Meister der Ablenkung

Freitag Morgen Elf Uhr Fünfundfünfzig stehe ich am Bahngleis meiner Ubahn und warte auf den Zug. In fünf Minuten habe ich einen Termin, wie mir ein kleiner, wacher Teil meines Gehirns mitteilt, doch für den Rest meines Geistes ist Alles immer noch ein Aufwachen und damit eine ganze Traumwelt weit weg. Mein Körper hat noch den Abdruck der Matratze im Gefühl, der zurückgekehrte Winter noch nicht gänzlich die Wärme der Bettdecke vertrieben und ich stehe mit einem mehr schlecht als recht sitzendem Wrack von Frisur in der letzten Leere, kurz bevor die Massen der hungrigen Mittagspausierenden aus den stumpfen Bürogebäuden ausgespuckt werden.
Entsprechend meiner Verfassung lasse ich meine Augen ziellos umherwandern und schon bald sehe ich keine Konturen mehr, sondern mit jenem unscharfen Blick den jeder Brillenträger kennt. Jene Art von schauen, die für 3D-Bilderbücher benötigt ist – wo wir mit ihr kämpfen – und die bei exessiver Müdigkeit eintritt – ganz egal ob wir das wollen.
Ich muss kurz komplett weggetreten sein, denn mit einem Mal wird mir bewusst, dass ich nun schon eine Weile auf den schwarz-weiss marmotisierten Boden starre. Ich kann nicht genau bestimmen wann ich anfing dorthin zu starren, noch wie mein Blick dorthin gewandert ist; dazwischen ist eine Lücke, gefüllt mit wattiger, klebriger Unbestimmtheit.
Ich befinde mich in jenem Schwebezustand zwischen Wachsein und Abwesenheit, in dem meine Gedanken eine unrealistische Schärfe erreichen, mein Körper jedoch nicht mehr als eine flüchtige Erinnerung ist und mir wird mit einem Mal deutlich, was meine Augen mir zeigen:
Der Boden unter mir atmet, pulsiert und scheint sich wegen irgendwelcher Schmerzen zu winden. Ich stehe im Schacht einer Ubahn und unter mir räkelt sich das Gestein – welches Menschen vor mir zerschnitten, gesprengt, transportiert und in einer anderen Form wieder zusammengestückelt haben – und es lebt mehr als ich. Es atmet und lebt in einem derart starken Puls, dass es mich durch die gesamten Schichten meiner Gedankenwelten erbeben lässt, packt und aus meiner körperlichen Hülle hinausschleudert.
„Was ist Leben? Wie lebe ich? Lebe ich überhaupt?“ fragt Etwas, dort angekommen, unbestimmt in Fleischlichkeit, einzig definiert über die zarte Bindung  der Gedanken an eine weit entfernte Puppe.
„Ist das mein Leben? Bin ich der den ich lebe?“ denkt Etwas und die Bindung wird zu einem schmalen Pfad, während rings um mich her eine stille Schwärze lauert.

Ist es mein Leben, welches ich lebe? Eine sehr interessante Frage. Auch wenn du sie dir nicht das erste Mal stellst. Interessant auch deshalb, weil du einer Antwort noch immer nicht näher gekommen bist, wie ich annehmen darf. Nicht? War zu vermuten. Es würde mich auch überraschen, wenn du…

Während er mit sich selbst in eine uralte Diskussion einsteigt, schlüpft er unbemerkt aus sich heraus und geht den schmalen Pfad entlang, weg von dem Streit. Immer weiter läuft er, bis er sicher ist, dass sie ihn nicht mehr bemerken. Da hält er auf einmal inne, schaut zurück in die Richtung in der sie verweilen, lässt seinen Blick an dem Weg entlanggleiten. Wie er auf ihn zukommt, unter ihm entlangläuft und in der anderen Richtung im Nichts verschwindet. Dort wo jene – vage erinnerte – Hülle hätte sein sollen erstreckte sich nichts außer einer dämmrigen, grauen Ungewissheit. Unsicherheit verzerrt sein Gesicht, als er Hin und Her schaut auf jenem Pfad. Unsicherheit macht sich in seinem Herzen breit, breitet sich in ihm aus, raubt ihm die Kraft und hätte er einen Körper gehabt: er wäre erschöpft zusammengebrochen. So blieb er eine Weile, unbewegt und formlos, bis er letztlich einen Entschluss fasste und zurücklief.

Dämmrige, graue Ungewissheit Nichts als diese ewige Suppe um mich herum und nichts verändert sich Müsste ich nicht schon längst angekommen sein bei Ja schon lang müsste ich daran vorbeigegangen sein Wo sind sie nur Und wieso verändert sich nichts in dieser elengen, dämmrigen widerlich grauen beschissenen Ungewissheit?

Später, als ich wieder zu mir kam und jenen dumpfen Zustand brütenden Gleichklangs hinter mir ließ, fand ich mich in einem riesigen Gewölbe wieder. Der Weg unter mir war, sehr zu meinem Schrecken, verschwunden und ich zuckte innerlich zusammen. Mein Magen rutschte mir in den Hals, als das Gefühl des Fallens einsetzte, ich schloß die Augen und ergab mich meinem Schicksal. Als nach einer Weile nichts passierte, öffnete ich die Augen vorsichtig und stellte fest, dass ich weiterhin fest stand. Der Pfad… er war noch da! Er war lediglich unsichtbar oder doch zumindest durchsichtig. Erleichtert ließ ich mich sinken – nur kurz verblüfft darüber meinen Körper wahrzunehmen – und atmete tief durch.

