Perspektivwechsel

Einen Beitrag übers Schreiben will niemand lesen. Einen darüber, warum man nicht schreiben kann noch weniger als Niemand.
Die Summe einer negativen Masse ist jedoch in der Logik immer noch null und damit ist zumindest an dieser Front nichts verloren: wie so oft ist es nur eine Frage der Perspektive wie und ob man etwas wahrnimmt.

Ich habe die Themen im Kopf, habe wie gewohnt die einzelnen „Aufhängerformulierungen“ im Kopf… Und dann erscheint Alles so belanglos, unwichtig und langweilig, dass der Text mein Hirn verlässt und lediglich einen kleinen Zettel mit der Aufschrift „Mach’s gut du Hippie“ zurücklässt.
„Bevor ich misch uffresch isset mir ejal“, sagt sie oft; darüber rege ich mich sehr auf. Und natürlich rege ich mich auch so über andere Dinge auf (echaufieren ist der Hintergrundbeat in meinem Kopf)… aber darüber zu schrieben scheint irrelevant. Überflüssig wie die Anleitung zur Nutzung einer Pizza.
bleibt sind Texte die entweder noch langweiliger sind (trust me, they do NOT fit into this Blog) oder zu persönlich werden. Ich erinnere mich an eine „befreundete“ Bloggerin, die vor einer ähnlichen Diskrepanz stand. An meinen – vermutlich klugen – Ratschlag erinnere ich mich nicht.

Die Perspektiven haben sich geändert, soviel sei gesagt. „Tagebuch eines Verwirrten“ steht hier im Untertitel; ob ich es (in dem von Urheber gemeinten Sinne) noch bin kann ich seit einem Jahr nicht beantworten. Oder auch zwei, die Erinnerungen verschwimmen hinter einer neuen Sonne und ich bin schließlich immer noch verirt.

Was mir fehlt – so ist meine Hoffnung – ist die Nacht. Die Nacht zum Denken und Schreiben; die Zeit in der niemand etwas von mir will und meine Gedanken ohne weitreichende Folgen auch mal düster oder böse werden dürfen. Ähnlich einer Schildkröte verharrt mein inneres Ich gerade in Starre, träumt von Frühling und Neubeginn während Außen gerade der Punk abgeht; Ich selbst (also äußeres Ich) aktiv im Zentrum dieses Wirbelns.

Die Länge ist schon immer von Belang, dennoch wollen wir weiter so tun als wäre dem nicht so. Et is jesacht watt zu sahn is, nech; Ich kann kein Berlinerisch und amüsiere mich doch damit.

Vielleicht die Pointe des Ganzen? Ich hab keine. Keine heute, keine gestern und keine in der ganzen Woche in der dieser Text schon fertig in der Schublade (digital weil neuzeitlich) verfault. Keine Pointe und keinen Plan, auf geht’s zum Mt. Everest!

 

Peripherie

Als kleiner Junge – so in dem Alter in dem Latzhosen stets an einer Schnalle nicht geschlossen bleiben wollen, Drachen steigen lassen der Inbegriff von fliegen ist und Sommer aus Kirschbäumen und Kirschkernwettweitspucken gegossen werden – lief ich oft auf den Acker am höchsten Hügel unseres Dorfes. Es war ein beachtlicher Weg für einen kleinen Knirps, zumal die Welt damals noch sehr viel kleiner erschien, jeder einzelnen Wege entsprechend um so länger; Amerika kannte ich nur aus wilden Abenteuergeschichten, Deutschland war ein diffuses Gesprächsthema meines verknotterten Opas und die nächste größere Stadt zum Einen Lebensort meiner Tante und zum Anderen ungefähr drei Lichtjahre entfernt.

Dort oben vom Feld aus konnte man, wie ich dutzende Jahre später feststellen sollte, in die Eifel schauen; was eine ziemliche Distanz darstellt und meine Heinatwelt fortan urplötzlich in einen konkreten, geographisch verankerten Ort verwandelte. Durch die relative Einordnung meines erwachsenen Verstand verschwand ein Stück Magie und kehrte als Fleck auf der Karte zurück: neue Perspektive, neuer Ort, größere Welt. Der Lauf der Dinge.

