Tranzendenter Würfelhusten

„Janmern ist das Kotzen der Seele. Hast du selbst einmal zu mir gesagt.“

Ich erinnere mich daran und doch gehe ich mir selbst auf die Nerven, als wir gemeinsam am See liegen, das herrliche Wetter genießen (könnten) und ich in einem fort nur Negatives von mir gebe. Ich versuche mir einzureden,  dass du das sagst um mir deutlich zu machen, dass es okay ist. Dass du da bist. Ich dich vielleicht gerade damit nerve, aber damit nicht verkackt habe für immer. Es okay ist. ES. OKAY. IST.

Aber das ist es nicht. Nicht wenn man ich ist. Denn dann mag es zwar für Andere aus einer verständigen Position heraus okay sein, für mich als denjenigen der alles boykottiert, zerredet und abschlägt wenn es eigentlich heute seit langem wieder mal schön sein könnte mit uns… für mich ist es unerträglich. Dann sitze ich dort,  hassend und vor allem selbsthassend und verschlimmere alles noch weiter. Denn nun denke ich darüber nach, dir den Tag zu zerstören, dich zu belasten und und und. Ich dekonstruiere nicht nur mich,  ich werde unfair und verletzend.

Aber wie stellten wir schon fest: das sind Komplexkisten und das sollten wir jetzt abbrechen und in gesonderte Schubladen stecken. „Morgen dann wieder“ denkt ein Teil von mir. „Morgen kann ich es besser wegstecken.“ Aber ich will nicht. Nicht Morgen. Nicht danach. Ich will gar nicht. Nichts.

Was ich vielleicht doch will. . . Das ich aufhöre wegzulaufen. Nicht vor mir,  denn mir selbst stelle ich mich seit einiger Zeit sehr direkt. Aber vor meinem Leben, in dem ich mir selbst und (vermeintlich) anderen doch eh nie genüge. Wegzulaufen vor dem Schatten dessen was sein kann, wenn ich mich von dem befreie was mich herunterdrückt und schmerzlich süße Sicherheit gibt. Je weniger ich zufrieden bin, desto weniger kann ich fallen wenn sie vorbei geht. Dass ich währenddessen stetig tiefer sinke… ist eben ein Preis den ich zahle.

„Ich traue mich nicht zufrieden zu sein,  weil dahinter ein Loch sein könnte, und mir ein vertrautes Gewicht fehlt“ schrieb ich dir einmal. Wie wahr das ist wird mir erst langsam bewußt. Vor allem, dass dort eine Freiheit lauern könnte, mit der ich nicht wüsste was ich anstellen soll.

Der Poet in meinem Rachen

Es ist wieder einmal viel zu spät geworden für ihn. Die Nacht, verführerisch in ihrem dunklen Kleid, hatte ihn erneut mitgenommen auf eine jener wilden und doch stillen Reisen. Diese Wegstücke zwischen Wachen und Traum, beseelt von den bunten Trauben seiner Gedanken, waren seit einiger Zeit seine treuesten Gefährten während der trist anmutenden Durststrecken die der Tag bereit hielt. Der Tag; grau gewandet in seinem strengen geschnittenen Anzug und stets so sehr bemüht zu gefallen. Diese anbiedernde, geifernde Gestalt von Etwas, dass mit blendender Helligkeit versuchte die tiefen Abgründe seines schmutzigen Innenlebens zu verbergen. Der Tag war nicht sein Freund; ganz anders dessen Partnerin, die Nacht. Jene kühle, mystische Dame die elegant und still seine Sinne umgarnte und ihn lockend mitnahm um ihm eine Welt zu zeigen. die nicht blendete und beschrie, was es zu erleben gelte, sondern ihn sacht an der Hand nahm und ihm die Fenster zu seinen eigenen Welten öffnete, wo er sich nach eigenem Gutdünken flegeln, ausprobieren und erkunden konnte.