Während ich dort saß, noch immer befangen von dem unangenehmen, nicht abzuschüttelnden Gefühl im Nichts zu schweben, fiel mir auf, dass um mich herum Fackeln brannten. Unzählige vin ihnen säumten jeden Winkel des Gewölbes, und nachdem es mir erst einmal bewusst wurde stellte ich fest, dass sie überall waren. Ich war umgeben von flackerndem Licht, die letzten so weit entfernt, dass sie sich am Horizont zu treffen schienen. Noch während ich zu begreifen suchte, was um mich herum geschah, fiel mir auf, dass zu jeder Fackel ein kleiner Gang gehörte, welcher sich hinter dem Licht in eine kaum wahrzunehmende Dunkelheit wand.

Mein Weg, so wusste ich mit untrüglichen Gewissheit – jene die einen von Zeit zu Zeit ohne Vorwarnung überkommt – lag in exakt EINEM dieser Gänge. Doch in welchem, hierbei half jenes Gefühl nicht, dass – ähnlich einem Frühlingsduft – bereits verschwunden war und mich in meiner Unschlüssigkeit allein ließ. Ich starrte, grübelte, verharrte, lief auf und ab – denn schienbar war ich doch nicht zum Stillstand verdammt – und verharrte erneut, starrte erneut und grübelte weiter. Das Licht der Fackeln schien zuzunehmen, die einzelnen Lichtpunkte in der Ferne verschwammen zu einem wabernden orangeroten Leuchten und noch immer hatte ich nicht den Hauch einer Ahnung, wohin ich mich wenden sollte.

Verzweiflung rollte in einem rauschenden Grollen heran, umspülte mich und riss mich mit sich fort. Ich wirbelte herum, rang nach Luft, schrie lautlos und rang mit den Wellen. Sie drang in meine Lungen ein, umnebelte meinen Geist und erstickte meine Stimme. Sie war überall und ich.. ich verschwand.

Stille. Schwarze, kalte Stille. Stille in einem Ozean an fernen, unbekannten Ufern.
Ein Lichtpunk segelt herab und verlischt, noch bevor er begriffen werden kann. Noch einer folgt, verschwindet – ohne zu existieren – und entsteht erneut.
Ein ständiger Akt von Tod und Wiedergeburt, getanzt in völliger Stille.
Wasser brandet über stille Ufer ferner, unbekannter Ozeane und verrinnt lautlos im weißen Sand.

Wir sehen ihn, auf dem Pfad der keiner zu sein scheint.
Er steht dort, reglos und nahezu leblos.
Er öffnet die Augen, blicklos und entrückt.
Sein Mund öffnet sich, mechanisch und krotesk.
„Welchen Unterschied macht es also?“
Wir
hören ihn, als der Pfad in unzähligen Splittern zerspringt.
Er fällt, reglos und nahezu leblos.
Er schließt die Augen, blicklos und nahezu leblos.
Sein Mund schließt sich, mechanisch und krotekst.

„…zurückbleiben bitte!“ dröhnt es mir in die Ohren, begleitet vom widerlichen Tuten, dass Fahrgäste darauf hinweist das die Türen der Ubahn schließen. Ich starrte weiterhin stumpf auf den reglosen Boden.

Freitag Morgen Elf Uhr Sechsundfünfzig stehe ich am Bahngleis meiner Ubahn und warte auf den nächsten Zug.

Von Einem, der auszog als er seines Lebens zufrieden ward (1)

Es war ein sonniger Tag, als er beschloss sein Leben, so wie es gerade war, müsse sich ändern. Nicht einer jener grauen, tristen, kalten und generell lebensverachtenden Tage, sondern ein echtes Prachtstück von Zeit. An solchen Tagen wurden Postkartenfotos geschossen; gingen Paare hinaus und stellten fest, dass sie sich noch immer liebten; wurden alte Knochen munter und Eltern einspannt genug um ihre Kinder den Unbillen des Monsters Mutter Natur auszusetzen. Vögel zwitscherten, dort wo sie sich zu zeigen pflegten, bis ihre Kehlen heiser wurden und die Menschen erfreuten sich beim gemütlichen Picknick daran.
Kurzum, es war ein Tag, an dem selbst Anwälte den Schlips lockerten und alles Leben Sinn zu ergeben schien.
Und genau an diesem Tag also beschloß er, sein Leben passe zu sehr zu ihm und das sei mit sofortiger Wirkung zu ändern.
Er ging zu seinem Kleiderschrank, öffnete ihn und sah nichts als geschmackvolle Kleidung, die genau seinem Stil entsprach, seine körperlichen Stärken betonte und die Schwächen weicher gestaltete. Er schloss den Schrank wortlos und warf den Koffer, den er schon zur Hand genommen hatte, ungefüllt und achtlos in eine Ecke.
Unschlüssig, im dicken Mantel seiner eigenen Gedanken nahezu unfähig zu klar umrissenen Handlungen, wankte er aus seinem Schlafzimmer und fand sich – ohne genau Erinnerung, wie er dorthin gekommen wäre – nach einer Weile in Zentrum seines Lebensraums wieder.
Seine Wohnung erschien ihm im warmen und bezaubernden Licht der funkelnden Sonne mit einem Mal fremd. Die stilvollen Holzmöbel, die bequeme Couch, die dezenten Dekorationen – welche das Interieur auf das exakt passende Maß füllten, damit es nicht zu voll und auch nicht spartanisch leer wirkte. All das nahm verzerrte Ausmaße an. Die Wände schienen sich in ihren warmen und freundlichen Mustern zu drehen und winden, als würden sie in der lauen Luft unerträgliche Schmerzen leiden. Das Glänzen der Politur auf dem Eichentisch verlor seine Behaglichkeit und Wohnlichkeit und nahm einen bedrohlich summenden Farbton an.
Und über Allem schwebte das leichte Plätschern des kleinen Zimmerbrunnens in seiner „japanischen Ecke“, dass jedoch immer weiter anschwoll und in alle Ritzen seiner luftigen, hellen Dreizimmerwohnung drang, bis es schien als würde sie überlaufen, ihn umschlingen und er in einem einzigen, wirbelnden Dröhnen die Toilette heruntergespült.
Immer weiter strömte das Wasser um ihn herum, wanderte seine Socken und Hosenbeine empor, waberte um seinen – trotz aller Joga-, Pilates- und anderen Trainingsstunden – leichten Bauchansatz, um schließlich gluckernd in seine Ohren, seine Nase und seine Augen einzudringen. Mit einem Mal umgab ihn Stille, einzig unterbrochen durch das leise Plätschern des Wassers über ihm am Deckenlüster.
Und schließlich, wie von Weitem, drang ein Brummen zu ihm durch. Leise, stetig, sanft und als es ihm gewahr wurde, schien es fast als ginge es von ihm aus. Genauer gesagt von seinem Schritt.
Er griff nach dem Brummen und indem er sein Mobiltelefon aus der Hosentasche zog, kehrte er – mit einem fast hörbaren, zumindest jedoch für ihn deutlich spürbaren Schnappen – in die Wirklichkeit, wie sie uns alle Abseits unserer Gedanken umgibt, zurück.

