Perspektivwechsel

Einen Beitrag übers Schreiben will niemand lesen. Einen darüber, warum man nicht schreiben kann noch weniger als Niemand.
Die Summe einer negativen Masse ist jedoch in der Logik immer noch null und damit ist zumindest an dieser Front nichts verloren: wie so oft ist es nur eine Frage der Perspektive wie und ob man etwas wahrnimmt.

Ich habe die Themen im Kopf, habe wie gewohnt die einzelnen „Aufhängerformulierungen“ im Kopf… Und dann erscheint Alles so belanglos, unwichtig und langweilig, dass der Text mein Hirn verlässt und lediglich einen kleinen Zettel mit der Aufschrift „Mach’s gut du Hippie“ zurücklässt.
„Bevor ich misch uffresch isset mir ejal“, sagt sie oft; darüber rege ich mich sehr auf. Und natürlich rege ich mich auch so über andere Dinge auf (echaufieren ist der Hintergrundbeat in meinem Kopf)… aber darüber zu schrieben scheint irrelevant. Überflüssig wie die Anleitung zur Nutzung einer Pizza.
bleibt sind Texte die entweder noch langweiliger sind (trust me, they do NOT fit into this Blog) oder zu persönlich werden. Ich erinnere mich an eine „befreundete“ Bloggerin, die vor einer ähnlichen Diskrepanz stand. An meinen – vermutlich klugen – Ratschlag erinnere ich mich nicht.

Die Perspektiven haben sich geändert, soviel sei gesagt. „Tagebuch eines Verwirrten“ steht hier im Untertitel; ob ich es (in dem von Urheber gemeinten Sinne) noch bin kann ich seit einem Jahr nicht beantworten. Oder auch zwei, die Erinnerungen verschwimmen hinter einer neuen Sonne und ich bin schließlich immer noch verirt.

Was mir fehlt – so ist meine Hoffnung – ist die Nacht. Die Nacht zum Denken und Schreiben; die Zeit in der niemand etwas von mir will und meine Gedanken ohne weitreichende Folgen auch mal düster oder böse werden dürfen. Ähnlich einer Schildkröte verharrt mein inneres Ich gerade in Starre, träumt von Frühling und Neubeginn während Außen gerade der Punk abgeht; Ich selbst (also äußeres Ich) aktiv im Zentrum dieses Wirbelns.

Die Länge ist schon immer von Belang, dennoch wollen wir weiter so tun als wäre dem nicht so. Et is jesacht watt zu sahn is, nech; Ich kann kein Berlinerisch und amüsiere mich doch damit.

Vielleicht die Pointe des Ganzen? Ich hab keine. Keine heute, keine gestern und keine in der ganzen Woche in der dieser Text schon fertig in der Schublade (digital weil neuzeitlich) verfault. Keine Pointe und keinen Plan, auf geht’s zum Mt. Everest!

 

Peripherie

Als kleiner Junge – so in dem Alter in dem Latzhosen stets an einer Schnalle nicht geschlossen bleiben wollen, Drachen steigen lassen der Inbegriff von fliegen ist und Sommer aus Kirschbäumen und Kirschkernwettweitspucken gegossen werden – lief ich oft auf den Acker am höchsten Hügel unseres Dorfes. Es war ein beachtlicher Weg für einen kleinen Knirps, zumal die Welt damals noch sehr viel kleiner erschien, jeder einzelnen Wege entsprechend um so länger; Amerika kannte ich nur aus wilden Abenteuergeschichten, Deutschland war ein diffuses Gesprächsthema meines verknotterten Opas und die nächste größere Stadt zum Einen Lebensort meiner Tante und zum Anderen ungefähr drei Lichtjahre entfernt.

Dort oben vom Feld aus konnte man, wie ich dutzende Jahre später feststellen sollte, in die Eifel schauen; was eine ziemliche Distanz darstellt und meine Heinatwelt fortan urplötzlich in einen konkreten, geographisch verankerten Ort verwandelte. Durch die relative Einordnung meines erwachsenen Verstand verschwand ein Stück Magie und kehrte als Fleck auf der Karte zurück: neue Perspektive, neuer Ort, größere Welt. Der Lauf der Dinge.

