Eigentlich könnten wir…

Wollte ich die Umgebung in einem Satz beschreiben, so käme „ein Baumhaus für vier Erwachsene inmitten einer Stadt“ dem vermutlich sehr nah. Ein bizarres Konstrukt von Wohnung, sehr eng aber lang gezogen. Gemütlich in der Grundstimmung, an einer Wand über und über mit unterschiedlichsten Büchern zugeballert. Licht verfängt sich im Staub, ganz so wie es sich für einen Raum mit vielen Büchern gehört. Überall sind Stufen, Absätze, Brüche in der Bodenebene und Balkenenden. Dazwischen hängen Töpfe, Jacken, Handtücher, Bilder, Schals, Zettel, Dekokram. Ein wahrer Flickenteppich verschiedener Leben, eben ganz so als wären ein paar Erwachsene in einen Baum gezogen und hätten dort sowas wie eine Wohngemeinschaft gegründet. Ja Erwachsene. Nicht so eine dieser lieblosen, chaotischen Jungerwachsenengemeinschaftsvermüllungszentren. Das Chaos hier hat Stil. Bewusstsein. Und ich kann es förmlich einatmen in seiner Gelassenheit.

An einem Ende der Wohnung befindet sich eine zwei Stufen tiefer sitzende ‚Etage‘ von welcher dennoch ein Blick durch die ganze Wohnung möglich ist – mit Ausnahme der Küche, welche ganz am anderen Ende hinten links abknickt. Dort sitze ich, vermutlich auf einem Sessel und schaue auf die gegenüberliegenden Häuserfront. Denn irgendwie endet die Wohnung zur Straße hin einfach mit einem kleinen Podest, eben auf der Seite wo auch die Bücherregale stehen. Keine Wand versperrt die Sicht, kein Geländer bewahrt vor dem Fall. Dort ist einfach offen, mit einem -kuschelig eingerichtet mit flauschigem Teppich und großen Kissen – Lesepodest als halbseitigem Abschluss. Sehr poetisch steckt in der freien Ecke des Podests so etwas wie eine Fackelhalterung und die Bretterwände enden nach außen gewölbt; ein wenig erinnert das an eine explodierte Büchse in einem Cartoon. Da es niemand wundert, muss es wohl so sein und auch ich beachte es nicht weiter. Alles schmeckt nach Kommen und Gehen und mein Kopf denkt an einen Jugendclub.

Es geht, im an mir vorbeifließenden Geschehen, viel um irgendeine Modelleisenbahn. Einmal wird sie abgebaut, dann wieder aufgebaut, anders diesmal. Kompakter, nicht auf der Bücherseite einmal durch die halbe Wohnung – wie es sich meiner Meinung nach angeboten hätte – sondern nur auf der Ebene auf der auch ich ungefähr sitze. Ungefähr, da auch hier wieder viele unterschiedliche Ebenen im Boden sind und so endet die Bahn in einer ungestörten Ecke, ungefähr eine halbe Armeslänge von mir entfernt. Links von ihr eine große Stufe nach oben die übergeht in ein Regal voller Bücher, hinter ihr die Bretterwand und rechts Platz zum sitzen und abschließend das Podest vor dem Nichts.

Der Aufbau passiert mit einer mir fremden Person, sie entschwindet später und zurück bleibt der Eindruck einer dunkelhäutigen, kurzhaarigen Schönheit und das Gefühl angenehmer Konversation. Im Hintergrund wuselt irgendeine dritte Person in der Küche herum. Ein Mann, schwarze krause Haare und eine unbestimmte aber lang gewachsene Figur. Er trägt eine Brille -muß er tragen, so sehr brennt sich der Eindruck eines Bibliophilen ein. Doch er bleibt nicht viel mehr als eine Fliege im großen Durcheinander eines Picknicks auf einer Sommerwiese. Er ist anwesend aber nicht störend, solange man sich nicht darauf konzentriert.