Vom Ende einer Freundschaft

Womit fange ich an, wenn ich vom Ende reden will? Vermutlich mit dem Punkt, ab dem es endete und dann immer einen Schritt weiter bis es vorbei ist…

Ich saß auf dem Geländer eures Balkons. Diese merkwürdige, rot gemauerte Vertiefung in einer ansonsten unscheinbar gehaltenen, vom Smog der Stadt über die Jahre abstoßend gefärbten, Häuserfront. Sogar das Geländer hatten sie gemauert, damit es -wie das Haus auch- alles überlebt. Krieg, Abgase, die nächsten Generationen verkommener Mieter. Zusätzlich hatten sie eine Alu-Blech-Metall-Wasauchimmer-Krone auf die blutig rot anmutende Befestigung gesetzt und somit ihr glänzendes Denkmal für die „Ewigkeit“ gesetzt. Ein hässliches, kaltes Denkmal, aber immerhin doch für alle Zeiten gesetzt, die in der Gedankenwelt der Erbauer eine Rolle spielen könnten.
Es war eine wirklich kalte Nacht, zumindest gemessen an den Nächten vor und nach dieser Einen und den Temperaturen des Tages selbst. Vielleicht war es aber auch nicht wirklich kalt und nur das Gefühl von Kälte ist in meiner Erinnerung geblieben.

Ich erinnere mich daran, dass es regnete. Denn während ich dort saß und (vermeintlich) fror, gluckerte am Straßenrand ein deutliches Rinnsal durch den Rinnstein. Ich erinnere mich daran ganz genau; lange saß ich dort und philosophierte darüber, woran mich dieses Wasser erinnerte. Es waren nicht die Tränen, die für uns vergossen wurden. Es war nicht die Schwelle zum Jenseitigen die sich nur für mich in jener Nacht im fahlen, gelblichen Licht der Straßenbeleuchtung offenbarte. Letztlich, so kam ich mit mir selbst überein, musste es das Blut der Stadt sein. Je länger ich hinschaute, desto mehr nahm ich ein Pulsieren in den Strömen wahr, desto mehr gewann das Dunkel dieser Venen die Ähnlichkeit zu Blut. Es war kein direktes Rot – denn die Farbenwelt, derer sich eine nächtliche Welt in fahler, gelblicher Straßenbeleuchtung bedient – ist einzigartig.
Wer sagt, alle Katzen seien Nachts grau, hat noch nie in einer Stadt gelebt. Nachts sind alle Katzen, Autos, Busse, Menschen, Regentropfen, Wände, Asphalt… einfach alles… schmutzig und fahl gelblich, einzig durch ihren Grundton unterscheidbar. Oder im Schatten dieses Lichts und durch die Ablenkung der Lampen unsichtbar für unsere einfach gestrickten Augen.
Jenen Augen, die – wie unser Hirn – meist nur das Offensichtliche sehen wollen und sogar davor nur all zu oft die Lider verschließen.

Du hast geraucht, ganz die Schurkin eines Hollywooddramas, während du still im Schatten auf der Bank gesessen hast. Der Schatten der Wand, durch das rückwärtige Licht so geworfen, umgab dich mit einer Stofflichkeit, die über die Tiefe von Schatten hinausging. An jenem Abend hattest du dich in deinen Wintermantel gehüllt, doch was dich wirklich umhüllte war viel mehr als nur Stoff und der Rauch deiner ewig glimmenden Kippe. Ihre Leuchtspur, wenn du sie zum Mund führtest und ihr stetiges Pulsieren, während du einen Zug nahmst, bildeten die einzigen Löcher in der undurchdringlichen Mauer, die in der Stille der Nacht eiskalte, scharfe Kanten bekam.

