Zwischenträume I

Die Hand zur Faust,
Einnehmend.
Finger und Ballen,
Verschmelzend.

Zwischen Wut und Schmerz.
Das Leben, es wird dir entweichen.

Blassknöcherne Leere,
Zwischenräume im Sein.
Verlorene Mühen voller Raserei.

Die Hand als Fläche,
Einladend.
Finger und Ballen,
Umfassend.

Zwischen Liebe und Lust.
Das Leben, es wird dich umgeben. 

Lichtgesponnene Netze,
Zwischenträume im Schein.
Verlockende Visionen voller Wonne. 

Chaos und Ordnung (Teil 1)

Wenn wir dem Wissen glauben, welches wir über uns selbst und unsere Vergangenheit gesammelt haben, so ist das Leben vor allem eines: chaotisch. Auch wenn das Leben im Allgemeinen und für den einzelnen Menschen im Speziellen doch sehr unterschiedlich ist, letztlich ist es vor allem nie so, wie es einmal war. Und wie es wird können wir trotz aller Prognosen und Versicherungen letztlich nicht sicher sagen.

Nehmen wir das als Grundlage einmal ungefragt an (eine ausdauernde Beschäftigung hiermit wird vermutlich – wie in allem – Lücken finden) und erweitern diese These.

Wenn das Leben chaotisch ist und unsere Zukunft darum unbeständig sein muss (die Zukunft hier als ein chronologisch vor uns liegender Zeitpunkt des Lebens -unseres Lebens – gedacht), müssen Prognosen die Zukunft betreffend unabdingbar unsicher und unklar ausfallen. Das Chaos zu überschauen ist in der Definition des Wortes nicht möglich, da es sonst in einer Ordnung zu fassen wäre und entsprechend nicht mehr rein chaotisch. Ausserhalb der Tautologie gesprochen steht das „reine“  Chaos entsprechend als Kontraelement zum Begriff des Begreifens. Es (das Chaos) musss sich jeder Begrifflichkeit entziehen.

Nehmen wir in einer zweiten These an, dass es dem menschlichen Naturell schwerfällt sich einem unfassbaren und abstrakten Begriff wie „Chaos“ auszusetzen, sondern er (der Mensch) bestrebt ist Alles ihn umgebende für sich (be)greifbar zu machen.

Indem ich die Dinge um mich herum benenne, schäle ich sie aus einem ungefassten Zustand heraus in einen zuerst klar scheinenden und vermeintlich eindeutigen Rahmen. Indem ich das Haus nenne, beschränke ich die Deutungen dessen was ich meine um ein erhebliche Maß. Die Diskussion um die Exaktheit solche Definitionen ist -wie sich zeigen wird – nur sekundär wichtig und daher soll die vereinfachte Theorie ausreichen.

Sollten also beide dieser Thesen gelten (was wir für dieses Gedankenexperiment annehmen), ergeben sich interessante Vermutungen zum Menschen und seinem Standpunkt zur intrinsischen Natur des Lebens.

Was ist damit Freiheit für den Menschen und wie steht er ihr gegenüber?

Was ist die Motivation zu einem geordneten Leben?

Ist Ordnung mit Leben vereinbar, ist Chaos dies?

Superhuhn

Im Zug sitze ich rückwärts und fahre meiner Zukunft entgegen, was mich in nachhaltige Grübeleien stürzt ob ich ihnen entgegenfahre oder daran scheitere ihnen wegzulaufen. Als ich dabei meinen Kopf an die Fensterscheibe lehne bemerkte ich mit einem Mal die Spuren der Regentropfen. Hey, es regnet. Wann hab ich überhaupt das letzte mal verlaufende Regentropfen gesehen? 

Mein Kopf verschluckt das d und verläuft sich mit dem Wasser auf der Scheibe.

Die Sonne schien als ich für meinen Döner anstand – Ich stehe für meinen Döner an! Einen Döner! –, was sonst nur einige hundert Meter weiter bei ‚Mustafa’s Gemüse Döner‘ passiert.  Später werde ich einer Freundin die 50 Meter kultbedinge Schlange für etwas-mehr-als-mittelmäßiges-Fastfood zeigen und mich dabei echaufieren; es sind die kleinen Freuden.

Ich wollte kein Dürum, das wollte der zwei hinter mir, dazwischen die mit zwei Halloumi – Dürum, ich wollte einen normalen Döner mit Kräuter und ein bisschen scharf ohne Zwiebeln; der Bestellvorgang eines Döners in Berlin folgt einem so gleichbleibenden Muster das mich Abweichungen oft aus dem Konzept bringen.