Abschließend werden einige Weichen gestellt und verlegt und in dem kompakten Knäuel aus Schienen zusätzlich Verbindungen und Verstrebungen geschaffen. Ich kann immer nur einen Teil des Werks erfassen, nie jedoch das Ganze. Als ich es versuche verschwindet die, mit der ich aufbaute und jemand anderes sitzt an ihrer Stelle; will sofort die neue Bahn ausprobieren. Ich runzele die Stirn – missfällig, da ich ein Mensch bin der abgeschlossene Dinge liebt und noch nicht alles überblickt habe-, nehme in diesem Moment nur so etwas wie einen senfgelben Strickpulli wahr aber gebe ihr ihren Willen und lasse sie fahren.
Es geht natürlich nicht alles gut, wie ich mit einem Gefühl der Zufriedenheit und der Scham feststelle. Natürlich sind nicht alle Schaltungen der Weichen korrekt, manche ergeben – nun wo ich durch die Fahrstrecke der Züge und die Wünsche der mir gegenüber sitzenden Person dazu gezwungen bin – bei genauerer Betrachtung gar keinen Sinn: Sie enden in Sackgassen; Teile des Streckennetz können nur in einer bestimmten Weise erreicht werden, der Weg dorthin ist jedoch widersprüchlich und funktioniert nicht; Schaltungen sind falsch angeschlossen und auch wenn es möglich sein sollte bewegt sich auf der Weiche einfach nichts; die Strecke kann nur von einer Richtung angefahren werden, in diese Richtung kommt man jedoch nur von dem betroffenen Streckenteil aus…

Nach einer Weile – Zeit spielt in diesem Begriff nur eine untergeordnete Rolle – bin ich wieder zurück im Sessel und betrachte sie. Denn der senfgelbe Pullover – welcher sich als ein senfgelbes Strickkleid über schwarzen Leggins mit blanken Füßen entpuppt – gehört zu einer quirligen, kleinen Frau, deren lockige Haare sehr zu den Gedankensplittern passen, welche ich noch von der gemeinsamen Bahnaktion im Kopf habe.

Es gibt einen Schnitt in der Szene und sie sitzt auf dem Podest, scheint irgendwas zu betrachten, an etwas herumzufummeln und noch während ich versuche die Kategorie ihrer Tätigkeit zu erahnen bewege ich mich auf sie zu. Ich erinnere mich an ein rundes Gesicht, nicht Vollmond allerdings eben auch nicht puppenhaft spitz. Ein Gesicht voller Lachfalten und ersonnen um das wohl schönste Paar Augen zu schmücken, denen ich je begegnet bin. Obskur, kann ich mich weder an Form noch an Farbe derselben erinnern. Nur wenig ist klar in solchen Momenten. Merkwürdige Details stechen wie Nadeln in die Ballons unserer Aufmerksamkeit, lassen vieles vom Geschehenen zerplatzen und so kann ich mich vor allem daran erinnern, dass ihr Pullover auch braune Flecken mit eingewebt hatte – französischer Senf? -, dass wir kaum redeten, uns aber immer näher kamen und sie sich an der lächerlich romantischen Fackelhalterung festhielt.

„Eigentlich können wir uns jetzt küssen.“ Ist der zentrale Satz der Erinnerung und als du es sagst kicherst du, dein Gesicht wird mindestens ein Jahrzehnt jünger und mein Herz fühlt sich wie sechzehn. Es ist völlig natürlich, dass wir uns dann küssen, auch wenn wir beide es nicht richtig glauben. Das ist so kindisch: verlieben und so sein. Das ist so kindisch: sich küssen und zusammenkommen während andere dabei sind. Da ist so. . . Es ist so unwichtig und dich zu küssen das einzig richtige, denke ich während ich dem kleinen, jugendlich scheuen Küsschen einen zweiten, intimeren Kuss folgen lasse und meine Hand in dein Haar versenke.

Ich spüre den kratzigen Pullover, während ich deinen Rücken streichele. Ich spüre den glatten Stoff der Leggins als ich deinen Hintern erreiche und stelle schockiert fest, dass ich ebenfalls die Kante des Podests streichele und wir beide beinahe schon ins Nichts gestürzt sind. Als ich dich daraufhin etwas näher ziehe und auch selbst zurückrutsche, lachst du auf, diesmal wieder älter und die Frau die ich erblicke schiebt, beschämt grinsend, ein Smartphone zwischen uns hervor auf dem so etwas wie Janosh’s Pokemon Go läuft.

