Re: Woran glaubst du?

Sabine Wirsching fragte auf ihrem Blog: „Woran glaubst du?“

Meine Antwort war dann für nen schnöden Kommentar doch zu lang. Außerdem blieb es dann irgendwie auch ein paar Wochen halbfertig liegen. But here it goes now:

Woran glaube ich. Hm. Vermutlich ist das sehr unterschiedlich zu beantworten, je nachdem wie der Kopf gerade drauf ist.
Grundsätzlich ist aber klarzustellen:

Allem zugrunde liegend ist für mich – glaube ich – die Überzeugung, dass die Antwort darauf irrelevant ist.
Der Mensch ist und vergeht. Das ist halt so.
Ob „wir“ dabei (für eine Weile) alles mitnehmen was sich nicht gegen uns durchsetzen kann oder soll oder heimlich zuendeleben… schnubbe.
Wir sind und irgendwann hören wir damit auf.
Danach wird es auch weitergehen; zwar ohne uns, aber das ist eben auch egal.
Das ist – für mich – die Quintessenz des Lebens auf der fundamentalsten aller Basen.
Leben ist. Nicht „für“, nicht „weil“, nicht „damit“. Einfach „ist“.

Warum also jetzt noch weiterschreiben? Nunja, davon abgesehen schwebt für mich in der Frage „woran glaubst du“ auch immer die Frage nach Hoffnung mit; besonders aber worin dieses „hoffen“ begründet sein soll. Und noch viel mehr: worauf?

Also: „Worauf hoffe ich als ‚Ich‘ und worauf hoffe ich als Mensch generell?“

Hm. Vermutlich ist das sehr unterschiedlich zu beantworten, je nachdem … 😉

Hoffnung beinhaltet für mich – so im Versuch eines allgemein gehaltenen Grundsatzes – die Überlegungen und Gedanken eines Wesens aus dem Jetzt über einen anderen, zukünftigen Zeitpunkt. Hinzu kommt, dass diese Gedanken und „noch nicht seienden Seinszustände“ eine positive Färbung beinhalten sollen. Zu hoffen bleibt in der Regel ja, dass die Zukunft besseres bereit hält.

An und für sich ist es nun ja doch schon recht schwer, darüber zu reden ob und was denn „besser“ ist. Aber gehen wir erst einmal von einfachen Verhältnissen aus. Ich habe Hunger und hoffe bald etwas zu essen zu bekommen; hier ist der moralische Spielraum recht klein gehalten. Besser heißt hier also einfach: nicht verhungert und damit tot (was recht häufig die Folge von verhungern ist).

In komplizierteren Verhältnissen wird es da mehrdimensionaler und dem einen positiven Effekt können mehrere negative entgegenstehen. Ich mag zwar satt sein, meine drei Geschwister haben aber nichts bekommen und verhungern. Hier will ich deshalb Hoffnung von Moral trennen und es darauf reduzieren, dass „gut“ im Kontext der „Hoffnung“ gleichbedeutend mit einem „utilitaristischen Eigengewinn“ steht. Gut ist, was mir das beste Gefühl gibt. Will ich meine Geschwister nicht hungern sehen, wird meine Hoffnung nicht sein „Ich will satt werden!“, sondern „Ich hoffe wir werden alle nicht verhungern!“ und sich mein Handeln entsprechend anpassen. Will ich es nicht, so mag das moralisch verwerflich sein, dennoch habe ich meiner Hoffnung entsprechend gehandelt.

In anderen Worten ist „hoffen“ also eine Vorstellung über einen anderen Zeitpunkt (gewöhnlich die Zukunft), von dem in der Regel eine (für das eigene Sein) positive Entwicklung zu erwartet wird. Diese positiven Effekte können für mich unmittelbar (ich bin satt) oder mittelbar (andere sind satt) stattfinden und richten sich im günstigsten Fall nach meiner intrinsischen Moral.

Das, so denke ich, ist ein gänzlich natürliches Verhalten und großer Antrieb unser Gesellschaft. Würde es keine Hoffnung geben, gäbe es also auch weniger Fortschritt. Okay: Neid, Missgunst und Geltungssucht würden noch immer ihren Teil hierzu beitragen. Aber letztlich kann man auch diese darauf zurückführen, dass „wir“ hoffen es ergibt sich für uns da doch dann irgendwann etwas Gutes daraus (aus dem neidischen Verhalten erhoffe ich mir, auch zu bekommen was ich neide, etc.).

Um hier aber den Bogen zurückfinden wäre die Formulierung der Eingangsfrage („woran glaubst du“) entsprechend:
„Was für eine positive Entwicklung stellst du dir und anderen vor?“
Der erste Punkt sei in der Absicht der Ursprungsfrage einmal ausgeklammert und ich bleibe bei:
„Was für eine positive Entwicklung stellst du dir für die Menschheit vor?“

Hm. Vermutlich ist das sehr unterschiedlich zu beantworten und der Witz schon seit dem letzten Mal unlustig.