Irgendwann, er wusste nicht mehr genau wann, sprach er dann nicht mehr.

Nicht, dass es ihn gestört hatte wie die Welt lief. Nein, er war sich dessen bewusst, dass seine Sicht eine exzentrische Sicht darstellen musste und ein jeder normale Mensch nur müde und traurig den Kopf schütteln konnte ob seiner unverständlichen Gedanken. Es verstimmte ihn nicht einmal, wenn ein vermeintlich Befreundeter sich seiner annahm und versuchte ihn auf einen rechten Pfad zurückzubringen. Meist gab er dann für eine Weile vor, in der Welt der Tagmenschen – wie er sie wenig originell zu nennen pflegte – besser zu funktionieren. Er stand früher auf; genoß augenscheinlich Sonne, Tumult und Leben; verließ sein Haus mehr als er es bewohnte; knüpfte eine Vielzahl Kontakte und schließlich, wenn alle Welt beruhigt schien, einer verlorenen Seele erneut das Licht gezeigt zu haben, verließ er diese angestrenge, erschöpfende Welt erneut.

Nur, dass er mit einem Mal nicht mehr sprach.

Es mag eine Weile gut gehen, in dieser Welt nicht zu sprechen. Manch bedauerliche Seele muss sogar seit Geburt damit zurecht kommen. Doch wenn ein Mensch einfach AUFHÖRT zu reden, dann ist es so sicher wie das „Amen“ in der Kirche, dass nach einer Weile Menschen Fragen stellen. So ist es eben ihre Art und so war er darauf vorbereitet, als die Fragen begannen. Kurz nachdem er den Entschluss gefasst hatte, vielleicht auch währenddessen, hatte er einen Text geschrieben. Der Text erzählte in klarer, verständlicher Sprache weshalb es sinnlos sei weitere Worte zu verlieren. Das alles gesagt sei mit diesem Text und für weitere Worte keine Notwendigkeit bestehe. Alles andere könne auch die Schrift oder der Körper besorgen.

Und tatsächlich schien es auszureichen, was er schrieb. Denn auch wenn manch einer schlecht über ihn sprach – zumeist hinter seinem Rücken, denn den Mut, einander die Meinung zu sagen, haben nun halt doch die wenigsten Menschen – so fügten sich alle seiner Entscheidung. Auch versuchte niemand mehr, ihn auf den lichten Pfad zu leiten. Was auch immer er geschrieben hatte… es schien von solch innerer Überzeugung zu verkünden, dass man ihm das ließ, was er wahrlich am meisten begehrte: seine Ruhe.

Nun, was hat dies mit mir, also dem Autor, zu tun, so fragst du dich, lieber Leser, an diesem Punkt vielleicht und ich will dir keine Antwort schuldig bleiben.

Es verhält sich so, dass diese Geschichte in mir etwas wachrührt, dass mich in eine… poetische Stimmung versenkt.

Ich habe einen Poeten in meinem Rachen. Etwas, dass sich manchmal meiner ermächtigt und mich zwingt, unkontrolliertem Erbrechen ähnlich, unzählige Worte -vermeintlich wohlklingend und sich zu stetig größeren Kunstwerken aufbauend – auszustoßen und nicht nur zu Blatt zu bringen, sondern auch meine Mitmenschen damit zu belasten. Belasten, ja das ist es wohl, denn ich bin nicht Herr dieser Flut und so manch einer wird von meiner Flut an Wortgewalt überschwemmt, fortgetragen oder doch zumindest verstört.

Ich würge daran, ich versuche es herunterzuschlucken, doch dadurch wird der Brechreiz nur größer um letzten Endes dann nur um so heftiger aus mir herauszubrechen. Ich kann es nicht verdrängen, denn es beginnt sich in meinem Kopf auszubreiten, ganz so wie eine Milchkanne, stetig gefüllt, irgendwann überlaufen muss.