Wir saßen lange, schweigend, in der Kälte dieser bizarren Nacht. Unbewegt in unseren Positionen, weit weg von unserem Körpern. Vermutlich hätte mir eine Zigarette ebenfalls gestanden, wie ich dort auf der Brüstung saß; ein Bein lässig herunterbaumelnd, eines auf dem Geländer abgestellt und nahe an meinen Körper herangezogen. Ich lehnte mich gegen die kalte, wegen des Regens schleimig nasse, Wand und verschränkte die Arme über dem Knie. Eine Zigarette hätte gepasst. Ebenso ein Hut und Stiefel mit Sporen. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert und ich rauche nicht. So blieb mir nichts um meine Gedanken festzuhalten und jedesmal, wenn meine Aufmerksamkeit zufällig an die Oberfläche tauchte, hatte sich an der Szenerie nichts verändert.

Es gibt viele Ansichten, wie Zeit sein könnte. Ein Fluß, ein Ozean, eine Uhr mit 2 bis 3 Zeigern, ein Zahnrad hinter den Vorhängen unserer Welt, eine Art Kleber zwischen den Dingen und ihren Zuständen, Unsinn, subjektiv und in der Grundsache zu wenig vorhanden, endlos und unsichtbar…
In jener Nacht hatte sie sich selbst vergessen. Ihre Bestimmung, ihr Streben, ja sogar ihre Form war einer gesichtslosen undefinierbaren Stasis gewichen. Wenn Zeit als Übergang eines Zustands in einen anderen gilt, hatte sie damals bestimmt vergessen weiter zu gehen.
Ich erinnere mich, das durch ihr Fehlen auch die Kälte verblasste, der Regen leiser wurde und es mir unmöglich wurde mit meinen Gedanken an der Oberfläche zu verweilen. Die Zeit war gegangen und hatte allen Dingen einen Anstrich aus Belanglosigkeit verpasst, unter dem, leise tröpfelnd, der Kern der Sache vermoderte.

Dort saß ich also in jener kalten Oktobernacht, während die Stille das Leben aus unserer Freundschaft drückte und in genüsslicher Ruhe das Mark aus den Knochen unserer Verbundenheit schlürfte.
Ich stand, irgendwann, auf und ging, hinter mir die zerbrochenen Gebeine dessen was ich für langlebig gehalten hatte.
Ich stand auf und ging in völliger Stille, als ich an der Tür nach innen kurz innehalten musste, weil mir der perfekte Satz zum Ende einfiel. Doch als ich zu dir hinüber sah warst du immer noch nicht viel mehr als Schatten und Zigarettenglühen und mir fiel auf, dass der Satz zu dem Hollywoodverständnis der Situation gepasst hätte, das Leben aber eigentlich auch ohne Platitüden auskommt.

„A proper story’s supposed to start at the beginning.“ Das sollte sie wirklich. Doch wo beginne ich, wenn das Ende der Anfang ist und damit die Geschichte vorbei ist, bevor sie beginnt?

Ich gehe schweigend und damit ist eigentlich alles gesagt.

Die Regeln der Nacht

Sie begegneten sich in der Regel zwei mal täglich. Einmal gegen sechs Uhr Morgens, dass andere mal gegen zehn Uhr Abends.
Hätte man ihn gefragt, hätte er im Scherz gesagt „Eher sechs Uhr Abends und zehn Uhr Morgens.“ Aber es kam selten vor, dass ihn jemand nach so etwas fragte, also schwieg er.

Über Monate liefen diese Treffen still ab. Im Nachhinein betrachtet musste es sogar lange so gewesen sein, dass sie sich schon getroffen hatten ohne je einander zu bemerken. Ganz so wie eine Spinne lange in einer Zimmerecke vor sich hinleben kann ohne entdeckt zu werden. Der Mensch und die Spinne existieren beide, doch existiert der eine für den anderen erst ab dem Punkt, an dem er in das bewusste Wahrnehmen eindringt. Maximal eine vage Ahnung um das Sein des Anderen besteht in uns, bis es eine Bestätigung durch unsere restlichen Sinne erfährt und dadurch als Teil unser eigenen Welt aufgenommen wird.
So hatten wie sich oft gesehen, jedoch nie aneinander Interesse gezeigt. Wann genau sich das geändert hatte, wusste später keiner der beiden zu bestimmen. Es war eine jene Entwicklungen, bei denen man sich irgendwann nur daran erinnern kann, dass es schon immer so war und halt irgendwann begonnen hatte.
Etwas, so natürlich in seiner Natur, dass es zu einem integralen Bestandteil des eigenen Lebens wird und damit, so wie die frühe Kindheit, in einem generellen Gefühl untergeht.

So lernten sie sich kennen. In den kurzen Momenten um sechs und zehn, an seinem Abend, ihrem Morgen; ihrem Abend, seinem Morgen.

Eigentlich – so sagten alle ihre Freunde und auch die Handvoll jener Menschen, die er als Bekannte bezeichnen würde – war ihre Bekanntschaft von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Niemand – so sagten die Menschen die sie gut kannten und jene, die ihn schon lange begleitet hatten – kann so leben und glücklich sein.
Es ist wahrlich ein gutes Ding, dass sie beide wenig auf das gaben, was andere sagten, sonst wäre Ihnen beiden etwas entgangen, was sie später als die schönsten Zeiten ihres Lebens bezeichnen würden.

