Drei Uhr Siebenundfünfzig

Es muss so kurz vor Vier gewesen sein. Vielleicht 3:57. Vermutlich sogar. Eigentlich sogar ziemlich sicher, denn ich hab genau da auf die Uhr geschaut. Wie eigentlich schon seit einer Stunde ständig mein Blick auf die rechte untere Ecke des Bildschirms wanderte und ich einen inneren Kampf mit der Zeit führte. Warum genau ich nicht schlafen gehen wollte… wer weiss das schon. Ich zumindest nicht. Null Plan weshalb ich hier noch saß, gefangen zwischen der inneren Unruhe und der bleiernen Schwere, die meinen Körper seit Stunden ins Bett schleifen will. Es ist häufiger geworden. Dieses sitzen und ringen. Lange war es besser, fast komplett weg. Die Nacht ist mein Spielplatz und die Stunden nach Mitternacht meine Meditation. Eigentlich. Bis vor einer Weile. Wann genau hat sich das geändert? Keine Ahnung, ehrlich nicht. Null Plan.

Dieser Plan. Immer dieser Plan und mit ihm die Gedanken an das was sein müsste sollte könnte wollte.

Ich schrieb über „Leere“ und mein Kopf füllte sich mit Gedanken an meinen Werdegang. Wo komme ich her (literarisch) und wo bin ich hingegangen (viel literarischererer?). Wirr war ich früher. Noch mehr als heute. Vor allem im Schreiben. Aber auch im Kopf. Vor allem im Kopf. Halt nein, das geht nicht weil ich ja vorhin schon vor allem im schreiben schrieb… das ist mein Kopf. Dieses schreiben übers Schreiben. So ausgelutscht und langweilig.

Aber ich vermisse den Stil. Das fragmentierte. Das wirre. Den verschlungenen Pfad meiner Gedanken, missachtend wer mitliest und ob er, sie oder auch es (hello NASA) mir folgen kann. Meinen einsamen Tanz dort oben auf der Blaufichte. Kiefer? Lerche? Tanne? Dieser Tanz und der rote Regenschirm, wobei das eigentlich die rote Zora ist, was ich jedoch nie gelesen habe, weil ich damals freche Mädchen noch blöd fand. Nicht emanzipiert war sie für mich, sondern schlicht rotzlöffelfrech und blöd.

Wie will ich denn nun schreiben? Ausführlich, innig und mit Sinn? So, dass ich mir einen Gegenstand anschaue und ich (aber auch derdiedas Leser_um) dabei klug wirke? Bestimmt. Manchmal. Aber eins fehlt mir. „Was zur Hölle willst du mir hiermit sagen?“ Genau das. DAS und nichts anderes will ich wiederhaben. Hole es mir mit Ketteleimern (was hoffentlich ein Wort ist) unten aus dem tiefen Brunnen, in den Mr. Aufziehvogel ging um zu sterben, but not really.

Ich höre Pucifer und die Nacht wird zu einem Deckmantel meiner Gedanken in denen Müdigkeit das Muster auf der seidenen Oberfläche meines Kopfkissens bilden. Ich lausche den treibenden Klängen der Musik, irgendwann ist sie zuende und ich wechsele sie mit Tool ab. Diese Band die so hart und kraftvoll ist und doch von ihr als „sanft“ beschrieben wird. Sie die mich versteht. Ohne das wir sprechen. Die wir uns ohne Liebe lieben. Weil wir es können und wollen. Weil unsere Leben die sind die wir haben und weil „Soulmates“ nicht nur in Beziehungen funktionieren.

Enthralling. Ich mag dieses Wort. Wegen des Klangs, der so schwer zu betonen ist als Deutscher mit seinem verfickten TH. Wegen des Mangels einer passenden Übersetzung, da es weder fesselnd noch packend ist, sondern weil es befreit. Weil es mitreißt und aufschwingt in Welten, die hinter den Worten liegen. Weil es kaum einer kennt und mein kleiner Wortschatz ist, den ich hüte wie meinen Schatz. Mein Schatzzzz.

Oder will ich genau das? Die sprunghaftigkeit meines Kopfes einfangen. Schreiben ohne zu schauen wohin es geht und mit der Musik mitschwingen. Schwingen und hüfen auf dem rechten, dann dem linken bein zum treibenden Gitarrenklang dieser amerikanischen Band, die aber eigentlich aus Finnland kommen sollte oder so. Irgendwas besonderes, so wie ihre Musik besonders ist, und nicht so ordinär Amerika. Wenns das überhaupt ist. Ich mag nicht nachschauen, aber ich hab die Vermutung es wäre eh langweilig.

