Erwachen

Es ist 7:44 Uhr und ich werd mit einem Glockenschlag wach. Nicht das es eine Glocke gegeben hätte, ich werde einfach nur, „Dong“, wach und liege im diesig dunklen Zimmer. Es ist eine Angewohnheit von mir, einen totalen Kaltstart vorzunehmen und ich fahre mein System innerhalb kürzester Zeit komplett hoch: die Möbel rücken an ihren Platz als sich meine Augen an die morgendliche Dämmerung anpassen, mein Nervenzentrum erinnert sich an die pochenden Kopfschmerzen von gestern Nacht und rammt mir einen Doch ins Auge, meine Ohren füllen die Umgebung und machen aus dem Geräusch im Hintergrund das Knarren eines alten Hauses… aber vor allem wachen meine Gedanken mit auf.

Zuerst denke ich: absurder Traum, hatte ich doch von merkwürdigen Dingen wie Studentenpoolpartys im heimatlichen, dörflichen Garten geträumt welche jäh von Insekten unterbrochen wurden die sich unter die Haut bissen und dort sichtbar entlangschlenderten, gänzlich unbekümmert auch wenn man mehrfach drauf schlug.

Anschließend denke ich: hat dir jemand geschrieben?  Aber dein Handy ist lautlos, dass hättest du nicht gehört. Und schaue dennoch nach, vielleicht hat sie geschrieben. Was sie natürlich nicht hat, ich bin später ins Bett und die einzigen Nachrichten die verfügbar sind können auch bis später warten.

Ich philosophiere ein wenig über meine Abhängigkeit von diesem Gerät und im rhythmischen Puckern meines Kopfes ordnet sich die Veränderung der Hintergrundgeräusche zu der Erkenntnis des morgendlichen Erwachens der Eltern.

„Schlaf mal lange. Schlaf dich so richtig aus.“ Sagte meine Mutter und auch wenn wir nicht viel gesprochen haben hat sie vermutlich wieder viel verstanden. Es ist ironisch, dass ich heute schlechter schlief als sonst.

Vermutlich ist es gerade meine Art: vorzeitig erwachen nachdem meine Träume eine merkwürdige Wendung nehmen. Danach wach im Bett liegen und wieder viel mehr wahrnehmen und erfassen als im Traum, jedoch reglos verharren. Das Hirn gefangen im Tempo des Körpers. Der Wille gefangen in den Umständen.

Ich sollte noch einmal schlafen. Richtig diesmal, erholsamer. Vielleicht wache ich dann langsamer aber mehr im Gleichklang auf. Das wäre zumindest ein Anfang.

Unter der Dusche

Das Kreisen der Gedanken
Im Auf und Ab des Lebens.
Geburt, Leben, Sterben, Tod
Im rauschenden Wasser.

Der ewig chaotische,
Ewig gleiche Rhythmus.
Fortgespült, vergangen:
Wasser zu meinen Füßen.

Das fragende Leben
Oder doch nur Wasser?
Rauschend in den Ohren
Lauter, Leiser; Auf, Ab.

Eine Frage der Haltung.

Die Haut fiebernd
Im Wechselbad der Lust.
Das Hirn gefesselt
Im Reigen der Tropfen.

Das ewig fortdauernde,
Ewig treibende Fließen
Zerrinnend, reinigend:
Spiegel meines Ich.

Prasselnde Wasserschläge,
Sexuelle Erregung?
Im Spiel des Lebens,
Widerlich überreizte Geilheit.
Wasser, Luft; Hitze, Kälte.

Eine Frage der Laune.

Nichts bleibt

Stetig weht der Wind,
Doch merk ich’s kaum.
Dort, wo meine Gedanken
Zur Ruhe kommen
Sollten.

Stetig knirscht das Hirn,
Doch schert mich’s kaum.
Dort, wo meine Sorgen
Urlaub nehmen
Könnten. 

Ich verträume mein Leben;
Vergesse meine Gedanken.
Lebe zerstreut durch den Tag,
Zersprungen in der Nacht.
Sternenlicht auf meiner Haut. 