Es waren die Gespräche, in die beide sich verliebten; es waren die kurzen Momente – Morgens um sechs und Abends um zehn – in denen beide die Kraft für den Tag und die Ruhe für die Nacht fanden.
Einige Minuten mit ihm reichten ihr, dem trostlosen Moloch ihres Alltags zu widerstehen; angefüllt mit den kleinlichen Widrigkeiten einer Normalsterblichen, den anekelnden Gerüchen eines Lebens, an einem Ort, den Sie nicht als Zuhause, wohl aber als Endstation bezeichnen würde. Es war weniger seine Lebendigkeit – die er bei genauerem hinsehen sehr wohl besaß – welche Sie inspirierte, sondern vielmehr die Ruhe, die er in seinen Worten und seiner Art versteckte.
Ein Blick auf Ihr rotgoldenes Haar, durchzogen von einigen grauen Strähnen, die sie im Laufe der Zeit nicht mehr zu verstecken versuchte; eine Brise ihres Geruchs, müde vom aufstehen oder den langen Stunden eines Arbeitstag, reichten ihm um die Ruhe in seinen Gedanken zu finden, nach der er stets suchte um in einem ruhigen Schlaf zu fallen. Es war weniger ihre ruhige Art – der alle verfielen, die sie umgaben – sondern die brodelnde Lebendigkeit, gefesselt durch ihre Ängste und ihr Leben, die darunter lag und durch nichts zu ersticken war, die ihm half sich auf ein neues Morgen zu freuen.

Im Grunde – so waren sich alle einig – band die beiden nichts aneinander, hatten sie nichts gemein. Sah man sie zusammen, also zumeist während jener kurzen Treffen, so schwiegen sie überwiegend.
Es ist müßig, darin fortzufahren, wieso die beiden nach allem Anschein nicht zusammenfinden hätten können oder sollen, warum die Sache nie etwas werden würde oder wann sie scheitern sollte. Denn auch nach Jahrzehnten, als beide alt geworden und die Sorgen des Lebens klein geworden waren, waren sie ein Paar.
Vielleicht nicht eines der gewöhnlichen Allerweltspaare, die ihre gemeinsame Zeit mit Aktivität füllen um nicht in die Gefahr zu gelangen, sich tatsächlich mit dem andren auseinander setzen zu müssen. Oder zu erkennen, dass in der Stille Fragen liegen.
Ich sprach nur einmal mit Ihnen persönlich. Damals, als ihrer beider Zeit nahezu gekommen war und nicht mehr viel blieb als die Erinnerungen an das Vergangene, da in der Zukunft schon bald das Ende drohte. Ich bin bis zum heutigen Tag keinem Paar begegnet, in dem ich deutlicher die Sage spüren konnte, nach welcher der Mensch einst beide Geschlechter vereinte und durch eine große Tragödie geteilt wird, nun beständig auf der Suche nach der anderen Hälfte.
Hier, so war es mir, hatten sich zwei Hälften gefunden und waren wieder eins geworden.

Zuletzt, nach einem spannenden aber eher belanglosem Report über ihr Leben – ich berichtete damals über lange Beziehungen und was sie zusammenhielt – stellte ich jene Frage, die immer gleich klang, jedoch niemals gleich beantwortet wurde.
Was ihre Antwort war, ist mir – ich muss es zu meiner Schande gestehen – zum größten Teil entfallen. Viel darin drehte sich um relative Gewichtungen, geteilte Lasten und Neuevaluierung der eigenen Sicht. Natürlich waren ihre Worte um ein vielfaches liebevoller und elaborater, doch wie schon bemerkt: ich habe das meiste vergessen.
Seine Worte jedoch blieben nur bis zum heutigen Tag im Kopf stecken, vermutlich deshalb, weil ich in ihnen einen Schlüssel für mein eigenes Leben fand und daher einen besseren Zugang zu Ihnen hatte als zu denen von ihr.

„Die Nacht hat ihre eigenen Regeln. Wenn du als Reisender in ihren Gefilden umherstreifst, wirst du durch die Fremdartigkeit dieser Regeln jedoch meist erschreckt. Darum fühlen wir uns des Nachts auch oft bedroht. Natürlich nicht nur deshalb; Fantasie und andere Spukgedanken tun oft ihr übriges um uns Angst zu bescheren.
Was ich sagen will ist… wer die Nacht als Besucher trifft, also hin und wieder nachts länger wach bleibt oder einmal ‚die Nacht zum Tage werden lässt‘, der wird sie niemals verstehen können. Die Nacht ist kein Tag. Will sie nicht sein. Die Nacht – ich sagte es ja schon – hat ihr eigenen Regeln. Und wer sie verstehen will, der muss sich Ihr hingeben. Mit all seinen Wesen und seinem Leben. Nur indem ich Teil der Nacht werde, kann ich Ihre Regeln beginnen zu erahnen.