Dieser Poet ist wie ein maligner Tumor, wuchernd und fräsend in meinem Rachen, sich ausbreitend und mich erstickend. Er wird sich den Weg aus meinem Körper erkämpfen, soviel ist sicher. ob er dabei meinen Gaumen zerschmettert, meine Zähne ausreisst und meinen Kiefer bricht ist ihm völligst egal, denn für ihn geht es um eines: um seine Freiheit. Darum herauszubrechen und alles um sich herum mit fauliger Schwärze zu überziehen und zu vergiften.

Ich kotze. Kotze ihn aus und doch werde ich ihn niemals los. schleimiger, schwarzer Morast umspült meine Zähne, die an dem beißenden Schleim verätzen und als rauchende Ruinen in meinem, von aufgeplatzten Lippen umrahmten, Maul verbleiben. aus jeder Pore meines Leibes dringt er hervor und nichts kann ihn einsperren, nichts ihn in mir drin halten. Er dringt von meinem Rückgrat geradewegs durch die Haut und platzt aus meinem Rücken heraus, während er meine fleischliche Hülle abstreift wie eine lästiges Kleidungsstück. Es ist ein Feuerwerk der Schmerzen in meinem Kopf, ein grausames Spiel von Erlösung und Krampf, während er mich leert und leert und leert und leert; immer dann wenn nichts mehr da zu sein scheint noch weitermacht.

Zurück bleibt ein zerschmettertes Irgendwas, unbestimmt ähnlich zu dem, was ich vorgab zu sein, während er aus den dampfenden Überresten meines Ich heraussteigt und immer mehr zu dem wird, was um mich herum als Ich gesehen werden wird. Und wenn ich mich umdrehe sehe ich hinter mir nichts als eine befremdliche Szenerie eines vorher stattgefundenen Kampfes vielleicht. Etwas das mit mir nichts zu tun haben kann, denn ich bin nur Ich und niemand sonst. Und bevor ich mcih versehe, spüre ich erneut ein Kratzen in meinem Rachen. Etwas ist da in mir, wie es mir scheint. Ich räuspere mich und das Kratzen verschwindet. Vielleicht ist es ja nur Einbildung gewesen. Es wird bestimmt nichts sein. Ich bin Ich.

Es ist in jener Stille- kurz bevor mich nichts mehr als die undurchdringliche Stille meines eigenen, stetig wiederkehrenden Todes umgibt-  dass ich dem Inhalt jenes Textes zum greifen nahe komme.