Ich erinnere mich an die Farben des Spiels auf dem Handy, so ähnlich zu deinem eigentlich widerlichen Pulloverkleid. Ich erinnere mich an den Geruch der Wohnung, die Geräusche der Stadt, das Gefühl des Bodens, die Verwirrung und das Gefühl dieses Ortes. Ich sehr die Details der Modellbahn vor mir -nie das ganze Werk immer nur Einzelheiten – und erinnere mich an die genervten Diskussionen warum etwas nicht klappte. Das Geräusch des Geschirrgeklappers im Hintergrund klingt in meinen Ohren, ich kann all dass abrufen wenn es mir danach ist, wann auch immer das ist.

Ich denke an den Geschmack, an das Gefühl von deiner Haut auf meiner Haut an unseren Lippen. Ich denke an deinen Geruch, als wir uns eng umschlungen diesen ersten, unvermeidlichen Kuss geben und an das Glitzern in deinen wundervollen Augen, die Form deines Lächelns als du diesen einen, einzigartigen Satz sprichst.

Vermutlich erinnern wir uns aber nur an das was wir kennen.

Über-Hass

Ich könnte dir stundenlang davon erzählen wie sehr ich es hasse über den Hass zu sprechen.

Sei das nun jener Hass, den wir für all die kleinen Macken unserer Mitmenschen übrig haben; jene unbestimmte Masse in uns die überkocht, wenn das Gegenüber „einen unserer Knöpfe drückt“. Wie man so sagt – aber warum sagt man das? Ich hasse diese Aussage. Die Beliebigkeit der Unbestimmtheit unseres Seins in ihr. Als ob ich nur bestimmt wäre von einem Knopf in meinem Kopf, der mich dazu bringt überzuschäumen als wäre ich ein Topf Erdbeermarmelade. Bis an den Rand gefüllt mit dieser widerlichen Frucht.

Ich hasse Erdbeeren. Diese Vergötterung einer Frucht, die keine ist, sondern eine Nuss. Das nervt mich mehr als nur ein wenig an. Oh so sexy! Du holdes, rot verschrumpeltes Gewülst aus den pestizidverseuchten Böden irgendwelcher ausgebeuteter Entwicklungsländer, in denen dein Leben millionenfach beendet wird damit wir hier im fetten Land der Bequemlichkeit die Augen verdrehen und uns cunnilingualer Vorstellungen hingeben können. Wenn ich diese inquisitionsbedürftig, verdrehten Augäpfel schon sehe kommt mir das Kotzen und ich will ihnen richtiges Rot zeigen. Das Rot, wenn ich ihnen ihre Wunderbeere mitsamt der verfickten Bastkörbe um ihr beschissenes Genusszäpfchen drapiere. Wir sind doch mehr als mickrige Pampe in billigen Töpfen, die darauf warten überzukochen. Also echt mal. Ohne Scheiß.

Oder der Hass, wenn du siehst wie jemand ungerecht behandelt wird. Meistens natürlich wir, was den Hass noch stärker macht – natürlich zu Recht. Diese Welt ist nicht viel mehr als eine Ansammlung von Assis, die es ganz gut hingekommen gute Menschen als die Assis dastehen zu lassen. Wer gut ist bekommt aufs Maul. So funktioniert die Welt und wer sich anpasst und auch zum Arsch wird: dem geht es gut. Da läuft mir die Galle über. Da könnte ich ausflippen und allesamt in einen Abgrund werfen, in dem ihnen nichts weiter als ihr eigener Hass zur Verfügung stünde. Ach was wäre das für ein wunderbares Spektakel, wenn sie sich gegenseitig zerfetzen und verrecken.

Es gibt so wenig Gutes auf dieser Welt, es ist grausam das mit anzuschauen. Wirklich erbärmlich, wie sehr der Mensch verkümmert ist. Das Zeitalter des Individualismus, jeder so frei wie nie in der Geschichte und doch nutzen wir diese Freiheit nur dafür aus, uns noch effektiver und vor allem legaler zu verletzen. Es ist ein Hass in dieser Welt, größer als alles Leben zusammen. Ein wütender Moloch, in dessen Zentrum der Mensch steht und sich selbstgefällig um seine perfide Achse dreht und abfällig darauf hinweist, dass er es im Auge des Sturms doch ganz bequem habe und von Wind keine Spur sei.

