wollten, aber unterwegs die Kraft verloren haben.

Ich vermisse das Gefühl, einfach loszulaufen und über die Klippe zu springen. Immer sind wier angeschnallt, gesichert und in sicherer Höhe. Aber das ist mir nicht genug. Ich bin bereit. Werde es sein, wann immer es sich ergibt. Bis dahin lass uns leben als wäre die Welt ein Geheimnis, dass nur du und ich teilen. Etwas, dass uns darauf vorbereitet die zu sein, die wir dann sind und sein müssen. Wir werden uns treffen: irgendwo, irgendwann. Und dann werden wir uns an den Händen halten, während wir die Fallschirme von uns schleudern und aus dem Flugzeug springen. Denn ich will mich verlieben. Dumm, komplett, mit all meinem Wesen. Als eine krankhafte Sucht, die meine Gedanken zerfetzt und mein Innerstes auffrisst. Das meine Gedanken wegwischt und nichts als besinnungslose Besessenheit zulässt. Auch wenn uns das aussehen lässt als wären wir Junkies die ihrer Bedürftigkeit unterliegen, so bleibt uns doch keine andere Wahl als zu sagen: JA! Das ist es! Denn wir wollen es nicht anders.

Es ist wirklich ein Jammer, dass du das nie hören wirst.
Denn ich hab schon ordentlich Lust drauf.

Ein Kommentar zu “Was du nie hören wirst

  1. So richtig, das wärs mal… weil halb ist halt nur halb. So richtig, jetzt und sofort.
    Ich hab meistens nur halb. Auch wenn ich um jeden halben, jedes viertel so kämpfe, mich so hineinsteigere, als ob es mein ganz wäre. Weil ich das richtig so sehr will.
    Ich hoffe es kommt mal daher. Auch wenn ich schon hart am Aufgeben bin.

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