Sonderling

Es ist ein ziemlich bunter Haufen mit dem ich hier unterwegs bin. Zwischen turbulenten 24, gemäßigten 31 und grauen 50+ (hier bin ich zur Vorsicht mal nett) Jahren sitze ich als einziger „nicht IT-ler“ und erkunde acht andere, unterschiedlichste Charaktere in einem fünf Tage währenden Mikrokosmos.

Vielleicht ist es, weil ich nicht mitzeche. Vielleicht weil ich nicht in der selben Firma arbeite und teilweise für Stunden aus den Themen raus bin. Oder es ist was in mir drin, dass ich mitgenommen habe aus dem (laut Hörensagen) verschneiten Deutschland.
Bestimme ich selbst mich zum Sonderling oder nehme ich einen Platz ein, der mir von außen zugeschrieben wird? Setze ich mich an den Rand oder kann ich gerade noch so Platz nehmen an einem bereits überfüllten Tisch?

Ich gehe im Moment vermehrt bewusst meine eigenen Wege und merke, dass mir den Anschluß fehlt. Also… fehlt im Sinne eines faktischen „nicht vorhanden Seins“. Emotional ist da kein Sehnen. Kein gesteigerter Wunsch um Gemeinsamkeit. Ich bin dabei, aber für mich und wenn mir danach ist, verlasse ich die gemeinschaftlicher Pfade um auf unbestimmte Zeit für mich zu sein. Manchmal eine Minute, dann wieder einen halben Tag; innerlich ungebunden an meine Umgebung, äußerlich gelassen und flexibel.

Ich nehme mich nicht in dem Sinne heraus, als das ich bewusst blockiere. Und doch bin ich außen vor, auf jene unbewusste Art, in der bestimmte Themen manchmal einen der Teilnehmer für lange Zeit stumm zurücklassen können ohne dass es den Großteil der Diskussionsteilnehmer hindert oder überhaupt ins Gewicht fällt.

Kein Gewicht haben. Darum geht es! Sagt mein Herz, während mein Kopf schreibt. Und ich setze mich kurz hin um zuzuhören.

Du hast kein Gewicht in dieser Gruppe. Kein Gewicht für dich und kein Gewicht in dir selbst. Du bist gelöst von allem, von deiner Umgebung, den Menschen um dich herum und auch von dir selbst. Zumindest auf einer alltäglichen und körperlichen Basis.Teilweise bestimmt auch geistig, aber…
Du hast kein Gewicht und darum trifft dich nichts. Jeder Einschlag geht fehl oder trifft auf keinen Widerstand. Eine Zielscheibe, durch die der Pfeil einfach durchschlägt, verpufft oder geschluckt wird. Dir fehlt die Materie um wirklich Reize auslösen, wirklich zu spüren.

Du suchst deine Mitte und vielleicht bist du gerade auch näher als du es je gewesen bist. Gleichzeitig bist du weiter davon entfernt als jemals. Ein Sieg in Geist, Niederlage auf der Seinsebene.

TABULA RASA.

In goldenen Lettern, riesig groß und fahl glimmend stehen diese Worte seit Wochen vor deinen Augen. Immer mehr deine Gedanken gehen in diese Richtung und große Gedanken finden ihren Weg in dein Bewusstsein…

Meine Gedanken machen Sprünge und mein Herz tut ihnen den Gefallen und springt mit. (Ich tu ihm den Gefalln, tu ihm den Gefalln~)

Vier Doppelschlafzimmer, neun Personen und natürlich liege ich nun unter der Treppe auf einem Beistellbett in meiner Harry-Potter-Kammer. Einer muss ja und ich bin immerhin sozialwissenschaftlich unterwegs. Einer muss ja. Ich habe nachgegeben weil  ich groß im verzichten bin. Aber ist es so? Ist es das Selbstlose? Mein Koffer bleibt gepackt. Ich bin ungebunden. Kann jederzeit los und schulde niemand etwas. Muß nicht teilen. Muss nicht dazu gehören.
Das große Opfer, welches natürlich keine Anerkennung bekam, klingt super. Kotzt mich selbst aber schon im ausformulieren an.

„No man is an island“ (im englischen gender ich halt eben nicht).
Ich bin grade auf einer Insel und irgendwie lebt es sich hier recht gut. Auf Dauer vielleicht was eintönig, aber gerade eigentlich erst mal okay.
Maybe one can be… for a time.

Man kann nicht vor sich weglaufen. Doch man kann mit sich selbst vor allem anderen weglaufen.
Die Kunst ist also nicht einen Platz zu finden um sich festzukrallen, sondern die Reisegesellschaft zu optimieren. Allein unterwegs mit mir selbst, den Koffer voller Gedanken und wilde Tücher aus Erinnerungen um Hals und Kopf geschlungen springe ich auf die Metalltreppe des davonratternden Zugs. Lediglich ein kleiner Fetzen Papier flattert träge zu Boden während die Staubwolken in der Prärie zum Schein der untergehenden, blutroten Sonne zur Ruhe kommen.

TABULA RASA

5 Kommentare zu “Sonderling

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