Der Poet in meinem Rachen

Es ist wieder einmal viel zu spät geworden für ihn. Die Nacht, verführerisch in ihrem dunklen Kleid, hatte ihn erneut mitgenommen auf eine jener wilden und doch stillen Reisen. Diese Wegstücke zwischen Wachen und Traum, beseelt von den bunten Trauben seiner Gedanken, waren seit einiger Zeit seine treuesten Gefährten während der trist anmutenden Durststrecken die der Tag bereit hielt. Der Tag; grau gewandet in seinem strengen geschnittenen Anzug und stets so sehr bemüht zu gefallen. Diese anbiedernde, geifernde Gestalt von Etwas, dass mit blendender Helligkeit versuchte die tiefen Abgründe seines schmutzigen Innenlebens zu verbergen. Der Tag war nicht sein Freund; ganz anders dessen Partnerin, die Nacht. Jene kühle, mystische Dame die elegant und still seine Sinne umgarnte und ihn lockend mitnahm um ihm eine Welt zu zeigen. die nicht blendete und beschrie, was es zu erleben gelte, sondern ihn sacht an der Hand nahm und ihm die Fenster zu seinen eigenen Welten öffnete, wo er sich nach eigenem Gutdünken flegeln, ausprobieren und erkunden konnte.

Irgendwann, er wusste nicht mehr genau wann, sprach er dann nicht mehr.

Nicht, dass es ihn gestört hatte wie die Welt lief. Nein, er war sich dessen bewusst, dass seine Sicht eine exzentrische Sicht darstellen musste und ein jeder normale Mensch nur müde und traurig den Kopf schütteln konnte ob seiner unverständlichen Gedanken. Es verstimmte ihn nicht einmal, wenn ein vermeintlich Befreundeter sich seiner annahm und versuchte ihn auf einen rechten Pfad zurückzubringen. Meist gab er dann für eine Weile vor, in der Welt der Tagmenschen – wie er sie wenig originell zu nennen pflegte – besser zu funktionieren. Er stand früher auf; genoß augenscheinlich Sonne, Tumult und Leben; verließ sein Haus mehr als er es bewohnte; knüpfte eine Vielzahl Kontakte und schließlich, wenn alle Welt beruhigt schien, einer verlorenen Seele erneut das Licht gezeigt zu haben, verließ er diese angestrenge, erschöpfende Welt erneut.

Nur, dass er mit einem Mal nicht mehr sprach.

Es mag eine Weile gut gehen, in dieser Welt nicht zu sprechen. Manch bedauerliche Seele muss sogar seit Geburt damit zurecht kommen. Doch wenn ein Mensch einfach AUFHÖRT zu reden, dann ist es so sicher wie das „Amen“ in der Kirche, dass nach einer Weile Menschen Fragen stellen. So ist es eben ihre Art und so war er darauf vorbereitet, als die Fragen begannen. Kurz nachdem er den Entschluss gefasst hatte, vielleicht auch währenddessen, hatte er einen Text geschrieben. Der Text erzählte in klarer, verständlicher Sprache weshalb es sinnlos sei weitere Worte zu verlieren. Das alles gesagt sei mit diesem Text und für weitere Worte keine Notwendigkeit bestehe. Alles andere könne auch die Schrift oder der Körper besorgen.

Und tatsächlich schien es auszureichen, was er schrieb. Denn auch wenn manch einer schlecht über ihn sprach – zumeist hinter seinem Rücken, denn den Mut, einander die Meinung zu sagen, haben nun halt doch die wenigsten Menschen – so fügten sich alle seiner Entscheidung. Auch versuchte niemand mehr, ihn auf den lichten Pfad zu leiten. Was auch immer er geschrieben hatte… es schien von solch innerer Überzeugung zu verkünden, dass man ihm das ließ, was er wahrlich am meisten begehrte: seine Ruhe.

Nun, was hat dies mit mir, also dem Autor, zu tun, so fragst du dich, lieber Leser, an diesem Punkt vielleicht und ich will dir keine Antwort schuldig bleiben.

Es verhält sich so, dass diese Geschichte in mir etwas wachrührt, dass mich in eine… poetische Stimmung versenkt.

