Wunderbare Jahre

Saturn besitzt eine so geringe Dichte, dass er – würde man ihn in eine Badewanne werfen – wie ein Stück Seife oben schwimmen würde. 

Der Mitbewohner und ich sitzen in der schmierigen Asiatenbude vor einem überfüllten Kaisers-der-jetzt-Rewe-heisst und essen vor dem Sport noch eine Kleinigkeit.
Bald wird er nicht mehr der Mitbewohner sein und mein Herz blutet bei diesem Gedanken, aber so hat eben alles seinen Preis; Auch die fünf kleinen Frühlingsrollen die mir auf einem angeschlagenen Plastikteller zugeschoben werden. „So also erklärt sich der günstige Preis“ denke ich und kaue mehr aus Langweile als Hunger daran herum.
Wir sitzen uns gegenüber und als wir dort so sitzen und kauen fällt mir die Filmtauglichkeit dieses Moments auf.

So könnte ein guter Film anfangen. Everything needs a start and a proper story’s supposed to start at the beginning. 

Nichts hier ist schön. Nicht Der Kaisers-der-jetzt-Rewe-heisst in seiner, aus allen Nähten platzenden, Geschäftigkeit. Nicht die schmuddeligen Bänke dieser Fressbude, dicht gereiht an klebrigen Tischen. Nicht das fahle Neonröhrenlicht unter schmutzig-grauem Frühwinterhimmel, welches sowohl Kaufhalle als auch Essensladen in ungesundes, gräulich-faulendes Licht taucht. Nicht der verbeulte Metalltresen von dem aus auf kaputten, dreckigen Tellern pappiges Essen herausgeschleudert wird. Nicht die Menschen die hektisch, betrunken, laut oder gereizt sind – niemals aber gut gelaunt.
Nicht einmal ich mit meinen abgerantzen Klamotten; Die braune Cordjacke so alt wie ich selbst, an den Rändern abgerieben und ausgeblichen; der Pulli noch aus Zeiten in denen die Marke Fishbone in war, sein Stoff rau wie Leinen vom Waschen; die Lieblingsjeans nach 15 Jahren genäht und geflickt und doch schon wieder mit Loch und festsitzendem Grind durch Bauarbeiten im Sommer; Die Mütze in jenem Schwarz, das eine langjährige Nutzung verrät, schlicht, jedoch verstärkend im Eindruck des Heruntergekommenen… Wäre es nicht Berlin: ich könnte als Penner durchgehen.

Szenenwechsel: in mein zweites Leben, dort in der alten Heimat; dort wo sich die Zeit langsamer dreht.

Der Geruch nach Motten hängt im öffentlichen Nahverkehrsbus dieser geistlosen Kleinstadt, die ich nie wiedersehen wollte und doch viel zu oft sehen muß. Die Dauerwellen der alten Damen wellen sich Eine höher als die Andere. Vielleicht ist es ja eine Art nonverbale Hierarchiesierung dieser verwitterten Mütterchen: die mit den höchsten Wellen ist Oberhaupt der ‚Seegang‘; wer weiß es schon. Irgendwie passend, dass der Geruch von Moder und Verwesung dabei mitschwingt. Die Hülle ist letztlich Alles und unten im Meer hört dich niemand atmen. Etwaige Leichen sieht man eh erst beim Tauchgang; dann, wenn die Dauerwellen durchbrochen sind.

„Es liegt ein Fluch über dem Guinessbuch“ singt Rainald Grebe in Berlin aber hier bin ich meilenweit von Big B, mittelmäßiger Exzentrik und Fluchtversuchen aus der Durchschnittlichkeit entfernt. Hier ist die Mitte das Maß aller sichtbaren Dinge, der Schwerpunkt dermaßen tief, dass es in den gichtigen Knien knackt. Die Gewöhnlichkeit muss mich nicht einmal einholen, sie ist überall und empfängt mich mit lieblosen, kalten Armen – wie eine einsame Vettel einen alten Geliebten der zurück zu ihr stolpert. Es geht für sie hinaus, hinaus aus den verlockenden Sphären eines Puffs und es wird geliebt werden, komme was da wollte!

Zurück in den Asiaten oder weiter? Weiter. Immer weiter! The road goes ever on and on, down from the door where it began.

