Was bleibt ist eine Anekdote

Heyho, Hans-Detlef aus dem Bus hier.

Ich weiß, das hier ist total verrückt. Und creepy und sowieso eigentlich vergebens. Zumindest jedoch unkonventionell.
Vermutlich gibt es gute Gründe, dass du dich nicht gemeldet hast, bestimmt sogar.

Nun ja, manchmal habe ich es nicht so mit der Vernunft.
Und creepy ist es nur bedingt: dein Name, Ort und Beruf ergeben eine recht unikate Kombination, die Freund G. recht schnell mit dir in Verbindung brachte.

Hier in etwa wäre der Punkt an dem in schlechten Filmen der Protagonist der Protagonistin ins fast ausgesprochene Wort fällt und etwas in die Richtung „hear me out“ sagt. Und an dem der Zuschauer sich in diesem Nimbus zwischen Scham und Neugier befindet. Einerseits will er umschalten, wegrennen oder einfach ihn nehmen und schütteln. Andererseits ist es ja ein Film und egal wie vergebens es wirkt oder wie tief der Fettnapf sein mag; letzten Endes ist es ein Film und danach geht es weiter.

Hier also mein Monolog, in der Hoffnung jene Art sympathischer Spinner zu sein,  der nicht als Wahnsinniger weggesperrt wird (man beachte, dass das Schreiben meine Passion ist):

Es gibt in unserem Leben hin und wieder Begegnungen, die uns besonders erscheinen. Rational ist das schwer zu erklären, immerhin handelt es sich da zumeist um fremde Menschen. Wenn du Haruki Murakami gelesen hast, kannst du bestimmt ohne weitere Erklärungen erfassen, was ich meine. Oder du kennst diese Bildfolge mit dem weißen Hund auf dem Fahrrad in einer asiatischen Großstadt. Grundessenz beider Beispiele ist, dass das Leben manchmal eine Chance gibt für etwas, dass sich abhebt von den Erlebnissen des Alltags. Vermutlich sind meine Worte an diesen Punkt schon falsch verstanden worden,  oder ich wirke einfach wieder befremdlich/überbordend oder sonst irgendwas von dem, was man an dieser Stelle von mir halten könnte.

Daher lass mich dir am dieser Stelle eines erklären: ich bin weder verrückt noch verbissen oder verzweifelt. Ich bin mit mir im Reinen und was ich tue sollte erst einmal neutral betrachtet werden, denn so ist es niedergeschrieben.

Wenn ich mich selbst beschreiben müßte, dann wären das positivere Attribute. Ich will gerade es wagen mich erneut zum Honk zu machen, mich vor jemand anderes und vermutlich auch mir zu schämen, weil ich etwas getan habe was jetzt gerade zwar verrückt aber irgendwie auch schlüssig erscheint, später aber vermutlich nur noch peinlich ist. Denn wenn ich es nicht versuchen würde, wäre es eine vergebene Chance und davon. . . Davon habe ich nun wirklich genug.

Ich will es wagen noch einmal aus der abwehrenden, übervorsichtigen Art unserer Generation auszubrechen und mich selbst einzubringen. Einzubringen in dieses Spiel zwischen Sehnsucht nach echten Kontakten und Angst vor ungewollter Nähe.

Ich selbst denke mir bei dem schreiben dieser Worte, dass es schon ganz schön weit weg von dem ist, was man so zueinander sagt, wenn der Bekanntheitsgrad noch nicht den von wasauchimmer der Punkt ist den man da haben muss. Aber weißt du was?  Das ist mir ziemlich wumpe. Denn was habe ich zu verlieren? Verrückt ist ein Attribut,  dass ich vor einiger Zeit für mich geordert habe und zeitweise ausleihe.

Es gibt in mir diese Hoffnung, dass sich meine Art irgendwo in sich selbst fügt und Sinn ergibt. Dass das was ich schreibe unsinnig klingt und dennoch transportiert was ich von ihr erhoffe:

Das nämlich keine perfide und merkwürdige Art dahinter schlummert,  sondern ein Vertrauen in Menschen, jene Biester die wir beide nicht mögen. Ein Vertrauen darin, dass man mir glaubt wenn ich sage „ich tue nichts“. Nicht Unsicherheit und Bedürfnis mich treiben, sondern tatsächlich eine Entspanntheit und Freude an wertvollen Kontakten.