Meister der Ablenkung

Freitag Morgen Elf Uhr Fünfundfünfzig stehe ich am Bahngleis meiner Ubahn und warte auf den Zug. In fünf Minuten habe ich einen Termin, wie mir ein kleiner, wacher Teil meines Gehirns mitteilt, doch für den Rest meines Geistes ist Alles immer noch ein Aufwachen und damit eine ganze Traumwelt weit weg. Mein Körper hat noch den Abdruck der Matratze im Gefühl, der zurückgekehrte Winter noch nicht gänzlich die Wärme der Bettdecke vertrieben und ich stehe mit einem mehr schlecht als recht sitzendem Wrack von Frisur in der letzten Leere, kurz bevor die Massen der hungrigen Mittagspausierenden aus den stumpfen Bürogebäuden ausgespuckt werden.
Entsprechend meiner Verfassung lasse ich meine Augen ziellos umherwandern und schon bald sehe ich keine Konturen mehr, sondern mit jenem unscharfen Blick den jeder Brillenträger kennt. Jene Art von schauen, die für 3D-Bilderbücher benötigt ist – wo wir mit ihr kämpfen – und die bei exessiver Müdigkeit eintritt – ganz egal ob wir das wollen.
Ich muss kurz komplett weggetreten sein, denn mit einem Mal wird mir bewusst, dass ich nun schon eine Weile auf den schwarz-weiss marmotisierten Boden starre. Ich kann nicht genau bestimmen wann ich anfing dorthin zu starren, noch wie mein Blick dorthin gewandert ist; dazwischen ist eine Lücke, gefüllt mit wattiger, klebriger Unbestimmtheit.
Ich befinde mich in jenem Schwebezustand zwischen Wachsein und Abwesenheit, in dem meine Gedanken eine unrealistische Schärfe erreichen, mein Körper jedoch nicht mehr als eine flüchtige Erinnerung ist und mir wird mit einem Mal deutlich, was meine Augen mir zeigen:
Der Boden unter mir atmet, pulsiert und scheint sich wegen irgendwelcher Schmerzen zu winden. Ich stehe im Schacht einer Ubahn und unter mir räkelt sich das Gestein – welches Menschen vor mir zerschnitten, gesprengt, transportiert und in einer anderen Form wieder zusammengestückelt haben – und es lebt mehr als ich. Es atmet und lebt in einem derart starken Puls, dass es mich durch die gesamten Schichten meiner Gedankenwelten erbeben lässt, packt und aus meiner körperlichen Hülle hinausschleudert.
„Was ist Leben? Wie lebe ich? Lebe ich überhaupt?“ fragt Etwas, dort angekommen, unbestimmt in Fleischlichkeit, einzig definiert über die zarte Bindung  der Gedanken an eine weit entfernte Puppe.
„Ist das mein Leben? Bin ich der den ich lebe?“ denkt Etwas und die Bindung wird zu einem schmalen Pfad, während rings um mich her eine stille Schwärze lauert.

Ist es mein Leben, welches ich lebe? Eine sehr interessante Frage. Auch wenn du sie dir nicht das erste Mal stellst. Interessant auch deshalb, weil du einer Antwort noch immer nicht näher gekommen bist, wie ich annehmen darf. Nicht? War zu vermuten. Es würde mich auch überraschen, wenn du…

Während er mit sich selbst in eine uralte Diskussion einsteigt, schlüpft er unbemerkt aus sich heraus und geht den schmalen Pfad entlang, weg von dem Streit. Immer weiter läuft er, bis er sicher ist, dass sie ihn nicht mehr bemerken. Da hält er auf einmal inne, schaut zurück in die Richtung in der sie verweilen, lässt seinen Blick an dem Weg entlanggleiten. Wie er auf ihn zukommt, unter ihm entlangläuft und in der anderen Richtung im Nichts verschwindet. Dort wo jene – vage erinnerte – Hülle hätte sein sollen erstreckte sich nichts außer einer dämmrigen, grauen Ungewissheit. Unsicherheit verzerrt sein Gesicht, als er Hin und Her schaut auf jenem Pfad. Unsicherheit macht sich in seinem Herzen breit, breitet sich in ihm aus, raubt ihm die Kraft und hätte er einen Körper gehabt: er wäre erschöpft zusammengebrochen. So blieb er eine Weile, unbewegt und formlos, bis er letztlich einen Entschluss fasste und zurücklief.

Dämmrige, graue Ungewissheit Nichts als diese ewige Suppe um mich herum und nichts verändert sich Müsste ich nicht schon längst angekommen sein bei Ja schon lang müsste ich daran vorbeigegangen sein Wo sind sie nur Und wieso verändert sich nichts in dieser elengen, dämmrigen widerlich grauen beschissenen Ungewissheit?

Später, als ich wieder zu mir kam und jenen dumpfen Zustand brütenden Gleichklangs hinter mir ließ, fand ich mich in einem riesigen Gewölbe wieder. Der Weg unter mir war, sehr zu meinem Schrecken, verschwunden und ich zuckte innerlich zusammen. Mein Magen rutschte mir in den Hals, als das Gefühl des Fallens einsetzte, ich schloß die Augen und ergab mich meinem Schicksal. Als nach einer Weile nichts passierte, öffnete ich die Augen vorsichtig und stellte fest, dass ich weiterhin fest stand. Der Pfad… er war noch da! Er war lediglich unsichtbar oder doch zumindest durchsichtig. Erleichtert ließ ich mich sinken – nur kurz verblüfft darüber meinen Körper wahrzunehmen – und atmete tief durch.