Nicht zu vergessen ist der Hass, wenn uns die Argumente ausgehen oder das gegenüber taub für unsere Begründungen ist. Diese ohnmächtige Wut, wie eine Wand, gegen die wir immer und immer und immer wieder anrennen. Mit dem Kopf zu zerbrechen versuchen, bis uns das Hirn aus den Ohren drückt und die Halsschlagadern dumpf pochend als fette Würmer unserer Raserei hervortreten. Wenn wir fassungslos neben uns selbst stehen, weil uns der eigene Hass in seiner Gewalt aus dem eigenen Körper aussperrt, während wir uns dabei zusehen wie wir explodieren. In diesen Momenten, in denen wir „aus der Haut fahren“ – wieder so ein beschissener Ausdruck – sind wir uns selbst vermutlich nicht mehr der eigene Herr. Etwas ist da tief in uns drin; Etwas das stärker ist als all die Generationen von antrainierter Zivilisation und Kultur und das übernimmt die Kontrolle; Etwas, dass uns dabei ausschließt, wenn wir – psychisch oder auch physisch – zerstören, was hinter dieser Wand steht.

Der eigene Körper wird auf seine materiellen Anteile reduziert. Hände sind nicht zum halten da, sie zerschlagen. Die Zunge ist nicht mehr als ein Werkzeug um im Mundraum mitzuhelfen irgend ein Wort zu finden, dass den Kerker unser Fassung zerbrechen kann. Augen sind kein Fenster zur Seele mehr, sie sind Pforten zur Hölle unserer Verachtung und wenn sie könnten, würden sie verbrennen was ihrer nicht würdig ist.

Flucht. Darum geht es. Flucht vor der Ohnmacht die unseren Geist befallen hat und dem Dämon in uns Macht gibt. Flucht vor der Erkenntnis, dass wir Nichts sind im Angesicht des brennenden Hasses und der endlosen Verachtung, die rief in uns lodert und nur darauf wartet hervorzubrechen. Wie sind nicht mehr als trainierte Affen, darauf gezüchtet miteinander klar zu kommen. Uns

Die Aufzeichnungen die ich gefunden hatte, rissen hier ab; irgendjemand hatte sie aus einem anderen Buchs – ich vermutete eine Tagebuchs- gerissen und sie waren mir aus einem staubigen Einband entgegengefallen, als ich die Archive aufräumte.

Ich selbst bezeichne mich eher als einen friedlichen Menschen, doch diese Worte riefen in mir eine Raserei hervor, die mich mitriss und mein Herz schneller schlagen ließ.
Vor mir lag das Schriftwerk eines Menschen, dessen Grundsicht von meiner nicht verschiedener sein könnte. All seine Worte versprühten Hass und Gewalt, die Sätze verknoteten sich beim Lesen mindestens ebensosehr, wie die Gedanken ihres Schöpfers verknotet waren. Die Brutalität und Polemik des Ausdrucks trieb mir die Tränen in die Augen, ob aus Fassungslosigkeit oder aus Trauer ob der Schändung von Sprache… ich vermag es nicht mehr zu bestimmen.

Und doch… Ebenso wie der Autor zu Beginn im Versuch einer nüchternen Beschriebung startete und sich in seinen Gedanken in heillose Rage redete, so erstarb die spontane Ablehnung seiner Aussagen in mir zunehmend und es meldete sich etwas anderes zu Wort. Etwas nickte anerkennend wegen der eigentlich fremden, haltlosen Wut die aus jeder Pore des kurzen Textes trat da sie mir doch irgendwie vertraut erschien. Wie ein lange vermisster Bekannter, dessen Existens wir vergessen und doch damals sehr geschätzt hatten.

Ich las den Text wiederholte Male und mit jedem weiteren Mal las ich weniger Wut und mehr Liebe aus dem Text. Es mag dich, lieber Leser hier vielleicht verwirren, dass ich von Liebe spreche, aber wer kann besser hassen las jene, die zu tief lieben? Der Verfasser dieses „Über-Hass-Manifests“ – ich will es einmal so nennen – scheitert an seinen eigenen Worten im Versuch der Erklärung dessen was er selbst hasst. Er stellt sich selbst die Herausforderung ohne Hass zu schreiben und muss doch erkennen, dass es ihm nicht geingt, doch kann er nicht aufören, fast so als sei er blind für die Ironie seines eignen Empörens. Oder versucht er sich absichtlich ad absurdum zu führen, scheitert jedoch an der schmalen Grenze zwischen Sarkasmus und Herausforderung auf der einen, Bitterkeit und zynischer Verachtung auf der anderen Seite? Ich finde: er liebt das Lebenso sehr, dass er nicht anders kann als über die Dinge zu verzweifeln, über die sein kühler Kopf berichten wollte. Doch das ist meine Meinung, welche ist ihre?

