Über-Hass

Ich könnte dir stundenlang davon erzählen wie sehr ich es hasse über den Hass zu sprechen.

Sei das nun jener Hass, den wir für all die kleinen Macken unserer Mitmenschen übrig haben; jene unbestimmte Masse in uns die überkocht, wenn das Gegenüber „einen unserer Knöpfe drückt“. Wie man so sagt – aber warum sagt man das? Ich hasse diese Aussage. Die Beliebigkeit der Unbestimmtheit unseres Seins in ihr. Als ob ich nur bestimmt wäre von einem Knopf in meinem Kopf, der mich dazu bringt überzuschäumen als wäre ich ein Topf Erdbeermarmelade. Bis an den Rand gefüllt mit dieser widerlichen Frucht.

Ich hasse Erdbeeren. Diese Vergötterung einer Frucht, die keine ist, sondern eine Nuss. Das nervt mich mehr als nur ein wenig an. Oh so sexy! Du holdes, rot verschrumpeltes Gewülst aus den pestizidverseuchten Böden irgendwelcher ausgebeuteter Entwicklungsländer, in denen dein Leben millionenfach beendet wird damit wir hier im fetten Land der Bequemlichkeit die Augen verdrehen und uns cunnilingualer Vorstellungen hingeben können. Wenn ich diese inquisitionsbedürftig, verdrehten Augäpfel schon sehe kommt mir das Kotzen und ich will ihnen richtiges Rot zeigen. Das Rot, wenn ich ihnen ihre Wunderbeere mitsamt der verfickten Bastkörbe um ihr beschissenes Genusszäpfchen drapiere. Wir sind doch mehr als mickrige Pampe in billigen Töpfen, die darauf warten überzukochen. Also echt mal. Ohne Scheiß.

Oder der Hass, wenn du siehst wie jemand ungerecht behandelt wird. Meistens natürlich wir, was den Hass noch stärker macht – natürlich zu Recht. Diese Welt ist nicht viel mehr als eine Ansammlung von Assis, die es ganz gut hingekommen gute Menschen als die Assis dastehen zu lassen. Wer gut ist bekommt aufs Maul. So funktioniert die Welt und wer sich anpasst und auch zum Arsch wird: dem geht es gut. Da läuft mir die Galle über. Da könnte ich ausflippen und allesamt in einen Abgrund werfen, in dem ihnen nichts weiter als ihr eigener Hass zur Verfügung stünde. Ach was wäre das für ein wunderbares Spektakel, wenn sie sich gegenseitig zerfetzen und verrecken.

Es gibt so wenig Gutes auf dieser Welt, es ist grausam das mit anzuschauen. Wirklich erbärmlich, wie sehr der Mensch verkümmert ist. Das Zeitalter des Individualismus, jeder so frei wie nie in der Geschichte und doch nutzen wir diese Freiheit nur dafür aus, uns noch effektiver und vor allem legaler zu verletzen. Es ist ein Hass in dieser Welt, größer als alles Leben zusammen. Ein wütender Moloch, in dessen Zentrum der Mensch steht und sich selbstgefällig um seine perfide Achse dreht und abfällig darauf hinweist, dass er es im Auge des Sturms doch ganz bequem habe und von Wind keine Spur sei.

Nicht zu vergessen ist der Hass, wenn uns die Argumente ausgehen oder das gegenüber taub für unsere Begründungen ist. Diese ohnmächtige Wut, wie eine Wand, gegen die wir immer und immer und immer wieder anrennen. Mit dem Kopf zu zerbrechen versuchen, bis uns das Hirn aus den Ohren drückt und die Halsschlagadern dumpf pochend als fette Würmer unserer Raserei hervortreten. Wenn wir fassungslos neben uns selbst stehen, weil uns der eigene Hass in seiner Gewalt aus dem eigenen Körper aussperrt, während wir uns dabei zusehen wie wir explodieren. In diesen Momenten, in denen wir „aus der Haut fahren“ – wieder so ein beschissener Ausdruck – sind wir uns selbst vermutlich nicht mehr der eigene Herr. Etwas ist da tief in uns drin; Etwas das stärker ist als all die Generationen von antrainierter Zivilisation und Kultur und das übernimmt die Kontrolle; Etwas, dass uns dabei ausschließt, wenn wir – psychisch oder auch physisch – zerstören, was hinter dieser Wand steht.