Während ich dort saß, noch immer befangen von dem unangenehmen, nicht abzuschüttelnden Gefühl im Nichts zu schweben, fiel mir auf, dass um mich herum Fackeln brannten. Unzählige vin ihnen säumten jeden Winkel des Gewölbes, und nachdem es mir erst einmal bewusst wurde stellte ich fest, dass sie überall waren. Ich war umgeben von flackerndem Licht, die letzten so weit entfernt, dass sie sich am Horizont zu treffen schienen. Noch während ich zu begreifen suchte, was um mich herum geschah, fiel mir auf, dass zu jeder Fackel ein kleiner Gang gehörte, welcher sich hinter dem Licht in eine kaum wahrzunehmende Dunkelheit wand.

Mein Weg, so wusste ich mit untrüglichen Gewissheit – jene die einen von Zeit zu Zeit ohne Vorwarnung überkommt – lag in exakt EINEM dieser Gänge. Doch in welchem, hierbei half jenes Gefühl nicht, dass – ähnlich einem Frühlingsduft – bereits verschwunden war und mich in meiner Unschlüssigkeit allein ließ. Ich starrte, grübelte, verharrte, lief auf und ab – denn schienbar war ich doch nicht zum Stillstand verdammt – und verharrte erneut, starrte erneut und grübelte weiter. Das Licht der Fackeln schien zuzunehmen, die einzelnen Lichtpunkte in der Ferne verschwammen zu einem wabernden orangeroten Leuchten und noch immer hatte ich nicht den Hauch einer Ahnung, wohin ich mich wenden sollte.

Verzweiflung rollte in einem rauschenden Grollen heran, umspülte mich und riss mich mit sich fort. Ich wirbelte herum, rang nach Luft, schrie lautlos und rang mit den Wellen. Sie drang in meine Lungen ein, umnebelte meinen Geist und erstickte meine Stimme. Sie war überall und ich.. ich verschwand.

Stille. Schwarze, kalte Stille. Stille in einem Ozean an fernen, unbekannten Ufern.
Ein Lichtpunk segelt herab und verlischt, noch bevor er begriffen werden kann. Noch einer folgt, verschwindet – ohne zu existieren – und entsteht erneut.
Ein ständiger Akt von Tod und Wiedergeburt, getanzt in völliger Stille.
Wasser brandet über stille Ufer ferner, unbekannter Ozeane und verrinnt lautlos im weißen Sand.

Wir sehen ihn, auf dem Pfad der keiner zu sein scheint.
Er steht dort, reglos und nahezu leblos.
Er öffnet die Augen, blicklos und entrückt.
Sein Mund öffnet sich, mechanisch und krotesk.
„Welchen Unterschied macht es also?“
Wir
hören ihn, als der Pfad in unzähligen Splittern zerspringt.
Er fällt, reglos und nahezu leblos.
Er schließt die Augen, blicklos und nahezu leblos.
Sein Mund schließt sich, mechanisch und krotekst.

„…zurückbleiben bitte!“ dröhnt es mir in die Ohren, begleitet vom widerlichen Tuten, dass Fahrgäste darauf hinweist das die Türen der Ubahn schließen. Ich starrte weiterhin stumpf auf den reglosen Boden.

Freitag Morgen Elf Uhr Sechsundfünfzig stehe ich am Bahngleis meiner Ubahn und warte auf den nächsten Zug.