Es muss immer noch 3.57 gewesen sein, als ich die Augen schloß

Meine Augenlider beenden die Außenwelt. Musik rauscht noch dumpf in meinen Ohren. Was es ist verliert an Bedeutung; die Welt dort draußen hinter den Lidern tritt zurück. Watte packt sich in meine Gehörgänge und lässt sich mit einem leicht kratzigen, dann aber fluffig weichem „Flop“ in die Ohrmuscheln sacken.
Meine Augen drehen sich im engen Kerker meiner Augenhöhlen langsam aber unaufhörlich, ganz so als wollten sie meinen Nasenrücken von innen betrachten. Mein Kopf fängt an zu vibrieren, erst zwischen meinen Augen, dann die Stirn hoch und ein kalter Schauer begleitet dieses vibrieren. Ich halte die Augen geschlossen, gebe leicht Widerstand zu der unaufhaltsamen Drehung meiner Augäpfel. Ich spüre meine Zähne, die ebenfalls zu vibrieren scheinen, das Zahnfleisch eine fremdartige Masse in meinem Mund und die Haut meiner Lippen merkwürdig abgeschottet von der Gesamtheit meines Körpers. Ich habe drei Bausteine im Gesicht, die sich zu dem zusammenfügen, was ich als Mund bezeichnen würde. Die Zähne, kleine elfenbeinfarbene Ballerinas auf Zehensptzen, die auf dem wackelingen Tanzboden meines Zahnfleisch tippeln, während meine Lippen Abstand nehmen, ohne das ich welchen erspüren kann.
Meine Zunge unterbricht diesen Eindruck, als sie wie eine schleimige, kalte Schnecke über die Zähne rollt und dabei den stumofen Geschmack der Nacht mitschleift. Das vibrieren wandert weiter, das Zahnfleisch hinauf und zurück in den Kopf, wo meine Augen mittlerweile ihre erste Komplettrotation abgeschlossen haben. Zumindest scheint es mir so, denn dort oben, zwischen den Augen ist ein Druck als wäre eben ein gut verschnürtes Packet angekommen. Gelbes Licht flimmert vor meinen Augenlidern und ich erinnere mich an die Geschichte mit den inneren Lidern. Wenn ich sie hätte, wenn ich sie schließen könnte… dann würde ich endlich Dunkelheit sehen. Diese Dunkelheit, die keine huschenden Schemen beherrbergt. Die nicht aus gefühlten und erahnten Bewegungen besteht und Platz lässt für die Monster meiner Kindheit.

Das vibrieren steigt weiter nach oben und zieht sich in mein Hirn zurück, Mein Körper fühlt sich wie ein Fremdkörper an und würde ich nicht sitzen, vermutlich wäre ich vor lauter Schwindel umgekippt. Selbst so, eingeklemmt von drei Seiten durch lehnen, schwanke ich wie ein Schiffsmast im wabernden Sabbern der Brandung. Es ist fast weg, meine Augen flackern schon leicht in dem Begehren endlich wieder in Kontakt mit der Welt um mich herum zu treten, aus der ich eigentlich schon seit Stunden entkommen will indem ich schlafe. Dann jedoch kommt es wieder, breitet sich in meinem Magen aus und wandert weiter in die Seiten. So als würde ich mich selbst von innen kitzeln überkommt mich erneut ein Zittern, aus dem Gefühl einer Kälte heraus, die nur aus meinen Gedanken kommen kann. Denh hier weht weder Wind, noch habe ich mich bewegt noch… Dann ist es weg und alles was bleibt ist die sich drehende Welt meiner geschlosseen Aufen und das dumpfe Rauschen, das stetige Auf und Ab der Musik. Würde ich doch nur noch wissen, welche es war. Aber gerade läuft Tool. Wummernd, treibend, fortspülend und meine Gedanken treiben mit, wummern fort und fort und fort bis sie auslaufen in seidige Muster auf dem Kopfkissen, welches die Nacht mir strickt.

Als ich schließlich um halb fünf schlief, da wusste ich, dass ich darüber schreiben wollte. Über den fehlenden Wahnsinn. Die beängstigende, süchtigmachende Klarheit im Durcheinander meiner Gedanken und das Gefühl, welches ich vermisst habe ohne es benennen zu können. Über Affekt und Struktur. Fragmente sind mein Ding. Ich musste schreiben, doch diesmal war ich zu müde. Kam die Erkenntnis über meinen Fund – den Fund dessen, was ich scheinbar vor einiger Zeit zu suchen begonnen hatte – zu spät. Also schlief ich. Innerhalb von Sekunden. Wie es meine Art ist. Vermutlich weil ich dann, wenn ich mich hinlege, endlich die Zügel meiner Gedanken loslasse und sie mein Bewusstsein sofort an die Kandarre nehmen und davongallopieren.

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