Hier erscheint mir eine gute Stelle, deinen Freund zu grüßen. Frauen wie du haben immer einen Freund. 😉 der Generalvorwurf der einem Mann gegenübersteht, wenn er Kontakte knüpfen will ist – dezent formuliert – ein kleines Hindernis in unbefangener Kommunikation mit Frauen. Kann ich sagen „du warst mir sympatisch“, ohne im geistigen Widerhall gleich „und bitte mach schmutzige, schmutzige Dinge mit mir!“ zu erzeugen? Aber auch das will ich wagen.

Klar und deutlich zu sagen, dass ich den Kontakt sehr genossen habe und deine Gesellschaft. So sehr, dass es mir als Verschwendung vorkäme, wenn das aufgrund sozialisierter Formularien stirbt. Hell, immerhin schreibe ich das hier alles! Gleichzeitig gehe ich auch das Risiko ein als Groupie missverstanden zu werden, denn wenn das so sein soll, dann ist das so.

Ich selbst bin jetzt an dem Punkt angelangt, an dem es mir schwer fällt mir zu folgen, darum will ich einfach mal mit diesen Worten enden:

Es würde mich freuen, wenn wir uns noch mal treffen. So mal ohne Hintergedanken, sondern einfach weil ich im Gefühl habe, dass unsere Begegnung wertvoll war. Wenn ich mich da irre, dann ist das so und dann lasse ich das hier ruhen.

Und nein,  ich bin nicht immer SOO kompliziert 😉

Lieben Gruß
Heinz-Dieter

Mathematische Differenzen

„Ich bin nicht immer so kompliziert“ sagte er und sie antwortete, sie sei es im Gegenteil immer.
Beide wussten sie, dass der andere nicht ganz sie Wahrheit sagte; fast körperlich spürten sie um den Kern einer gemeinsamen Wahrheit, die unausgesprochen hinter den Sätzen hing.

War er wirklich nicht immer so kompliziert? Oder doch auch immer? Etwas dazwischen?

„Du bist so kompliziert“, das war ein Satz der ihm schon oft gesagt wurde. Von Freunden, Partnerinnen, Familie oder auch Fremden, die nicht mehr als fünf Minuten mit ihm gesprochen hatten. Ungeachtet seiner Wortwahl, egal wie er sich gab oder auch nicht, begleitete ihn dieser Satz bereits so lange er zurückdenken konnte.

Einmal jedoch, fiel ihm ein als er ihre Worte hörte, hatte er aus dem Bauch heraus geantwortet: „Ich bin nicht kompliziert. Ich schwinge nur auf einer gänzlich anderen Welle. Wer dort hinkommt, für den bin ich echt simpel zu verstehen.“ Lange hatte er darüber nachgedacht, was in dieser Situation aus ihm herausgepurzelt war. Lange und gründlich, wie es so seine Angewohnheit geworden war, stets bedacht möglichst alle Blickwinkel zu berücksichtigen.
Anschließend hatte er es – auch ganz seine Angewohnheit – vergessen. Bis es nun wieder aus dem Sumpf seiner Gedanken auftauchte, in dieser einen Situation in der sie ihn ansah und diesen einen Satz sagte.

Wenn das Leben in einer Kurve aus Höhen und Tiefen (beispielsweise Sinusförmig) gezeichnet würde – so dachte er während sich ihre Augen für einen Augenblick schlossen und zu einem perfekten Bogen aus perfekten Wimpern wurden – dann würden sich die Unterschiede zwischen den Menschen leicht erklären. Ein Höhepunkt mehr im Leben, ein Steigungswechsel in den Stimmung, ein Wechsel im Vorzeichen der Erfahrungen, jede noch so kleine Änderung einer einzigen Konstante oder Variable und ein Leben verliefe neben denen der Anderen.