In diesem Sinne möchte ich die heutige Versammlung damit beenden, dass ich Sie alle dazu ermuntere, sich bis zum nächsten Mal Gedanken über die Ihnen intrinsischen Konzepte von Liebe Gedanken zu machen. Ich erwarte bis zum Vorabend der nachsten Sitzung einen Essay über mindestens 1500 Wörter [weitere Formalien].

Auszug aus dem Skript einer Vorlesung zur Anthropologie aus dem Jahre 2043, Autor unbekannt

Das fremde Ich

Er erwachte, wie an jedem beliebigen anderen Werktag, als sein Wecker ansprang und in stetig steigender Lautstärke ein Piepen durch die Wände seine Träume schleuderte. Sein stets hellwacher Geist hatte auch heute keine Probleme sich zu sortieren und die gewohnten Handlungen anzuregen. Er stand auf, fischte seine Schlappen unter dem Bettüberzug hervor, schüttelte Kopfkissen und Bettdecke auf und schlug die Tagesdecke mit derselben geübten Bewegung zurück, wie er es seit dem Tod seiner Frau die letzten neun Jahre zu tun pflegte. Ein prüfender Blick, ein kleines, verkniffenes Lächeln und er wandte sich ab um seine Morgentoilette zu erledigen.

Ich schaue diesem Wesen hinterher. Jenem Sinnbild, dass einem ersten, kurzen Gedanken in meinem Kopf entsprungen ist und ein eigenes Leben entwickelt hat. Eigenes Leben? Hat es das, wenn alle seine Handlungen und Gedanken einem Gedankengang meines Hirnes entsprungen und doch nur symbolisch zu verstehen sind? Ist das kleine Lächeln Ausdruck einer Freude oder doch nur das I-Tüpfelchen auf der Leinwand eines alten, routinierten – fast schon neurotisch exakten – Prototypen von Menschsein, den ich zu entwerfen versuche?
Wie viel Leben hat dieses Ich eigentlich, das ich die Bühne betreten und agieren lasse nach einem Plan, der von Beginn bis Ende festgeschrieben scheint? Steht mehr hinter seinen Handlungen, in diesem Raum den ich nicht definiere; sei es aus Faulheit, Vergesslichkeit oder literarischer Notwendigkeit? Lächelt er vielleicht das angegraute, tausendfach verliebt betrachtete Bild seiner Frau an, während die Gewohnheit eines in gemeinsamer Glückseligkeit verbrachten Lebens mechanisch die Rituale des Aufstehens erledigt? Lächelt er über die befriedigende Genauigkeit seiner Arbeit, während seine faltige Hand die Kordrillen der Tagesdecke in einen exakt rechten Winkel zur Bettkante streicht und ein innerer Dämon endlich Ruhe gibt?
Wem gehört dieses Lächeln, dass ich veranlasst habe, welches aber von einem anderen Ich gelächelt wurde?

Während er sich unter die Dusche stellte und das Radio aufdrehte, befasste sich sein Geist bereits mit den anstehenden Tagesaufgaben. Butter ging aus, Brot auch. Einen Termin bei der Friseurin musste er auch machen, die Rothaarige war heute im Laden. Roswita oder Klara. Er wusste nicht mehr wie sie hieß, aber dafür war sie stets freundlich und gab ihm nach dem Schnitt meist noch eine kurze Kopfmassage, auch wenn ihre Chefin das nicht erlaubte und mit ihr schimpfte. Was sie jedoch stets mit einem Zwinkern in den Augen sagte, weshalb er nicht ganz wusste ob das ein Scherz war oder nicht. Oh und Käse durfte er nicht vergessen, den guten Emmentaler. Der alte war trocken geworden als er gestern beim Abendbrot kurz…