Von Einem, der auszog als er seines Lebens zufrieden ward (1)

Es war ein sonniger Tag, als er beschloss sein Leben, so wie es gerade war, müsse sich ändern. Nicht einer jener grauen, tristen, kalten und generell lebensverachtenden Tage, sondern ein echtes Prachtstück von Zeit. An solchen Tagen wurden Postkartenfotos geschossen; gingen Paare hinaus und stellten fest, dass sie sich noch immer liebten; wurden alte Knochen munter und Eltern einspannt genug um ihre Kinder den Unbillen des Monsters Mutter Natur auszusetzen. Vögel zwitscherten, dort wo sie sich zu zeigen pflegten, bis ihre Kehlen heiser wurden und die Menschen erfreuten sich beim gemütlichen Picknick daran.
Kurzum, es war ein Tag, an dem selbst Anwälte den Schlips lockerten und alles Leben Sinn zu ergeben schien.
Und genau an diesem Tag also beschloß er, sein Leben passe zu sehr zu ihm und das sei mit sofortiger Wirkung zu ändern.
Er ging zu seinem Kleiderschrank, öffnete ihn und sah nichts als geschmackvolle Kleidung, die genau seinem Stil entsprach, seine körperlichen Stärken betonte und die Schwächen weicher gestaltete. Er schloss den Schrank wortlos und warf den Koffer, den er schon zur Hand genommen hatte, ungefüllt und achtlos in eine Ecke.
Unschlüssig, im dicken Mantel seiner eigenen Gedanken nahezu unfähig zu klar umrissenen Handlungen, wankte er aus seinem Schlafzimmer und fand sich – ohne genau Erinnerung, wie er dorthin gekommen wäre – nach einer Weile in Zentrum seines Lebensraums wieder.
Seine Wohnung erschien ihm im warmen und bezaubernden Licht der funkelnden Sonne mit einem Mal fremd. Die stilvollen Holzmöbel, die bequeme Couch, die dezenten Dekorationen – welche das Interieur auf das exakt passende Maß füllten, damit es nicht zu voll und auch nicht spartanisch leer wirkte. All das nahm verzerrte Ausmaße an. Die Wände schienen sich in ihren warmen und freundlichen Mustern zu drehen und winden, als würden sie in der lauen Luft unerträgliche Schmerzen leiden. Das Glänzen der Politur auf dem Eichentisch verlor seine Behaglichkeit und Wohnlichkeit und nahm einen bedrohlich summenden Farbton an.
Und über Allem schwebte das leichte Plätschern des kleinen Zimmerbrunnens in seiner „japanischen Ecke“, dass jedoch immer weiter anschwoll und in alle Ritzen seiner luftigen, hellen Dreizimmerwohnung drang, bis es schien als würde sie überlaufen, ihn umschlingen und er in einem einzigen, wirbelnden Dröhnen die Toilette heruntergespült.
Immer weiter strömte das Wasser um ihn herum, wanderte seine Socken und Hosenbeine empor, waberte um seinen – trotz aller Joga-, Pilates- und anderen Trainingsstunden – leichten Bauchansatz, um schließlich gluckernd in seine Ohren, seine Nase und seine Augen einzudringen. Mit einem Mal umgab ihn Stille, einzig unterbrochen durch das leise Plätschern des Wassers über ihm am Deckenlüster.
Und schließlich, wie von Weitem, drang ein Brummen zu ihm durch. Leise, stetig, sanft und als es ihm gewahr wurde, schien es fast als ginge es von ihm aus. Genauer gesagt von seinem Schritt.
Er griff nach dem Brummen und indem er sein Mobiltelefon aus der Hosentasche zog, kehrte er – mit einem fast hörbaren, zumindest jedoch für ihn deutlich spürbaren Schnappen – in die Wirklichkeit, wie sie uns alle Abseits unserer Gedanken umgibt, zurück.

Die Grenzen des Sein

Menschen sind egoistische Rudeltiere.

Sagtest du. Ich schwieg.