Leben – so seine Überlegung während sich ihre Lider wieder öffneten und ihm den Blick auf ihre unwiderstehlichen grünen Augen freigaben – schien ihm auf einmal viel klarer, reiner und zu definieren. Sehnsucht als der Versuch Lebensfunktionen aneinander anzugleichen, Entscheidungen als willentliche Kürzungen, Substraktionen und Manipulationen von Variablen durch Pläne und das alles in dem Wunsch, möglichst viel Phasengleichheit zu erlangen. In einen Zustand gleichen Schwingens zu gelangen, mit gleichen Steigungen, Nullpunkten, auf den selben Achsen in den selben Dimensionen.

Während ihre Augen ihn anblickten und doch durch ihn hindurchgriffen, während seine Blick ihre Augen traf und sich doch in weiter Ferne verlor wurde ihm eines klar, was er damals nur in seiner scheinbar schlagfertigen Art mit einem Witz hatte sagen können: Für ihn gab es keine dieser Funktionen. Kein Angleichen würde ihn je in diese Welt aus geraden, gebogenen, durchgezogenen und klar zu definierenden bringen. Wenn er versuchte, sich selbst in diesem Bild zu sehen, so blieb ein nebulöses, waberndes und atmendes Knäuel übrig. Ein Haufen unscharfer, rauschender Pixel vor einem Hintergrund klarer Konturen.

Und während ihm dies dämmerte, verriet ihr Blick ihm, dass es ihr genauso ging. Vielleicht sogar vielen anderen Menschen; das war ihm egal. Denn was er sah – dort wo ihre Augen in ihre Gedanken übergingen, an diesem Ort in den sie ihn blicken ließ ohne es zu wissen und an den er sie vermutlich im gleichen Maße blicken ließ – war die Gewissheit, dass sie mit ihm in Gleichklang atmete.

Zumindest für diesen einen Augenblick.

Warum Tinder Zeitverschwendung ist

Zuerst muss es raus: ja, ich nutze es. Ich bin einer dieser unglaublichen, oberflächlichen, notgeilen YOLO-Kerle, der sich des „Wisch und weg verliebens“ bedient.  Only… I am not.

Tinder, dass ist in der Grundidee schon nicht ganz verkehrt. Zuerst siebe ich aus was mir beim angucken der bis zu 6 Bilder nicht gefällt und in den tiefgründigen 600, Zeichen die zur Verfügung stehen, etwas sagt was mich abschreckt.
Ich bin kein Mensch, der sich seiner Oberflächlichkeit verwehrt.  Mal ganz ehrlich… Oberfläche ist wichtig! Nicht das wichtigste auf diesem Planeten,  nicht einmal besonders ausschlaggebend für das funktionieren eines guten Miteinanders, aber keineswegs unwichtig. Zumindest für mich nicht. Was nicht heißt, dass ich oberflächlich bin. Aber ich HABE Oberfläche und ich nehme anderer Menschen Oberfläche wahr. Dort nicht stehen zu bleiben ist die Kunst. Aber wenn ich es mir aussuchen kann (und das kann ich nun mal Dank der Bestrebungen unserer Vorfahren), dann wähle ich etwas, das ich auch anschauen kann ohne mich ablenken zu müssen.

Aber allein in dieser Reduktion auf eine Handvoll Bilder und einen Brocken Informationen kommt schon das erste Problem zum tragen.  Noch viel stärker als im „vis-a-vis“ Kontakt ist das Heitei von Tinder geprägt durch Konstruktion. Wir bauen wer wir sind. Kein einziges meiner Bilder ist zufällig. Nicht ein Wort in meiner Beschreibung (die immer wieder wechselt, je nachdem was mein Ego gerade hergibt) ist unüberlegt hingeschrieben. Ich bastele seit einiger Zeit daran, es ist ein kleines geliebtes Wesen geworden,  denn ich so manche Stunde Aufmerksamkeit gegeben habe. Und es wächst und gedeiht so vor sich hin, ganz zufällig und total spontan natürlich.