Meine Gedanken überschlagen sich in dem Versuch, im Denken des Anderen mitzuhalten. Dabei habe ich alle Zeit der Welt um aufzuschreiben, was ich mir selbst ausdenke, denn ich bin natürlich nicht unter der Dusche und meist denke ich dort auch nicht über Alltägliches sondern über Transzendentes nach. Komische Angewohnheit. Aber ein anderes Thema. Ich bin gefangen im Tempo des Wesens, das denkt und denkt und denkt; emsig wie ein kleiner, schrumpeliger Käfer, der im Sommer seine Mistkugel vor sich herschiebt. Seine Gedanken sind meine Gedanken und doch humpele ich hinterher im Versuch einzutauchen in eine Welt, die letztlich dann eben doch nicht meine ist. Und wieder der Zweifel: oder ist sie das doch?
Wem gehört diese Gedankenwelt, in der sich die mir ungewohnten Gedanken eines fast fertig gelebten Lebens wie an einer Perlenschnur aufreihen in der kleinen Welt eines Menschen, der bereits die ganze Welt gesehen hat. Oder auch nicht.
Ich weiß es nicht.
Ich müsste ihn fragen ob er bereits genug oder noch nichts gesehen hat. Seine Welt beschränkt und mit Mauern umgibt um geliebte Erinnerungen zu schützen oder weil die Grenzen seines Geistes härter sind als Beton.
Dieses Ich, der aus mir entsprungene Gedanke, wird mir zunehmend fremd und ich blickte verwirrt, zugleich aber auch gespannt auf die nächste Szene die sich mir entfaltet.

Indem der Mensch die Dinge um sich herum benennt, schält er sie ins Bewusste, beraubt sie damit der Möglichkeiten die sie hätten sein können und presst sie in eine Form, die er nach seinem Willen formen kann. Ähnlich diesem Prinzip stehe ich zwischen mir selbst und dem Wesen meines Geistes, gebannt verharrend in einer bizarren Handlungsunfähigkeit. Unzählige Szenarien verlebt mein Gegenüber innerhalb kurzer Gedankenblitze, während ich gemächlich das Schampoo aus meinen Haaren reibe und damit beginne meinen Körper einzuseifen. ‚Es ist schon merkwürdig mit den Gedanken‘ denke ich, als der Schaum an meinem knorrigen Körper in den Tälern der Falten abläuft und dabei ein Flussdelta bildet. Ganz wie am Nil damals. Ah, ist das schon lange her. Aber schön war es damals und nicht so verworren, als er noch mehr hatte als dieses fremde Ich um sich selbst zu unterhalten.

Tribute to a Soul: Trainer

Zweihundertvierzig Stunden und mein Trainer bringt es, nachdem ich ihn seit langem das erste Mal treffe, zehn Sekunden später auf den Punkt:

„Und was bist du jetzt?“

Der ist schon ein merkwürdige Mensch. Prollig bis zum erbrechen kann er sein. Verrückte, „geniale“ Geschäftsideen hat er am laufenden Band und es fehlt ihm nur ein wenig Startkapital, dann würde er! Aber sowas von! Ein Mensch für einen Abend – ach was: ein Wochenende – voller „fast“. Und dann, im Nebensatz, durchgeschaut er alle Konstrukte um sich herum und sät auf seine Art und Weise Ruhe, Kraft, Zuversicht und all das, was Andere (ich) in endlosen Sermonen verpacken und doch nie abgeschickt bekommen.

Es tat gut ihn zu sehen; festzustellen, dass er ist wie er ist, es geblieben ist nach all der Zeit und noch sein wird, wenn wir uns nicht mehr kennen. Ein unbeirrbarer Fels in der Wüste, der auf eine Brandung wartet die sich jedoch in anderen Welten vergeht. Nicht wirklich hier, aber doch mehr im Hier als einem einzelnen Sein erlaubt sein sollte.