Ich kann Ihnen erzählen, dass in der Nacht die Welt schlafen geht und Sie werden es erst verstehen, wenn Sie selbst mit dem ersten Morgengrauen den tiefen, klagenden Klang einer einsamen Klosterglocke hören, obwohl Sie inmitten einer Großstadt leben und sich weit und breit keine Kirchen oder Klöster befinden.
Ich kann Ihnen von der perfekten Ruhe einer Nacht erzählen, und doch werden Sie niemals die Nuancen der Stille erahnen können, wenn Sie nicht die allumfassende Stille der Nacht gewöhnt sind. Viel zu schnell nehmen Sie an, es sei still, so überreizt sind Sie von den Fluten des Tages.
Ich kann Ihnen erzählen, wie es sich anfühlt wenn die Welt zu Bett geht und jene Stille, von der ich sprach, unter Ihrer Bettdecke hervorkriecht. Doch können Sie die Ungeduld verstehen, mit der Sie dem Rückzug des täglichen Lebens zusieht, wenn Sie selbst gegen die Müdigkeit des Tages kämpfen? Was für die einmalig ist, ist für mich ein tägliches Ritual. Der Wunsch, den Tag fortzuführen macht Sie blind für den Beginn der Nacht und wenn Sie es dann endlich bemerken, dann ist sie bereits angezogen, geschminkt und geschmückt… Wenn Sie mir dieses plumpe Bild nachsehen wollen…
Ich kann Ihnen schildern, welche Klarheit die Nacht hat. Doch kann Ihr – von der Sonne des Tages geblendetes – Auge mehr sehen als die strahlende Leuchtkraft der Sterne? Sehen Sie die Farben des Schwarz? Schmecken Sie die Nuancen der Dunkelheit? Mal rauchig und verkatert, dann wieder so klar, dass nicht einmal ein geschultes Auge an ihr haften bleiben kann?
Die Nacht zu beschreiben ist, wie einem Tauben das Tanzen zu zeigen. Er wird Sie stets für verrückt halten. Erst wenn er die Musik hören – oder doch zumindest spüren – kann, wird er beginnen eine Ahnung davon zu entwickeln, was Ihnen das Tanzen ist. Doch wahrlich verstehen kann er sie nur, indem er sein Leben dem Studium Ihrer Meinung verschreibt. Und erst wenn er mit Ihnen verschmelzen kann, wird er einen Eindruck Ihrer Welt bekommen. Doch niemals erkennt er ihre Wahrheit, so sehr blendet in das Licht seines eigenen Lebens.

Die Nacht hat ihre eigenen Regeln. Damit habe ich begonnen und damit will ich diesen Exkurs beenden.
Ich habe mich dem Studium der Nacht verschrieben, habe in meinen Gedanken die Klarheit der Nacht gefunden, meine Zunge kennt den Geschmack der Dunkelheit besser als den des Essens von gestrigen Tag. Meine Ohren hören mehr in einer Minute Schweigen als im stundenlangem Geplapper der Menschen.
Aber in ihr… in IHR fand ich das eine Licht, dass mich nicht blendet.“

Weite

Im Grunde kann ich wirklich nicht einmal mit schlechtem Gewissen behaupten, dass ich hoch hinauf gekommen bin.

Der Bahnübergang, auf dem ich die letzten, matten Sonnenstrahlen eines eher frischen Tages einatme, ist gerade einmal siebenunddreißig Stufen hoch. Genug um einen Zug und vielleicht noch einen Surfer auf diesem Zug durchzulassen; aber nicht mehr als unbedingt nötig. Wahrlich kein Bauwerk, dass den Erbauer bis ans Limit seiner Baukunst oder mich an die Grenzen meiner Belastbarkeit getrieben hat.
Immerhin komme ich bis an die Baumkronen um mich herum ran und als die Wipfel vor mir in einem zittrigen Gruß auf mich zuschawanken, bin ich auf den kalten Wind – der mir dennoch eine kleine Träne ins Auge treibt – vorbereitet.

Der Tag hat komische Farben, fällt mir dabei auf. Fast scheint es so, als seien der Welt heute die Farben ausgegangen und nur noch Pastelltöne übriggeblieben. Alles wirkt schwammig und ineinander übergehend. Der zartgrüne Wald verschwimmt mit dem blassen Grau des Bahnsteigs, huscht kurz über einen hellbraunen Gehweg, ausgetreten und verwaschen wie die Farben um mich her. Mein Blick gleitet weiter, stürzt sich über die ebenfalls blassgraue Bahnsteigkante und während mir der Wind in den Ohren pfeift, knallt mein Blick mit einem saftigen Klatschen im rostbraunen Steinbett des Gleises auf. Meine Augen folgen der schnurgeraden Bresche, die das Bahngleis in den Pastellwald schlägt und in der Weite glitzert eine der abgenutzten Schwellen im letzten trüben Licht des Tages. Würde jetzt ein Fisch aus den schlammigen Wellen des Gleisbettes springen… ich wäre wahrscheinlich nicht im mindesten erstaunt, so sehr drängt sich mir der Eindruck eines schmutzigen, zäh hinfließenden Flusses auf.

Die Schienen, ein stetig parallel verlaufender Gedanke ohne sichtbares Ende, scheint sich am fernen Horizont mit dem milichg grauen Himmel zu vereinen. Dort hinten in der Weite hat die Farbe endgültig kapituliert. Während hier um micht herum das Pastell unbemerkt von den meisten die letzte Schlacht um die Grenze zwischen den Dingen führt, ist in der Weite nichts weiter als übrig als eine ausgelaufene, verschmierte Ruine der Formen meiner Welt. Blau ist Braun ist Grün ist Rot und so ist nichts voneinander zu trennen. Baum ist Wolke ist Vogel ist Gleis und in diesem Brei wird alles eins um seine Gestalt zu verlieren.

Im Grunde kann ich wirklich nicht einmal mit schlechtem Gewissen behaupten, dass ich hoch hinauf gekommen bin…
doch es reicht um zu sehen wie sich die Welt in der Weite krümmt.