Durch die Vermeidung von Kontakt bevor beide Seiten Interesse bekunden sollte ja eigentlich vermieden sein, dass Menschen in Kontakt kommen, die keine Lust auf miteinander sprechen haben. Aber hier haben die Entwickler von Tinder nicht mit dem Phänomen Mann gerechnet. Das erste bei einem Kontakt (oder auch tinderisch „Match“) ist somit, sich sorgsam beschnuppern zu lassen, stets darauf bedacht, nicht in Schubladen gesteckt zu werden die mir allerdings eh nicht passen. Ich bin kein Freund des kurzen Vergnügens undOne Night Stands ergeben für mich keinen Sinn, denn was gefällt möchte ich doch in der Regel wiederholen. Whatever, so sei es eben. Über den Tanz mit dem „einlassen und klar sein“ habe ich mich ja schon an anderer Stelle ausgelassen.

Es ist lästig, sich jetzt über die einzelnen Schritte auslassen… rumschreiben, interessant wirken, sich rar machen, mit der Antwort warten, dann vielleicht irgendwann doch ein erstes Treffen, dann weiterschreiben,  dann blablabla. Wir kennen das an dem Punkt vermutlich alle, gedatet hat jeder schon (und wenn nicht, dann ist weiterlesen eh sehr überflüssig).

Was macht Tinder also, der Titel war ja schon ein Versprechen,  zur Zeitverschwendung. Nun, das ist eigentlich recht simpel:

Sucht.

Tinder ist schnell. Es spielt uns vor, immer neue Menschen in unmittelbarer Nähe haben zu können; immer noch was Besseres finden zu können und mit einem Wisch, einem Klick oder Nasenschnauben das lästige Alte loszuwerden. Und unter uns… es gibt viele schöne Menschen. Immer wieder findet sich ein Profil, das reizt und Lust auf neuen Kontakt macht.
Aber was wenn ich dort anhalte?! Was, wenn Mister/Miss 100% erst noch kommt? Und danach Mister/Miss 101%?! Die Suche nach Betty Blue.

Tinder ist wie ein Spiel, in dem wir uns selbst des Spielziels berauben.  Als Genre beschrieben wäre das „Sandboxdating“, daten ohne Grenzen. Und auch wenn das manchen Menschen am Computer Spaß macht (man schlage im Internet die Worte „sandbox game“ oder „idle game“ nach), ist für mich das Ganze sinnbefreit. Wie machen den ganzen Shit um Kontakte zu knüpfen,  die wir nicht haben wollen weil was anderes lockt. Da kann ich auch nichts unternehmen und bin vermutlich gleichauf.

Was vermutlich auch die meisten kennen: die ganze Scheiße ist Streß! Der Balanceakt, den man geht um zu gefallen, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ego, der Kampf um Souveränität undundund. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass es eine Begleiterscheinung von dating ist,  sich selbst zu hinterfragen. Und das tut einem Tinder ständig an. Seit der Überwachungsstaat die Ausrede des verbundenen Menschen gefunden hat, sind wir alle zu kleinen Spitzeln geworden. Es ist fast ein Wunder, dass der Online-Status diverser Programme (wie zum Beispiel Tinder) nicht bereits die Kamera anzapfen und Beweisfotos machen kann, aber mit zuletzt online und „hat gelesen und befunden nicht zu antworten, denk man drüber nach“ sind wir auf gutem Wege.

Doch wenn wir einmal, alle  Statistiken, Vermutungen und Überzeugungen weglassen… wie sind sich Tinderpaare ihrer selbst sicher?  Zeremonielle Löschung beider Accounts? Das Versprechen des Verzichts? „Das ist schon okay“?

Tinder ist nicht per se  Zeitverschwendung. Es ist nicht einmal wirklich zu verurteilen. Es hat ein riesiges Potential, entspannte Kontakte zu erzeugen und sogar Beziehungen, die einem modernen und lockerem Miteinander entsprechen könnten. Das Problem ist nur, dass meiner Vermutung nach die wenigsten Menschen dort wissen was sie im Ansatz wollen und daher den Menschen, denen sie begegnen von vornherein keine Chance geben. Und in dieser Ungewissheit überspitzt sich die Abneigung zu alten und überdauerten Formen von Beziehung (z.b. Partnerschaft weil es muß) derart, dass jegliche Bemühung nur im gelegentlichen Sex enden DARF.