Es war schon immer dieser Acker an dem meine Familie den Herbst standesgemäß mit Drachen und Grassodenschlachten begrüßt hatte und immer wenn der Wind blies zog es mich dort hin – meinen kleinen Lenkdrachen im Gepäck.

Meist ging ich den Weg, der mich an einer klitzekleinen Bahnstation mit einem klitzekleinen Bahnübergang vorbeiführte. Danach schlug ich mich durch einige Büsche um anschließend den gekrümmten Rücken des Hügels vor mir zu sehen – einzig mit abgemähten, vertrockneten Getreidehalmstümpfen bestückt. Hin und wieder lief ich jedoch auch einen Umweg, was mich auf eine Brücke brachte, unter der die Bahngleise durch eine kleine Klamm verliefen (was sie zu eben erwähnter ebenerdiger Station brachte); meist dann, wenn ich von weitem den Zug gehört hatte und mir erhoffte ihn von oben mit einem Steinchen bewerfen zu können.

Erinnerung ist, so weiss der wissende Mensch, ein merkwürdiges Tier und stellt mit der Vergangenheit allerlei Schabernack an: der goldene Schein dieser Tage taucht alles in strahlende Wärme, der rabenschwarze Teer lässt die Straßen zu mäandernden Flüssen werden, der Zug rauscht in roter Pracht mit rußendem Wolkenschal durch das Tal; alle Farben, Gerüche und Töne vergessen ihre ursprüngliche Bedeutung und kondensieren zu einem feinen Destillat ungetrübter Nostalgie.

Eines erinnere ich jedoch – eingebettet in die verfranste Zeitlosigkeit jener Tage – ganz klar: Ich muss einmal beim laufen oder toben „dort oben“ gestolpert oder hingefallen sein, jedenfalls lag ich eine kurze Weile auf dem Rücken und schaute in einen Himmel, der nichts anderes enthielt als alle Blautöne, die ein Himmel hergeben kann. Keine Wolke trieb durch diese blaue Weite, kein Baum reckte seinen Zweig frech ins Bild, nichts hielt mein Auge fest als dieser endlose, kristallklare Himmel.

Mich überkam ein Schwindel, ganz so als würde ich von einem hohen Gebäude zu Boden schauen. Das Blau zog an mir, mein Körper kreiselte wie wild um sich selbst und jegliches Gefühl von Halt und Richtung zersprang innerhalb eines halben Herzschlags. Eine Sucht erwachte in mir, mich diesen Strudel hinzugeben, liegenzubleiben und mit diesem unerschütterlichem, endlosen Blau zu verschmelzen. Gleichzeitig wurde mir das Herz eng, ich spürte Übelkeit und Angst in mir, meine Augen suchten verzweifelt nach irgend etwas um sich festzuhalten und gegen den Sog zu behaupten. Mein Ich stritt mit sich selbst, zerfasernd und zersplittend an diesen beiden Sehnsüchten.

Diese Erinnerung überkam mich neulich: glasklar und in längst vergessener Härte. Der Junge hatte es vergessen, dass Kind in mir es chiffriert. Als der erwachsene Mensch mit zwei Handvoll Verantwortung, der ich nun geworden war, lag ich verhältnismäßig gelassen auf einem Tisch an einem Autobahnrasthof, schaute zufällig in einen endlosen blauen Sommerhimmel und erlebte plötzlich den damaligen Nachmittag noch einmal, nun mit neuen Augen. Die Sucht des Sogs, die Übelkeit des Kreiselns, die Angst des Haltlosen… All das spürte ich zweifach; als der Junge von einst und als der, der ich gerade war.

„… Letztlich geht es mir darum, diesen perfekten Himmel ungetrübt zu sehen; kein Ast der in ihn hineinragt, kein Masten, der an den Boden erinnert auf dem ich liege. Nur er und ich und diese Sucht nach Leere.