Es war schon immer dieser Acker an dem meine Familie den Herbst standesgemäß mit Drachen und Grassodenschlachten begrüßt hatte und immer wenn der Wind blies zog es mich dort hin – meinen kleinen Lenkdrachen im Gepäck.

Meist ging ich den Weg, der mich an einer klitzekleinen Bahnstation mit einem klitzekleinen Bahnübergang vorbeiführte. Danach schlug ich mich durch einige Büsche um anschließend den gekrümmten Rücken des Hügels vor mir zu sehen – einzig mit abgemähten, vertrockneten Getreidehalmstümpfen bestückt. Hin und wieder lief ich jedoch auch einen Umweg, was mich auf eine Brücke brachte, unter der die Bahngleise durch eine kleine Klamm verliefen (was sie zu eben erwähnter ebenerdiger Station brachte); meist dann, wenn ich von weitem den Zug gehört hatte und mir erhoffte ihn von oben mit einem Steinchen bewerfen zu können.

Erinnerung ist, so weiss der wissende Mensch, ein merkwürdiges Tier und stellt mit der Vergangenheit allerlei Schabernack an: der goldene Schein dieser Tage taucht alles in strahlende Wärme, der rabenschwarze Teer lässt die Straßen zu mäandernden Flüssen werden, der Zug rauscht in roter Pracht mit rußendem Wolkenschal durch das Tal; alle Farben, Gerüche und Töne vergessen ihre ursprüngliche Bedeutung und kondensieren zu einem feinen Destillat ungetrübter Nostalgie.

Eines erinnere ich jedoch – eingebettet in die verfranste Zeitlosigkeit jener Tage – ganz klar: Ich muss einmal beim laufen oder toben „dort oben“ gestolpert oder hingefallen sein, jedenfalls lag ich eine kurze Weile auf dem Rücken und schaute in einen Himmel, der nichts anderes enthielt als alle Blautöne, die ein Himmel hergeben kann. Keine Wolke trieb durch diese blaue Weite, kein Baum reckte seinen Zweig frech ins Bild, nichts hielt mein Auge fest als dieser endlose, kristallklare Himmel.

Mich überkam ein Schwindel, ganz so als würde ich von einem hohen Gebäude zu Boden schauen. Das Blau zog an mir, mein Körper kreiselte wie wild um sich selbst und jegliches Gefühl von Halt und Richtung zersprang innerhalb eines halben Herzschlags. Eine Sucht erwachte in mir, mich diesen Strudel hinzugeben, liegenzubleiben und mit diesem unerschütterlichem, endlosen Blau zu verschmelzen. Gleichzeitig wurde mir das Herz eng, ich spürte Übelkeit und Angst in mir, meine Augen suchten verzweifelt nach irgend etwas um sich festzuhalten und gegen den Sog zu behaupten. Mein Ich stritt mit sich selbst, zerfasernd und zersplittend an diesen beiden Sehnsüchten.

Diese Erinnerung überkam mich neulich: glasklar und in längst vergessener Härte. Der Junge hatte es vergessen, dass Kind in mir es chiffriert. Als der erwachsene Mensch mit zwei Handvoll Verantwortung, der ich nun geworden war, lag ich verhältnismäßig gelassen auf einem Tisch an einem Autobahnrasthof, schaute zufällig in einen endlosen blauen Sommerhimmel und erlebte plötzlich den damaligen Nachmittag noch einmal, nun mit neuen Augen. Die Sucht des Sogs, die Übelkeit des Kreiselns, die Angst des Haltlosen… All das spürte ich zweifach; als der Junge von einst und als der, der ich gerade war.

„… Letztlich geht es mir darum, diesen perfekten Himmel ungetrübt zu sehen; kein Ast der in ihn hineinragt, kein Masten, der an den Boden erinnert auf dem ich liege. Nur er und ich und diese Sucht nach Leere.