Da bin ich allerdings nicht scharf drauf. Klar mach ich das mit. Sex ist nicht zu verachten, besonders wenn es Spaß macht. Aber es ist halt Zeitverschwendung, wenn nichts folgen kann. Und auch wenn ich gerne mal Zeit vergeude… beim Thema „Liebe“ ist mir das schnell zu langweilig. Tinder kann etwas sein, was seine Benutzer allerdings nicht hingekommen, denn dafür fehlt ihnen vor allem eines: „Vertrauen“.

Nebensätzliche Tribute

Es ist dann doch eine lange, lange Nacht geworden. Dabei hatte er sich erneut geschworen es nicht zu übertreiben, da sein Wochenende lang und fordernd sein würde.
So lang war die Nacht, dass er an den Punkt gelangt war an dem er, trotz seines Verzichts auf Alkohol, wie benebelt durch die morgendlichen Gassen wankte um nun, halb blind, aus dem Fenster der Bahn zu starren. Sein Kinn ruhte dabei in seinem Handballen und immer wenn er ausatmete, glomm die dumpfe Erinnerung eines Kitzeln in seinem schlafhungrigen Hirn auf.
Die Sonne stand trotz der frühen Morgenstunde bereits warm am Himmel; Wärme überzog ihn wie eine wohlige Decke. Außerhalb des Zuges strich die, mit Lebendigkeit explodierende, Landschaft vorbei, ganz so als sänge alles ein Liebeslied an den Frühling und tanze dazu einen, ihm leicht unverständlichen, Reigen.
Er schloss die Augen, während seine Gedanken den verschlungenen Pfaden eines übermüdeten Gehirns folgten und genoss die Schwere, die seinen Körper erfasste und in die sanften Tiefen eines Schlummers ziehen wollte.
Mit einem Mal stand in riesigen, kalt funkelnden Buchstaben „Dystopie“ vor seinem Inneren Auge. Sein Verstand schreckte davor zurück als hätte er sich verbrannt, nun wieder wesentlich wacher; seine Augen flatterten auf.
Was er sah, hatte nicht mehr viel Ähnlichkeit mit der bunten und lauten Lebendigkeit dessen, was noch – wenn er sich darauf konzentrierte – undeutlich hinter den Dingen zu erkennen blieb. Schnee bedeckte verwitterte Ruinen vergangener Tage, Eis spiegelte sich in den Knospen sterbender Hoffnung und ein höhnischer Wind sang in den gähnenden Löchern gesprungener Träume. Eine Welt die untergegangen war hatte, schon so lange er denken konnte, eine unheimliche Faszination auf ihn ausgeübt. In einer Version der Realität, die gescheitert war und dennoch weiterging gab es für ihn etwas, dass sein innerstes Sein ansprang und sich in seinem Wesen festgekrallt hatte wie ein Löwe, der seine Beute riss.
Lange hatte er nicht begriffen; nicht verstehen wollen, was diese Faszination ausmachte und unbeschwert die Einsamkeit verlorener Zivilisationen und Zugrunde gegangener Welten genossen, sich in der Einsamkeit des letzten Menschen auf diesem Planeten gespiegelt, während um ihn herum der Verfall seinen Anteil an der Realität forderte.
Doch nun, in der Diskrepanz zwischen ihn umgebenden Frühling und inneren Winter, erkannte er diesen tiefen, ureigenen Wunsch sich wiederzufinden in dem was ihn umgab und nicht mehr in einer anderen Welt zu existieren, die ihm niemals wirklich einen Platz bieten konnte, wenn sie nicht – so wie er – an sich selbst scheiterte. Sich selbst bereinigte um anschließend, gelöst vom Ballast ihrer eigenen Vergangenheit, an einer befreienden Wegschneide zu stehen und die Wahl zu haben: in ewigem Winter zu schlafen bis die Kälte und Schwere alle Spuren seines Selbst ausgelöscht hatte oder aufwachen und neu zu gestalten was er selbst sein wollte.

