Breaking Point

Angesicht zu Angesicht
Mit meinen Träumen
Und der Sehnsucht;
Angekommen am Ziel
Meiner Bemühungen
Und Hoffnungen…

Schwimmend im Meer
Aus lärmendem Trubel,
Geselliger Betriebsamkeit
Und bizarrer Heiterkeit…

…umklammert mich –
Scharfe Krallen voraus –
Die Sucht nach Einsamkeit
Wie eine wilde Geliebte.

Wer bin ich, über sie zu richten?

Ein Wollpulliglatzkopf, 0,25 Liter Cabernet-Sauvignon im Plastikglas, ein Laptop und sein Smartphone;  eingepfercht auf einen der sterilen Beinhocker der Deutschen Bahn. Es scheint ein langer Tag – oder nicht der erste Wein – gewesen zu sein, denn nach dem Glas kippt sein Kopf nach hinten und gibt den Blick auf das gefleckte Innenleben seines Gaumens frei.
Vor ihm, auf einem „Vierer“ ein Dreiergespann von Verkäufern. Einer alt genug um zu sehen, dass er sich die Haare möglichst effizient über die samtig anmutende Schädelhaut verteilt. Er trägt den Schal zwischen seinen Halsfalten im perfekten Juppiknoten und während er seine Edeldesignkopfhörer in sein blitzendes iPad mini steckt und ich vage klassische Musik höre,  Wende ich mich von diesem wandelnden Statussymbol ab.
Neben der Konsumikone sitzt sein Kollege, an und für sich unspektakulär, doch ich kann mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen,  als ich den indischen Einschlag in seiner Sprache höre. Das war jetzt rassistisch schießt es mir durch den Kopf, ganz der politisch korrekt getrimmte Mensch, der ich sein soll. Als er aber seinem Gegenüber mitteilt, er habe zehntausend Matratzen verkauft, sind diese Gedanken passé. Soviel Klischee muss anerkannt werden.
Anerkennung sucht der jungsche, gegeelte Kollege scheinbar vergebens. Zumindest sehe ich einen grünen Schimmer um seine Nase und ein loderndes Feuer in seinen Augen, als er kritisch zu hinterfragen beginnt. Später sehe ich ihn mehrfach seinen Status bei Xing bearbeiten,  verzweifelt nach Aufbesserung seines Egos suchend.
Vorerst wende ich mich jedoch ab – zu meiner Erleichterung endlich meinen geliehenen, unscheinbaren Standardkopfhörern habhaft geworden – und lasse meinen Blick von der müden, traurigen Gruppe abgleiten.
Er bleibt kurz danach – oder auch zwei Sitze weiter – an den mürrischen Dobermannbacken einer Frau hängen, die früher einmal so etwas wie Charme oder Ausstrahlung besessen haben mochte, heute immerhin noch ein wenig Mittelstandsklasse aufweisen kann. Was in Ihrem Leben so frustrierend gewesen sein mag, entzieht sich ein wenig meinem Verständnis, denn der pummelige Mann neben ihr – der auch als gut rasierte Variante des  Weihnachtsmanns durchgehen könnte – wirkt sympathisch und lebensfroh.
Auf meiner langen Reise wechseln die beiden dennoch kein Wort miteinander. Wahrscheinlich betrügt er sie und sie weiss es. Vielleicht mit dem Haarschopf, von dem ich durch die Rückenlehne nicht mehr erkennen kann als den nachgetönten  Haaransatz.
Zumindest redet er mit ihr.
Sie nicht.

Die Reise ist lang und auf einmal merke ich…

Der junge Mann schlägt auf Xing den Kontakt eines gemeinsamen Kollegen nach, weil er und der Inder festgestellt haben, den selben Schulweg hinter sich zu haben und sich so über eine oder zwei Ecken schon seit zwanzig Jahren kennen.
Im Telefonat mit seiner Frau erklärt der Juppi verzweifelt, dass er beim nächsten Trip wieder seinen alten CD-Player mitnimmt, denn mit dem iPad-Ding kommt er gar nicht klar und habe es ja nur mit um seine drei Kinder nicht zu enttäuschen, die es ihm geschenkt haben.