Das meiste im Leben spielt sich irgendwie in der Peripherie meiner Wahrnehmung statt, so wie alle Hinweise auf die Realität von diesem Himmel an die Peripherie meines Blicks gedrängt werden. Das große Ganze ist für mich nur diese Sucht danach in irgend etwas zu verschwinden, zu versinken und mich selbst zu verlieren. Der Rest ist unwichtig, an den Rand gedrängt und wenn ich ihn wahrnehme ist das Alles nur lästig.“

Du kennst mich, darum hast du erst lange zugehört, als ich dir die Erinnerung an damals erzählte und anschließend eine lange Weile mit mir geschwiegen, treibend in Wind und Zeit. Irgendwann setzten wir unseren Weg fort, zurück zu dem Ort an dem wir unser eigenes Leben töpfern.

Ironie meines Lebens

„Du schreibst ja gar nichts mehr!“ sagst Du. Genauer gesagt sagst Du das nicht, denn Dich gibt es nicht aber wie sähe es denn aus, wenn ich darüber schreiben würde, dass ich nicht schreibe!

Also sagst Du eben: „Du schreibst ja gar nichts mehr!“ und ich schaue dich nur mit müden Augen an. Die müden Augen habe ich in den letzten Jahren perfektioniert, streng dem Motto ‚Alles über sechs Stunden ist Luxus‘ folgend beweise ich seit… Immer, dass ich ein Mensch der Arbeiterklasse bin. Studiert und dennoch arm weil Soziales und bester Mensch und all der tighte shit.

Ironisch, dass ich nun – in einer Phase über die alle ungefragt ihr Menetekel ob meines zu erwartenden Schlafkontingents loswurden – mehr schlafe als in der Mehrheit meiner zweiten Lebenshälfte.

(Entweder platzt ein Knoten oder irgendein Gefäß)

„Ja, das stimmt wohl.“ antworte ich Dir – zumindest der Pointe halber sei es fortgeführt. Weitere Ausführungen spare ich mir Dir gegenüber; der Gestank von Ausrede liegt über Allem, breit und madig wie Griesbrei von letzter Woche. Es muss wohl ein Fass mit Phrasen verendet sein in irgendeiner Ecke.

‚Auch wenn ich sonst nur auf die Schnauze krieg, mein Leben begann mit einem großen Sieg!‘ sangen die wohl betrunkensten, prolligsten, unterdurchschnittlichsten Musiker und Lieblingsphilosophen ever. Es berührt mich immer wieder, wieviel Poesie diese Band in Alkohol, Frauen und Kiffen packen konnte.

Die Zeiten in denen es gut geht sind es, die mich belasten und verwirren; Der Sprung ins Kalte ist nur solange schlimm, bis er erfolgt. Alles davor ist Hirnfickerei und macht malade. Sehnlichst wird das ‚ich wusste es‘ poliert und, in den Gürtel eingenäht, mit herumgetragen – seine Stunde wird kommen.

Ironisch, wie sich das Glück verweigert wenn man es abweist; kenne mich da jedoch gut genug um es gelassen hinzunehmen. Nur keine Handlungen daraus erwachsen lassen; Stoik als Motivationskurve.

„Jeder sucht sich sein Unglück selbst aus.“ ist mir eine wesentlich sympathischere Variante zum Glücksschmiedetum geworden. Mit Unglück kenne ich mich aus, da bin ich Profi drin. Eintüten und weitermachen, der Wind bläst stetig weiter und schleift jeden Stein.

Ich propagiere an anderer Stelle die Immunität zum Verrat und hülle mich selbst in jene gläserne Glocke der Anonymität; die vermeintliche Dichotomie meiner zwei Identitäten. Rissiges Ego versus Alter Ego im Tanz um die Dogmen meiner Sätze. Immerhin konnte ich mir angewöhnen zu dem Lebensweg zu stehen, immer (immer ist so ein großes Wort) die Konsequenzen meiner Handlungen zu tragen.

Ironisch, dass ich deshalb wieder schreiben kann oder will; Die stachelige Muse des Selbstmitleid hat heute das Gästezimmer bezogen und scheint gerade ein Stelldichein mit der Eigenen Verachtung zu haben – los opuestos se atraen.

Läuft so… mittel. Lange habe ich überlegt mit dem, zufällig echt legendär passenden, Titel und Ende des letzten Text einfach Schluß zu machen. Tabula Rasa und woanders neu beginnen. Nicht mehr als ‚Tagebuch eines Verwirrten‘ und nur mit den Menschen die hier noch lesen… aber als was dann? Und was wenn keiner mitkommt? Und… Faulheit kann manchmal wirklich ein Segen sein. Schauen wir ob die Verwirrung erneut bleibt oder nur kurz zu Besuch ist.

