Peripherie

Als kleiner Junge – so in dem Alter in dem Latzhosen stets an einer Schnalle nicht geschlossen bleiben wollen, Drachen steigen lassen der Inbegriff von fliegen ist und Sommer aus Kirschbäumen und Kirschkernwettweitspucken gegossen werden – lief ich oft auf den Acker am höchsten Hügel unseres Dorfes. Es war ein beachtlicher Weg für einen kleinen Knirps, zumal die Welt damals noch sehr viel kleiner erschien, jeder einzelnen Wege entsprechend um so länger; Amerika kannte ich nur aus wilden Abenteuergeschichten, Deutschland war ein diffuses Gesprächsthema meines verknotterten Opas und die nächste größere Stadt zum Einen Lebensort meiner Tante und zum Anderen ungefähr drei Lichtjahre entfernt.

Dort oben vom Feld aus konnte man, wie ich dutzende Jahre später feststellen sollte, in die Eifel schauen; was eine ziemliche Distanz darstellt und meine Heinatwelt fortan urplötzlich in einen konkreten, geographisch verankerten Ort verwandelte. Durch die relative Einordnung meines erwachsenen Verstand verschwand ein Stück Magie und kehrte als Fleck auf der Karte zurück: neue Perspektive, neuer Ort, größere Welt. Der Lauf der Dinge.

Es war schon immer dieser Acker an dem meine Familie den Herbst standesgemäß mit Drachen und Grassodenschlachten begrüßt hatte und immer wenn der Wind blies zog es mich dort hin – meinen kleinen Lenkdrachen im Gepäck.

Meist ging ich den Weg, der mich an einer klitzekleinen Bahnstation mit einem klitzekleinen Bahnübergang vorbeiführte. Danach schlug ich mich durch einige Büsche um anschließend den gekrümmten Rücken des Hügels vor mir zu sehen – einzig mit abgemähten, vertrockneten Getreidehalmstümpfen bestückt. Hin und wieder lief ich jedoch auch einen Umweg, was mich auf eine Brücke brachte, unter der die Bahngleise durch eine kleine Klamm verliefen (was sie zu eben erwähnter ebenerdiger Station brachte); meist dann, wenn ich von weitem den Zug gehört hatte und mir erhoffte ihn von oben mit einem Steinchen bewerfen zu können.

Erinnerung ist, so weiss der wissende Mensch, ein merkwürdiges Tier und stellt mit der Vergangenheit allerlei Schabernack an: der goldene Schein dieser Tage taucht alles in strahlende Wärme, der rabenschwarze Teer lässt die Straßen zu mäandernden Flüssen werden, der Zug rauscht in roter Pracht mit rußendem Wolkenschal durch das Tal; alle Farben, Gerüche und Töne vergessen ihre ursprüngliche Bedeutung und kondensieren zu einem feinen Destillat ungetrübter Nostalgie.

Eines erinnere ich jedoch – eingebettet in die verfranste Zeitlosigkeit jener Tage – ganz klar: Ich muss einmal beim laufen oder toben „dort oben“ gestolpert oder hingefallen sein, jedenfalls lag ich eine kurze Weile auf dem Rücken und schaute in einen Himmel, der nichts anderes enthielt als alle Blautöne, die ein Himmel hergeben kann. Keine Wolke trieb durch diese blaue Weite, kein Baum reckte seinen Zweig frech ins Bild, nichts hielt mein Auge fest als dieser endlose, kristallklare Himmel.

Mich überkam ein Schwindel, ganz so als würde ich von einem hohen Gebäude zu Boden schauen. Das Blau zog an mir, mein Körper kreiselte wie wild um sich selbst und jegliches Gefühl von Halt und Richtung zersprang innerhalb eines halben Herzschlags. Eine Sucht erwachte in mir, mich diesen Strudel hinzugeben, liegenzubleiben und mit diesem unerschütterlichem, endlosen Blau zu verschmelzen. Gleichzeitig wurde mir das Herz eng, ich spürte Übelkeit und Angst in mir, meine Augen suchten verzweifelt nach irgend etwas um sich festzuhalten und gegen den Sog zu behaupten. Mein Ich stritt mit sich selbst, zerfasernd und zersplittend an diesen beiden Sehnsüchten.

