Kraft meiner Worte

Worte haben zum einen eine ihnen innewohnende, also von Sprecher unabhängige, Kraft. Sage ich „Liebe, Hass, Eltern“, so erzeugen die Worte – jedes voneinander unabhängig – an sich schon drei Gefühle. Plus minus die gefühlten hundert Varianten dazwischen, in denen die Erfahrungen des Rezipienten mit den einzelnen Worten kollidieren. So werde ich vermutlich mit „Liebe“ etwas anderes verbinden als du. Oder jeder andere, wenn man es genau nimmt.
Und auch wenn ein Wort nicht so ein großes Sinngefüge darstellt wie oben genannte, abstrakte Begriffe: selbst ein Wort wie Korb ist nicht gleich. Mein Korb ist nicht dein Korb! Ein Wort an sich hat die Kraft, dass ich mir etwas vorstellen kann, aber noch mehr hat es die Kraft, dass wir uns grob darüber verständigen können was in etwa von anderen gemeint ist.

Zum anderen jedoch haben Worte auch die Kraft, welche ihnen ihr Sprecher gibt. Allein durch die Auswahl der Worte „Liebe, Hass, Eltern“ erzeuge ich eine zusätzliche Sinnebene, die den Worten an sich nicht gegeben ist. Liebe und Hass können an sich zwar auch beide auf Eltern bezogen werden, aber dadurch, dass jemand als Schöpfer hinter diesen Worten steht, wird bereits beim lesen ein Verhältnis der drei Worte zueinander impliziert.  Noch bevor ich drei weitere Worte geschrieben habe, ist in meinem Hirn bereits eine Geschichte entstammen. Habe ich über mein Verhältnis zu meinen eigenen Eltern nachgedacht. Drei Worte, eine Geschichte von zig Jahren. In einem Augenblick.

Soviel zur eigenen Theorie,  die vermutlich ein wenig einleuchtet und einen mit einem „aber da fehlt noch der Aspekt…“ zurückbleiben lässt.

Wenn meine Worte Kraft haben, wenn ich Herr dieser Kraft bin, dann sollte ich zum Einen in der Lage sein, diese Kraft zu lenken und zum Anderen mich selbst in diesen Worten tragen können.
Aber was ist, wenn ich nicht Herr dieser Kraft bin? Was, wenn ich nicht die Richtung bestimmen kann in der die Worte gehen? Was, wenn ich nicht Teil sein möchte von dem, was Kraft meine Worte geschieht?

Ich ergehe mich in Eskapaden von Nebensätzen, zerfasere mein Selbst und den Sinn des Satzes in unzählige Fetzen sinnlosem Gebrabbels wenn ich versuche ein Kompliment zu machen oder eine Geschichte zu erzählen; verzweifelt über das natürliche Unverständnis mir gegenüber.
Ich übersteige Grenzen und katapultiere die Worte mit unmenschlicher Kraft in mein Gegenüber, wenn ich stolz auf mich bin oder positiv über etwas rede; verwundert über die notwendige Ablehnung als Reaktion.

Es wirkt für mich so, als habe ich unterschiedliches Talent in den „Kräften“ meiner Worte. Unterschiedliche Zugänge. Kontrolle.
Denn niemals, so scheint es mir, bin ich so klar und präzise, nie so kraftvoll und bewegend wie an dem Punkt an dem ich mein Gegenüber schreddere oder mich selbst in den dunkelsten Farben zeichne; hilflos dem Sturm meiner Worte gegenüber.

Ein zweifelhaftes Talent. Diese Kraft meiner Worte.

5 Kommentare zu “Kraft meiner Worte

  1. Das hast Du unglaublich gut auseinandergenommen und ich spüre förmlich Deine Zweifel. Dich überhaupt zu äußern, weil es ja anders…nicht wie beabsichtigt verstanden werden könnte. Wir hatten das Thema auch gerade …ist wohl ne Lebensaufgabe. Jeder hat seinen eigenen Kosmos, sein eigenes Universum, gibt unterschiedlichen Worten unterschiedliche Bedeutungen und hat ganz andere Assoziationen als man selbst. Und gerade das macht das Menschsein so interessant: höre ich hin, was der andere mir sagen will oder was er verstanden hat oder bestehe ich darauf, dass alles so wahrgenommen wird, wie ich das wünsche. Manchmal erweitert das den eigenen Horizont und manchmal steht man vor einer undurchsichtigen Wand. Das zu akzeptieren, gehört wohl dazu. Und manchmal erreicht man diejenigen, die genauso verstehen, wie man selbst… mysteriös und geil.
    Wünsch Dir ein schönes Wochenende

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