Bitteschön?/Der Nächste! – Einen Chickendöner bitte. – Einmal Chickendöner. Nicken und zustimmendes GelautbareStille bis das Brot fertig getoastet ist – Soße? – Kräuter und ein bisschen scharf – Soße ins Brot und dann Fleisch plus eventuell Gemüse – Salat alles? – Keine Zwiebeln bitte. – Einpacken?  – Ja bitte. – Tüte oda geht so? – Geht so. – Zahlvorgang und einseitig freundlicher Bezahl-/Verabschiedungsprozess.
Ich könnte mir das bitte auch stecken, kaum einer von den Dönerschnibbelfachverkaufsleuten schaut mich je länger als zwei Sekunden wirklich an; mein Stammdöner beispielsweise will mich trotz aller Freundlichkeit auch nach drei Jahren immer noch nicht kennen, geschweige denn wissen was ich bestellen werde.
Ich hatte mir die Bestellungen gemerkt weil es eine Berufskrankheit ist… oder OCD… darum war meine Reklamation wegen des Wechselgelds also auch berechtigt. Die befehlsführende Dönerfrau meckerte dafür ein bisschen mit dem unschuldigen jungen Kerl, der verwirrt den Hühnerabfallspieß weiterbearbeitete.  ‚Ne Frau in einem Dönerladen die nicht nur spült… huh. Beim Blick über die Schulter erkenne ich den Dürumbesteller als Bekannten. Zumindest meine ich ihn zu erkennen, es ist dieses Ziepen in der Erinnerung wenn ein Gesicht bekannt vorkommt und die Erkenntnis es noch nicht verarbeiten konnte. Ich drehe mich zurück und noch beim drehen holt das Gehirn auf: Naah, der sieht nur jemandem ähnlich den du kennst. Einem Kollegen von E. Aber der ist garantiert nicht in Berlin und…

Erinnerung an eine andere Situation überdenkt den Rest meiner Gedanken und ich bin zurück in einem Frühling vor gefühlt fünf Leben als ich auf der Museumsinsel an jemanden vorbeilief der mir auch bekannt vorkam. Wir drehten uns beide um, musterten uns beide eingehend, kniffen beide die Augen zusammen und runzelten beide auf die selbe Art die Stirn… bevor wir weitergingen. Beide drehen wir uns erneut um und so kreuzten sich unsere Blicke erneut. Wir nickten uns mit einem vermutlich identisch zweifelnd aussehenden Gesicht zu; heute würde ich ihn ansprechen, damals war ich da befangener. Markus. Ich glaub das war Markus aus deiner…

Aber die Erinnerung ist ein trügerisches Tier und ich zweifele heute wieder ob er es war. Damals war es warm. Heute sind wir dem Sommer näher und es ist kälter. Vielleicht nähern wir uns ihm aber auch nur rückwärts oder laufen erfolglos vor ihm davon ohne es zu ahnen. Jetzt wird es Mai, ich tanze hinein und wirbele im Kreis rückwärts und vorwärts durcheinander; Döner in der einen, Erinnerungen in der anderen Hand.

Wenn es nicht warm wird, mache ich es mir eben warm.

Redewendepunkte

Ich liege im Bett, muss wohl eingedöst sein. Vermutlich habe ich dabei ein wenig gesabbert, mein Mundwinkel fühlt sich noch ganz klebrig an. Doch als ich nachfühle spüre ich nichts. Scheinbar bin ich auch hiermit in einem Halbzustand gewesen; so wie ich nicht richtig geschlafen hatte, nun aber auch nicht richtig wach bin sondern mit einem Kopf wie kurzsichtiger Wackelpudding herumvegetiere. Ich bin müde, so müde. „Müdigkeit ist bei mir eine Lebenseinstellung.“

Mein Rücken schmerzt und als ich die Schultern nach hinten durchdrücke knackt es laut, so dass der Kater erschrocken ins Zimmer blickt. Es könnte allerdings auch sein dass er einfach nur nach Beute geschaut hat. Unerklärliches Wesen das Vieh. Ich mache mir Gedanken um einen Buckel; vielleicht ist es aber auch nur noch ein tiefsitzender Rest des  Muskelkaters vom Sport. Ich habe zu lange keinen mehr gemacht. „In meinem Alter muss man ja auf sich aufpassen.“