Diese Erinnerung überkam mich neulich: glasklar und in längst vergessener Härte. Der Junge hatte es vergessen, dass Kind in mir es chiffriert. Als der erwachsene Mensch mit zwei Handvoll Verantwortung, der ich nun geworden war, lag ich verhältnismäßig gelassen auf einem Tisch an einem Autobahnrasthof, schaute zufällig in einen endlosen blauen Sommerhimmel und erlebte plötzlich den damaligen Nachmittag noch einmal, nun mit neuen Augen. Die Sucht des Sogs, die Übelkeit des Kreiselns, die Angst des Haltlosen… All das spürte ich zweifach; als der Junge von einst und als der, der ich gerade war.

„… Letztlich geht es mir darum, diesen perfekten Himmel ungetrübt zu sehen; kein Ast der in ihn hineinragt, kein Masten, der an den Boden erinnert auf dem ich liege. Nur er und ich und diese Sucht nach Leere.

Das meiste im Leben spielt sich irgendwie in der Peripherie meiner Wahrnehmung statt, so wie alle Hinweise auf die Realität von diesem Himmel an die Peripherie meines Blicks gedrängt werden. Das große Ganze ist für mich nur diese Sucht danach in irgend etwas zu verschwinden, zu versinken und mich selbst zu verlieren. Der Rest ist unwichtig, an den Rand gedrängt und wenn ich ihn wahrnehme ist das Alles nur lästig.“

Du kennst mich, darum hast du erst lange zugehört, als ich dir die Erinnerung an damals erzählte und anschließend eine lange Weile mit mir geschwiegen, treibend in Wind und Zeit. Irgendwann setzten wir unseren Weg fort, zurück zu dem Ort an dem wir unser eigenes Leben töpfern.

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Nimm mit

Menschen, die in der Bahn ihr Eis mit dem Löffel aus der Waffel essen, ne. Gelebte Dekadenz abstrahlen ohne die lästige Notwendigkeit weiterer Interaktion zu erzeugen. Da muss ich nicht mal nachfragen um zu wissen, dass ich diesen Mensch nicht mögen will. Der Damenbart verspricht meiner Hähme: es sei alles richtig so wie ich verurteile und Scham völligst fehl am Platz.

Mein Ohr wird repariert. Knorpel oder Muskel kommt drauf und ich bin versucht zu fragen ob ich meine Hose fallen lassen soll dafür; es wird doch nur schnöde vom Ohr oder den Muskelgewebe drumherum genommen werden und mein Hintern nicht bewundert. Pity. Statt dessen werden mir die Vorzüge einer Feinschlifferweiterung meines Gehörgängs angepriesen. Nehm ich mit, gibt vielleicht mal Prozente; und kost‘ ja nix! (Es gab gratis noch halbseitigen Verlust des Gefühls auf der Zunge und Geschmacksverwirrung dazu. What a Deal!)

In Krankenhaus werde ich zwischen zwei Prototypen einquartiert. Der eine klein, der andere groß, beide dick und ihre Frauchen aus dem selben Schlag; Alkohol und Zigaretten zum überdauern einer Ehe die sein muss.

Zwichendurch – als der Große erzählt er betreibe nun Parteiarbeit – frage ich mich ob sich der Kleingeist proportional zum Schmierbauch verhält. Ich halte mich bedeckt und verweise auf meine Unkenntnis zu genauen Zahlen der schmutzigen Schnorrerausländer; lenke derweil damit ab, das Helfen sei in meinen Beruf eigentlich eher ohne Beschränkung auf eine Zielgruppe.

Mit Behinderten und anderen moralisch Unantastbaren arbeiten ist geil. Man kann aufrechten Bürgern immer das Maul stopfen und macht sich dabei moralisch nicht mal die Finger schmutzig. Nimmt man schon mal mit, das Karmakonto ist schließlich nie voll genug.

Zuhause, zwischen Alltag und Wahnsinn fällt irgendwann der Satz zum Schmierbauch und tritt die Diskussion los, warum der moderne Mann es (plump gesagt) verkackt hat sich, passend zur modernen Frau eine neue Rolle zu überlegen.