Momente der Unendlichkeit

„What are you thinking?“
Fragt sie, als wir danach nebeneinander liegen und das Licht der Sterne ihre Silouette in mattes Leuchten hüllt. Sand besprenkelt die leicht gebräunte Haut, funkelnd im Schein ferner Laternen. Ich streiche ihn sacht von ihren Beinen und ihre Härchen richten sich mit einem leichten Schauern auf, strecken sich der vorsichtigen Bewegung entgegen und schmiegen sich an. Meine Finger wandern weiter nach oben, dem verführerischen Schwung ihrer Hüfte folgend, verweilen kurz an der Taille und finden an ihrem Hals, genau dort wo der Handballen auf der Schulter ruhen und meine Fingerspitzen den Ansatz ihrer langen Haare berühren können, eine nie gekannnte und doch vermisste Heimat.

Ich denke an den Moment. Den Moment der Leidenschaft, der inneren Verbundenheit. Den kurzen, flüchtigen Moment eines Lebens in dem das Glück unendlich scheint und doch – oder gerade deshalb – nicht länger als einen Augenblick währen kann.
Verglichen zur Unendlichkeit kann ein jeder Zeitraum nur nichtig und klein wirken, ist er doch nicht viel mehr als ein Glitzern im Meer der Zeit. Wir leben – verglichen mit anderen Lebewesen – relativ lange. Verglichen mit dieser Welt ist unsere eigene Dauer schon sehr viel kleiner. Gehen wir noch einen Schritt weiter, dann…

Meine Gedanken verwirren sich für eine Weile, während der ich darin fortfahre leicht die Wölbung ihres Nackens zu massieren. Ihre Wärme dringt durch meine Fingerspitzen in mich ein und lässt mich schaudern. Wieder, nur für den Bruchteil eines Augenblicks, sind wir verbunden; eines Atems. Ihr Puls pocht an meiner Haut entlang und findet, unbeschwert wie ein Sommerwind, den direkten Weg in mein Herz. Unser Sein verschmilzt, wird zu einem gleichmäßigen Klopfen in der Weite des Universums. Wir teilen unsere Leben durch das winzige Nadelöhr meiner Finger und strömen in diesem einen Moment über, als unsere gemeinsame Kraft die Grenzen eines einzelnen Seins sprengt.

„What are you thinking?“
Ihre Stimme lässt mich aus meinen Gedanken auftauchen und als mein Blick wieder in diesen Welten aufflackert, sehe ich die Andeutung einer Falte auf ihrer Stirn. Nachdenklich vielleicht, nicht ungehalten. Verwirrt vielleicht, nicht fordernd. Ich muß eine Weile geschwiegen haben.

Ich könnte ihr erzählen von der Nichtigkeit unseres Seins, in der wir heller strahlen als alles Andere.
Der wundersamen Schwere des Moments, kostbar durch die Leichtigkeit in der er sich verliert.
Der unendlichen Glückseligkeit des Seins, begrenzt in seiner Hülle und befreit in seinem Tun.

Ich könnte ihr erzählen:
von ihr, von mir, von uns
und dem was dort ist,
in der Unendlichkeit des Jetzt.

Doch als ich Luft hole um mich zu erklären weiß ich, dass meine Worte nur verstümmeln könnten was auch immer ich mitteilen wollte.
Also folgen meine Finger, ganz unbewusst und langsam – wie in Zeitlupe – der zarten Linie ihres Gesichts und während ich von ihrem Kinn sanft den Hals hinabstreiche finden meine Lippen die ihren.
Kurz darauf vergehen wir in einem weiteren, unendlichen Moment, den keine Worte beschreiben können, wollten sie nicht die plumpe Blaupause einer Verbundenheit sein, wie sie nur in der Nähe zweiter Seelen entsteht.

Sonderling

Es ist ein ziemlich bunter Haufen mit dem ich hier unterwegs bin. Zwischen turbulenten 24, gemäßigten 31 und grauen 50+ (hier bin ich zur Vorsicht mal nett) Jahren sitze ich als einziger „nicht IT-ler“ und erkunde acht andere, unterschiedlichste Charaktere in einem fünf Tage währenden Mikrokosmos.

Vielleicht ist es, weil ich nicht mitzeche. Vielleicht weil ich nicht in der selben Firma arbeite und teilweise für Stunden aus den Themen raus bin. Oder es ist was in mir drin, dass ich mitgenommen habe aus dem (laut Hörensagen) verschneiten Deutschland.
Bestimme ich selbst mich zum Sonderling oder nehme ich einen Platz ein, der mir von außen zugeschrieben wird? Setze ich mich an den Rand oder kann ich gerade noch so Platz nehmen an einem bereits überfüllten Tisch?