Product Misplacement – Manifest einer verkannten Revolution

„Das Neue Flachbrot irgendwas“ stand glaube ich auf Ihrem Shirt. Woran ich dabei dachte hat allerdings wenig mit flach oder Brot zu tun. Nur wenn ich sehr weit in Euphemismen abschweifen würde. Aber das wäre nun wirklich abwegig.
Während ich der jungen Dame also auf die Brüste starre, krampfhaft bemüht die Werbung zu lesen – schließlich wird da irgend ein Sonderangebot beworben – beschleicht mich das Gefühl, Opfer einer sozialisierten Falle zu werden. Wie soll ich als Mann – der ich nun mal bin – vernünftig und in Ruhe die Anzeige lesen, die die Vorzüge des Ladens bewirbt, ohne nicht jederzeit mit einem gesellschaftlichen Regenschirm und der dazugehörigen Oma im Blümchenkleid rechnen zu müssen.

Verlegen, weil mein Blick nun doch bestimmt schon eine ungebührliche Dauer unterhalb der Augen der Frau ruht, bestelle ich also – fieberhaft um die schnelle Beseitigung dieser Situation bedacht – das Nächstbeste. Natürlich bin ich im Nachhinein mit dieser Wahl unzufrieden. Auch bin ich unzufrieden, weil ich immer noch nicht weiss, was nun da beworben wurde. Und nicht zuletzt, weil ich noch nicht einmal den Brüsten genügend die Ihnen zustehende Anerkennung gezollt habe. Zu sehr war ich damit beschäftigt die verknitterten, durch verschiedene Wölbungen hin und her springenden, Buchstaben zu einem sinnvollen Satz zusammenzubringen. Dass Teile der Buchstaben auch noch in Winkel gedrängt wurden, die mehr Fantasie als Brillenstärke brauchen ist hierbei wenig hilfreich.

Ich bin nicht chauvinistisch. Bestimmt nicht; zumindest will ich es nicht sein. Aber ich kann eine gewisse Wehmut nicht abstreiten, als mir – ergeben auf Etwas rumkauend, was ich eigentlich nicht haben wollte – klar wird, dass ich in einer Situation, in dem ich von außen betrachtet bereits am „Schielen“ war, nicht einmal wertschätzen konnte was sich mir geboten hat. Und das habe ich tatsächlich nicht einmal richtig angeschaut. Wenn man mal nicht von außen mit der Sioziobrille, sondern vom meiner Warte aus schaut.
Es ist quasi der Schmerz der doppelten Vergeudung, der mich in der Winterkälte zittern lässt und an meinem ungeliebten Mahl würgen lässt.

Wer entscheidet eigentlich, wo ein Werbespruch hinkommt? Und wo kann man eigentlich Werbung anbringen, ohne dass sie zu solchen Dilemmas führt? Richtet sich die Länge eines Werbespruchs nun nach der durchschnittlichen Körbchengröße der Mitarbeiterinnen? Oder der Spannweite X des Rückens Q, von Schulterblatt H1 zu Schulterblatt H2 gemessen, geteilt durch Schriftgöße Y in Schriftart Z?
Ich seh die Werbefuzzies vor mir, wie sie aus Neukölln Jugendliche einladen, da ihnen nicht einfällt, wie man „weniger zahlen ist sehr zu beführworten“ kürzen kann. Um anschließend – nach einem arbeitsreichen aber produktiven Projektwochenende im Seminarhaus Wuhlheide – mit der genialen Formel „Geiz ist Geil!“ aufzuwarten. Ok, der Spruch ist schlecht. Aber er passt auf jedes T-Shirt. Hinten UND Vorne. Egal ob Größe S oder XXL.

Welchen Preis bezahlt eine Firma für geeignetes Product Placement? Euro oder IQ-Punkte? Gibt es Prämien für Mottos unter 5 Worten? Wenn ich den Spruch mit einer Druckerpatrone mehr als einhundert Mal auf eine A4 Seite bekomme (Schriftgröße 8), bekomme ich dann eine Beförderung?
Es ist schwerlich vorstellbar, sich Menschen als einen wandelnden Produktstandort vorzustellen, ohne nicht gleich eine Degradierung hineinzuinterpretieren. Die wenigsten Menschen möchten als ein großes Würstchen durch die Welt laufen. Und die wenigen die das möchten, führen ein wohl behütetes Leben in ihren speziellen Clubs, wo sie sich ausgiebig Senf auf die Wurst schmieren können, das Ganze in ein knusprig warmes Brötchen packen und es dann aneinander verfüttern. Manch einer macht daraus ja sogar einen Wettkampf; dabei schamlos auf Senf, Brötchen oder gar Röstzwiebeln verzichtend.

Aber die meisten Menschen wollen nicht so rumlaufen.

Es fällt mir schwer zu glauben, dass solche Situationen, wie mein dramatisches Sozialdilemma im ersten Akt, nicht bedacht werden. Solche Sprüche könnten doch auch ein wenig höher angebracht werden. Dann hätte man zumindest schon einmal allen Frauen, deren Brüste dem Joch der Gravitation ein wenig nachgegeben haben, geholfen. Und nicht jeder stellt ausschließlich junge Dinger ein.
Oder eine kurze Nachricht unterhalb des Werbespruchs im Sinne von „nach dem Lesen bitte wieder Blickkontakt mit Träger herstellen“. Damit wäre allen geholfen. Frauen insbesondere, aber auch Hühnerbrüstigen Jungen, bebrusteten dicken Männern und all jenen, die von der durchschnittlichen Blickhöhe des Standardkunden abweichen.
Quasi Win-Win.