Das meiste im Leben spielt sich irgendwie in der Peripherie meiner Wahrnehmung statt, so wie alle Hinweise auf die Realität von diesem Himmel an die Peripherie meines Blicks gedrängt werden. Das große Ganze ist für mich nur diese Sucht danach in irgend etwas zu verschwinden, zu versinken und mich selbst zu verlieren. Der Rest ist unwichtig, an den Rand gedrängt und wenn ich ihn wahrnehme ist das Alles nur lästig.“

Du kennst mich, darum hast du erst lange zugehört, als ich dir die Erinnerung an damals erzählte und anschließend eine lange Weile mit mir geschwiegen, treibend in Wind und Zeit. Irgendwann setzten wir unseren Weg fort, zurück zu dem Ort an dem wir unser eigenes Leben töpfern.

Superhuhn

Im Zug sitze ich rückwärts und fahre meiner Zukunft entgegen, was mich in nachhaltige Grübeleien stürzt ob ich ihnen entgegenfahre oder daran scheitere ihnen wegzulaufen. Als ich dabei meinen Kopf an die Fensterscheibe lehne bemerkte ich mit einem Mal die Spuren der Regentropfen. Hey, es regnet. Wann hab ich überhaupt das letzte mal verlaufende Regentropfen gesehen? 

Mein Kopf verschluckt das d und verläuft sich mit dem Wasser auf der Scheibe.

Die Sonne schien als ich für meinen Döner anstand – Ich stehe für meinen Döner an! Einen Döner! –, was sonst nur einige hundert Meter weiter bei ‚Mustafa’s Gemüse Döner‘ passiert.  Später werde ich einer Freundin die 50 Meter kultbedinge Schlange für etwas-mehr-als-mittelmäßiges-Fastfood zeigen und mich dabei echaufieren; es sind die kleinen Freuden.

Ich wollte kein Dürum, das wollte der zwei hinter mir, dazwischen die mit zwei Halloumi – Dürum, ich wollte einen normalen Döner mit Kräuter und ein bisschen scharf ohne Zwiebeln; der Bestellvorgang eines Döners in Berlin folgt einem so gleichbleibenden Muster das mich Abweichungen oft aus dem Konzept bringen.

Bitteschön?/Der Nächste! – Einen Chickendöner bitte. – Einmal Chickendöner. Nicken und zustimmendes GelautbareStille bis das Brot fertig getoastet ist – Soße? – Kräuter und ein bisschen scharf – Soße ins Brot und dann Fleisch plus eventuell Gemüse – Salat alles? – Keine Zwiebeln bitte. – Einpacken?  – Ja bitte. – Tüte oda geht so? – Geht so. – Zahlvorgang und einseitig freundlicher Bezahl-/Verabschiedungsprozess.
Ich könnte mir das bitte auch stecken, kaum einer von den Dönerschnibbelfachverkaufsleuten schaut mich je länger als zwei Sekunden wirklich an; mein Stammdöner beispielsweise will mich trotz aller Freundlichkeit auch nach drei Jahren immer noch nicht kennen, geschweige denn wissen was ich bestellen werde.
Ich hatte mir die Bestellungen gemerkt weil es eine Berufskrankheit ist… oder OCD… darum war meine Reklamation wegen des Wechselgelds also auch berechtigt. Die befehlsführende Dönerfrau meckerte dafür ein bisschen mit dem unschuldigen jungen Kerl, der verwirrt den Hühnerabfallspieß weiterbearbeitete.  ‚Ne Frau in einem Dönerladen die nicht nur spült… huh. Beim Blick über die Schulter erkenne ich den Dürumbesteller als Bekannten. Zumindest meine ich ihn zu erkennen, es ist dieses Ziepen in der Erinnerung wenn ein Gesicht bekannt vorkommt und die Erkenntnis es noch nicht verarbeiten konnte. Ich drehe mich zurück und noch beim drehen holt das Gehirn auf: Naah, der sieht nur jemandem ähnlich den du kennst. Einem Kollegen von E. Aber der ist garantiert nicht in Berlin und…