Ich habe einen Poeten in meinem Rachen. Etwas, dass sich manchmal meiner ermächtigt und mich zwingt, unkontrolliertem Erbrechen ähnlich, unzählige Worte -vermeintlich wohlklingend und sich zu stetig größeren Kunstwerken aufbauend – auszustoßen und nicht nur zu Blatt zu bringen, sondern auch meine Mitmenschen damit zu belasten. Belasten, ja das ist es wohl, denn ich bin nicht Herr dieser Flut und so manch einer wird von meiner Flut an Wortgewalt überschwemmt, fortgetragen oder doch zumindest verstört.

Ich würge daran, ich versuche es herunterzuschlucken, doch dadurch wird der Brechreiz nur größer um letzten Endes dann nur um so heftiger aus mir herauszubrechen. Ich kann es nicht verdrängen, denn es beginnt sich in meinem Kopf auszubreiten, ganz so wie eine Milchkanne, stetig gefüllt, irgendwann überlaufen muss.

Dieser Poet ist wie ein maligner Tumor, wuchernd und fräsend in meinem Rachen, sich ausbreitend und mich erstickend. Er wird sich den Weg aus meinem Körper erkämpfen, soviel ist sicher. ob er dabei meinen Gaumen zerschmettert, meine Zähne ausreisst und meinen Kiefer bricht ist ihm völligst egal, denn für ihn geht es um eines: um seine Freiheit. Darum herauszubrechen und alles um sich herum mit fauliger Schwärze zu überziehen und zu vergiften.

Ich kotze. Kotze ihn aus und doch werde ich ihn niemals los. schleimiger, schwarzer Morast umspült meine Zähne, die an dem beißenden Schleim verätzen und als rauchende Ruinen in meinem, von aufgeplatzten Lippen umrahmten, Maul verbleiben. aus jeder Pore meines Leibes dringt er hervor und nichts kann ihn einsperren, nichts ihn in mir drin halten. Er dringt von meinem Rückgrat geradewegs durch die Haut und platzt aus meinem Rücken heraus, während er meine fleischliche Hülle abstreift wie eine lästiges Kleidungsstück. Es ist ein Feuerwerk der Schmerzen in meinem Kopf, ein grausames Spiel von Erlösung und Krampf, während er mich leert und leert und leert und leert; immer dann wenn nichts mehr da zu sein scheint noch weitermacht.

Zurück bleibt ein zerschmettertes Irgendwas, unbestimmt ähnlich zu dem, was ich vorgab zu sein, während er aus den dampfenden Überresten meines Ich heraussteigt und immer mehr zu dem wird, was um mich herum als Ich gesehen werden wird. Und wenn ich mich umdrehe sehe ich hinter mir nichts als eine befremdliche Szenerie eines vorher stattgefundenen Kampfes vielleicht. Etwas das mit mir nichts zu tun haben kann, denn ich bin nur Ich und niemand sonst. Und bevor ich mcih versehe, spüre ich erneut ein Kratzen in meinem Rachen. Etwas ist da in mir, wie es mir scheint. Ich räuspere mich und das Kratzen verschwindet. Vielleicht ist es ja nur Einbildung gewesen. Es wird bestimmt nichts sein. Ich bin Ich.

Es ist in jener Stille- kurz bevor mich nichts mehr als die undurchdringliche Stille meines eigenen, stetig wiederkehrenden Todes umgibt-  dass ich dem Inhalt jenes Textes zum greifen nahe komme.

Mein Weg

Ich gehe meinen Weg,
Denn höhnische Worte
Aus fremdem Mund
Klingen leise wider
in hohlen Knochen
Vergessener Gebeine

Ich gehe meinen Weg,
Denn dunkle Blicke
Aus leeren Augen
Sind bald erloschen
Auf kalten Haufen
Bleicher Schädel

Ich gehe meinen Weg,
Denn einzig mich
Will ich tragen
Pflegen und umsorgen
Ernten was ich
Selbst gesäht

Ich gehe meinen Weg,
Mein Tempo
Mein Stil
Mein Wunsch
Mein Befehl

Ich gehe meinen Weg,
Denn ich will
In mir
In meinem Ich
Suchen
Nach dem Ich

Die Dauer einer Fahrt

Ich suche dich, Inspiration. Oh du holde Maid, du zarte Versuchung. Du flüchtige Braut, ewig am Rande..

Ah well. Fuck you stupid bitch.

Auf der Suche nach Bildern über die ich schreiben kann stolpere ich immer wieder über Wiederholungen.

