Superhuhn

Im Zug sitze ich rückwärts und fahre meiner Zukunft entgegen, was mich in nachhaltige Grübeleien stürzt ob ich ihnen entgegenfahre oder daran scheitere ihnen wegzulaufen. Als ich dabei meinen Kopf an die Fensterscheibe lehne bemerkte ich mit einem Mal die Spuren der Regentropfen. Hey, es regnet. Wann hab ich überhaupt das letzte mal verlaufende Regentropfen gesehen? 

Mein Kopf verschluckt das d und verläuft sich mit dem Wasser auf der Scheibe.

Die Sonne schien als ich für meinen Döner anstand – Ich stehe für meinen Döner an! Einen Döner! –, was sonst nur einige hundert Meter weiter bei ‚Mustafa’s Gemüse Döner‘ passiert.  Später werde ich einer Freundin die 50 Meter kultbedinge Schlange für etwas-mehr-als-mittelmäßiges-Fastfood zeigen und mich dabei echaufieren; es sind die kleinen Freuden.

Ich wollte kein Dürum, das wollte der zwei hinter mir, dazwischen die mit zwei Halloumi – Dürum, ich wollte einen normalen Döner mit Kräuter und ein bisschen scharf ohne Zwiebeln; der Bestellvorgang eines Döners in Berlin folgt einem so gleichbleibenden Muster das mich Abweichungen oft aus dem Konzept bringen.

Bitteschön?/Der Nächste! – Einen Chickendöner bitte. – Einmal Chickendöner. Nicken und zustimmendes GelautbareStille bis das Brot fertig getoastet ist – Soße? – Kräuter und ein bisschen scharf – Soße ins Brot und dann Fleisch plus eventuell Gemüse – Salat alles? – Keine Zwiebeln bitte. – Einpacken?  – Ja bitte. – Tüte oda geht so? – Geht so. – Zahlvorgang und einseitig freundlicher Bezahl-/Verabschiedungsprozess.
Ich könnte mir das bitte auch stecken, kaum einer von den Dönerschnibbelfachverkaufsleuten schaut mich je länger als zwei Sekunden wirklich an; mein Stammdöner beispielsweise will mich trotz aller Freundlichkeit auch nach drei Jahren immer noch nicht kennen, geschweige denn wissen was ich bestellen werde.
Ich hatte mir die Bestellungen gemerkt weil es eine Berufskrankheit ist… oder OCD… darum war meine Reklamation wegen des Wechselgelds also auch berechtigt. Die befehlsführende Dönerfrau meckerte dafür ein bisschen mit dem unschuldigen jungen Kerl, der verwirrt den Hühnerabfallspieß weiterbearbeitete.  ‚Ne Frau in einem Dönerladen die nicht nur spült… huh. Beim Blick über die Schulter erkenne ich den Dürumbesteller als Bekannten. Zumindest meine ich ihn zu erkennen, es ist dieses Ziepen in der Erinnerung wenn ein Gesicht bekannt vorkommt und die Erkenntnis es noch nicht verarbeiten konnte. Ich drehe mich zurück und noch beim drehen holt das Gehirn auf: Naah, der sieht nur jemandem ähnlich den du kennst. Einem Kollegen von E. Aber der ist garantiert nicht in Berlin und…

Erinnerung an eine andere Situation überdenkt den Rest meiner Gedanken und ich bin zurück in einem Frühling vor gefühlt fünf Leben als ich auf der Museumsinsel an jemanden vorbeilief der mir auch bekannt vorkam. Wir drehten uns beide um, musterten uns beide eingehend, kniffen beide die Augen zusammen und runzelten beide auf die selbe Art die Stirn… bevor wir weitergingen. Beide drehen wir uns erneut um und so kreuzten sich unsere Blicke erneut. Wir nickten uns mit einem vermutlich identisch zweifelnd aussehenden Gesicht zu; heute würde ich ihn ansprechen, damals war ich da befangener. Markus. Ich glaub das war Markus aus deiner…

Aber die Erinnerung ist ein trügerisches Tier und ich zweifele heute wieder ob er es war. Damals war es warm. Heute sind wir dem Sommer näher und es ist kälter. Vielleicht nähern wir uns ihm aber auch nur rückwärts oder laufen erfolglos vor ihm davon ohne es zu ahnen. Jetzt wird es Mai, ich tanze hinein und wirbele im Kreis rückwärts und vorwärts durcheinander; Döner in der einen, Erinnerungen in der anderen Hand.

Wenn es nicht warm wird, mache ich es mir eben warm.

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9 Kommentare zu “Superhuhn

    • Das war der Name des Dönerladens. 😉 ich bin quasi eins geworden mit dem Tier. Zumindest zum Teil. 😆
      Die Tropfen sind bereits wieder eins mit dem Großen Ganzen. Das steht bei mir noch nicht an. Ich verharre noch in Individualität.

      • Ist jetzt schwer fraglich was deine Integrale mit meinem Integralen zu tun haben 😆
        Auf das Leben und das unumstößliche Recht zu scheitern!

      • Ist zwar schon fast 30 jahre her und nicht zu vergessen ist meine Blondheit, aber gehts da nicht auch um Berührungspunkte im Raum ? Egal – es war damals nicht wirklich scheitern sondern ein Mordversuch am Königskind. Pfff und Prost: auf das Recht am Scheitern, das Scheiße fressen und den eigenen Weg !

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