Ein Hustenanfall überkommt mich, meine Brust scheint hierbei gegen eine kleine, knorpelige Kugel in meiner Brust zu drücken. Ein Klumpen getrockneter, widerborstiger Krankheit die meinen Körper nicht verlassen will. Oder nicht verlassen soll, ich bin mir nicht ganz sicher ob ich nicht doch einige Allergien habe die bislang nicht beachtet wurden. Das sollte ich mal checken lassen. „Den Husten habe ich seit November 2015, der ist nicht mehr ansteckend.“

Der neue Job fordert mich heraus, auch wenn heute nicht einmal viel zu tun war. Mit Menschen und so, dass ist immer anstrengend und sieht nach entspannt rumsitzen aus. Wieder einmal denke ich darüber nach warum ich kein Informatiker werden und gut Geld verdienen wollte. Das mit der Erfüllung klappte auch im zweiten Beruf nicht, da hätte ich auch ans Geld denken können. Doch was solls, ich mag es. „Verwechsel das nicht, ich bin nur für Geld sozial.“

Ich trage meine Redewendungen wie ein Schild vor mir her und bagatellisiere mein Wesen mit einer Vehemenz, die mich hin und wieder innehalten lässt: Im Sprechen, im Handeln, im Schreiben, seltener im Denken. Wie ich es feiere, wenn mir die Menschen perplex gegenüberstehen, den Fokus auf mich verlieren und wieder um ihre eigenen Probleme kreisen. Das ist Plan und Programm des Ganzen.“Der Wassermann ist ein Wesen, dass es liebt seine Umgebung zu verwirren“

So lebe ich ein Leben inmitten der mich umgebenden Menschen, Konstrukt meiner eigenen Redewendungen und doch anders als Es ist; verschlingt sich der Pfad meines Selbst doch in regelmäßiger Penetranz. Je mehr ich mich selbst dekonstruiere, je deutlicher ich meine Konstruktion erfasse, desto unverständlicher wird das Resultat meiner Handlungen. Auch das: Plan und Programm. „Zu schlecht um in dieser Gesellschaft zu funktionieren, zu gut um darin unterzugehen.“

Ich las einmal, Menschen liebten das Mysterium. In meiner Sucht nach Leben verwirrte ich mich dabei um mich selbst, verpasste jenen Wendepunkt an dem ich mir noch Rede und Antwort stand. Als ein Konstrukt sinnvoller und sinnbefreiter Redewendepunkte bleibe ich unergründlich, sind meine Gründe doch nichts anderes als Bauwerke des Darüberliegenden. Oder der Darunterbuckelnden, wer weiss das schon.“Wir spielen immer eine Rolle, manche passen uns nur besser.“

Perspektive ist eh so ein Ding. Man muss sie haben um sie zu verstehen, selbst dann ist sie fraglich in ihrer Konsistenz.

So kommt und geht es eben

Ich sitze am Hauptbahnhof auf dem Platz der nicht der Europaplatz ist, sondern der andere, der dessen Namen ich mir nie… Washingtonplatz! So heißt der… glaub ich. Könnte auch ‚Betonwüste mit dahingesprenkelten Betonklötzen‘ heissen, aber da er nun einmal (vermeintlich) Washingtonplatz heißt bleibt nichts als sich zu wundern woher der Name kommt. Bis zum nächsten Vergessen und Erinnern. So geht es eben.

Ich sitze in der Sonne – im Schneidersitz, mit krummem Rücken, in schwerem Wintermantel, mit Mütze – auf einem Kubus aus Beton und verweigere es mich zu entblößen. Viel zu angenehm ist das wohlig warme Kribbeln unter dem dicken, schwarzen Stoff meiner Kleidung, viel zu kurz die Zeit die ich in Zwiesprache mit jedem einzelnen Sonnenstrahl gehen kann. Es ist ein bewegter Platz, hektisch in seinem Treiben, an jeder Ecke gefüllt mit sich sonnenden Menschen. Ströme von Koffern und dazugehörigen Leibern hasten an mir vorbei; ein wenig erinnert es mich an eine Robbenkolonie. So kommt und geht es eben.