Wunderbare Jahre

Saturn besitzt eine so geringe Dichte, dass er – würde man ihn in eine Badewanne werfen – wie ein Stück Seife oben schwimmen würde. 

Der Mitbewohner und ich sitzen in der schmierigen Asiatenbude vor einem überfüllten Kaisers-der-jetzt-Rewe-heisst und essen vor dem Sport noch eine Kleinigkeit.
Bald wird er nicht mehr der Mitbewohner sein und mein Herz blutet bei diesem Gedanken, aber so hat eben alles seinen Preis; Auch die fünf kleinen Frühlingsrollen die mir auf einem angeschlagenen Plastikteller zugeschoben werden. „So also erklärt sich der günstige Preis“ denke ich und kaue mehr aus Langweile als Hunger daran herum.
Wir sitzen uns gegenüber und als wir dort so sitzen und kauen fällt mir die Filmtauglichkeit dieses Moments auf.

So könnte ein guter Film anfangen. Everything needs a start and a proper story’s supposed to start at the beginning. 

Nichts hier ist schön. Nicht Der Kaisers-der-jetzt-Rewe-heisst in seiner, aus allen Nähten platzenden, Geschäftigkeit. Nicht die schmuddeligen Bänke dieser Fressbude, dicht gereiht an klebrigen Tischen. Nicht das fahle Neonröhrenlicht unter schmutzig-grauem Frühwinterhimmel, welches sowohl Kaufhalle als auch Essensladen in ungesundes, gräulich-faulendes Licht taucht. Nicht der verbeulte Metalltresen von dem aus auf kaputten, dreckigen Tellern pappiges Essen herausgeschleudert wird. Nicht die Menschen die hektisch, betrunken, laut oder gereizt sind – niemals aber gut gelaunt.
Nicht einmal ich mit meinen abgerantzen Klamotten; Die braune Cordjacke so alt wie ich selbst, an den Rändern abgerieben und ausgeblichen; der Pulli noch aus Zeiten in denen die Marke Fishbone in war, sein Stoff rau wie Leinen vom Waschen; die Lieblingsjeans nach 15 Jahren genäht und geflickt und doch schon wieder mit Loch und festsitzendem Grind durch Bauarbeiten im Sommer; Die Mütze in jenem Schwarz, das eine langjährige Nutzung verrät, schlicht, jedoch verstärkend im Eindruck des Heruntergekommenen… Wäre es nicht Berlin: ich könnte als Penner durchgehen.

Szenenwechsel: in mein zweites Leben, dort in der alten Heimat; dort wo sich die Zeit langsamer dreht.

Der Geruch nach Motten hängt im öffentlichen Nahverkehrsbus dieser geistlosen Kleinstadt, die ich nie wiedersehen wollte und doch viel zu oft sehen muß. Die Dauerwellen der alten Damen wellen sich Eine höher als die Andere. Vielleicht ist es ja eine Art nonverbale Hierarchiesierung dieser verwitterten Mütterchen: die mit den höchsten Wellen ist Oberhaupt der ‚Seegang‘; wer weiß es schon. Irgendwie passend, dass der Geruch von Moder und Verwesung dabei mitschwingt. Die Hülle ist letztlich Alles und unten im Meer hört dich niemand atmen. Etwaige Leichen sieht man eh erst beim Tauchgang; dann, wenn die Dauerwellen durchbrochen sind.

„Es liegt ein Fluch über dem Guinessbuch“ singt Rainald Grebe in Berlin aber hier bin ich meilenweit von Big B, mittelmäßiger Exzentrik und Fluchtversuchen aus der Durchschnittlichkeit entfernt. Hier ist die Mitte das Maß aller sichtbaren Dinge, der Schwerpunkt dermaßen tief, dass es in den gichtigen Knien knackt. Die Gewöhnlichkeit muss mich nicht einmal einholen, sie ist überall und empfängt mich mit lieblosen, kalten Armen – wie eine einsame Vettel einen alten Geliebten der zurück zu ihr stolpert. Es geht für sie hinaus, hinaus aus den verlockenden Sphären eines Puffs und es wird geliebt werden, komme was da wollte!