Die Bogensehne, die zum zerreissen angespannt ist; das Flugzeug, dessen Flügel wild im Wind vibrieren und desen bedrohliches Summen mit lauter Stimme nahendes Unheil verkündet; der Baum, im Sturmwind gebeutelt und im Geiste noch nicht entschlossen ob er Eiche oder Palme sein soll; Die Fußstapfen, die sich immer und immer wieder selbst kreuzen…

Alles wiederholt sich. Kreise im Kopf ergeben die Kreise in meinem Leben und ich bin gefangen in einem meiner Lieblingselemente: Redundanz. Ein schönes Wort, meist liebe ich es. Doch gerade bringt es mich um den wenigen Verstand, den ich normalerweise als halbwegs zurechnungsfähig einstufen würde.

Verzweifelt bemühe ich mich darum, Schönes zu kreieren. Der Drang, meine eigene Erbärmlichkeit zu übermalen ist so stark, dass er mich in die Tasten hauen lässt, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass ich eigentlich nichts zu sagen habe. Und schon jetzt scheitere ich an meinem eigenen Ausweg, da ich die Mittelmäßigkeit des Bemühens erkenne. Denn wer schreibt schon über das Schreiben an sich?! Ein Künstler, der vor einem weißen Blatt sitzt und es weiß belässt, weil er gerade nichts kreieren kann ist vermutlich der beste Maler, da er Anspruch an seine Arbeit hat. Zumindest finde ich ihn besser als jene, die aufs Blatt spucken und das Ganze als kreativ verkaufen.

Ich spucke. Spucke Worte, da mir Gift und Galle ausgehen. Ich schreibe ohne ein Thema, da mir keines einfallen will, meine Seele aber nach einem Ventil schreit. Nach einem Ablass, doch wo kann ich den heutzutage noch kaufen? Die Kirche musste es ja abschaffen und ich glaube eh nicht an sie.

Wer bin ich wenn ich schreibe? Und warum zur Hölle fällt mir kein anderes Thema ein als ich selbst?

Vielleicht… Vielleicht sind viel denkende Menschen allein per Definition einsamer als andere, weil man Gedanken ja eben nicht hören kann. Ich will schreien, traue mich aber noch nicht einmal in Capslock zu schreiben…

Ich will schlafen, denn ich habe zu viel gesehen von mir selbst. Doch meine Gedanken schlafen nie, denn sie wollen mehr mehr mehr. Und so bleibe ich mit meinen Wünschen ein Schatten in meiner eigenen Welt. Ich bin ein Schatten in meiner eigenen welt, wie soll ich also in deiner teilhaben?! Wie soll ich das raus bekommen, was in mir wuchert und krankt wie ein Geschwür, wenn es doch letztlich in meinem eigenen Kopf steckt und nur dort Bestand haben kann?

1 2 3 Kotzprobe UEEERG. So hat es ein kleiner 13jähriger Junge neulich bei Tonproben formuliert. So schreib ich es nieder um zusammenzufassen was hier abgeht. Ich kotze; reier mir die Seele aus dem Leib. Denn dort will sie nicht bleiben. Und ich gebe ihr nach, denn ich kann sie verstehen.

Ich verstehe so viel, zu viel. Ich verstehe und verstehe.

Doch was mir fehlt ist das Verständnis.

Für meine Welt.

Für mich.

 

Denn manchmal ist Niveau auch nur eine Handcreme und ein Blog auch nur ein emotionaler Schrotthaufen.

Alles meins!

Es ist meins, meins allein.
Is auch gut so.
Ich geb es nicht her, mach ich nicht.
Is ja auch meins.
Ich teil es nicht, nicht mit euch.
Macht auch nichts.
Ich verschenk es nicht, nicht an dich.
Warum auch?

Es ist meins, meins allein.
Ich hüt es wie ein Drache,
Eifersüchtig, geiferspeiend
Unten in seinem Berg.
Zwischen Gold und Edelsteinen,
Mistrauisch umherspähend.

Es ist meins, meins allein.
Wenn ich es teil, is es eins;
Doch behalt ich meins.
Geb ichs dir, ist das deins;
Vielleicht sogar unsers.
Aber meins bleibt meins.

Es ist meins, meins allein.
Ich hab nur eins,
Drum bleibt es meins.
Ich hatt es verloren,
Mich verloren.
Mein Leben.