Da ich Musik im Ohr habe, dem Drumherum das zugehörige Getöse, Gemurmel und Raunen nehme, versickert diese Lebendigkeit im grauen Hintergrund meiner Wahrnehmung und eine merkwürdig andächtige Stille tritt ein.
Ich springe gedanklich in den Hochsommer 2015 zurück: das Fez-Gelände, auf einer Parkbank am Wasserbecken. Es ist später Nachmittag und die Sonne hat allem Lebendigen und Unbelebten die Motivation aus dem Leib geballert. Die Eltern sind mit ihren Bälgern geflohen, es sind gefühlt 40 Grad oder mehr aber da der naheliegende Badesee wegen Bauarbeiten nicht geöffnet hat sind sie selig weit weg. Ein Wetter, dass einem der Schweiß schon bei der Erinnerung aus allen Poren läuft. Ich saß bestimmt eine halbe Stunde unbewegt auf der Bank und hielt auch so einen stummes Gespräch. Die Sonne in ihrer gnadenlosen Wucht, die Luft in ihrer dumpfen Abgebrühtheit und ich in der Stoik eines Menschen nach einem anstrengenden Arbeitstag. Seit jenem Tag ist mir nicht mehr zu heiß, wenn ich in der Sonne sitze. So kommt es eben.

Hinter mir wabern kalte Schwaden aus dem Gebäude, die jenen Bauwerken zu Eigen sind die tief in Erdschichten eingegraben wurden. Kalte Luft, geboren in einer Umgebung bar jeglicher natürlicher Wärme und aufgewachsen in Hallen und Tunneln die sich im Dunkel der Welt verlieren. Höchstens die Wärme der Menschen die zu ihren Zügen rennen lässt sie erahnen was das Konzept von Wärme sein soll. Im übertragenen Sinn wird ihr nicht einmal die herzliche Wärme der Menschen zuteil, die Wiedersehen oder Abschied zelebrieren; ist ein Bahnhof doch in seiner Sache – so las ich einmal – einer jener Nicht-Orte, den Menschen betreten um ihn zu verlassen. Mitleid überkommt mich mit jenen unschuldigen Luftschwaden, die aus der platon’schen Höhle treten und von der strahlenden Wirklichkeit der Wärme zerfetzt werden. Doch so kommt und geht es eben.

Ich denke an den Mitbewohner, der mir mehr Familie ist als die meisten meiner Familie. Die Mitbewohnerin die mehr Katze ist als Mitmensch und mich mit ihren unzähligen Schlafpositionen stets zum Lächeln bringt. Der Kater unserer Gemeinschaft der mehr Charakter besitzt als die angepassten Fleischhülsen mit denen ich vorher lebte. „…vielleicht ist es ja wie bei einer Auster mit dem Öffnen und dem Schließen und am ende kommt eine Perle raus.“ Sagte er. „Eine Perle ist nicht mehr als mit Glanz überzogener Dreck.“ Entgegnete ich. Er nennt mich meist nur noch Rabe; Recht hat er. Später wird er berichten: es wird keine Perle werden. Ich bin nicht überrascht, denn eine Sache die von andauernden Hoffnung genähert wird ist meist eine Suche nach dem Goldtopf am Ende des Regenbogens. So kommt es eben nur selten und geht dann doch anders.

Mein Zug fährt bald und ich mit ihm, wenn ich es schaffe mich von meiner kleinen Insel der Wärme zu lösen. Mich fröstelt es bereits bei der Vorstellung an die Minuten auf dem Bahnsteig, denn es wird mir niemals vergönnt sein so zum Bahnsteig zu kommen wie der Zug. Es scheint ein kosmisches Gesetz zu sein, dass ich auf den Zug warte. Ähnlich dem Symptom in dem ein Arzt niemals leserlich schreiben kann wenn er etwas verschreibt, oder in dem die Garantie eines Geräts stets in der Woche zuvor anlief. Ich werde fahren, für eine Weile noch, denn so kommt und so geht es im Leben.

Morgendliches Gezwitschere

Da sitz‘ ich jetzt an einem dieser Morgen, die ja dafür da sein sollen das man ‚mehr vom Tag hat‘ und ich denke mir unentwegt:“Verfickte Scheiße, wer braucht diesen Kropf vom Tag?“

Das klingt jetzt so als hätte ich die Gedanken textrein umgedichtet; denn so denkt doch –  also wirklich genau so – ja so denkt doch einfach keiner. Well… Bullshit. Ich denke exakt genau so. Genüsslich polemisiere ich in meinem Kopf umher, denn die Narrenfreiheit habe ich für mich in meinem Kopf ja gepachtet. Die Gedanken sind frei und so – was denn? Ich lebe in Berlin, da darf ich sowas schreiben.

Ich sitze also zu Zeiten in der Sbahn zu der man sonst nur Kinder zum Brötchen-und-Bier-holen aus dem Haus jagt und bewundere die majestätische Pracht eines in grau getünchten Mickermorgens. Mit grauen Elementen zum aufdunkeln, es soll ja langweilig bleiben. Einheitsbrei um mich herum zum Frühstück, denn um was Gescheites zu frühstücken hatte ich nicht die Zeit . Da kamen mir ungefähr neun mal „nur noch fünf Minuten“ dazwischen. Und um die muß sich ja auch einer kümmern.