Zurück in den Asiaten oder weiter? Weiter. Immer weiter! The road goes ever on and on, down from the door where it began.

Es gibt drei Arten von Menschen auf der Straße, sagt die Frau zu mir frühmorgens, während wir in der Ubahn sitzen. Unser Gespräch begann – als wir auf einer Bank sitzend auf den Zug warteten – mit der Frage ob sie mich mal anhauchen dürfe.
Sie selbst – seit kurzem erst wieder von der Straße runter – arbeitet ehrenamtlich in der Bahnhofsmission und habe festgestellt es gäbe drei Arten von Menschen auf der Straße: Süchtige, Verrückte und süchtige Verrückte; vielleicht waren es auch verrückte Süchtige.
Von jenen Menschen die aus Systemverweigerung oder ideelen Gründen auf der Straße leben will sie nichts wissen, dies sei vielleicht einer in einer Million und vermutlich sei auch der verrückt.

Die Bonbons, die ich ihr gab um über ihre Trockene-Alkoholikerinnen-Fahne hinwegzuhelfen, wirken nur bedingt. Ich muss es ihr nicht sagen, wir erkennen die unausgesprochene Wahrheit bereits in unseren Gesichtern: Sie wird wohl nur die reduzierte Portion Methadon bekommen. Immerhin habe ich ihren Morgen gerettet, wie sie mir ausdauernd beteuert, was mich fast meine Station verpassen lässt und ich unterbreche das eigentlich angenehme und interessante Gespräch mit dem hässlichen Tuten der Ubahnwarnleutchen und dem schmatzenden Geräusch der Gummilippen ihrer Türen. Alltag goes on and there is no time for humanity.

Surfer, dein richtiges Leben beginnt jetzt. – er ist ein Suchender, die Welle sucht er, die perfekte Welle. 

Die Vermieterin der Wohnung in der Stadt der Langeweile hat einen derartigen Oberbiss, dass man fast ihr schlecht sitzendes Toupet ignorieren könnte. Meine Überlegungen diesbezüglich werden rüde unterbrochen, als sie mit schnarrender Kratzstimme der Nachmieterin die Vorzüge ihrer Mieterinnenauswahl anpreist – Die hübsch-blondierte junge Frau ist nicht nur eine potentielle Nachmieterin, soviel wird mir bei dem Wort „Polizistin“ klar.
Sie habe ja nichts gegen Ausländer, aber… meine kleinen Stiche in die Patriotenniere ignoriert sie mit der gekonnten Ignoranz einer verkappten Rassistin woraufhin ich aufgebe. Für den Rest ihres Monologs versuche ich nur noch zu ergründen, woher sie einmal gekommen sein mag, dass sie so einen ungewöhnlichen Hautton und dieses merkwürdige Füllwort „erre“ hat. Die Ironie des Lebens ist bissiger als alle Kommentare die ich in mir trage.

Schlussszene: Die Kreise schließen sich, es geht zurück zum Asiaten, vorwärts zum Beginn der Geschichte; zurück zum Ende des Films.

Ähnlich dem schwarzen, perfekt glatten Monolith zum Anbeginn der Menschheitsgeschichte in 2001: Space Oddysey ragt mein Mitbewohner als Rettungsanker der Kultur aus dem Sumpf der gewöhnlichen Tristesse. Wie ein polierter Marmorklotz ragt seine aufrechte Gestalt über den Schmodder und die Ranzigkeit des Ladens, mit widerlicher Schönheit blendet er mein gelangweiltes Auge.

Ordentlich gebügelt und gestärkt bildet das sorgfältig ausgesuchte Hemd einen wundervollen farblichen Kontrast zum perfekt gebürsteten Jackett – natürlich mit Einstecktuch. Die Kravatte ist weg, immerhin ist es Feierabend; da darf es schon mal leger sein. Sein hipstermäßig langes Haar liegt ordentlich an und ist zum Zopf zurückgebunden, innen wie außen strikt geordnet. Die Doktorandenledertasche in weltmännischem Sherry-Farbton liegt neben ihm und natürlich kann man seine prunkvolle Understatementarmbanduhr gewollt unauffällig am Handgelenk blitzen sehen.