Sammle mich auf und ein;
Suche den Behälter.
Im stetigen Wind,
Mit stetigem Knirschen.
Sand zwischen meinen Fingern.

Geschichten blühen im Kopf
Wehen davon; zerfetzte Stücke 
Dessen, was ich erträumte.
Bilder ohne Farben,  
halb geschlossene Konturen.

Nichts bleibt 
Oder doch
Alles bleibt 
Nicht gleich
Oder hier 

Für immer die Menschen

Das Parfüm  der Frau neben mir liegt Zentimeterdick in der Luft; fast so dick, dass man es aus der Luft schneiden und neu abfüllen kann. Vermutlich hat sie Zuhause einen Hirsch an die Wand genagelt und bedient sich direkt an der Drüse. Es hilft zudem nicht, dass sie selbst so dick im Raum liegt wie ihr Parfum und als sie ihren hinterherschlumpfenden Freund mit der Stimme eines vergammelten Backfischs anfährt penetriert sie erfolgreich die restlichen Schutzschichten mit denen ich mich von meiner Umwelt abgeschirmt hatte.

Ich war wieder einmal in Gedanken versunken, was eine jener Floskeln ist die man so von sich gibt. Es ist albern die Floskel auseinanderzunehmen und eine Herkunft zu suchen, doch bei der reißenden Geschwindigkeit in der die Gedanken an mir vorbeirauschen und der schieren Masse, mit der sie die Umwelt aus meiner Peripherie herauspressen, liegt das Bild nun einmal sehr nah und passt. Oder es wird passend gemacht, immerhin bin ich selbst der Architekt meiner Wirklichkeit. Ein paar Balkone könnten zum Beispiel nicht schaden, da sollte ich mal mit dem Bauherrn sprechen.

Wobei sich dann vermutlich eine ewig währende Diskussion um Luftschlösser, Realisierbarkeit, Falsifizierung, Gouda und Schneckenschlürfen anschließen würde… Also bleiben wir bei der Wohnung ohne Balkon und schmücken uns im Inneren neu heraus. Kleiden unser Oberstübchen mit Kamin und Bücherregalen aus und träumen von luftigen Ateliers und Südseite. Dabei male ich nicht einmal. Aber Platz sollen wir wollen und da ich will was ich soll will ich wirklich. Also Platz. Ganz viel. Tonnen davon! Und Balkone! Wofür auch immer ich das benötige… Ich bin ein genügsamer Mensch.

Neben meinen Gedanken fließt mein Leben an mir vorbei – wieder so ’ne schwülstige Schwachsinnsfloskel… – und ich betrachte interessiert was ich damit anstelle. Ich fühle mich an einen dieser Kontaktjongleure erinnert, der im Gegensatz zum Jongleur niemals den Kontakt zu seinem Jonglageobjekt verliert. Kugeln, die in abstrusen Kursen über Finger, Arme… eigentlich Alles zu fließen scheinen und in ewiger Bewegung verharren. (Das Thema heute scheint Wasser zu sein)

Ich schaue irgendwie fasziniert zu, bin Kugel und Jongleur in einem und fühle eine seltsame Befremdlichkeit zwischen mir und dem womit ich jongliere – mir selbst. Ich bin zwar Herr meiner Aktionen, lenke mich selbst in abstruse Bahnen und in scheinbar abwegige Situationen; gleichzeitig bin ich abhängig vom Input von etwas, das zu groß ist um mehr als einen Ausschnitt erfassen zu können- auch wenn ich selbst dieses zu große Etwas bin. Gelenkt durch die Voraussetzungen meines eigenen Ich, meiner Determinanten – wie der Mitbewohner sagen würde – habe ich keine andere Wahl als vorherbestimmte Wege zu beschreiten.

Ich erfasse mich als Kugel und als Jongleur; gleichzeitig und doch unvereinbar. Regisseur und doch nur Akteur meines eigenen kleinen Kunstwerks in dem ich an der Schnittstelle zwischen beiden Parteien stehe, dort wo sie sich – ununterbrochen – berühren und doch nie in Kontakt miteinander treten; treten können. Jedes der beiden Systeme ist geschlossen, verschlossen und ich bin das Nadelöhr in dem sich die einzig verwertbare Interpretation herauslesen ließe; wäre ich nicht Teil meiner Selbst.