Ich argumentiere, ähnlich wie auch sie, darüber, dass zum einen Niemand so genau weiß was das sein soll, zum anderen Niemand so genau weiß ob sie das überhaupt wollen was sie wollen…; zuletzt verweise ich auf die fehlende Moral einer sich für Männer stark machenden Bewegung. Das kann und darf immer nur scheitern, immerhin sind Männer nicht unterdrückt und damit das Recht auf Widerstand verwirkt. Den Platz haben Frauen bereits (zu Recht) gepachtet und weitergehende Gedanken an geteilte Stärke oder Schwäche sind so schrecklich unmodern.

Die Überlegung, was ich als männlich ansehe und weitergeben will ist noch länger in meinen Kopf, fast hätte ich das Essen anbrennen und die Wäsche in der Waschmaschine liegen lassen. Immerhin nimmt sie es mit Humor und streicht mein Taschengeld nicht. Diesmal.

„Wer von euch hat eigentlich die Hosen an?“ ist auch so nen Satz, den meist Menschen stellen die zu schlagen nur das Gesetz verbietet. Der Abstand fänd es okay und würde dezent unter der Hand Wetten abschließen. Natürlich in Yen, man will eine stabile Basis haben. Norwegische Kronen werden auch akzeptiert, Hauptsache es ist keine Kryptowährung. Man hat immerhin noch sowas wie Stil!

Soweit ich gecheckt habe, hat sie nebenbei Hosen an wenn ihr danach ist und die Abneigung gegen solcherlei Emetika ist ein einender Faktor.

Ironie meines Lebens

„Du schreibst ja gar nichts mehr!“ sagst Du. Genauer gesagt sagst Du das nicht, denn Dich gibt es nicht aber wie sähe es denn aus, wenn ich darüber schreiben würde, dass ich nicht schreibe!

Also sagst Du eben: „Du schreibst ja gar nichts mehr!“ und ich schaue dich nur mit müden Augen an. Die müden Augen habe ich in den letzten Jahren perfektioniert, streng dem Motto ‚Alles über sechs Stunden ist Luxus‘ folgend beweise ich seit… Immer, dass ich ein Mensch der Arbeiterklasse bin. Studiert und dennoch arm weil Soziales und bester Mensch und all der tighte shit.

Ironisch, dass ich nun – in einer Phase über die alle ungefragt ihr Menetekel ob meines zu erwartenden Schlafkontingents loswurden – mehr schlafe als in der Mehrheit meiner zweiten Lebenshälfte.

(Entweder platzt ein Knoten oder irgendein Gefäß)

„Ja, das stimmt wohl.“ antworte ich Dir – zumindest der Pointe halber sei es fortgeführt. Weitere Ausführungen spare ich mir Dir gegenüber; der Gestank von Ausrede liegt über Allem, breit und madig wie Griesbrei von letzter Woche. Es muss wohl ein Fass mit Phrasen verendet sein in irgendeiner Ecke.

‚Auch wenn ich sonst nur auf die Schnauze krieg, mein Leben begann mit einem großen Sieg!‘ sangen die wohl betrunkensten, prolligsten, unterdurchschnittlichsten Musiker und Lieblingsphilosophen ever. Es berührt mich immer wieder, wieviel Poesie diese Band in Alkohol, Frauen und Kiffen packen konnte.

Die Zeiten in denen es gut geht sind es, die mich belasten und verwirren; Der Sprung ins Kalte ist nur solange schlimm, bis er erfolgt. Alles davor ist Hirnfickerei und macht malade. Sehnlichst wird das ‚ich wusste es‘ poliert und, in den Gürtel eingenäht, mit herumgetragen – seine Stunde wird kommen.

Ironisch, wie sich das Glück verweigert wenn man es abweist; kenne mich da jedoch gut genug um es gelassen hinzunehmen. Nur keine Handlungen daraus erwachsen lassen; Stoik als Motivationskurve.