Der eigene Körper wird auf seine materiellen Anteile reduziert. Hände sind nicht zum halten da, sie zerschlagen. Die Zunge ist nicht mehr als ein Werkzeug um im Mundraum mitzuhelfen irgend ein Wort zu finden, dass den Kerker unser Fassung zerbrechen kann. Augen sind kein Fenster zur Seele mehr, sie sind Pforten zur Hölle unserer Verachtung und wenn sie könnten, würden sie verbrennen was ihrer nicht würdig ist.

Flucht. Darum geht es. Flucht vor der Ohnmacht die unseren Geist befallen hat und dem Dämon in uns Macht gibt. Flucht vor der Erkenntnis, dass wir Nichts sind im Angesicht des brennenden Hasses und der endlosen Verachtung, die rief in uns lodert und nur darauf wartet hervorzubrechen. Wie sind nicht mehr als trainierte Affen, darauf gezüchtet miteinander klar zu kommen. Uns

Die Aufzeichnungen die ich gefunden hatte, rissen hier ab; irgendjemand hatte sie aus einem anderen Buchs – ich vermutete eine Tagebuchs- gerissen und sie waren mir aus einem staubigen Einband entgegengefallen, als ich die Archive aufräumte.

Ich selbst bezeichne mich eher als einen friedlichen Menschen, doch diese Worte riefen in mir eine Raserei hervor, die mich mitriss und mein Herz schneller schlagen ließ.
Vor mir lag das Schriftwerk eines Menschen, dessen Grundsicht von meiner nicht verschiedener sein könnte. All seine Worte versprühten Hass und Gewalt, die Sätze verknoteten sich beim Lesen mindestens ebensosehr, wie die Gedanken ihres Schöpfers verknotet waren. Die Brutalität und Polemik des Ausdrucks trieb mir die Tränen in die Augen, ob aus Fassungslosigkeit oder aus Trauer ob der Schändung von Sprache… ich vermag es nicht mehr zu bestimmen.

Und doch… Ebenso wie der Autor zu Beginn im Versuch einer nüchternen Beschriebung startete und sich in seinen Gedanken in heillose Rage redete, so erstarb die spontane Ablehnung seiner Aussagen in mir zunehmend und es meldete sich etwas anderes zu Wort. Etwas nickte anerkennend wegen der eigentlich fremden, haltlosen Wut die aus jeder Pore des kurzen Textes trat da sie mir doch irgendwie vertraut erschien. Wie ein lange vermisster Bekannter, dessen Existens wir vergessen und doch damals sehr geschätzt hatten.

Ich las den Text wiederholte Male und mit jedem weiteren Mal las ich weniger Wut und mehr Liebe aus dem Text. Es mag dich, lieber Leser hier vielleicht verwirren, dass ich von Liebe spreche, aber wer kann besser hassen las jene, die zu tief lieben? Der Verfasser dieses „Über-Hass-Manifests“ – ich will es einmal so nennen – scheitert an seinen eigenen Worten im Versuch der Erklärung dessen was er selbst hasst. Er stellt sich selbst die Herausforderung ohne Hass zu schreiben und muss doch erkennen, dass es ihm nicht geingt, doch kann er nicht aufören, fast so als sei er blind für die Ironie seines eignen Empörens. Oder versucht er sich absichtlich ad absurdum zu führen, scheitert jedoch an der schmalen Grenze zwischen Sarkasmus und Herausforderung auf der einen, Bitterkeit und zynischer Verachtung auf der anderen Seite? Ich finde: er liebt das Lebenso sehr, dass er nicht anders kann als über die Dinge zu verzweifeln, über die sein kühler Kopf berichten wollte. Doch das ist meine Meinung, welche ist ihre?