Es gibt drei Arten von Menschen auf der Straße, sagt die Frau zu mir frühmorgens, während wir in der Ubahn sitzen. Unser Gespräch begann – als wir auf einer Bank sitzend auf den Zug warteten – mit der Frage ob sie mich mal anhauchen dürfe.
Sie selbst – seit kurzem erst wieder von der Straße runter – arbeitet ehrenamtlich in der Bahnhofsmission und habe festgestellt es gäbe drei Arten von Menschen auf der Straße: Süchtige, Verrückte und süchtige Verrückte; vielleicht waren es auch verrückte Süchtige.
Von jenen Menschen die aus Systemverweigerung oder ideelen Gründen auf der Straße leben will sie nichts wissen, dies sei vielleicht einer in einer Million und vermutlich sei auch der verrückt.

Die Bonbons, die ich ihr gab um über ihre Trockene-Alkoholikerinnen-Fahne hinwegzuhelfen, wirken nur bedingt. Ich muss es ihr nicht sagen, wir erkennen die unausgesprochene Wahrheit bereits in unseren Gesichtern: Sie wird wohl nur die reduzierte Portion Methadon bekommen. Immerhin habe ich ihren Morgen gerettet, wie sie mir ausdauernd beteuert, was mich fast meine Station verpassen lässt und ich unterbreche das eigentlich angenehme und interessante Gespräch mit dem hässlichen Tuten der Ubahnwarnleutchen und dem schmatzenden Geräusch der Gummilippen ihrer Türen. Alltag goes on and there is no time for humanity.

Surfer, dein richtiges Leben beginnt jetzt. – er ist ein Suchender, die Welle sucht er, die perfekte Welle. 

Die Vermieterin der Wohnung in der Stadt der Langeweile hat einen derartigen Oberbiss, dass man fast ihr schlecht sitzendes Toupet ignorieren könnte. Meine Überlegungen diesbezüglich werden rüde unterbrochen, als sie mit schnarrender Kratzstimme der Nachmieterin die Vorzüge ihrer Mieterinnenauswahl anpreist – Die hübsch-blondierte junge Frau ist nicht nur eine potentielle Nachmieterin, soviel wird mir bei dem Wort „Polizistin“ klar.
Sie habe ja nichts gegen Ausländer, aber… meine kleinen Stiche in die Patriotenniere ignoriert sie mit der gekonnten Ignoranz einer verkappten Rassistin woraufhin ich aufgebe. Für den Rest ihres Monologs versuche ich nur noch zu ergründen, woher sie einmal gekommen sein mag, dass sie so einen ungewöhnlichen Hautton und dieses merkwürdige Füllwort „erre“ hat. Die Ironie des Lebens ist bissiger als alle Kommentare die ich in mir trage.

Schlussszene: Die Kreise schließen sich, es geht zurück zum Asiaten, vorwärts zum Beginn der Geschichte; zurück zum Ende des Films.

Ähnlich dem schwarzen, perfekt glatten Monolith zum Anbeginn der Menschheitsgeschichte in 2001: Space Oddysey ragt mein Mitbewohner als Rettungsanker der Kultur aus dem Sumpf der gewöhnlichen Tristesse. Wie ein polierter Marmorklotz ragt seine aufrechte Gestalt über den Schmodder und die Ranzigkeit des Ladens, mit widerlicher Schönheit blendet er mein gelangweiltes Auge.

Ordentlich gebügelt und gestärkt bildet das sorgfältig ausgesuchte Hemd einen wundervollen farblichen Kontrast zum perfekt gebürsteten Jackett – natürlich mit Einstecktuch. Die Kravatte ist weg, immerhin ist es Feierabend; da darf es schon mal leger sein. Sein hipstermäßig langes Haar liegt ordentlich an und ist zum Zopf zurückgebunden, innen wie außen strikt geordnet. Die Doktorandenledertasche in weltmännischem Sherry-Farbton liegt neben ihm und natürlich kann man seine prunkvolle Understatementarmbanduhr gewollt unauffällig am Handgelenk blitzen sehen.

Ein Paar wie Yackyll and Hide. Starsky and Hutch. Han Solo und Chewbakka. Der Schöne und das Biest; grundverschieden im Äußeren und doch verbunden im Inneren. Des Einen Hülle ist des Anderen Seele, Zukunft und Vergangenheit zweier Leben auf der klackernden Tanzfläche einer unentwegt dröhnenden Musikkapelle. Alles ist Eins und Kleidung blendet nur den ungeduldigen Geist.

Weiss auf schwarzem Grund, flackernd im Imitat alter Filmstreifen und rissig an den Rändern überlassen wir das Feld einem simplen Wort:

fin

10 Kommentare zu “Wunderbare Jahre

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