Erinnerung an eine andere Situation überdenkt den Rest meiner Gedanken und ich bin zurück in einem Frühling vor gefühlt fünf Leben als ich auf der Museumsinsel an jemanden vorbeilief der mir auch bekannt vorkam. Wir drehten uns beide um, musterten uns beide eingehend, kniffen beide die Augen zusammen und runzelten beide auf die selbe Art die Stirn… bevor wir weitergingen. Beide drehen wir uns erneut um und so kreuzten sich unsere Blicke erneut. Wir nickten uns mit einem vermutlich identisch zweifelnd aussehenden Gesicht zu; heute würde ich ihn ansprechen, damals war ich da befangener. Markus. Ich glaub das war Markus aus deiner…

Aber die Erinnerung ist ein trügerisches Tier und ich zweifele heute wieder ob er es war. Damals war es warm. Heute sind wir dem Sommer näher und es ist kälter. Vielleicht nähern wir uns ihm aber auch nur rückwärts oder laufen erfolglos vor ihm davon ohne es zu ahnen. Jetzt wird es Mai, ich tanze hinein und wirbele im Kreis rückwärts und vorwärts durcheinander; Döner in der einen, Erinnerungen in der anderen Hand.

Wenn es nicht warm wird, mache ich es mir eben warm.

So kommt und geht es eben

Ich sitze am Hauptbahnhof auf dem Platz der nicht der Europaplatz ist, sondern der andere, der dessen Namen ich mir nie… Washingtonplatz! So heißt der… glaub ich. Könnte auch ‚Betonwüste mit dahingesprenkelten Betonklötzen‘ heissen, aber da er nun einmal (vermeintlich) Washingtonplatz heißt bleibt nichts als sich zu wundern woher der Name kommt. Bis zum nächsten Vergessen und Erinnern. So geht es eben.

Ich sitze in der Sonne – im Schneidersitz, mit krummem Rücken, in schwerem Wintermantel, mit Mütze – auf einem Kubus aus Beton und verweigere es mich zu entblößen. Viel zu angenehm ist das wohlig warme Kribbeln unter dem dicken, schwarzen Stoff meiner Kleidung, viel zu kurz die Zeit die ich in Zwiesprache mit jedem einzelnen Sonnenstrahl gehen kann. Es ist ein bewegter Platz, hektisch in seinem Treiben, an jeder Ecke gefüllt mit sich sonnenden Menschen. Ströme von Koffern und dazugehörigen Leibern hasten an mir vorbei; ein wenig erinnert es mich an eine Robbenkolonie. So kommt und geht es eben.

Da ich Musik im Ohr habe, dem Drumherum das zugehörige Getöse, Gemurmel und Raunen nehme, versickert diese Lebendigkeit im grauen Hintergrund meiner Wahrnehmung und eine merkwürdig andächtige Stille tritt ein.
Ich springe gedanklich in den Hochsommer 2015 zurück: das Fez-Gelände, auf einer Parkbank am Wasserbecken. Es ist später Nachmittag und die Sonne hat allem Lebendigen und Unbelebten die Motivation aus dem Leib geballert. Die Eltern sind mit ihren Bälgern geflohen, es sind gefühlt 40 Grad oder mehr aber da der naheliegende Badesee wegen Bauarbeiten nicht geöffnet hat sind sie selig weit weg. Ein Wetter, dass einem der Schweiß schon bei der Erinnerung aus allen Poren läuft. Ich saß bestimmt eine halbe Stunde unbewegt auf der Bank und hielt auch so einen stummes Gespräch. Die Sonne in ihrer gnadenlosen Wucht, die Luft in ihrer dumpfen Abgebrühtheit und ich in der Stoik eines Menschen nach einem anstrengenden Arbeitstag. Seit jenem Tag ist mir nicht mehr zu heiß, wenn ich in der Sonne sitze. So kommt es eben.