Der Weihnachtsmann und der Haarschopf stehen auf und lassen die Doberfrau und mich allein zurück, während sie Händchen haltend aus dem Abteil schwanken.

Die Doberfrau schaut mich an, ich schaue zurück. Und durch die Spiegelung ihrer Augen sehe ich mich selbst, mit hängenden Mundwinkeln, kritischer Miene und strengem Blick. Ob sie auch sich sieht? Oder sieht sie nur einen hippen, unnützen Studenten, ständig auf sein Smartphone schauend, zu laut Musik hörend und ignorant der Umwelt gegenüber?

Irgendwann geht auch sie und ich reise alleine durch das dunkle Deutschland. Ich will hinausschauen, aber auch dort sehe ich nur meine eigene Spiegelung. Es sind noch zwei Stunden und es gibt niemand zu richten, als mich selbst.

Commitment Pussies

Pussy, Unterart Commitment Pussy:
„Die gemeine Commitment Pussy (Im folgenden mit CP abgekürzt) hat ihren Lebensraum in allen Ländern dieser Welt, wobei jedoch eine erhöhte Häufung in dichtbevölkerten Teilen der Erde festzustellen ist. Ursachen werden hierfür in der erhöhten Auswahl an Mitgliedern gleicher Spezies und draus resultierend einer verringerten Zwanglage gesehen.
Die gemeine CP zeichnet sich durch ein erhöhtes Maß an ausweichendem Verhalten aus, was nahelegt, dass sie seit frühester Kindheit einer erhöhten, unverhältnismäßig großen Bedrohung durch Andere seiner Spezies ausgesetzt sein muss. Ein infolgedessen zu erwartender Populationsrückgang ist eine naheliegende Annahme, jedoch kann aufgrund eingehender Studien festgehalten werden, dass ein Anstieg der CPbevölkerung innerhalb der letzten 20 Jahre um mindestens 500% zu verzeichnen ist. Genaue Ursachen hierfür sind unklar, Theorien reichen hierbei von o.G. verringerter Zwangslage, genetischer Fehlbildung und hierdurch überhöhter Reproduktion bis hin zu Theorien, nach denen sich CPs von Menschen ernähren, was den Anteil selbiger prozentual erhöht.
Im allgemeinen ist eine CP jedoch meist harmlos. Bewährte Abschreckungsmittel sind sämtliche Zeichen ehrlicher Zuneigung oder Vertrauensbeweise.“

Nun, nachdem wir über unser aller Bibel, den Duden, geklärt haben, was ungefähr unter einer CP zu verstehen ist, möchte ich Ihnen heute meine – ganz eigene und wahrscheinlich für viele Ohren unglaubwürdig klingende – Meinung zum weltübergreifenden Phänomen der CP schildern.

„Sich commiten“. Neudeutsch für den veralteten Begriff „sich einlassen“.
„Sich an etwas binden“.
„Sich voll für etwas einsetzen“.
Heutzutage kennen wir das alle. Immerhin commiten wir uns in der Firma bis zum erbrechen, damit das große Bosswesen über uns unser Commitment bemerkt und sich denkt: „Joa. Den. Den will ich behalten. Der commitet sich.“ Wir commiten uns in unseren Sportvereinen, wir commiten uns in unseren Skatclubs, wir commiten uns bei der Wahl von Deutschlands nächster Superstimme. Wir lassen uns ein auf alles was nicht Niet und Nagelfest ist, ständig bedacht offen, empathisch und möglichst „Gefühlsecht“ zu sein.
Denn zu fühlen ist Hip.
Mit sich selbst in Kontakt treten, auch einmal Tränen zulassen und ganz offen und ehrlich über unsere unglaublich tragische Liebe zur ersten Katze im Alter von 6 Jahren zu reden… das ist In. Darauf fliegen die Männer (bzw. Frauen).