Life in silent mode

Sie redet und redet und redet.

Unauffällige Hinweise, dass ich gerade eigentlich nicht an dem unfreiwillig aufgedrückten Gespräch teilnehmen will ignoriert sie ebenso gekonnt wie alle Grenzen der Privatsphäre.
Ich kenne sie nicht einmal. Bis eben hatte ich nicht einmal eine Ahnung, dass es sie gibt. Bis eben saß ich noch gelassen in meiner  Lieblingsbäckerei, hatte mir einen Tee bestellt und wollte in der Atmosphäre dieser kleinen ruhigen Insel ein wenig treiben und schreiben.
Nun ist sie da, Kundin der Bäckerei und wie auch ich scheint sie sich wohl zu fühlen. Zumindest wirkt sie als sei sie in ihrem Wohnzimmer und alle Anwesenden ihre Papageien mit denen sie redet. Und redet. Und redet.

Kurzerhand entschlossen flüchte ich mich zumindest teilweise in Musik und stecke mir den Kopfhörer ins rechte Ohr. Das hindert sie zumindest daran mich direkt anzusprechen. Was jedoch ihren generellen Redefluss nur unmerklich reduziert. Während der Sänger von „The Parlor Mob“ mich vollseiert, dass er mich sehen will, betritt eine andere Kundin die Bäckerei und ergeht sich in minutenlangem lautem Überlegen, was nun zu tun sei, wo doch das geplante Brot nicht erhältlich sei.
Ich beschließe den zweiten Knopf ins Ohr zu schieben.
Die Welt wird Musik, ich kann schweigen.
Dabei fällt mir auf, dass ich trotz der vielen Worte, die in dem Raum gesprochen wurden und noch immer wie stickiger Smog die Luft in der Bäckerei schwängern, von meiner Seite und auch der der Bäckerin kaum etwas gesagt wurde.  Sie hat die Pflicht als Angestellte die Kundin zu unterhalten, doch ich konnte mich (relativ) unbemerkt aus dem anstrengenden Smalltalk ausklinken.
Losgelöst von der Situation betrachte ich die sich bewegenden, lautlosen Münder und lausche dem Auf und Ab von „God is an Astronaut“. So wie die Musik, verzettele auch ich mich in Gedanken und Tagträumen; die gedämpften Geräusche meine Umgebung scheinen in einem See aus Stille zu ertrinken.

Murakami schreibt:
„Ist man mit einem Toten in einen Raum, verstummen allmählich alle Laute.
Die Geräusche der Wirklichkeit draußen verlieren immer mehr an Realität.
Auch bedeutsame Geräusche verwandeln sich bald in Stille.
Eine Stille, die allmählich tiefer wird,wie Schlamm sich auf dem Meeresgrund sammelt.“

Wenn ich Musik höre, geht es mir oft so.
Die Welt verliert an Substanz,  ich höre auf ein Teil von ihr zu sein.
Und als erstes verflüchtigt sich meine Stimme. So kann es vorkommen, dass ich zu einem Treffen komme und keine Lust mehr habe zu reden. Nicht weil ich keine Lust auf Menschen habe – ich habe aufgehört mich mit Menschen zu treffen, wenn ich es nicht will (was mein Leben sehr vereinfacht hat) – sondern weil ich meine Stimme noch nicht wiedergefunden habe. Es ist als wäre ich auf stumm geschaltet worden und jemand hat die Fernbedienung versteckt.

Die Musik wird mir mit einem Mal zu laut.
„Rise against“ ist eine jener Bands, die ich immer hören kann und die es eigentlich nicht verdient auf leiser Lautstärke gehört zu werden; doch gerade ist alles zu laut. Ich drehe die Lautstärke runter.
Die Musik wird ausgetauscht vom Lärm der Straße, die Wirklichkeit legt sich wie ein Mantel um mich und empfängt mich auf ihre raue kalte Art gleich einmal mit einem Presslufthammer.

Mein Leben wirkt immer wieder wie ein schlecht verfasstes Skript voller Klischees und schlechten Pointen.

Ich drehte an der Lautstärke der Welt und der Musik, um einen Mittelweg zu finden; doch es ist alles zu laut. Über den Lärm der Welt beginne ich meine Gedanken in krasser Deutlichkeit wahrzunehmen. Sie hallen von meinen Schläfen wider, turnen hinter meinen Augen herum und rauschten durch die Trommelfelle.