Aber an wen wende ich, wenn ich mich derart belästigt fühle? Meine Hoffnung, dass das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf meinen empörten Brief reagiert, in dem ich Ihnen meine unglaubliche Notlage eindringlich schildere… ist klein. Soviel Realismus habe ich ja noch, mir bewusst zu sein, dass in einem echten Ministerium nicht gearbeitet wird. Egal wie berechtigt eine Beschwerde ist.
Und das ist sie.
Die Beschwerde.
Berechtigt.
Es erscheint mir schwierig, mich direkt an die Polizei zu wenden, denn anzeigen kann ich eigentlich nur diejenigen, die diese widerlichen Fallen des Sozialisation tragen müssen. Nicht jene, die sie erzeugen. „Hallo liebe Polizei, bitte verhaften Sie den Erfinder des Spruches da auf dem T-Shirt. Aber schauen Sie nicht zu genau hin, sonst bekommen Sie noch eine Anzeige wegen sexueller Belästigung während der Arbeitszeit!“
Es ist fast bewundernswert, wie ein simpler Werbespruch einen rechtsfreien Raum schaffen kann. Niemand kann den Spruch lesen, ohne sich nicht im gleichen Zuge eines üblen Vergehens strafbar zu machen. Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man als Abschluss eines jeden Spruchs liest „…treue Kunden unserer Filiale werden nicht verklagt. Tüdelü!“

Und ohne es zu wollen bin ich Ihnen auf die Schliche gekommen. Mein Leben hat damit wahrscheinlich eine erhebliche Verkürzung seiner Halbwertszeit erfahren, aber ich bin gewillt der erste einer internationalen Revolutionsbewegung zu sein. Wir werden die Fesseln des implizierten Sexismus sprengen und Werbesprüche auf politisch korrekte Orte verbannen. Vielleicht über Retinatatoos, in denen der Werbespruch auf die Innenhaut der Augen der Verkäufer_innen gebrannt wird. So schauen wir allen in die Augen, bekommen aber dennoch unseren Newsflash unbedingt notwendiger Informationen zu den neuesten Angeboten. Da wir hier lediglich von der Verletzung der Menschenrechte sprechen, sollte das in spätestens 5 Jahren überhaupt kein Problem mehr darstellen. Solange es nicht sexistisch ist.

Interessanter Zwischengedanke: Was, wenn ich Brustimplantate bewerbe? Wird dann nicht ein bewerben in den Augen zu einem Widerspruch? „Sie schauen mir ja auf die Brüste?!“ „ICH SCHAUE IHNEN IN DIE AUGEN!“ „SAG ICH DOCH!“….. Ein paar Handschellen, eine gründliche Durchsuchung des Devianten inklusive Gummihandschuh und eine populärjounalistische Verhandlung später (es gab Popkorn) endet Man(n) gebrochen und allein in der Gosse, von nun an nichts anderes als die Schuhe seiner Gegenüber anschauend. Auf der wahrscheinlich bald auch Schuhwichse beworben wird und somit das arme Opfer sich im Versuch der Flucht selbst blendet.

Es ist ein Teufelkreis. Eine Verschwörung von ganz oben, um die kleinen Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Denn damit wird es nicht aufhören. Kurz danach wird es vor Apfelwerbung auf Jeanshintern, Gurkenabbildungen auf Hosentaschen für Männershorts und anderen juristisch ausschlachtbaren, sexualklagefähigen Inhalten wimmeln. Dieser Spirale gilt es schon heute Einhalt zu gebieten! Die einzigen Gewinner des Ganzen sind letztendlich eben nur die da Oben und die Popkornhersteller. Und die stecken wahrscheinlich unter einer Decke! Aus Mais.

To place a Product. Ein Erzeugnis auf einen Ort transferieren. Darin liegt die Wurzel des Widerstands. Ich befinde mich bereits in der Herstellung diverser „Werbeträger“, in denen die Perversion der Werbung in aller Deutlichkeit aufgezeigt werden wird. Ein Pullover (das T-Shirt hielt den Belastungen leider nicht statt; hierfür entschuldige ich mich noch einmal Mama!) an den ich Melonen angenäht habe bildet den Aufhänger meiner Kampagne für Frauen. Hosen, an deren Hosenbund ich ein Dutzend Wiener befestigt habe bildet den Stoßtrupp des Schlachtzugs für Männer.
Als weitere Maßnahme habe ich in verschiedene bekannte Werbesprüche provokante Worte eingestreut um auf die Problematik des Ganzen hinzuweisen. Beispiele wären: „Meika macht PENIS das Würstchen.“ oder „Think different BOOBIES“ und andere, dabei verlasse ich mich vor allem auf die aufrüttelnde Wirkung der Großbuchstaben. Denn wie wir alle wissen (und wie ihr auch in meinem Videokurs „Plakativ schreiben mit EINFACHEN Mitteln – Ein Tutorial (Anfängerkurs)“ lernen könnt – !!!! Like! me onYoutube!!!!) helfen Großbuchstaben darin, die Driglichkeit einer jeden Aussage BESSER und DEUTLICHER zu vermitteln. Ich will nicht lange auf die Inhalte des Kurses eingehen, aber weiterhin seien Ausrufezeigen und der Wechsel von Schriftgrößen erwähnt (Es lohnt sich also reinzuschauen!)!

Zum Schluss will ich mich an dich wenden, lieber Leser!
SEI DABEI! BEGINNE MIT MIR DIE REVOLUTION GEGEN DIE GNADENLOSE AUSNUTZUNG DER WERBEAGENTUREN DURCH SUBTIL EINGESTREUTE SEXUALERZIEHUNG!!!!!!!111