Das Leben ist nicht mehr so wie mit 16. Das ist den meisten von uns klar, die Redewendung „Jeder trägt sein Päckchen“ wahrscheinlich nach „Scheiße“ in der Top 10 der meistgesagten Floskeln. In unserem Leben haben wir alle genug erlebt um zu wissen, dass wir niemandem auch nur den Ansatz von Vertrauen entgegenbringen dürfen, wenn wir nicht unweigerlich erleben wollen, wie es den Sozialdemokraten nach dem ersten Weltkrieg erging.
Die Welt ist böse.
Jeder da draußen will unserem Leib und unserer Seele größtmöglichen Schaden zufügen.
Immer und überall.
Aber auch weniger paranoide Menschen werden gewiss nicht über ein uneingeschränktes Vertrauen in ihre Umgebung verfügen. Nicht alle sind gewillt uns zu verletzen. Dennoch. . . Better safe than sorry. Denn enttäuscht worden sind wir alle schon. Und nachdem man einmal mehr gegeben hat, als man zurückbekommen hat lässt man sich doch am besten nie wieder ohne fünffache Absicherung auf irgendwen ein. Man is ja nicht blöd.

Kafka inszenierte in „Der Prozeß“ seinen – meiner Meinung nach – gelungensten Antihelden. Alles was „er“ tut kann und wird gegen ihn verwendet werden. All sein Streben führt letztendlich doch nur zum Sterben.
Es kommt mir so vor, sls ob in uns allen ein Josef K. steckt. Denn so wie Kafkas Hauptcharakter letzten Endes dann doch sein Schicksal akzeptiert, so haben wir akzeptiert, dass wir letzten Endes immer verletzt werden. Unweigerlich und unerbittlich läuft „sich einlassen“ auf Verletzung hinaus. Und darum bewahren wir kühlen Kopf. Halten wir uns eine Hintertür offen, durch die wir abhauen können, wenn die Prozeshelfer vorne klopfen.

„Man muss sich interessant machen. Lass sie zappeln, dann klappt das besser.“ Sagte man mir. Und behielt Recht. Warum? Ich kann es nicht genau sagen. Wir alle kennen die Regeln dieses Spiels nicht wirklich. Hier gibt es regionale Hausregeln, dort saisonale Ausnahmen. Doch wir alle wissen um die Existenz dieser Regeln und des Spiels, dass sie umreissen. Dabei ist uns eigentlich ja noch nicht mal das Ziel des Ganzen klar. Aber mitspielen müssen wir.
Oder verlieren.
Doch eine Regel scheint dann doch allen bewusst: wer sich zuerst offenbahrt, wer sich zuerst outet… der hat verloren. Also tanzen wie umeinander her, mit geradem Rücken, ernster Mine und korrekt sitzender Kleidung. Die Wahrung des eigenen Gesichts ist Messlatte für Erfolg im Spiel. Ernste Gefühle der supergau. Der Blackout. Die Kaper auf der Pizza (niemand mag die Dinger!).

Aber kommen wir zu dem, was Joint Venture als „die ernste Viertelstunde“ bezeichnet. Einem Abschnitt, der vielleicht von vorne beginnt, redundant erscheint aber vor allem eins sein soll: ehrlich und in keiner Weise zynisch.

Das Spiel der Spiele – das Spiel um Beziehungen – ist ein sehr schwieriges Thema für mich. Wie ich sehen konnte ist es eines, dessen Regeln ich durchaus beherrsche und beeinflussen kann. Wie ich erleben konnte ist es ein Spiel, dessen Ziel für mich durchaus erreichbar ist. Und ich erkannte, dass ich es nicht verstehe. Also den Sinn des Ganzen. Es wurde mir nicht schlüssig, in erster Betrachtung, warum dieses Spiel überhaupt gespielt wird.

Ich sehe Menschen, offensichtlich hoffnungslos ineinander verliebt, darum kämpfen, niemals irgendjemand von diesen Gefühlen zu erzählen. Und wenn es doch mal passiert, weil die Person sich geschützt genug fühlt um einem Unbeteiligten gegenüber sich zu öffnen, so wird es zum Abschluss stets relativiert. „Mal schauen was wird“. „Abwarten“. Bis was? Worauf? Warum?