„Jeder sucht sich sein Unglück selbst aus.“ ist mir eine wesentlich sympathischere Variante zum Glücksschmiedetum geworden. Mit Unglück kenne ich mich aus, da bin ich Profi drin. Eintüten und weitermachen, der Wind bläst stetig weiter und schleift jeden Stein.

Ich propagiere an anderer Stelle die Immunität zum Verrat und hülle mich selbst in jene gläserne Glocke der Anonymität; die vermeintliche Dichotomie meiner zwei Identitäten. Rissiges Ego versus Alter Ego im Tanz um die Dogmen meiner Sätze. Immerhin konnte ich mir angewöhnen zu dem Lebensweg zu stehen, immer (immer ist so ein großes Wort) die Konsequenzen meiner Handlungen zu tragen.

Ironisch, dass ich deshalb wieder schreiben kann oder will; Die stachelige Muse des Selbstmitleid hat heute das Gästezimmer bezogen und scheint gerade ein Stelldichein mit der Eigenen Verachtung zu haben – los opuestos se atraen.

Läuft so… mittel. Lange habe ich überlegt mit dem, zufällig echt legendär passenden, Titel und Ende des letzten Text einfach Schluß zu machen. Tabula Rasa und woanders neu beginnen. Nicht mehr als ‚Tagebuch eines Verwirrten‘ und nur mit den Menschen die hier noch lesen… aber als was dann? Und was wenn keiner mitkommt? Und… Faulheit kann manchmal wirklich ein Segen sein. Schauen wir ob die Verwirrung erneut bleibt oder nur kurz zu Besuch ist.

Wunderbare Jahre

Saturn besitzt eine so geringe Dichte, dass er – würde man ihn in eine Badewanne werfen – wie ein Stück Seife oben schwimmen würde. 

Der Mitbewohner und ich sitzen in der schmierigen Asiatenbude vor einem überfüllten Kaisers-der-jetzt-Rewe-heisst und essen vor dem Sport noch eine Kleinigkeit.
Bald wird er nicht mehr der Mitbewohner sein und mein Herz blutet bei diesem Gedanken, aber so hat eben alles seinen Preis; Auch die fünf kleinen Frühlingsrollen die mir auf einem angeschlagenen Plastikteller zugeschoben werden. „So also erklärt sich der günstige Preis“ denke ich und kaue mehr aus Langweile als Hunger daran herum.
Wir sitzen uns gegenüber und als wir dort so sitzen und kauen fällt mir die Filmtauglichkeit dieses Moments auf.

So könnte ein guter Film anfangen. Everything needs a start and a proper story’s supposed to start at the beginning. 

Nichts hier ist schön. Nicht Der Kaisers-der-jetzt-Rewe-heisst in seiner, aus allen Nähten platzenden, Geschäftigkeit. Nicht die schmuddeligen Bänke dieser Fressbude, dicht gereiht an klebrigen Tischen. Nicht das fahle Neonröhrenlicht unter schmutzig-grauem Frühwinterhimmel, welches sowohl Kaufhalle als auch Essensladen in ungesundes, gräulich-faulendes Licht taucht. Nicht der verbeulte Metalltresen von dem aus auf kaputten, dreckigen Tellern pappiges Essen herausgeschleudert wird. Nicht die Menschen die hektisch, betrunken, laut oder gereizt sind – niemals aber gut gelaunt.
Nicht einmal ich mit meinen abgerantzen Klamotten; Die braune Cordjacke so alt wie ich selbst, an den Rändern abgerieben und ausgeblichen; der Pulli noch aus Zeiten in denen die Marke Fishbone in war, sein Stoff rau wie Leinen vom Waschen; die Lieblingsjeans nach 15 Jahren genäht und geflickt und doch schon wieder mit Loch und festsitzendem Grind durch Bauarbeiten im Sommer; Die Mütze in jenem Schwarz, das eine langjährige Nutzung verrät, schlicht, jedoch verstärkend im Eindruck des Heruntergekommenen… Wäre es nicht Berlin: ich könnte als Penner durchgehen.

Szenenwechsel: in mein zweites Leben, dort in der alten Heimat; dort wo sich die Zeit langsamer dreht.