Ich gehe im Moment vermehrt bewusst meine eigenen Wege und merke, dass mir den Anschluß fehlt. Also… fehlt im Sinne eines faktischen „nicht vorhanden Seins“. Emotional ist da kein Sehnen. Kein gesteigerter Wunsch um Gemeinsamkeit. Ich bin dabei, aber für mich und wenn mir danach ist, verlasse ich die gemeinschaftlicher Pfade um auf unbestimmte Zeit für mich zu sein. Manchmal eine Minute, dann wieder einen halben Tag; innerlich ungebunden an meine Umgebung, äußerlich gelassen und flexibel.

Ich nehme mich nicht in dem Sinne heraus, als das ich bewusst blockiere. Und doch bin ich außen vor, auf jene unbewusste Art, in der bestimmte Themen manchmal einen der Teilnehmer für lange Zeit stumm zurücklassen können ohne dass es den Großteil der Diskussionsteilnehmer hindert oder überhaupt ins Gewicht fällt.

Kein Gewicht haben. Darum geht es! Sagt mein Herz, während mein Kopf schreibt. Und ich setze mich kurz hin um zuzuhören.

Du hast kein Gewicht in dieser Gruppe. Kein Gewicht für dich und kein Gewicht in dir selbst. Du bist gelöst von allem, von deiner Umgebung, den Menschen um dich herum und auch von dir selbst. Zumindest auf einer alltäglichen und körperlichen Basis.Teilweise bestimmt auch geistig, aber…
Du hast kein Gewicht und darum trifft dich nichts. Jeder Einschlag geht fehl oder trifft auf keinen Widerstand. Eine Zielscheibe, durch die der Pfeil einfach durchschlägt, verpufft oder geschluckt wird. Dir fehlt die Materie um wirklich Reize auslösen, wirklich zu spüren.

Du suchst deine Mitte und vielleicht bist du gerade auch näher als du es je gewesen bist. Gleichzeitig bist du weiter davon entfernt als jemals. Ein Sieg in Geist, Niederlage auf der Seinsebene.

TABULA RASA.

In goldenen Lettern, riesig groß und fahl glimmend stehen diese Worte seit Wochen vor deinen Augen. Immer mehr deine Gedanken gehen in diese Richtung und große Gedanken finden ihren Weg in dein Bewusstsein…

Meine Gedanken machen Sprünge und mein Herz tut ihnen den Gefallen und springt mit. (Ich tu ihm den Gefalln, tu ihm den Gefalln~)

Vier Doppelschlafzimmer, neun Personen und natürlich liege ich nun unter der Treppe auf einem Beistellbett in meiner Harry-Potter-Kammer. Einer muss ja und ich bin immerhin sozialwissenschaftlich unterwegs. Einer muss ja. Ich habe nachgegeben weil  ich groß im verzichten bin. Aber ist es so? Ist es das Selbstlose? Mein Koffer bleibt gepackt. Ich bin ungebunden. Kann jederzeit los und schulde niemand etwas. Muß nicht teilen. Muss nicht dazu gehören.
Das große Opfer, welches natürlich keine Anerkennung bekam, klingt super. Kotzt mich selbst aber schon im ausformulieren an.

„No man is an island“ (im englischen gender ich halt eben nicht).
Ich bin grade auf einer Insel und irgendwie lebt es sich hier recht gut. Auf Dauer vielleicht was eintönig, aber gerade eigentlich erst mal okay.
Maybe one can be… for a time.

Man kann nicht vor sich weglaufen. Doch man kann mit sich selbst vor allem anderen weglaufen.
Die Kunst ist also nicht einen Platz zu finden um sich festzukrallen, sondern die Reisegesellschaft zu optimieren. Allein unterwegs mit mir selbst, den Koffer voller Gedanken und wilde Tücher aus Erinnerungen um Hals und Kopf geschlungen springe ich auf die Metalltreppe des davonratternden Zugs. Lediglich ein kleiner Fetzen Papier flattert träge zu Boden während die Staubwolken in der Prärie zum Schein der untergehenden, blutroten Sonne zur Ruhe kommen.

TABULA RASA