In diesem Sinne möchte ich die heutige Versammlung damit beenden, dass ich Sie alle dazu ermuntere, sich bis zum nächsten Mal Gedanken über die Ihnen intrinsischen Konzepte von Liebe Gedanken zu machen. Ich erwarte bis zum Vorabend der nachsten Sitzung einen Essay über mindestens 1500 Wörter [weitere Formalien].

Auszug aus dem Skript einer Vorlesung zur Anthropologie aus dem Jahre 2043, Autor unbekannt

Schweigen

Alles schweigt. Das Telefon schweigt, macht keinen Mucks seit Tagen. Postfächer alle leer. Ewig schon. Und auch ich bin ruhig. Ruhig? Nach aussen vielleicht, denn auch wenn ein immer größeres Schweigen mich umgibt, beginnt es in mir mehr und mehr zu brodeln. Es ist der Hass auf alles, den ich lange verloren glaubte. Nicht verloren wie in „Huch, wo ist er denn?!“, sondern wie in „Den hab ich jetzt endlich hinter mir gelassen.“
Habe ich nicht, so wird mir klar und das Feuer in mir brennt stündlich heller.
Ich könnte kotzen wegen der Menschen die mich umgeben; ihnen ihre kleinen Geister aus den bekackten Körpern pressen und ihre granitharte Mauern aus Ignoranz und Stumpfsinn mit dem eigenen mickrigen Schädel zertrümmern . Oder eben den Schädel daran zu blutigem Brei zerquetschen.

Hauptsache danach ist Ruhe.

Mich kotzt das Scheinheilige diese Welt so sehr an, dass ich niemanden auch nur mehr als drei Worte sprechen hören will, da ich danach nichts mehr verspüre als den Wunsch mir die Trommelfelle zu zerstechen und in tauber Sehligkeit dabei zuzuschauen wie alles um mich herum in unzähligen Variationen schreit: „SCHAU MICH AN! NIMM MICH WAHR!“

Ich höre lieber dem Blut dabei zu, wie es meine Ohrmuschel füllt und zäh am Kiefer entlangttröpfelt als Denen, die bald – die Eine diese Woche und die Andere, so es einen gnädigen Gott gibt, im nächsten Monat – mein Leben verlassen, bei ihren Gesprächen zuzuhören. Nicht eines der Worte ist ehrlich und auch wenn beide auf Best Friends machen, weiß ich von ihnen wie egal sie sich sind; sich sogar hassen. Aber als gemeinsamen Feind der beiden muss man mir ja zeigen, dass man befreundet ist. So leicht zu durchschauen. Diese Menschen sind so unfähig; in der selbst, in der Wahrnehmung zu sich und zu anderen; in Toleranz und Offenheit…

Der, der immer fordert ist auch mal wieder explodiert und hat seine Ängste, seine verkackte Weltsicht und seinen Hass auf mich geschmissen, was mich wieder an den Punkt bringt, dass ich nicht weiß warum ich den Kontakt halte. Warum ich immer wieder hoffe und investiere. Mich selbst zu verprügeln wäre effektiver und hätte ähnliche Erfolge.

Mein Inneres ist ausgehöhlt von den zehrenden Flammen dieses Hasses und wie sich das gehört richtet er sich letztlich gegen mich selbst, verbaut mir alle Lösungen und lässt nur eines zu: nämlich, dass ich ihn nur noch mehr schüre.
Somit befinde ich mich in einem Kreislauf den ich noch vage erkenne, mich selbst Jahre zurückgesetzt sehe und – so ehrlich kann man schon noch sein – dafür hasse so zu sein.

In mir wächst ein Frust auf Alles und Jeden, genährt von den unzähligen Gemeinheiten, die sich die Menschen jede Sekunde zufügen. Da muß ich nur einen halben Tag auf die Kollegen schauen – mit denen ich zum Glück nur auf Zeit arbeite – um zu wissen, dass ich in dieser Friedrichstellung des Bürokriegs nicht ein weiteres Opfer werden will. Was bleibt ist der fahle Geschmack von Arroganz und die stumpfe Asche verbrannter Leichen.