Es war eine lange Nacht gewesen. Länger als er es sich hätte leisten wollen. Doch während er im letzten Moment aus der dösenden Träumerei erwachte, um an seiner Station auszusehen, wusste er, dass er diese Nacht, diesen Morgen und die Sonnenstrahlen in seiner Dystopie wieder und wieder sehen wollte.

Für Alex

Der Poet in meinem Rachen

Es ist wieder einmal viel zu spät geworden für ihn. Die Nacht, verführerisch in ihrem dunklen Kleid, hatte ihn erneut mitgenommen auf eine jener wilden und doch stillen Reisen. Diese Wegstücke zwischen Wachen und Traum, beseelt von den bunten Trauben seiner Gedanken, waren seit einiger Zeit seine treuesten Gefährten während der trist anmutenden Durststrecken die der Tag bereit hielt. Der Tag; grau gewandet in seinem strengen geschnittenen Anzug und stets so sehr bemüht zu gefallen. Diese anbiedernde, geifernde Gestalt von Etwas, dass mit blendender Helligkeit versuchte die tiefen Abgründe seines schmutzigen Innenlebens zu verbergen. Der Tag war nicht sein Freund; ganz anders dessen Partnerin, die Nacht. Jene kühle, mystische Dame die elegant und still seine Sinne umgarnte und ihn lockend mitnahm um ihm eine Welt zu zeigen. die nicht blendete und beschrie, was es zu erleben gelte, sondern ihn sacht an der Hand nahm und ihm die Fenster zu seinen eigenen Welten öffnete, wo er sich nach eigenem Gutdünken flegeln, ausprobieren und erkunden konnte.

Irgendwann, er wusste nicht mehr genau wann, sprach er dann nicht mehr.

Nicht, dass es ihn gestört hatte wie die Welt lief. Nein, er war sich dessen bewusst, dass seine Sicht eine exzentrische Sicht darstellen musste und ein jeder normale Mensch nur müde und traurig den Kopf schütteln konnte ob seiner unverständlichen Gedanken. Es verstimmte ihn nicht einmal, wenn ein vermeintlich Befreundeter sich seiner annahm und versuchte ihn auf einen rechten Pfad zurückzubringen. Meist gab er dann für eine Weile vor, in der Welt der Tagmenschen – wie er sie wenig originell zu nennen pflegte – besser zu funktionieren. Er stand früher auf; genoß augenscheinlich Sonne, Tumult und Leben; verließ sein Haus mehr als er es bewohnte; knüpfte eine Vielzahl Kontakte und schließlich, wenn alle Welt beruhigt schien, einer verlorenen Seele erneut das Licht gezeigt zu haben, verließ er diese angestrenge, erschöpfende Welt erneut.

Nur, dass er mit einem Mal nicht mehr sprach.

Es mag eine Weile gut gehen, in dieser Welt nicht zu sprechen. Manch bedauerliche Seele muss sogar seit Geburt damit zurecht kommen. Doch wenn ein Mensch einfach AUFHÖRT zu reden, dann ist es so sicher wie das „Amen“ in der Kirche, dass nach einer Weile Menschen Fragen stellen. So ist es eben ihre Art und so war er darauf vorbereitet, als die Fragen begannen. Kurz nachdem er den Entschluss gefasst hatte, vielleicht auch währenddessen, hatte er einen Text geschrieben. Der Text erzählte in klarer, verständlicher Sprache weshalb es sinnlos sei weitere Worte zu verlieren. Das alles gesagt sei mit diesem Text und für weitere Worte keine Notwendigkeit bestehe. Alles andere könne auch die Schrift oder der Körper besorgen.

Und tatsächlich schien es auszureichen, was er schrieb. Denn auch wenn manch einer schlecht über ihn sprach – zumeist hinter seinem Rücken, denn den Mut, einander die Meinung zu sagen, haben nun halt doch die wenigsten Menschen – so fügten sich alle seiner Entscheidung. Auch versuchte niemand mehr, ihn auf den lichten Pfad zu leiten. Was auch immer er geschrieben hatte… es schien von solch innerer Überzeugung zu verkünden, dass man ihm das ließ, was er wahrlich am meisten begehrte: seine Ruhe.