Die Frau neben mir ist aufgestanden und hat ihren tumben Troll von Freund mitgenommen. Einzig ihr morastiges Parfüm lehnt noch lässig an meiner Schulter und drückt meinen Kopf gegen die Scheibe – gehässig grinsend über meine leicht schmerzvoll verzerrten Gesichtszüge. Meine Gedanken werden vor Atemlosigkeit zu einem Sumpf und ich sinke ab in Stille verheissende Gefilde, während die Musik umschaltet und mich zusätzlich in ihrer Ruhe herabzieht.

„Es könnte Trost geben, den es gilt zu sehen
zu erkennen, zu buchstabieren…“

singt Tomte und ich gebe mich dem Trost hin, den das prollige Paar dann doch irgendwie hinter sich ließ; mein kleines Geschenk im Alltag.

Das fremde Ich

Er erwachte, wie an jedem beliebigen anderen Werktag, als sein Wecker ansprang und in stetig steigender Lautstärke ein Piepen durch die Wände seine Träume schleuderte. Sein stets hellwacher Geist hatte auch heute keine Probleme sich zu sortieren und die gewohnten Handlungen anzuregen. Er stand auf, fischte seine Schlappen unter dem Bettüberzug hervor, schüttelte Kopfkissen und Bettdecke auf und schlug die Tagesdecke mit derselben geübten Bewegung zurück, wie er es seit dem Tod seiner Frau die letzten neun Jahre zu tun pflegte. Ein prüfender Blick, ein kleines, verkniffenes Lächeln und er wandte sich ab um seine Morgentoilette zu erledigen.

Ich schaue diesem Wesen hinterher. Jenem Sinnbild, dass einem ersten, kurzen Gedanken in meinem Kopf entsprungen ist und ein eigenes Leben entwickelt hat. Eigenes Leben? Hat es das, wenn alle seine Handlungen und Gedanken einem Gedankengang meines Hirnes entsprungen und doch nur symbolisch zu verstehen sind? Ist das kleine Lächeln Ausdruck einer Freude oder doch nur das I-Tüpfelchen auf der Leinwand eines alten, routinierten – fast schon neurotisch exakten – Prototypen von Menschsein, den ich zu entwerfen versuche?
Wie viel Leben hat dieses Ich eigentlich, das ich die Bühne betreten und agieren lasse nach einem Plan, der von Beginn bis Ende festgeschrieben scheint? Steht mehr hinter seinen Handlungen, in diesem Raum den ich nicht definiere; sei es aus Faulheit, Vergesslichkeit oder literarischer Notwendigkeit? Lächelt er vielleicht das angegraute, tausendfach verliebt betrachtete Bild seiner Frau an, während die Gewohnheit eines in gemeinsamer Glückseligkeit verbrachten Lebens mechanisch die Rituale des Aufstehens erledigt? Lächelt er über die befriedigende Genauigkeit seiner Arbeit, während seine faltige Hand die Kordrillen der Tagesdecke in einen exakt rechten Winkel zur Bettkante streicht und ein innerer Dämon endlich Ruhe gibt?
Wem gehört dieses Lächeln, dass ich veranlasst habe, welches aber von einem anderen Ich gelächelt wurde?

Während er sich unter die Dusche stellte und das Radio aufdrehte, befasste sich sein Geist bereits mit den anstehenden Tagesaufgaben. Butter ging aus, Brot auch. Einen Termin bei der Friseurin musste er auch machen, die Rothaarige war heute im Laden. Roswita oder Klara. Er wusste nicht mehr wie sie hieß, aber dafür war sie stets freundlich und gab ihm nach dem Schnitt meist noch eine kurze Kopfmassage, auch wenn ihre Chefin das nicht erlaubte und mit ihr schimpfte. Was sie jedoch stets mit einem Zwinkern in den Augen sagte, weshalb er nicht ganz wusste ob das ein Scherz war oder nicht. Oh und Käse durfte er nicht vergessen, den guten Emmentaler. Der alte war trocken geworden als er gestern beim Abendbrot kurz…