Misanthrop ist, wenn ein Mensch an der Beschisseneheit der Dinge (guter Film) scheitert und die Menschheit dafür hasst, dass sie tut was sie tun und nicht was sie tun könnte.

Bilder rasen durch den Kopf; fliegende Körperteile; blutende Stümpfe; glitzernde Lachen. Entsetzt schaudere ich vor mir selbst und stelle fest, dass ich hoffnungslos werde. Ohnmächtig.

Es fehlt Stille.
Ein Schweigen.

Muss so sein

Die Liebe ist weiblich,
Weil sie launenhaft ist.
Unstet und dominant.
Der Hass ist männlich,
Weil er unnachgiebig ist.
Destruktiv und hart.
Klingt verständlich, wahrscheinlich.

Ich entscheide mich
Für das lieben!
Für das hassen!
Denn egal wer wir sind
Wir hassen mit Liebe!
Wir lieben mit Hass!
klingt sozialisiert, wahrscheinlich!

Vielleicht, so hoffe ich
irgendwann?
Leben wir die Idee,
Das wir nicht Eines sind,
Sondern manchmal anders,
Geteilt durch „muss so“.
Klingt befreiend, wahrscheinlich?

Dialoge II

[Ich auf dem Heimweg von einem anstrengenden Arbeitstag an einem sonnigen Tag; Er auf unserem Hinterhof und sich gerade eine Kippe drehend]
Er: (nuschelig) „…’kommst’n du her?“
Ich: (müde) „Arbeit.“
[Er leckt das paper an, dreht zuende und schaut mich danach, die Kippe in den Mund steckend, kopfschüttelnd an]
Er: (gelassen) „Ich hasse Arbeit.“

Und damit war eigentlich alles gesagt.

Eine Handvoll

Neulich tauchte vor meinem inneren Auge das Wort „Glück“ auf. Ich nahm es, zerknüllte es so lange bis es kugelrund und fest war um es anschließend – nach einem letzten abschätzigen Blick – mit aller Kraft von mir weg zu schleudern.
Wie das so mit unseren Bildern im Kopf ist, blieb auch dieses – in unterschiedlichen Blickwinkeln, mit wandelbarer Geschwindigkeit und durch verschiedene Gedankenmoderatoren kommentiert – haften. Mal war es mehr das verknitterte, zusammengepresste Wrack dessen, was mein Glück hätte sein können, das mir in Erinnerung blieb. Dann wieder war es mehr die rohe Gewalt, mit der ich dieses Objekt von mir stieß; der Hass, den ich in allen Poren meines Seins spürte, wenn ich es weit weg von mir landen sah.
Nach einer Weile, mein Kopf ist die endlose Wiederholung trivialer Dinge vermutlich ausweichend gewohnt, beruhigt sich das Szenario jedoch zunehmend und nach dem Flächenbrand der beschissenen Kameraeinstellungen, Kommentare und Live-Berichterstattung folgt – wie eine kühlende Welle, wenn man am Strand liegt und vor sich hinbrutzelt – das sanfte Geplapper meines inneren Philosophen:

„Was, wenn der Weg, den der Ball hinter sich legt, der Weg ist den du gehen musst um dein Glück zu finden? Was, wenn du dein Glück kanntest und es in einem, alles entscheidenden, Moment nicht verloren, sondern verbannt hast? Was, wenn du genau den Weg gehen musst, den dein Glück geflogen ist, weil du sonst nicht anders kannst als es zu verpassen? Was, wenn….“

Die Fragen, die ich mir stellen kann sind endlos. Doch wird alle Beschäftigung mit dem „was wäre wenn“ eines nicht vertreiben:

Es gibt Glück. Egal wo, egal wie. Ob verloren, verbannt oder zerknüllt… irgendwo da draußen liegt es.

Das ist doch ein Grund weiterzumachen.