Das Rudel brauchen wir nur, weil wir uns alleine verlieren. Ohne die spürbare Grenze anderer Menschen zerfließen wir mit unseren Gedanken und weichen auf. Das ertragen können die wenigsten.

Sagte ich später noch. Eine Antwort hörte ich schon nicht mehr, mein Kopf war bereits auf Reisen.

Wo, also wann, beginnt das eigentlich… dieses Ich. Dieses Ego.
Wie, also warum, haben wir das eigentlich… diese Identität. Dieses Individuum.
Und vor allem… wie kommen wir damit klar, jeden Tag erneut den Hochseilgarten zwischen Alleinig und Allgemein zu wandeln ohne zu stürzen?

Was ich so lapidar daher gesagt hatte, als Antwort auf eine stammtischphilosophische Diskussion, lässt mich seitdem nicht mehr los.

Was ist Identität, was ist Ego. Können wir ohne sein oder ist es vielleicht schlicht notwendig egoistisch zu sein, da wir gar nicht anders können?
„Wissenschaftlich“ gesprochen ist es recht klar, warum wir eine Identität ausbilden. Wir haben nunmal einen Körper, der mit einem Hirn verbunden ist und mit dem wir unsere Umgebung wahrnehmen. Wir sind, jetzt wieder eher unwissenschaftlich, quasi um unseren einen Blickpunkt herum aufgebaut. Ich kann mich nicht als Vogel wahrnehmen, denn dazu müsste ich den Körper eines Vogels haben.
Oder könnte ich doch? Wenn ich zum Beispiel gänzlich isoliert aufwachse. Nur großgezogen von Affen… halte ich mich dann nicht auch für einen? Da muss vermutlich nicht nur ich am Mogli denken. Aber was, wenn ich jemand bei Adlern aufwachsen lasse? Oder als Adler verkleideten Menschen. Und immer wieder sage ich ihm er sei ein Vogel…
Alberne Vorstellungen, gewiss. Aber dem liegt ja die Überlegung zugrunde, wie und warum wir unseren Ego bilden.
Schon früh erfahren wir, dass wir alleine sehr aufgeschmissen sind. Verständlich wäre es also dann doch, wenn wir aus dieser Erfahrung ableiten, Gemeinschaft sei notwendig und eine Art „hive mind“ (Schwarmintelligenz) wie bei Ameisen entwickelten. Das Wohl der Gemeinde als Grundkomponente unseres Seins. Doch da dem nicht so ist, stellt sich weiterhin die Frage, was genau dazu führt, dass wir uns als Person und nicht als Teil eines Personenkorpus definieren.

Wie fahre ich fort, wenn ich mitten in einer Überlegung abhanden komme und erst Wochen später vor einem mir seltsam fremden Text sitze? Das Gefühl und die Gedanken sind nicht direkt weg, aber doch ungenau und verwaschen. Es ist ein Segen, dass ich kein Autor sein will, sonst müsste ich mich nun in den alten Stil reindenken und zwingen.

Also. On verra. Weiter.

Ich; was für ein elementares Wort in unserer Sprache. So gut wie nie beziehen wir uns auf etwas, ohne uns selbst nicht vorher selbst zu definieren. „Ich mag niemand“. Und abgesehen von manch einem selbstverliebtem Geist scheint das auch soweit natürlich. Nicht irgend jemand anderes will das sagen, sondern ich. Ich allein.
Im Umkehrschluss könnte man auch sagen: dadurch dass ich jemand anderes wahrnehme und eine Grenze zwischen ihr/ihm/es und mir ziehe, muss ich eine eigene Person erzeugen.

Soweit also zur Notwendigkeit eines Ego.

Doch, wie mir hier plötzlich einfällt, ging es zu Beginn ja um eine andere Note in diesen Überlegungen.

Der Mensch ist ein egoistisches Rudeltier.
Das waren deine Worte. Vor Monaten. Und noch immer habe ich nicht viel mehr erklärt als mit dem pathetischen Spruch in Zeile 6 ff.