Nun, was hat dies mit mir, also dem Autor, zu tun, so fragst du dich, lieber Leser, an diesem Punkt vielleicht und ich will dir keine Antwort schuldig bleiben.

Es verhält sich so, dass diese Geschichte in mir etwas wachrührt, dass mich in eine… poetische Stimmung versenkt.

Ich habe einen Poeten in meinem Rachen. Etwas, dass sich manchmal meiner ermächtigt und mich zwingt, unkontrolliertem Erbrechen ähnlich, unzählige Worte -vermeintlich wohlklingend und sich zu stetig größeren Kunstwerken aufbauend – auszustoßen und nicht nur zu Blatt zu bringen, sondern auch meine Mitmenschen damit zu belasten. Belasten, ja das ist es wohl, denn ich bin nicht Herr dieser Flut und so manch einer wird von meiner Flut an Wortgewalt überschwemmt, fortgetragen oder doch zumindest verstört.

Ich würge daran, ich versuche es herunterzuschlucken, doch dadurch wird der Brechreiz nur größer um letzten Endes dann nur um so heftiger aus mir herauszubrechen. Ich kann es nicht verdrängen, denn es beginnt sich in meinem Kopf auszubreiten, ganz so wie eine Milchkanne, stetig gefüllt, irgendwann überlaufen muss.

Dieser Poet ist wie ein maligner Tumor, wuchernd und fräsend in meinem Rachen, sich ausbreitend und mich erstickend. Er wird sich den Weg aus meinem Körper erkämpfen, soviel ist sicher. ob er dabei meinen Gaumen zerschmettert, meine Zähne ausreisst und meinen Kiefer bricht ist ihm völligst egal, denn für ihn geht es um eines: um seine Freiheit. Darum herauszubrechen und alles um sich herum mit fauliger Schwärze zu überziehen und zu vergiften.

Ich kotze. Kotze ihn aus und doch werde ich ihn niemals los. schleimiger, schwarzer Morast umspült meine Zähne, die an dem beißenden Schleim verätzen und als rauchende Ruinen in meinem, von aufgeplatzten Lippen umrahmten, Maul verbleiben. aus jeder Pore meines Leibes dringt er hervor und nichts kann ihn einsperren, nichts ihn in mir drin halten. Er dringt von meinem Rückgrat geradewegs durch die Haut und platzt aus meinem Rücken heraus, während er meine fleischliche Hülle abstreift wie eine lästiges Kleidungsstück. Es ist ein Feuerwerk der Schmerzen in meinem Kopf, ein grausames Spiel von Erlösung und Krampf, während er mich leert und leert und leert und leert; immer dann wenn nichts mehr da zu sein scheint noch weitermacht.

Zurück bleibt ein zerschmettertes Irgendwas, unbestimmt ähnlich zu dem, was ich vorgab zu sein, während er aus den dampfenden Überresten meines Ich heraussteigt und immer mehr zu dem wird, was um mich herum als Ich gesehen werden wird. Und wenn ich mich umdrehe sehe ich hinter mir nichts als eine befremdliche Szenerie eines vorher stattgefundenen Kampfes vielleicht. Etwas das mit mir nichts zu tun haben kann, denn ich bin nur Ich und niemand sonst. Und bevor ich mcih versehe, spüre ich erneut ein Kratzen in meinem Rachen. Etwas ist da in mir, wie es mir scheint. Ich räuspere mich und das Kratzen verschwindet. Vielleicht ist es ja nur Einbildung gewesen. Es wird bestimmt nichts sein. Ich bin Ich.

Es ist in jener Stille- kurz bevor mich nichts mehr als die undurchdringliche Stille meines eigenen, stetig wiederkehrenden Todes umgibt-  dass ich dem Inhalt jenes Textes zum greifen nahe komme.