Der Geruch nach Motten hängt im öffentlichen Nahverkehrsbus dieser geistlosen Kleinstadt, die ich nie wiedersehen wollte und doch viel zu oft sehen muß. Die Dauerwellen der alten Damen wellen sich Eine höher als die Andere. Vielleicht ist es ja eine Art nonverbale Hierarchiesierung dieser verwitterten Mütterchen: die mit den höchsten Wellen ist Oberhaupt der ‚Seegang‘; wer weiß es schon. Irgendwie passend, dass der Geruch von Moder und Verwesung dabei mitschwingt. Die Hülle ist letztlich Alles und unten im Meer hört dich niemand atmen. Etwaige Leichen sieht man eh erst beim Tauchgang; dann, wenn die Dauerwellen durchbrochen sind.

„Es liegt ein Fluch über dem Guinessbuch“ singt Rainald Grebe in Berlin aber hier bin ich meilenweit von Big B, mittelmäßiger Exzentrik und Fluchtversuchen aus der Durchschnittlichkeit entfernt. Hier ist die Mitte das Maß aller sichtbaren Dinge, der Schwerpunkt dermaßen tief, dass es in den gichtigen Knien knackt. Die Gewöhnlichkeit muss mich nicht einmal einholen, sie ist überall und empfängt mich mit lieblosen, kalten Armen – wie eine einsame Vettel einen alten Geliebten der zurück zu ihr stolpert. Es geht für sie hinaus, hinaus aus den verlockenden Sphären eines Puffs und es wird geliebt werden, komme was da wollte!

Zurück in den Asiaten oder weiter? Weiter. Immer weiter! The road goes ever on and on, down from the door where it began.

Es gibt drei Arten von Menschen auf der Straße, sagt die Frau zu mir frühmorgens, während wir in der Ubahn sitzen. Unser Gespräch begann – als wir auf einer Bank sitzend auf den Zug warteten – mit der Frage ob sie mich mal anhauchen dürfe.
Sie selbst – seit kurzem erst wieder von der Straße runter – arbeitet ehrenamtlich in der Bahnhofsmission und habe festgestellt es gäbe drei Arten von Menschen auf der Straße: Süchtige, Verrückte und süchtige Verrückte; vielleicht waren es auch verrückte Süchtige.
Von jenen Menschen die aus Systemverweigerung oder ideelen Gründen auf der Straße leben will sie nichts wissen, dies sei vielleicht einer in einer Million und vermutlich sei auch der verrückt.

Die Bonbons, die ich ihr gab um über ihre Trockene-Alkoholikerinnen-Fahne hinwegzuhelfen, wirken nur bedingt. Ich muss es ihr nicht sagen, wir erkennen die unausgesprochene Wahrheit bereits in unseren Gesichtern: Sie wird wohl nur die reduzierte Portion Methadon bekommen. Immerhin habe ich ihren Morgen gerettet, wie sie mir ausdauernd beteuert, was mich fast meine Station verpassen lässt und ich unterbreche das eigentlich angenehme und interessante Gespräch mit dem hässlichen Tuten der Ubahnwarnleutchen und dem schmatzenden Geräusch der Gummilippen ihrer Türen. Alltag goes on and there is no time for humanity.

Surfer, dein richtiges Leben beginnt jetzt. – er ist ein Suchender, die Welle sucht er, die perfekte Welle. 

Die Vermieterin der Wohnung in der Stadt der Langeweile hat einen derartigen Oberbiss, dass man fast ihr schlecht sitzendes Toupet ignorieren könnte. Meine Überlegungen diesbezüglich werden rüde unterbrochen, als sie mit schnarrender Kratzstimme der Nachmieterin die Vorzüge ihrer Mieterinnenauswahl anpreist – Die hübsch-blondierte junge Frau ist nicht nur eine potentielle Nachmieterin, soviel wird mir bei dem Wort „Polizistin“ klar.
Sie habe ja nichts gegen Ausländer, aber… meine kleinen Stiche in die Patriotenniere ignoriert sie mit der gekonnten Ignoranz einer verkappten Rassistin woraufhin ich aufgebe. Für den Rest ihres Monologs versuche ich nur noch zu ergründen, woher sie einmal gekommen sein mag, dass sie so einen ungewöhnlichen Hautton und dieses merkwürdige Füllwort „erre“ hat. Die Ironie des Lebens ist bissiger als alle Kommentare die ich in mir trage.