Ein Paar wie Yackyll and Hide. Starsky and Hutch. Han Solo und Chewbakka. Der Schöne und das Biest; grundverschieden im Äußeren und doch verbunden im Inneren. Des Einen Hülle ist des Anderen Seele, Zukunft und Vergangenheit zweier Leben auf der klackernden Tanzfläche einer unentwegt dröhnenden Musikkapelle. Alles ist Eins und Kleidung blendet nur den ungeduldigen Geist.

Weiss auf schwarzem Grund, flackernd im Imitat alter Filmstreifen und rissig an den Rändern überlassen wir das Feld einem simplen Wort:

fin

The insurmountable Insanity of Vanity

Auf der Überholspur meines Lebens kann ich auch mal kurz innehalten um jemand vorzulassen, denke ich während ich in der Masse der arbeitenden und zu beschulenden Bevölkerung von S-Bahn zu U-Bahn zwockel. An der Rolltreppe bin ich auf der Seite gelandet auf der man eben weitergeht – komme was wolle und zwar schnell denn wo kommen wir sonst hin; eben nirgends hin und wer will das schon -, als überraschend ein, gänzlich unpassend rebellierend, weniger artiger Mitbürger aus seiner Spur der Lauffaulen, der nichtsnützigen Müßiggänger – der Spur des Stillstandes und Todes. Welch wonnige Sehnsucht mich nach ihr in diesem Moment packt! – ausbricht und mich vor die Wahl stellt: Konfrontation und durchziehen, mein Tempo halten und seine Leiche herausfordern über welche ich anschließend mit stolzgeschwellter Brust schreiten könnte; oder aber innehalten – kurz nur, quasi den kleinsten Bruchteil eines Lebens, aufhören voranzuschreiten und damit zurückfallen in prä-existentielle Urzustände – und auf ewig ob der unendlichen Güte meines unermesslichen Verzichts aufzusteigen in der unablässigen Rangelei um die besten Plätze auf der huldvollen Liste der besten Menschen. Der Allerbesten!

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„You are one confused person, aren’t you?“
„Nah, not really.“

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Mein Hirn muss vermutlich kurz ausgesetzt haben als ich dem verzweifelten Treiben der Hummel zuschaue, die sich zwischen der Doppelverlasung des Altbaus meiner Arbeit eingesperrt hat. Ich starre eine vermutlich ungebührlich lange Zeit auf das kleine Vieh, wie es im Kampf gegen eine unsichtbare Kraft immer und immer wieder anfliegt; vielleicht zunehmend verzweifelter und berauscht von der bizarren Hoffnung irgendwie doch noch zu entkommen; vielleicht zunehmend stoisch und besessen von der fatalistischen Gewissheit es irgendwie nicht lassen zu können. Vor mir spielt sich im Mikrokosmos ab, was mich vielleicht umgeben würde, könnte ich es wahrnehmen; würde ich die Kräfte erahnen die an mir zupfen und zerren und mich an-, ab- und umtreiben.
But alas – wie ich gerne mit dem Weltschmerz eines vom Leben gebeutelten Eremiten von mir gebe, dessen einzige Erkenntnis doch nur die Vergänglichkeit der Erkenntnis ist – … aber LEIDER – denn auf dem alas liegt der Impuls des Leidens – kann ich dieser Kräfte nicht gewahr werden und verbleibe das lyrische Ungeziefer im Käfig meines eigenen Zimmers, grotesk verwandelt und befremdlicherweise einzig um die Wahrung des eigenen, verdrießlichen Alltags bedacht. Lediglich mein Scharren mag weniger angestrengt wirken, verträume ich meinen Tag doch an dem Flügelschlag eines pelzbeinigen Sisyphos und vergesse darüber die stetige Optimierung meines von der Gesellschaft geknechteten Ichs.