Zwischen Nichts, seitlich neben Träumen, gleich hinter Dort

Weit, weit über den Wolken. Dort wo die Luft dünn wird und sich die Farben in einem einzigen klaren Moment verwandeln um glitzernd herabzusegeln; dort lebe ich.
Mich einen Träumer zu nennen wäre eine Beleidigung für alle,  die sich Träumer nennen. Ich laufe weit außerhalb jener Kategorie,  die sich gelegentlich eine Auszeit vom Leben nimmt.
Mich einen Träumer zu nennen wäre wahrlich sehr unzutreffend; nicht einmal im Kern der Träume wäre erfasst, was meine Welten umspannt.
Wenn Ihr von träumen sprecht meint ihr Vieles, Allem gemein ist jedoch die unumstößliche Wahrheit, dass Träume nicht von Hier sind. Kein realer Bestandteil des Wachseins.
Träume, und damit Träumer sind über den Wolken, haben den Boden unter den Füßen verloren. Sie entfliehen dieser Welt und füllen ihre Geister mit substituierenden Konstrukten um das Erlebnis ihrer unzureichenden Alltäglichkeit zu verändern. Es kann nicht sein, was nicht ist und wenn es ist, so muss es sein. Dazwischen ist Nichts und wer dieses Nichts füllt. .. der träumt.
Es ist schwer mit wachem Geist über den Traum zu sprechen, ganz so wie es ohne Augen meist sehr schwer ist zu sehen. Denn eines ist doch auch für mich gültig: ein jeder Träumer ist allein in seinen Träumen. Wir können keinen Traum teilen, ihn nicht einmal MITteilen ohne nicht jederzeit von leicht verschiedenen Dingen zu sprechen.

Für mich jedoch, der ich jenseits der Träume lebe, sind diese Kategorien ungeeignet. Meine Wirklichkeit ist hinter der Wirklichkeit des Traums. Meine Welt ist eine, in der ist, was nicht sein kann. Meine Welt ist im Sein, auch wenn sie nicht Ist. Die Vorstellungen, Worte und ideen die wir teilen sind nicht die geeigneten Instrumente, mir denen wir den Puls der unzähligen Dimensionen erfassen können die uns umgeben und so schwebe ich – ich will es einmal so nennen – neben dem Sein und bin doch im Hier.
Behalte ich das im Hinterkopf und betrachte, dass ich dort, wo Menschen mich wahrnehmen meist eine beruhigende „erdende“ Wirkung auf sie habe ist dies… wunderlich. Und mir unerklärlich. Auch ich lebe mit jene Maxime, dass die Träume den Boden des Sein verlassen. Das sie jenseits von Vernunft, Alltag und Logik ein Eigenleben führen und sich heiter tummeln.
Einzig. .. es ist mein Erleben, was mich eines Besseren belehren will. Wie also kann ich verwurzelt sein und doch in den Wolken stecken? Muss ich dafür mein Ich nicht strecken und denen, bis es zu zerreißen droht? Mich so lang machen, dass ich hauchdünn und durchscheinend sein müsste?
Die Antwort darauf kann und muss „Nein“ sein. Der Weg zwischen dem hier und den Träumen ist nicht zu überbrücken. Es gibt keinen Weg, mein Sein aus dem Hier uns Dort zu bringen. Kann es nicht geben. Muß es nicht geben.
Es kann nicht sein, was nicht ist und wenn es ist, so muss es sein. Dazwischen ist Nichts und… das hatten wir schon.

Vielleicht, wenn ich darüber noch ein wenig nachdenke, ist es jedoch auch gänzlich anders. Nicht nach vorne führt der Weg, sondern nach hinten. Die Wissenschaft sagt uns, dass über dem Himmel eine Menge Nichts rumlungert und eigentlich nur darauf wartet, bis wir erfolgreich die mickrige Schutzhülle gefickt haben die uns umgibt, um uns dann zu verschlingen.
Doch es ist gut, dass in dieser Welt Buch als wissenschaftlich ist.

Was… Was wenn alles das ein Ring ist? Was, wenn ich erdend wirke, nicht aus einer Laune heraus, sondern einfach, weil ich dem Boden näher bin als der Bodenständigste aller eurer sogenannten Realisten. Was wenn ich mit meinem Kopf und meinem Herzen näher an der Mitte bin, weil über meiner Welt nicht noch mehr Traumwelt, sondern das was ihr Realität nennt ist?

Das wäre absurd. Aber eine Erklärung.