Was ist das für eine Art, dass wir Menschen verlernt haben, uns unsere Zuneigung, oder noch reduzierter, das Interesse aneinander nicht mehr mitteilen können? Warum ist es gleich der dating-Nackenschuss, wenn ich zugebe „Hey du. Du bist für mich gerade interessant.“
Ich spreche hier nicht von einem verzweifelten Hilferuf der Einsamkeit, wo ich durchaus eine abschreckende Wirkung nachempfinden kann. Ich meine hier eine klare, selbstbestimmte Haltung. Eine die klar und deutlich zu den eigenen Gefühlen steht. Die sich nicht hinter Mauern aus Coolness und Machtstrukturen versteckt.
Wieso ist es  Menschen schier unmöglich geworden, eine solche Meinung als Stärke wahrzunehmen? In meiner Erfahunrg bewirkt so etwas in der Regel Fluchtverhalten. Menschen die sich mit jemand konfrontiert sehen, der keine Lust auf das spielen hat, sondern seine Position offenbart, springen oft ab. Im Bild gesprochen ist es so, als ob man beim Schiffe versenken die Positionen gesagt bekommt. Man gewinnt zwar, aber Spaß macht es nicht.

Wir alle haben unsere Zweifel, soweit gehe ich mit. Doch es fällt mir zunehmend schwer, dass wir alle Sklaven usnerer Zweifel sein sollen. Geade in wichtigen Themen wie Beziehung soltle doch auch die Hoffnung, unser Wollen und unsere Wünsche eine Macht bekommen. Denn wir wollen glücklich sein. Daran glaube ich mit aller Macht. Niemand MÖCHTE eine Beziehung, in der man sich bei jedem Schritt belauern muss, ob der andere nicht vielleicht doch gelogen hat und eigentlich woanders sein will. Das hoffe ich zumindest.

Es macht für mich keinen Unterschied, wie man das Kind nennt, während es aufwächst. Ob ich nun sage ich führe eine Beziehung, ob ich jetzt „mit jemand was hab“, ob ich sie/ihn mag, liebe, gern hab oder ob ich „mal schaue was kommt“. Für mich sind das verschieden mutige Aussagen für ein und die selbe Grundlage. Ob wir uns kennenlernen während wiruns Freund/in nennen, ob wir uns „erst mal“ kennenlernen und währenddessen jegliche Kosenamen meiden, alle Bindungen flach halten und uns schützen… Die Liste ist lang und ermüdend.

Mut.

Das ist das Wort, das für mich im Mittelpunkt der gesamten Charade um kennenlernen und Commitment steht. Wir haben den Mut verloren uns einzulassen, gepeinigt von der Angst uns auszuliefern. Eigentlich. Und insofern kann ich das auch gutheißen. Sich jedem interessanten Menschen gleich hinzugeben ist eine Art von Selbstteilung, die ich nicht befürworten will(nicht mehr jedenfalls). Das jedoch aus den Ängsten um unsere eigene Verletzlichkeit eine Angst um unseren Stolz wird, ist für mich schwerer verständlich.
„Ich will mich ja nicht zum Affen machen“. Mit dieser Aussage kann die Sorge vieler Menschen umrissen werden. Doch was steht dahinter? „Ich möchte nicht, dass ich an dem Punkt, an dem ich klar zu meiner Meinung stehe – welche im Moment beinhaltet dich/ihn/sie interessant zu finden – in den Augen anderer lächerlich zu sein.“ Vor wem mache ich mich denn dann lächerlich? Oder besser gefragt, wenn das als lächerlich aufgefasst wird… will ich dann nciht lieber so lächerlich sein wie ich kann? Warum ist es verkehrt, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen?

eine Antwort hierzu ist vermutlich, dass in unseren Köpfen hinter einem „Ich will…“ immer ein „…deshalb musst du.“ einprogrammiert ist. Nichts in dieser Welt ist umsonst, dass wird uns durch das Gesellschaftssystem in dem wir leben schon seit früher Kindheit eingetrichtert. Und wir alle scheinen es zu glauben.