Hinter mir wabern kalte Schwaden aus dem Gebäude, die jenen Bauwerken zu Eigen sind die tief in Erdschichten eingegraben wurden. Kalte Luft, geboren in einer Umgebung bar jeglicher natürlicher Wärme und aufgewachsen in Hallen und Tunneln die sich im Dunkel der Welt verlieren. Höchstens die Wärme der Menschen die zu ihren Zügen rennen lässt sie erahnen was das Konzept von Wärme sein soll. Im übertragenen Sinn wird ihr nicht einmal die herzliche Wärme der Menschen zuteil, die Wiedersehen oder Abschied zelebrieren; ist ein Bahnhof doch in seiner Sache – so las ich einmal – einer jener Nicht-Orte, den Menschen betreten um ihn zu verlassen. Mitleid überkommt mich mit jenen unschuldigen Luftschwaden, die aus der platon’schen Höhle treten und von der strahlenden Wirklichkeit der Wärme zerfetzt werden. Doch so kommt und geht es eben.

Ich denke an den Mitbewohner, der mir mehr Familie ist als die meisten meiner Familie. Die Mitbewohnerin die mehr Katze ist als Mitmensch und mich mit ihren unzähligen Schlafpositionen stets zum Lächeln bringt. Der Kater unserer Gemeinschaft der mehr Charakter besitzt als die angepassten Fleischhülsen mit denen ich vorher lebte. „…vielleicht ist es ja wie bei einer Auster mit dem Öffnen und dem Schließen und am ende kommt eine Perle raus.“ Sagte er. „Eine Perle ist nicht mehr als mit Glanz überzogener Dreck.“ Entgegnete ich. Er nennt mich meist nur noch Rabe; Recht hat er. Später wird er berichten: es wird keine Perle werden. Ich bin nicht überrascht, denn eine Sache die von andauernden Hoffnung genähert wird ist meist eine Suche nach dem Goldtopf am Ende des Regenbogens. So kommt es eben nur selten und geht dann doch anders.

Mein Zug fährt bald und ich mit ihm, wenn ich es schaffe mich von meiner kleinen Insel der Wärme zu lösen. Mich fröstelt es bereits bei der Vorstellung an die Minuten auf dem Bahnsteig, denn es wird mir niemals vergönnt sein so zum Bahnsteig zu kommen wie der Zug. Es scheint ein kosmisches Gesetz zu sein, dass ich auf den Zug warte. Ähnlich dem Symptom in dem ein Arzt niemals leserlich schreiben kann wenn er etwas verschreibt, oder in dem die Garantie eines Geräts stets in der Woche zuvor anlief. Ich werde fahren, für eine Weile noch, denn so kommt und so geht es im Leben.

Eigentlich könnten wir…

Wollte ich die Umgebung in einem Satz beschreiben, so käme „ein Baumhaus für vier Erwachsene inmitten einer Stadt“ dem vermutlich sehr nah. Ein bizarres Konstrukt von Wohnung, sehr eng aber lang gezogen. Gemütlich in der Grundstimmung, an einer Wand über und über mit unterschiedlichsten Büchern zugeballert. Licht verfängt sich im Staub, ganz so wie es sich für einen Raum mit vielen Büchern gehört. Überall sind Stufen, Absätze, Brüche in der Bodenebene und Balkenenden. Dazwischen hängen Töpfe, Jacken, Handtücher, Bilder, Schals, Zettel, Dekokram. Ein wahrer Flickenteppich verschiedener Leben, eben ganz so als wären ein paar Erwachsene in einen Baum gezogen und hätten dort sowas wie eine Wohngemeinschaft gegründet. Ja Erwachsene. Nicht so eine dieser lieblosen, chaotischen Jungerwachsenengemeinschaftsvermüllungszentren. Das Chaos hier hat Stil. Bewusstsein. Und ich kann es förmlich einatmen in seiner Gelassenheit.

An einem Ende der Wohnung befindet sich eine zwei Stufen tiefer sitzende ‚Etage‘ von welcher dennoch ein Blick durch die ganze Wohnung möglich ist – mit Ausnahme der Küche, welche ganz am anderen Ende hinten links abknickt. Dort sitze ich, vermutlich auf einem Sessel und schaue auf die gegenüberliegenden Häuserfront. Denn irgendwie endet die Wohnung zur Straße hin einfach mit einem kleinen Podest, eben auf der Seite wo auch die Bücherregale stehen. Keine Wand versperrt die Sicht, kein Geländer bewahrt vor dem Fall. Dort ist einfach offen, mit einem -kuschelig eingerichtet mit flauschigem Teppich und großen Kissen – Lesepodest als halbseitigem Abschluss. Sehr poetisch steckt in der freien Ecke des Podests so etwas wie eine Fackelhalterung und die Bretterwände enden nach außen gewölbt; ein wenig erinnert das an eine explodierte Büchse in einem Cartoon. Da es niemand wundert, muss es wohl so sein und auch ich beachte es nicht weiter. Alles schmeckt nach Kommen und Gehen und mein Kopf denkt an einen Jugendclub.