Ich bin gedanklich spontan zurück am Anfang. Welche Aussicht stelle ich mir vor? Keine. Irgendwann ist halt Ende. Dazwischen der Schmuh ist irrelevant. Es mag uns in unserem kleinen, dennoch zentral und darum wichtigen Ego zwar alles groß vorkommen, aber letztlich – wenn wir den Fokus einmal weiten – ist das Leben und Sterben des Einzelnen, sogar das einer ganzen Generation, irgendwann auch wumpe.

So weit so fatalistisch will ich mich bemühen, an diesem Punkt klarzustellen, dass dies für mich keineswegs negativ verstanden ist.

Ich muß die Zukunft nicht „schaffen“ weil es kein Ziel zu erfüllen gibt. Der Mensch ist frei, einfach zu sein und genau darauf hoffe ich. Dass er dieses Geschenk versteht und mehr das Leben genießt. Nicht in Aufhäufung von mehr und mehr (im Sinne des Fußabdruck hinterlassen müssen), sondern einfach entspannt „ist“.
Diese Welt gibt was wir brauchen. Genug für alle. Außer wenn wir für eine Zukunft jenseits von „übern Winter kommen“ raffen.

Ich stelle mir als positive Entwicklung (hoffe also), dass der Mensch nicht an sich scheitert, sondern immer weiter einen Weg finden wird mit seiner Umwelt klarzukommen.
Heutzutage eben nicht mehr mit reinem nehmen, sondern mit nehmen und geben.

11 Kommentare zu “Re: Woran glaubst du?

    • Da wertest du. Denn du unterstellst (implizit), dass es falsche Formen zu leben gibt. Ich meine leben als genau das. Körperliches sein und altern, letzten Endes zerfallen. Nicht leben und dabei noch tolles/schönes/sinnvolles tun.
      Wer nicht mehr lebt ist verendet. Rein körperlich.
      Der Rest ist Eigensache.

      Oder irre ich da in deiner Aussage?

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      • Kein werten zum leben des Lebens. Nur in Bezug auf den Verlust des daran glauben. Vielleicht erläutere ich auch das in einem längeren Artikel. Aber erst nachdem ich Bundeskanzlerin bin. Glaubst du (mir) das? 😉

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      • Ah ok. Dann hab ich da den Bezug des Verlust falsch geschlagen.
        Aber muß ich daran glauben? Des passiert doch egal was ich tue (Suizid ausgenommen, der beendet Leben doch dann irgendwie wenn er klappt)

        Naja. Mit abkanzeln kennen sich Japaner_innen ja aus. Ebenso Deutsche. Ich denke du bist prädestiniert für den Job.
        Also gerne erläutern! Ich mag deine Ausführungen.

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  1. … aus rationaler Sicht ist nichts einzuwenden. Doch steht der Glaube nicht irgendwie jenseits der Ratio? Was glaubst Du, woran Du glaubst? ^^

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    • Glaube im Sinne von religiöser Weltanschauung, bzw. übersinnlicher Gedanken- und Seinswelten ist nicht logisch zu ergründen.
      Glauben wie ich ihn hier meine ist ja aufgedröselt in „Vorstellung eines zukünftigen Ereignisses oder Zustandes“. Ich stelle mir etwas vor, von dem ich „glaube“, dass es passieren kann. Also ist lediglich die hypothetische Überlegung zu einem bevorzugten/in Frage kommenden Zustand gemeint.

      So in etwa.

      Ach und ich glaube auch. Ganz unlogisch (natürlich nicht, habe da einen recht rationalen Ansatz dazu).

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      • Hmm, ich möchte doch einwenden, daß das, was oben dargelegt ist, Dein Wissen zu Glaubensfragen widerspiegelt. Gerade deshalb fragte ich vorhin nach Deinem Glauben zu den Glaubensfragen. Beides kann nicht identisch sein, da – da stimme ich Dir vollkommen zu – Glaube nicht logisch zu ergründen ist…

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      • Ich glaube, ich verstehe deine Frage da nicht ganz (bzw die konkrete Stelle), denn ich merke, dass ich in meiner Gedankenkette bleibe. Glaube -> Hoffnung elementar -> Hoffnung ist Vorstellung blabla.

        Du siehst, ich finde die Lücke (die ich aber durch deine Worte spüre) noch nicht. Kannst du weiterhelfen?

        Auch wenn glaube nicht logisch zu ergründen ist, kann man ihn rational sehe gut umreißen. Aber das wäre wieder Material für einen eigenen Text.

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      • Vermutlich steckt in Deinem Satz: »Auch wenn glaube nicht logisch zu ergründen ist, kann man ihn rational sehr gut umreißen« die gesuchte „Lücke”. Was man rational ganz gut umreißen kann, ist das Wissen über den Glauben. Ist denn aber der Glaube selbst nicht eben bedingungslos und dadurch dem Wissen verschlossen?

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