Es ist meine Hoffnung, dass unsere Gesellschaft, in der es nun wieder Hip ist, sich emotional zu geben darüber hinwegwachsen kann. Denn wir sind keine 16 mehr, allerdings auch nicht alle alt und verbittert. Öko, Bio, kommunal, mehr Herz im Miteinander etcetc. All die hippen Bewegungen wie Bürgergärten, Volksentscheide, Kiezstammtische etc sind mir grundsätzlich zuwider. Aber sie könnten unseren Kindern eins zeigen, nämlich dass man manchmal auch Gefühle zeigen kann und dabei nicht der Volldepp sein muss. Dass wir nicht Sklaven unserer Zweifel und Ängste sein müssen. Dass wir unseren Mitmenschen vertrauen können, auch wenn wir enttäuscht wurden.

Und dann kann man vielleicht die Stärke haben und sagen:

Du.
Ich.
Wir beide.
Jetzt.

Life in silent mode

Sie redet und redet und redet.

Unauffällige Hinweise, dass ich gerade eigentlich nicht an dem unfreiwillig aufgedrückten Gespräch teilnehmen will ignoriert sie ebenso gekonnt wie alle Grenzen der Privatsphäre.
Ich kenne sie nicht einmal. Bis eben hatte ich nicht einmal eine Ahnung, dass es sie gibt. Bis eben saß ich noch gelassen in meiner  Lieblingsbäckerei, hatte mir einen Tee bestellt und wollte in der Atmosphäre dieser kleinen ruhigen Insel ein wenig treiben und schreiben.
Nun ist sie da, Kundin der Bäckerei und wie auch ich scheint sie sich wohl zu fühlen. Zumindest wirkt sie als sei sie in ihrem Wohnzimmer und alle Anwesenden ihre Papageien mit denen sie redet. Und redet. Und redet.

Kurzerhand entschlossen flüchte ich mich zumindest teilweise in Musik und stecke mir den Kopfhörer ins rechte Ohr. Das hindert sie zumindest daran mich direkt anzusprechen. Was jedoch ihren generellen Redefluss nur unmerklich reduziert. Während der Sänger von „The Parlor Mob“ mich vollseiert, dass er mich sehen will, betritt eine andere Kundin die Bäckerei und ergeht sich in minutenlangem lautem Überlegen, was nun zu tun sei, wo doch das geplante Brot nicht erhältlich sei.
Ich beschließe den zweiten Knopf ins Ohr zu schieben.
Die Welt wird Musik, ich kann schweigen.
Dabei fällt mir auf, dass ich trotz der vielen Worte, die in dem Raum gesprochen wurden und noch immer wie stickiger Smog die Luft in der Bäckerei schwängern, von meiner Seite und auch der der Bäckerin kaum etwas gesagt wurde.  Sie hat die Pflicht als Angestellte die Kundin zu unterhalten, doch ich konnte mich (relativ) unbemerkt aus dem anstrengenden Smalltalk ausklinken.
Losgelöst von der Situation betrachte ich die sich bewegenden, lautlosen Münder und lausche dem Auf und Ab von „God is an Astronaut“. So wie die Musik, verzettele auch ich mich in Gedanken und Tagträumen; die gedämpften Geräusche meine Umgebung scheinen in einem See aus Stille zu ertrinken.

Murakami schreibt:
„Ist man mit einem Toten in einen Raum, verstummen allmählich alle Laute.
Die Geräusche der Wirklichkeit draußen verlieren immer mehr an Realität.
Auch bedeutsame Geräusche verwandeln sich bald in Stille.
Eine Stille, die allmählich tiefer wird,wie Schlamm sich auf dem Meeresgrund sammelt.“

Wenn ich Musik höre, geht es mir oft so.
Die Welt verliert an Substanz,  ich höre auf ein Teil von ihr zu sein.
Und als erstes verflüchtigt sich meine Stimme. So kann es vorkommen, dass ich zu einem Treffen komme und keine Lust mehr habe zu reden. Nicht weil ich keine Lust auf Menschen habe – ich habe aufgehört mich mit Menschen zu treffen, wenn ich es nicht will (was mein Leben sehr vereinfacht hat) – sondern weil ich meine Stimme noch nicht wiedergefunden habe. Es ist als wäre ich auf stumm geschaltet worden und jemand hat die Fernbedienung versteckt.