Es geht, im an mir vorbeifließenden Geschehen, viel um irgendeine Modelleisenbahn. Einmal wird sie abgebaut, dann wieder aufgebaut, anders diesmal. Kompakter, nicht auf der Bücherseite einmal durch die halbe Wohnung – wie es sich meiner Meinung nach angeboten hätte – sondern nur auf der Ebene auf der auch ich ungefähr sitze. Ungefähr, da auch hier wieder viele unterschiedliche Ebenen im Boden sind und so endet die Bahn in einer ungestörten Ecke, ungefähr eine halbe Armeslänge von mir entfernt. Links von ihr eine große Stufe nach oben die übergeht in ein Regal voller Bücher, hinter ihr die Bretterwand und rechts Platz zum sitzen und abschließend das Podest vor dem Nichts.

Der Aufbau passiert mit einer mir fremden Person, sie entschwindet später und zurück bleibt der Eindruck einer dunkelhäutigen, kurzhaarigen Schönheit und das Gefühl angenehmer Konversation. Im Hintergrund wuselt irgendeine dritte Person in der Küche herum. Ein Mann, schwarze krause Haare und eine unbestimmte aber lang gewachsene Figur. Er trägt eine Brille -muß er tragen, so sehr brennt sich der Eindruck eines Bibliophilen ein. Doch er bleibt nicht viel mehr als eine Fliege im großen Durcheinander eines Picknicks auf einer Sommerwiese. Er ist anwesend aber nicht störend, solange man sich nicht darauf konzentriert.

Abschließend werden einige Weichen gestellt und verlegt und in dem kompakten Knäuel aus Schienen zusätzlich Verbindungen und Verstrebungen geschaffen. Ich kann immer nur einen Teil des Werks erfassen, nie jedoch das Ganze. Als ich es versuche verschwindet die, mit der ich aufbaute und jemand anderes sitzt an ihrer Stelle; will sofort die neue Bahn ausprobieren. Ich runzele die Stirn – missfällig, da ich ein Mensch bin der abgeschlossene Dinge liebt und noch nicht alles überblickt habe-, nehme in diesem Moment nur so etwas wie einen senfgelben Strickpulli wahr aber gebe ihr ihren Willen und lasse sie fahren.
Es geht natürlich nicht alles gut, wie ich mit einem Gefühl der Zufriedenheit und der Scham feststelle. Natürlich sind nicht alle Schaltungen der Weichen korrekt, manche ergeben – nun wo ich durch die Fahrstrecke der Züge und die Wünsche der mir gegenüber sitzenden Person dazu gezwungen bin – bei genauerer Betrachtung gar keinen Sinn: Sie enden in Sackgassen; Teile des Streckennetz können nur in einer bestimmten Weise erreicht werden, der Weg dorthin ist jedoch widersprüchlich und funktioniert nicht; Schaltungen sind falsch angeschlossen und auch wenn es möglich sein sollte bewegt sich auf der Weiche einfach nichts; die Strecke kann nur von einer Richtung angefahren werden, in diese Richtung kommt man jedoch nur von dem betroffenen Streckenteil aus…

Nach einer Weile – Zeit spielt in diesem Begriff nur eine untergeordnete Rolle – bin ich wieder zurück im Sessel und betrachte sie. Denn der senfgelbe Pullover – welcher sich als ein senfgelbes Strickkleid über schwarzen Leggins mit blanken Füßen entpuppt – gehört zu einer quirligen, kleinen Frau, deren lockige Haare sehr zu den Gedankensplittern passen, welche ich noch von der gemeinsamen Bahnaktion im Kopf habe.