Viel zu laut. Alles viel zu laut.

Und mir wird mir klar,
dass ICH zu laut bin.
Mein Reden,
mein Handeln;
alles ist übertrieben,
gestellt,
laut.

Ich raste aus.
Schreie mich an, zerschlage mein Ich in ungezählten Spiegeln, bis mir das Blut in Strömen über die Knöchel fließt. Die Scherben der zerschellenden Spiegel haben zudem meine Kleidung zerfetzt und aus einer Vielzahl Schnitte tropft klebrig dicker, roter Sud.
Doch meine Raserei ist noch nicht besänftigt.
Ich drücke die blutigen Ruinen dessen, was ich einmal Körper nannte auf die Trümmer um mich herum.
Das Glas schneidet mich weiter auf und ich schreie.
Vor Schmerz.
Vor Wut.
Vor Angst, Angst vor mir selbst.

Ich drehe die Lautstärke ganz auf. Rise Against wieder. Die Bässe vibrieren spürbar auf meinen Trommelfellen, während die einzelnen Schläge des Schlagzeugs zu stechenden Messern in meinem Kopf werden.

Although we have no obligation
to stay alive
On broken backs we beg for mercy
We will survive
I won’t be left here
behind closed doors

…schreit es mich an und meine Welt erbebt unter der Macht der Worte und der Stimme.

Der Lärm in meinem Kopf, aus meinen Kopfhörern und von außen verschmiert miteinander und wird zu einem bunten Rauschen. Der Schmerz in meinen Ohren betäubt mein Hirn und dort – in diesem zerstörerischen Strudel – gelange ich in das Auge des Sturms. Ruhe erfasst mich, Stille umgibt mein Herz, ganz so wie Murakami es geschrieben hat. Alles andere verblasst. Nur das es ausser mir in diesem Raum niemanden gab der sterben konnte.
Es wird still und ich erkenne, dass es sich nicht anders anfühlt als der Lärm davor. Die Grenzen sind verwischt. Ob ich noch im Auge stehe oder es nie eins gab kann ich nicht mehr sagen.

Ich stehe auf – in meiner stillen Welt – stelle meine Teetasse ab.
Meine Bäckerin schaut mich an, nickt nur leicht lächelnd und räumt das Geschirr weg.

Sie spricht nicht; ich auch nicht.

Es ist ja alles gesagt.

Ich will nicht über Weihnachten schreiben

Will ich wirklich nicht. Und doch scheinen meine Gedanken seit Tagen über nichts anderes zu kreisen.

Was haben alle für ein Problem mit dem Fest? Was macht es so kompliziert für euch?
So in diese Richtung gingen viele der Gedanken. Es ist mir ein recht unzugängliches Konzept, wie diese riesige Erwartungshoffnungsseifenblase entstehen konnte, die heutzutage in nahezu jedem Kopf herumzuschillern scheint.

Sind Hollywood, schlechte Weihnachtsgeschichten (oder auch gute) und oder doch einfach nur der böse Konsum schuld an der weihnachtlichen Stressstimmung? Wieso ist ein Fest, dessen intrinsischer und ureigener Anspruch nicht kleiner sein könnte, zu solch einer großen Eiterbeule der Gesellschaft angewachsen, in der jeder damit beschäftigt ist sich selbst und alle anderen schlecht zu finden, wenn er/sie von dem Gedanken „Heiligabend“ nicht direkt in speichelsprühende Raserei versenkt wird.

Was will Weihnachten eigentlich von uns? Was wollen wir davon? Und was wollen wir eigentlich nicht?
Es sind ja doch vorwiegend erwachsene (im Sinne von ausgewachsen) Menschen, die das größte Problem mit dem Fest haben. Kleinkinder und junge Jugendliche sind noch in der bedenkenbefreiten heilen Geschenkewelt. Junge erwachsene hingegen gerade in der „boah ey, is das alles ööööde.“ Haltung, welche an sich auch sehr befreiend ist, da hier nicht die wirklich zugrundeliegenden Probleme angedacht, sondern ein rein egoistisch geschaltetes Ablehnen im Vordergrund steht.