Meine Gedanken überschlagen sich in dem Versuch, im Denken des Anderen mitzuhalten. Dabei habe ich alle Zeit der Welt um aufzuschreiben, was ich mir selbst ausdenke, denn ich bin natürlich nicht unter der Dusche und meist denke ich dort auch nicht über Alltägliches sondern über Transzendentes nach. Komische Angewohnheit. Aber ein anderes Thema. Ich bin gefangen im Tempo des Wesens, das denkt und denkt und denkt; emsig wie ein kleiner, schrumpeliger Käfer, der im Sommer seine Mistkugel vor sich herschiebt. Seine Gedanken sind meine Gedanken und doch humpele ich hinterher im Versuch einzutauchen in eine Welt, die letztlich dann eben doch nicht meine ist. Und wieder der Zweifel: oder ist sie das doch?
Wem gehört diese Gedankenwelt, in der sich die mir ungewohnten Gedanken eines fast fertig gelebten Lebens wie an einer Perlenschnur aufreihen in der kleinen Welt eines Menschen, der bereits die ganze Welt gesehen hat. Oder auch nicht.
Ich weiß es nicht.
Ich müsste ihn fragen ob er bereits genug oder noch nichts gesehen hat. Seine Welt beschränkt und mit Mauern umgibt um geliebte Erinnerungen zu schützen oder weil die Grenzen seines Geistes härter sind als Beton.
Dieses Ich, der aus mir entsprungene Gedanke, wird mir zunehmend fremd und ich blickte verwirrt, zugleich aber auch gespannt auf die nächste Szene die sich mir entfaltet.

Indem der Mensch die Dinge um sich herum benennt, schält er sie ins Bewusste, beraubt sie damit der Möglichkeiten die sie hätten sein können und presst sie in eine Form, die er nach seinem Willen formen kann. Ähnlich diesem Prinzip stehe ich zwischen mir selbst und dem Wesen meines Geistes, gebannt verharrend in einer bizarren Handlungsunfähigkeit. Unzählige Szenarien verlebt mein Gegenüber innerhalb kurzer Gedankenblitze, während ich gemächlich das Schampoo aus meinen Haaren reibe und damit beginne meinen Körper einzuseifen. ‚Es ist schon merkwürdig mit den Gedanken‘ denke ich, als der Schaum an meinem knorrigen Körper in den Tälern der Falten abläuft und dabei ein Flussdelta bildet. Ganz wie am Nil damals. Ah, ist das schon lange her. Aber schön war es damals und nicht so verworren, als er noch mehr hatte als dieses fremde Ich um sich selbst zu unterhalten.

Tribute to a Soul: Trainer

Zweihundertvierzig Stunden und mein Trainer bringt es, nachdem ich ihn seit langem das erste Mal treffe, zehn Sekunden später auf den Punkt:

„Und was bist du jetzt?“

Der ist schon ein merkwürdige Mensch. Prollig bis zum erbrechen kann er sein. Verrückte, „geniale“ Geschäftsideen hat er am laufenden Band und es fehlt ihm nur ein wenig Startkapital, dann würde er! Aber sowas von! Ein Mensch für einen Abend – ach was: ein Wochenende – voller „fast“. Und dann, im Nebensatz, durchgeschaut er alle Konstrukte um sich herum und sät auf seine Art und Weise Ruhe, Kraft, Zuversicht und all das, was Andere (ich) in endlosen Sermonen verpacken und doch nie abgeschickt bekommen.

Es tat gut ihn zu sehen; festzustellen, dass er ist wie er ist, es geblieben ist nach all der Zeit und noch sein wird, wenn wir uns nicht mehr kennen. Ein unbeirrbarer Fels in der Wüste, der auf eine Brandung wartet die sich jedoch in anderen Welten vergeht. Nicht wirklich hier, aber doch mehr im Hier als einem einzelnen Sein erlaubt sein sollte.