Es gibt einen Schnitt in der Szene und sie sitzt auf dem Podest, scheint irgendwas zu betrachten, an etwas herumzufummeln und noch während ich versuche die Kategorie ihrer Tätigkeit zu erahnen bewege ich mich auf sie zu. Ich erinnere mich an ein rundes Gesicht, nicht Vollmond allerdings eben auch nicht puppenhaft spitz. Ein Gesicht voller Lachfalten und ersonnen um das wohl schönste Paar Augen zu schmücken, denen ich je begegnet bin. Obskur, kann ich mich weder an Form noch an Farbe derselben erinnern. Nur wenig ist klar in solchen Momenten. Merkwürdige Details stechen wie Nadeln in die Ballons unserer Aufmerksamkeit, lassen vieles vom Geschehenen zerplatzen und so kann ich mich vor allem daran erinnern, dass ihr Pullover auch braune Flecken mit eingewebt hatte – französischer Senf? -, dass wir kaum redeten, uns aber immer näher kamen und sie sich an der lächerlich romantischen Fackelhalterung festhielt.

„Eigentlich können wir uns jetzt küssen.“ Ist der zentrale Satz der Erinnerung und als du es sagst kicherst du, dein Gesicht wird mindestens ein Jahrzehnt jünger und mein Herz fühlt sich wie sechzehn. Es ist völlig natürlich, dass wir uns dann küssen, auch wenn wir beide es nicht richtig glauben. Das ist so kindisch: verlieben und so sein. Das ist so kindisch: sich küssen und zusammenkommen während andere dabei sind. Da ist so. . . Es ist so unwichtig und dich zu küssen das einzig richtige, denke ich während ich dem kleinen, jugendlich scheuen Küsschen einen zweiten, intimeren Kuss folgen lasse und meine Hand in dein Haar versenke.

Ich spüre den kratzigen Pullover, während ich deinen Rücken streichele. Ich spüre den glatten Stoff der Leggins als ich deinen Hintern erreiche und stelle schockiert fest, dass ich ebenfalls die Kante des Podests streichele und wir beide beinahe schon ins Nichts gestürzt sind. Als ich dich daraufhin etwas näher ziehe und auch selbst zurückrutsche, lachst du auf, diesmal wieder älter und die Frau die ich erblicke schiebt, beschämt grinsend, ein Smartphone zwischen uns hervor auf dem so etwas wie Janosh’s Pokemon Go läuft.

Ich erinnere mich an die Farben des Spiels auf dem Handy, so ähnlich zu deinem eigentlich widerlichen Pulloverkleid. Ich erinnere mich an den Geruch der Wohnung, die Geräusche der Stadt, das Gefühl des Bodens, die Verwirrung und das Gefühl dieses Ortes. Ich sehr die Details der Modellbahn vor mir -nie das ganze Werk immer nur Einzelheiten – und erinnere mich an die genervten Diskussionen warum etwas nicht klappte. Das Geräusch des Geschirrgeklappers im Hintergrund klingt in meinen Ohren, ich kann all dass abrufen wenn es mir danach ist, wann auch immer das ist.

Ich denke an den Geschmack, an das Gefühl von deiner Haut auf meiner Haut an unseren Lippen. Ich denke an deinen Geruch, als wir uns eng umschlungen diesen ersten, unvermeidlichen Kuss geben und an das Glitzern in deinen wundervollen Augen, die Form deines Lächelns als du diesen einen, einzigartigen Satz sprichst.

Vermutlich erinnern wir uns aber nur an das was wir kennen.

Du weißt es noch nicht VI

Du bist ich.
Ich bin dein.
Wer bin ich?
Wer will ich sein?

Knisternder Schaum aus
Schillernden Blasen über
Glitzernden Perlen eines
Längst gelebten Lebens.

Die Zeit zurückdrehen,
Treiben im Strom.
Den Weg zurücksehen,
Schwingen im Moment.

Du bist ich.
Ich bin dein.
Wer bin ich?
Wer will ich sein?

Du weißt es noch nicht,
Aber du wirst es wissen.

Bis dahin.