Es sind die Erwachsenen; die zu alt gewordenen. All jene, die gelernt haben, was Sozialisation heisst und wie man sich ihr beugen muss um beim umkippen nicht unelegant zu wirken. Jene Menschen, denen die Tugenden des Selbst, welches sie präsentieren so viel wichtiger sind als ihr eigenes Glück. Denn man darf nicht sein, wie man will.

Was will Weihnachten eigentlich von uns? Herzlich wenig, ich habe es schon angedeutet.
Was wollen wir eigentlich von Weihnachten? Zu viel, müsste der logische Schluss aus der Antithese sein.

„Zeit mit unserer Familie verbringen.“

Poh. Kleiner Satz, eigentlich leicht gewährleistet. Und doch glaube ich, dass dieser kleine Satz für viele Menschen in etwa so zu lesen sein muss: „Einen Abend damit verschwenden, mit Menschen, die mein ganzes Leben schon nicht zu meinen Liebsten gehören, ertragen, während ich so tue als hätte ich all die Verletzungen, Beleidigungen und anderen Verletzungen meines eigenen aufgeblasenen Egos vergessen.“

Die Kirche nervt mich meist mit ihren Botschaften. Mit ihrer Weihnachtsbotschaft ist es ähnlich. Nettes Ziel, verfehlte Wirkung und schlechte PR dazu. HABT EUCH LIEB!… sonst kommt ihr nicht in den Himmel.

Was wollen wir wirklich an Weihnachten? Was ist es, das wir uns nicht wagen einzugestehen?
Das wir NICHT mit unserer Familie sein wollen? Das wir NICHT in der Lage sind, unser eigenes, unwichtiges und mickriges, Ego wegzustecken? Das es uns nicht die Bohne interessiert, ob an diesem Tag andere Menschen glücklich sind? Das wir selbst unglücklich sind? Das wir uns einer riesigen Scharade hingeben und nicht vernünftig unsere Wünsche äußern?

Es ist nicht viel, aber wohl doch zuviel verlangt, von Menschen zu erwarten, dass sie sich für eine kleine Weile im Jahr einfach lieb haben. Verlange ich das an einem bestimmten Tag, dann wird das allein schon aus Protest nicht klappen. Ganz normal-menschliches Verhalten. Erwarte nicht von mir ein Ziel zu erfüllen, dass ich ohne deinen Willen auch selbst erreichen wollen würde, sonst lehne ich es ab, da ich niemals einen anderenWillen meinem überordne.

Es ist vielleicht merkwürdig, das jetzt zu lesen, aber ich liebe Weihnachten!

Wenn ich durch die Kaufhäuser streiche.
Wenn ich einkaufen gehe.
Wenn ich einfach durch die kalte Stadt zum Training spaziere.
Wenn ich durch die emsige, gefräßige und stinkende Hölle schlendere, die sich Vorweihnachtsstress nennt…

dann werde ich innerlich ruhig.

Meist habe ich Musik auf den Ohren. Ruhige, laute, leise, hektische… egal. Ich könnte auch ein Hörbuch hören, denn was mich beruhigt ist nicht, abgeschnitten zu sein von dem Moloch um mich herum, sondern einzig ein perfider Gedanke:

„Und all diese Menschen haben genausoviel Zeit wie ich.“

Die Familie, die ich im Supermarkt 20 Minuten lang immer wieder beim streiten beobachten konnte (hören dank Musik nicht), steht letzten Endes neben mir in der Schlange. Rotköpfig, verschwitzt, angespannt und exakt eine Minute vor mir zur Tür hinaus.
Der Vater, der seine Frau durch die Kaufhalle traben lässt um noch die letzten der 72 Geschenke für sein wunderbares Drecksbalg zu besorgen sieht kein bisschen glücklicher aus, als ich es mit meinem Croissant bin, welches ich beim Bäcker verspeise und dabei in einem Buch stöbere, weil ich mir sicher bin, dass meine Familie mich auch ohne ein einziges Geschenk lieben würde. Gut das ich bereits einem passenden über den Weg gelaufen bin.

Gut, das ich mir keine besinnliche Zeit erkaufen muss.

Was will Weihnachten eigentlich von uns?
Was will ich eigentlich von Weihnachten?
Warum kann ich das nicht äußern?
Warum wird nicht akzeptiert was andere wollen?

Eigentlich ist das nicht viel. Scheinbar ist es zu viel für den Rest der Welt.

Besinnliche Weihnachten euch allen.