Schlussszene: Die Kreise schließen sich, es geht zurück zum Asiaten, vorwärts zum Beginn der Geschichte; zurück zum Ende des Films.

Ähnlich dem schwarzen, perfekt glatten Monolith zum Anbeginn der Menschheitsgeschichte in 2001: Space Oddysey ragt mein Mitbewohner als Rettungsanker der Kultur aus dem Sumpf der gewöhnlichen Tristesse. Wie ein polierter Marmorklotz ragt seine aufrechte Gestalt über den Schmodder und die Ranzigkeit des Ladens, mit widerlicher Schönheit blendet er mein gelangweiltes Auge.

Ordentlich gebügelt und gestärkt bildet das sorgfältig ausgesuchte Hemd einen wundervollen farblichen Kontrast zum perfekt gebürsteten Jackett – natürlich mit Einstecktuch. Die Kravatte ist weg, immerhin ist es Feierabend; da darf es schon mal leger sein. Sein hipstermäßig langes Haar liegt ordentlich an und ist zum Zopf zurückgebunden, innen wie außen strikt geordnet. Die Doktorandenledertasche in weltmännischem Sherry-Farbton liegt neben ihm und natürlich kann man seine prunkvolle Understatementarmbanduhr gewollt unauffällig am Handgelenk blitzen sehen.

Ein Paar wie Yackyll and Hide. Starsky and Hutch. Han Solo und Chewbakka. Der Schöne und das Biest; grundverschieden im Äußeren und doch verbunden im Inneren. Des Einen Hülle ist des Anderen Seele, Zukunft und Vergangenheit zweier Leben auf der klackernden Tanzfläche einer unentwegt dröhnenden Musikkapelle. Alles ist Eins und Kleidung blendet nur den ungeduldigen Geist.

Weiss auf schwarzem Grund, flackernd im Imitat alter Filmstreifen und rissig an den Rändern überlassen wir das Feld einem simplen Wort:

fin

Over Capacity

„Sag mal… Ganz ehrlich… unterfordert dich dein Job nicht total?!“

Es ist müßig auszuführen was in der Situation gesprochen wurde, denn das spontane Gestammel einer Person gegenüber einer Andren in der Kennenlernphase des Lebens ist austauschbar und einerlei wie das verfärbte Waschwasser archaicher Waschweiber an derelikten Waschstellen. Genauer nachgedacht entdecke ich einen Anglizismus, was mir jedoch erst durch Freund G. Klar wird (man will große Worte ja nicht falsch utilitarisieren). Klingt gut, bleibt so; bin ich doch immerhin Architekt, meist sogar Bauherr meiner eigenen Geschichte(n).

Letztlich soll für die Privatsphäre eine verallgemeinernde Zusammenfassung reichen: Ja, aber das ist schon okay.
Was bleibt und begleitet ist immerhin der Gedanke, warum das okay und was dazu führte das dem so ist und wieso und überhaupt. Also extrapoliert mein Kopf
There are two Kind of people: those that can extrapolate from incomplete data.
und geht auf die Suche eines übergreifenden oder Zugrunde liegenden Themas. Come, walk with me stranger, for the night is dark and the hours long.
Or full of terrors, wenn man ‚Meta‘ genug ist.

Cut. Es muss zum Thema, genug der Ablenkung. Und wer wären wir, dem Text sein Thema zu verweigern!
Also kein einziges vergeudetes Wort mehr um etwas anderes als das, was im Titel ominös angedeutet, durch das englische weltmännisch aufgepeppt und dessen Pointe im ersten Satz quasi schon erklärt ist. Ganz wie es mein Stil ist; Redundanz sei meine Winterdecke, ich lege mich zur Ruhe damit und komme zum Frühling darunter hervor.
Ich stelle den Wecker auf Februar, dann können wir noch kurz kuscheln. 