Wo kämen wir da generell hin? Wenn jeder einfach so die Hindernisse des Alltags überwinden und seinen Kram erledigen würde. Das wäre die totale Diskriminierung gegenüber allem was verschoben werden will! Eine Welt voller zufriedener, ausgeglichener und erfüllter Menschen… Mir käme mein Frühstück hoch, hätte ich eines zu mir genommen.

Ich nibbel an meiner Hipsterbrause.

Es ist entspannend, dass wir das morgendliche Gezwitscher der Flugratten gegen das Gezwitschere mit unsren Denkophonen eingetauscht haben. Außer wenn jemand vergessen hat den Ton leise zu stellen herrscht angenehme Stille im Zug – nicht das ich diese wahrnehmen würde, ich habe wie immer Musik auf den Ohren und verhinderte jegliche ungewünschte Annäherung.

Es ist sowieso einfach nur schlimm wie sehr die Menschen vereinsamen mit diesen Smartphones. Ich erinnere mich noch dunkel an meine Kindheit und all das viele Gequatsche mit Fremden im Zug oder Bus. Und die alle waren ja auch total offen für unvergnügliche Schmalspurgespräche mit ihren miefenden, besoffenen, oder anderweitig debilen Mitreisenden. Ach, was war das nur für eine wundervolle Zeit in den smartphonlosen Tagen, als die Menschen noch ihr Bedürfnis nach sozialem Kontakt mit den anderen ausgehungerten Leidensgenossen teilen konnten.

Ich nibbel weiter an meiner Hipsterbrause. Irgendwie bekommt mir der Prollsarkasmus gerade nicht.

Der Zug rollt weiter in Richtung eines Ziels mit dem ich mich lieber nicht auseinandersetzen möchte, also lenke ich meine Gedanken wieder in die Richtung der Smartphonesucht unserer Zeit. Jener scheinbar vereinsamenden Wut, die uns umtreibt und den mannigfaltigen, uns umgebenden Kontaktmöglichkeiten die kalte Schulter zeigen lässt.

Ich bleibe wieder daran stehen, dass diese Menschen um mich herum -ich nicht, ICH schreibe ja wichtige Literatur! – dass diese Menschen also irgendwie doch fast alle… nunja… kommunizieren. Mit Menschen. Nur eben Menschen die sie gern haben oder die sie gern haben wollen und treffen oder ficken oder oder oder… Also zumindest Menschen die sie kennen, wenn auch nur flüchtig vielleicht. Menschen, die ihnen etwas bedeuten im Gegensatz zu den ganzen Dumpfbacken die sie gerade umgeben. Früher, als ich klein und gerechtfertigt unwissend war, da nannte sich sowas Beziehungspflege. Vermutlich auch so etwas, das die jungen Menschen von heute nicht mehr tun. Also ich auch nicht. Oder ich doch schon noch?

Ich schlürfe den Rest meiner Hipsterbrause. Wie immer muß ich pissen wie ein Hirsch sobald das passiert.

Wann bin ich eigentlich alt? „Trau keinen über dreißig“ ist ja nicht mehr relevant, da wir ja alle Nazis sind. Ich dank meines Geschlechts und meiner Hautfarbe. Nur eines davon berechtigt mich zum Rassismus aber immerhin muss ich gar nicht mal was tun um es zu sein. Und das andere ist als genereller Vorwurf sowieso immer geeignet. Da müsste ich jetzt mansplainen um den Unterschied zu verdeutlichen.

Alter ist so ein Ding, welches die Menschen benutzen wie es ihnen gerade passt, oder? Brauch ich ne Ausrede gegen Sport, hab ich ja gestern erst.. und in meinen Alter braucht das länger bis…

Da ich aussteigen muß und nicht mehr genug Hipsterbrause in mir drin ist um weiter über so einen Rotz nachzudenken, werde ich vermutlich gleich einfach ein Kind schubsen und einem alten Man den Stock stehlen. Vielleicht werf ich auch ner Schwangeren was auf den Boden. Oh! Oh! Oh! Und irgendwas Fremdes anpöbeln. Am besten was das nach Ausland aussieht. – Ich bin Sozialarbeiter, ich darf das.

„Karma’s a bitch“ und so. Gleichmäßig ätzend sein und du klebst nirgends fest, wah?