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You seem very confused with who you are.“
„But I am not…. So maybe yes, I am confused. But I integrated the ambiguity of my own little vain self into myself.“

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Die Uhr – pompös groß, mit der Spitze ihres billigen Plastikrunds auf einer blättrig weiß lakierten Fensterbank ruhend in einem Zimmer, welches die Herrlichkeit damaliger Internate erspüren lässt – tickt leise vor sich her, Symbol der streng geprüft und bemessenen Zeit die vergeht; vielleicht auch sie zunehmend verzweifelt oder stoisch, wer vermag es schon zu sagen; wer sich zum Meister der Zeit aufschwingen und mit der Illusion des Verständnisses bekleiden, die der Kaiser vorher schon schamvoll berührt abgelegt hatte.
Die Seite eines Buches – vermutlich eine Schmonzette der Untiefen dessen was sich Jugendliteratur schimpft und den Abschriften alter Blaupausen durch die Mönche des Mittelalters gleichkommt – wird umgeblättert, scharrt laut auf jene Art durch den Raum, die ein kleines Geräusch in der es umgebenden Stille zur Maxime des möglichen Lärms werden lässt und in unserem Ohr eine fokalen Kakophonie bildet, was als Satz zwar schön kingt aber in der Nebensache ausreichend störend auf die Konzentration wirkt. Auch das Rauschen im Sumpf der Zeit, oder gurgeln im Schaum der Wellen; die Bagatelle persiflieren und das Joch der Gleichmäßigkeit durchbrechen.

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„That still seems pretty confused.“
„Yeah it is. But it’s all part of the plan.“

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„Wenn man kein Geld hat, dann ist man ein Nichts!“ war ihr Satz, der für Sie inbrünstigs Bekenntnis nicht nur ihres Selbst, sondern ihrer ganzen Generation – glaubte ich Ihren Worten – darstellt. Unverständnis umschwirrt sie wie behäbige, glitzernde Fliegen bei meiner Antwort und sie wird mit der unabdingbaren Brillianz ihres unfertigen, in sich (blind)schlüssigen Weltbildes fundamental abgelehnt; ganz Mensch ihres Alters – Beta-Menschen, noch aus der Testphase des Lebens zu erwachsen – und damit erfrischend ehrlich im dissonanten Dialog der zwischen uns entsteht. Rudimentär zu erklären war mir heute schon genug, die angehende geistige Elite kann sich alleine in der Welt zurechtfinden – beschließe ich und begebe mich anschließend dennoch in die Diskussion.
Hoffnung ist wo wir sie schaffen.

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„So you want to be confused?“
„It’s not about if I want to, it’s that we have to.“

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Es gibt generell zwei Arten von Menschen: jene die sich bedanken wenn jemand Ihnen die Tür aufhält und jene die sich dadurch in ihren eingebildeten Geflecht von Gleichberechtigung verletzt sehen, denke ich während ich die Treppen einer anderen S-Bahn-Station herabschlendere; wesentlich später am Tag, nur unwesentlich wacher in dem Strom der abgearbeiteten und fertig beschulten Bevölkerung, welche durch einen Pulk aus zig Kinderwagen auf einen belustigenden Slalomkurs gezwungen wird – ich kann das während meines nahezu fabelhaften Abstiegs wunderbar überblicken und mich königlich darüber erheben; ein Widerstreit unendlicher Größe innerhalb der winzigen Passform meines Daseins. Individuell in der Welt meines eigenen Ichs und doch, bekleidet oder nicht nach den Vorlagen der inneren Modedesigner, ein Nichts wie alle anderen: emsig ausbrechend aus meinen Spuren, stoisch-hoffnungsvoll anflatternd gegen lenkende Kräfte und leise an meinem Leben entlangtickend.

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Maybe that’s the start of a maniacs thoughts about enlightenment…
Bewegte, tumultige Gedankenzeiten; Poesie umgibt mich wie faulige Pomade.

Für immer die Menschen

Das Parfüm  der Frau neben mir liegt Zentimeterdick in der Luft; fast so dick, dass man es aus der Luft schneiden und neu abfüllen kann. Vermutlich hat sie Zuhause einen Hirsch an die Wand genagelt und bedient sich direkt an der Drüse. Es hilft zudem nicht, dass sie selbst so dick im Raum liegt wie ihr Parfum und als sie ihren hinterherschlumpfenden Freund mit der Stimme eines vergammelten Backfischs anfährt penetriert sie erfolgreich die restlichen Schutzschichten mit denen ich mich von meiner Umwelt abgeschirmt hatte.