Der afrikanische Pinguin trägt wohl auch den Namen ‚jackass penguin‘. Und unter Weiterem in der Kategorie Kamele:

Ein Symptom unser Zeit ist es, so meine abschließende Diagnose
Lassen Sie mich durch ich bin Heiler Lvl 83!
für die Weile bis die nächste kommt, dass wir unser gesamtes Potential (unsere Kapazitäten) ausschöpfen. Ob wir das wollen oder nicht sei dahin gestellt, dass hier soll keine sozialkritische… wobei doch!
…ich wiederhole mich nur ungern…
Sensibilisiert durch die Diskussion um meine Lebensführung, eingebettet als Sozialassi in einem Nest von Gutbürgerlich funktionierenden Erwachsenen (manche von denen sind jünger als ich), betrachtete ich, wieviel Platz wir Menschen uns eigentlich so im Leben lassen.

Es wäre vielleicht übertrieben zu behaupten, dass der Wunsch nach Erfüllung durch (viel) Arbeit, ein möglichst ausgeglichenes Privatleben und Beschäftigung am Wochenende, gesunder Schlaf und sowieso Allem
…hier fliegt gleich Alles in die Luft…
der Optimierung produktiver Arbeitsdrohnen gleichkommt; aber Übertreibung dient bei mir der Verdeutlichung und ein wenig kann man das schon so sehen, eh?

Mein Beruf ist schön und etwas das ich mir wirklich ausgesucht habe, keine Notwendigkeit hat mich dorthin getrieben oder würde mich dort halten, wäre das anders. Wenn ich dort bin arbeite ich gerne und möglichst gut. Just doing my job doesn’t suit me, könnte man sagen. Gern arbeiten geh ich dennoch nicht und die Rahmen meiner Arbeit sprengen meine Kapazitäten (es war ja Eingangs schon erwähnt) nicht. Auch wenn ich dafür in einen beständigen Dialog gezwungen werde – ähnlich der Frage warum man eigentlich keinen Alkohol trinkt, nie anders herum -, hat sich mit bislang noch keine unabdingbare Logik ergeben, dies zu ändern. 

Letztlich, so erklärt es sich für mich, geht es immer um eines: du (also ich) kannst doch mehr aus dir machen. Und das du das willst ist gegebener Fakt, immerhin hat du das Potential und das nicht auszuschöpfen ist Vergeudung.
It is known.

Eigentlich muss hier noch Text. So voll krass mit Message und so… 
Stumpf is‘ Trumpf

… but let’s not go over capacity.

Am Subjekt vorbei sehend

Oder auch ‚objektiv sein‘. Aber wer kann das schon sein in diesen Zeiten in denen wir unseres eigenen Ichs bewusster sind als vermutlich je zuvor. Long Live Science!

Ich kann nicht ohne mich selbst denken. Allein in dem vorangegangenen Satz verdoppelt sich mein Ich, schwillt mit jedem weiteren meiner Sätze an und wird zu einem einzigen, zähflüssigen Brei den wir (also ich) Meinung nennen.

Meine Meinung bin Ich und Ich kann nicht ohne Meinung sein; nicht einmal als Mitglied einer Konsumgesellschaft mit Privatsendern und Internetzugang im Kühlschrank. Jedes Bild das ich mir bilde, jede Ansicht die ich zu anderen Meinungen entwickle kann und muß nur über mein eigenes Denken – und damit mein eigenes Ich – ablaufen; und verbleibt somit in mir selbst verankert.

In dieser speziellen Konstellation wäre somit der Spruch „niemand kann objektiv sein“ nur unter der Prämisse geltend das er „ohne das eigene Subjekt denkend“ meint. Wenn ich jedoch nicht ohne dieses Ich denken kann ist es unsinnig es in den Betrachtungen ausklammern.

Eine jede Betrachtung eines Anderen müsste sonst ‚objektiv‘ in sich sein, behandelt das Ziel des Gesagten, der Meinung, etc doch immer ein Objekt (weil nicht durch mein Subjekt damit verbunden) meiner subjektiven (aus meinem eigenen Subjekt stammend) Wahrnehmung.

Und darum mag ich Menschen die „so eine Frechheit“ sagen rein ‚objektiv‘ nicht.