Die Musik wird mir mit einem Mal zu laut.
„Rise against“ ist eine jener Bands, die ich immer hören kann und die es eigentlich nicht verdient auf leiser Lautstärke gehört zu werden; doch gerade ist alles zu laut. Ich drehe die Lautstärke runter.
Die Musik wird ausgetauscht vom Lärm der Straße, die Wirklichkeit legt sich wie ein Mantel um mich und empfängt mich auf ihre raue kalte Art gleich einmal mit einem Presslufthammer.

Mein Leben wirkt immer wieder wie ein schlecht verfasstes Skript voller Klischees und schlechten Pointen.

Ich drehte an der Lautstärke der Welt und der Musik, um einen Mittelweg zu finden; doch es ist alles zu laut. Über den Lärm der Welt beginne ich meine Gedanken in krasser Deutlichkeit wahrzunehmen. Sie hallen von meinen Schläfen wider, turnen hinter meinen Augen herum und rauschten durch die Trommelfelle.

Viel zu laut. Alles viel zu laut.

Und mir wird mir klar,
dass ICH zu laut bin.
Mein Reden,
mein Handeln;
alles ist übertrieben,
gestellt,
laut.

Ich raste aus.
Schreie mich an, zerschlage mein Ich in ungezählten Spiegeln, bis mir das Blut in Strömen über die Knöchel fließt. Die Scherben der zerschellenden Spiegel haben zudem meine Kleidung zerfetzt und aus einer Vielzahl Schnitte tropft klebrig dicker, roter Sud.
Doch meine Raserei ist noch nicht besänftigt.
Ich drücke die blutigen Ruinen dessen, was ich einmal Körper nannte auf die Trümmer um mich herum.
Das Glas schneidet mich weiter auf und ich schreie.
Vor Schmerz.
Vor Wut.
Vor Angst, Angst vor mir selbst.

Ich drehe die Lautstärke ganz auf. Rise Against wieder. Die Bässe vibrieren spürbar auf meinen Trommelfellen, während die einzelnen Schläge des Schlagzeugs zu stechenden Messern in meinem Kopf werden.

Although we have no obligation
to stay alive
On broken backs we beg for mercy
We will survive
I won’t be left here
behind closed doors

…schreit es mich an und meine Welt erbebt unter der Macht der Worte und der Stimme.

Der Lärm in meinem Kopf, aus meinen Kopfhörern und von außen verschmiert miteinander und wird zu einem bunten Rauschen. Der Schmerz in meinen Ohren betäubt mein Hirn und dort – in diesem zerstörerischen Strudel – gelange ich in das Auge des Sturms. Ruhe erfasst mich, Stille umgibt mein Herz, ganz so wie Murakami es geschrieben hat. Alles andere verblasst. Nur das es ausser mir in diesem Raum niemanden gab der sterben konnte.
Es wird still und ich erkenne, dass es sich nicht anders anfühlt als der Lärm davor. Die Grenzen sind verwischt. Ob ich noch im Auge stehe oder es nie eins gab kann ich nicht mehr sagen.

Ich stehe auf – in meiner stillen Welt – stelle meine Teetasse ab.
Meine Bäckerin schaut mich an, nickt nur leicht lächelnd und räumt das Geschirr weg.

Sie spricht nicht; ich auch nicht.

Es ist ja alles gesagt.

Gäste in der Nacht

Ich sitze hier, es ist Nacht.
Ich sitze und auf einmal,
Unverhofft und doch vertraut,
Zieht Leere bei mir ein.

In meinem Leben fehlt etwas,
Seitdem du fort bist.
Doch fehlst nicht du.
Es fehlt, was mit dir war,
Was ich bei dir hatte.

Es ist Einsamkeit,
Die mich erdrückt.
Doch einsam bin ich nicht!
Die Leere wohnt bei mir und
Ihre Freundin Trauer ist zu Gast.

Meine Trauer ist ein Brunnen,
Tiefer als der Regen füllen kann.
Werf ich einen Stein
Hinein
Fall ich selbst
Hinein
Hinunter
Und Wasser
Und Stille
Sind um mich her.