Ich war wieder einmal in Gedanken versunken, was eine jener Floskeln ist die man so von sich gibt. Es ist albern die Floskel auseinanderzunehmen und eine Herkunft zu suchen, doch bei der reißenden Geschwindigkeit in der die Gedanken an mir vorbeirauschen und der schieren Masse, mit der sie die Umwelt aus meiner Peripherie herauspressen, liegt das Bild nun einmal sehr nah und passt. Oder es wird passend gemacht, immerhin bin ich selbst der Architekt meiner Wirklichkeit. Ein paar Balkone könnten zum Beispiel nicht schaden, da sollte ich mal mit dem Bauherrn sprechen.

Wobei sich dann vermutlich eine ewig währende Diskussion um Luftschlösser, Realisierbarkeit, Falsifizierung, Gouda und Schneckenschlürfen anschließen würde… Also bleiben wir bei der Wohnung ohne Balkon und schmücken uns im Inneren neu heraus. Kleiden unser Oberstübchen mit Kamin und Bücherregalen aus und träumen von luftigen Ateliers und Südseite. Dabei male ich nicht einmal. Aber Platz sollen wir wollen und da ich will was ich soll will ich wirklich. Also Platz. Ganz viel. Tonnen davon! Und Balkone! Wofür auch immer ich das benötige… Ich bin ein genügsamer Mensch.

Neben meinen Gedanken fließt mein Leben an mir vorbei – wieder so ’ne schwülstige Schwachsinnsfloskel… – und ich betrachte interessiert was ich damit anstelle. Ich fühle mich an einen dieser Kontaktjongleure erinnert, der im Gegensatz zum Jongleur niemals den Kontakt zu seinem Jonglageobjekt verliert. Kugeln, die in abstrusen Kursen über Finger, Arme… eigentlich Alles zu fließen scheinen und in ewiger Bewegung verharren. (Das Thema heute scheint Wasser zu sein)

Ich schaue irgendwie fasziniert zu, bin Kugel und Jongleur in einem und fühle eine seltsame Befremdlichkeit zwischen mir und dem womit ich jongliere – mir selbst. Ich bin zwar Herr meiner Aktionen, lenke mich selbst in abstruse Bahnen und in scheinbar abwegige Situationen; gleichzeitig bin ich abhängig vom Input von etwas, das zu groß ist um mehr als einen Ausschnitt erfassen zu können- auch wenn ich selbst dieses zu große Etwas bin. Gelenkt durch die Voraussetzungen meines eigenen Ich, meiner Determinanten – wie der Mitbewohner sagen würde – habe ich keine andere Wahl als vorherbestimmte Wege zu beschreiten.

Ich erfasse mich als Kugel und als Jongleur; gleichzeitig und doch unvereinbar. Regisseur und doch nur Akteur meines eigenen kleinen Kunstwerks in dem ich an der Schnittstelle zwischen beiden Parteien stehe, dort wo sie sich – ununterbrochen – berühren und doch nie in Kontakt miteinander treten; treten können. Jedes der beiden Systeme ist geschlossen, verschlossen und ich bin das Nadelöhr in dem sich die einzig verwertbare Interpretation herauslesen ließe; wäre ich nicht Teil meiner Selbst.

Die Frau neben mir ist aufgestanden und hat ihren tumben Troll von Freund mitgenommen. Einzig ihr morastiges Parfüm lehnt noch lässig an meiner Schulter und drückt meinen Kopf gegen die Scheibe – gehässig grinsend über meine leicht schmerzvoll verzerrten Gesichtszüge. Meine Gedanken werden vor Atemlosigkeit zu einem Sumpf und ich sinke ab in Stille verheissende Gefilde, während die Musik umschaltet und mich zusätzlich in ihrer Ruhe herabzieht.

„Es könnte Trost geben, den es gilt zu sehen
zu erkennen, zu buchstabieren…“

singt Tomte und ich gebe mich dem Trost hin, den das prollige Paar dann doch irgendwie hinter sich ließ; mein kleines Geschenk im Alltag.