Die Dauer einer Fahrt

Ich suche dich, Inspiration. Oh du holde Maid, du zarte Versuchung. Du flüchtige Braut, ewig am Rande..

Ah well. Fuck you stupid bitch.

Auf der Suche nach Bildern über die ich schreiben kann stolpere ich immer wieder über Wiederholungen.

Die Bogensehne, die zum zerreissen angespannt ist; das Flugzeug, dessen Flügel wild im Wind vibrieren und desen bedrohliches Summen mit lauter Stimme nahendes Unheil verkündet; der Baum, im Sturmwind gebeutelt und im Geiste noch nicht entschlossen ob er Eiche oder Palme sein soll; Die Fußstapfen, die sich immer und immer wieder selbst kreuzen…

Alles wiederholt sich. Kreise im Kopf ergeben die Kreise in meinem Leben und ich bin gefangen in einem meiner Lieblingselemente: Redundanz. Ein schönes Wort, meist liebe ich es. Doch gerade bringt es mich um den wenigen Verstand, den ich normalerweise als halbwegs zurechnungsfähig einstufen würde.

Verzweifelt bemühe ich mich darum, Schönes zu kreieren. Der Drang, meine eigene Erbärmlichkeit zu übermalen ist so stark, dass er mich in die Tasten hauen lässt, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass ich eigentlich nichts zu sagen habe. Und schon jetzt scheitere ich an meinem eigenen Ausweg, da ich die Mittelmäßigkeit des Bemühens erkenne. Denn wer schreibt schon über das Schreiben an sich?! Ein Künstler, der vor einem weißen Blatt sitzt und es weiß belässt, weil er gerade nichts kreieren kann ist vermutlich der beste Maler, da er Anspruch an seine Arbeit hat. Zumindest finde ich ihn besser als jene, die aufs Blatt spucken und das Ganze als kreativ verkaufen.

Ich spucke. Spucke Worte, da mir Gift und Galle ausgehen. Ich schreibe ohne ein Thema, da mir keines einfallen will, meine Seele aber nach einem Ventil schreit. Nach einem Ablass, doch wo kann ich den heutzutage noch kaufen? Die Kirche musste es ja abschaffen und ich glaube eh nicht an sie.

Wer bin ich wenn ich schreibe? Und warum zur Hölle fällt mir kein anderes Thema ein als ich selbst?

Vielleicht… Vielleicht sind viel denkende Menschen allein per Definition einsamer als andere, weil man Gedanken ja eben nicht hören kann. Ich will schreien, traue mich aber noch nicht einmal in Capslock zu schreiben…

Ich will schlafen, denn ich habe zu viel gesehen von mir selbst. Doch meine Gedanken schlafen nie, denn sie wollen mehr mehr mehr. Und so bleibe ich mit meinen Wünschen ein Schatten in meiner eigenen Welt. Ich bin ein Schatten in meiner eigenen welt, wie soll ich also in deiner teilhaben?! Wie soll ich das raus bekommen, was in mir wuchert und krankt wie ein Geschwür, wenn es doch letztlich in meinem eigenen Kopf steckt und nur dort Bestand haben kann?

1 2 3 Kotzprobe UEEERG. So hat es ein kleiner 13jähriger Junge neulich bei Tonproben formuliert. So schreib ich es nieder um zusammenzufassen was hier abgeht. Ich kotze; reier mir die Seele aus dem Leib. Denn dort will sie nicht bleiben. Und ich gebe ihr nach, denn ich kann sie verstehen.

Ich verstehe so viel, zu viel. Ich verstehe und verstehe.

Doch was mir fehlt ist das Verständnis.

Für meine Welt.

Für mich.

 

Denn manchmal ist Niveau auch nur eine Handcreme und ein Blog auch nur ein emotionaler Schrotthaufen.