Verlorene Worte

Manchmal – wenn ich z.B. mitten auf der Straße / auf einer Party / in einem Seminar aufwache – merke ich, dass sich mein „passiver Autopilot“ in einem endlosen Monolog kluger Phrasen und Wortkunstwerke befindet. An diesem Punkt kommt es dann oft dazu, dass ich erstaunt feststelle, wieviele Worte ich gebrauche um auszusagen, dass man mir nach wenigen Sekunden nicht mehr zuhören müsste.Ich scheine meine Sätze zu bilden, auszuschmücken und mir Girlanden zu verschönern, ohne jedoch zu merken, dass ich dabei Worte verliere.

„zu viele Worte verlieren…“ bislang war das für mich etwas anderes. Das waren Bandwurmsätze, nicht-zum-Punkt-kommen, um den Brei herumreden, etc.
Aber verliere ich nicht viel wichtigere Worte, wenn ich drei Minuten versuche zu erklären, was mit fünf Worten gesagt wäre? Ich meine hierbei nicht die restlichen zwei Minuten und fünfundfünzig Sekunden Wortgebläse. Ich meine diese fünf kleinen Worte die nicht gesprochen wurden. Der Rest ist Füllmaterial, ganz so wie die Knisterfolie in zerbrechlichen Paketen. Man öffnet das Paket, holt die Folie heraus und spielt erst einmal damit herum. Aber wenn ich dann in das Paket schaue, fällt mir auf, dass das Paket leer ist.

So passiert es auch, dass der Sinn der Sätze sich… verflüchtigt. Ich beginne an einem Punkt und ende auf einer Spagettipackung. Und weder kann ich sagen wieso ich dort gelandet bin, noch wie ich dort hingekommen hin. Und erst recht nicht, was das erste mit dem zweiten zu tun hat…

Ich bin hin und hergerissen zwischen dem Wunsch nach einer reduzierten, klaren Sprache und einer ausgeschmückten, „blümeranten“ Sprachpoetik. Mal überwiegt das erste, meist allerdings das zweite. Zumindest scheint diesem in der Programmiersprache des „Sozial Intercourse Autopilot System“ meines Betriebssystems Vorrang gegeben worden zu sein.

Vielleicht kommt aus diesem Zwiespalt auch mein Drag zum redundanten Schreiben. Einen, meist schon früh klar präsentierten Gedanken immer und immer wieder „anders“ hinzustellen, oder in einem anderen Licht vielleicht noch klarer ist. Aber so wie Farbe irgendwann auch nur noch Braun ist, so wird es von Satz zu Satz undeutlicher.

Oder ich bin einer dieser Unsympathen, die sich selbst gern reden hören…

Lass mich dir von meiner Geliebten erzählen

Um die Metapher hinter dieser Geschichte (nicht Gedanksel) zu verstehen, ist es hilfreich, zu erwähnen, dass ich mich auf dieses Gedicht beziehe.

Lass mich dir von meiner Geliebten erzählen, und warum sie dort am Wegesrand steht. Ihr Blick hat dich gefangen genommen, wie es mir scheint. Ganz so wie sie auch mich immer wieder gefangen genommen hat.

Lass mich dir von meiner Nemesis erzählen, und warum sie dort am Wegesrand wartet, bis sie wieder aufgesammelt wird. Von ihrem falschen Spiel, ihrer Eifersucht und ihren Manipulationen.

Zu Beginn war es wunderbar. Wahres, aufrichtiges finden und gefunden sein. Wir konnten uns alles erzählen und ihre Antworten waren für mich stets unersetzbare Schätze, Diamanten gleich in denen sich meine Worte hundertfach brachen, spiegelten und bunte Lichtspiele warfen. Mit ihr zu reden war eine kalte Dusche nach einer müden Nacht. Erfrischend, aufrüttelnd, eine Stärkung für das was kommen mag. An sie zu denken hat mich immer und immer wieder mit einer wohligen Wärme erfüllt, in der ich aufgehoben war und der Welt umher weniger ausgeliefert war.

Im Laufe unserer Beziehung haben wir uns näher kennengelernt. Die Gespräche gewannen eine andere Intensität, nahmen mehr und mehr Platz in meinem Leben ein; bestimmten mein Sein. Ich war abhängig von ihrem Rat. Nichts, das ich nicht dafür gab, sie bei mir zu haben und ihren Rat zu erlangen. Was ein gleichberechtigter Dialog war, wurde zu einem Diktat, einer masochistischen Abhängigkeit meinerseits. Und es ging mir gut damit. Denn ich bekam was ich wollte, wollte nicht mehr als ich bekam. Ob ich noch immer Wärme verspürte kann ich schwer sagen. Mein Geist verklärt diese Zeit sehr, blockiert die Einzelheiten und versperrt die Sicht auf Erkenntnisse. Doch zumindest musste es die Kälte aus meinem Geist fortgehalten haben, denn ich war zufrieden. Mit dem was ich hatte, dem was ich nicht hatte.

Doch dann lernte ich jemand Neues kennen. Bunt, quirlig, voller Leben. Wie ein Sommerwind kam sie über mich und fegte alle Zufriedenheit fort. Was vorher guter Rat war, bekam den Beigeschmack hohler Worte. Vorher akzeptierte Wahrheiten fielen als Trugbilder zusammen. Es war ein erneutes Erwachen, ganz wie ich es zu Beginn meiner Beziehung erlebt hatte. Was war passiert? Wann hatte ich aufgehört meine eigene Meinung zu sehen, ihre Meinung zu hinterfragen? Sie, die neu war, erhob nicht einmal den Anspruch darauf, mir Wahrheiten zu geben. „Lebe einfach.“ sagte sie immer, wenn ich meine Sorgen und Gedanken präsentierte. „Lebe.“ Huh. Es fühlte sich so an, als wäre ich seit Jahren nicht mehr lebendig gewesen. Jetzt, wo sie mich dazu aufgefordert hatte.

Aber ich bin kein Mensch, der loslässt und vergisst, nur weil irgendwo etwas glitzert. Also ging ich mit meinen Sorgen zu meiner Geliebten, erzählte ihr von der neuen Freundin, den neuen Gedanken. Zuerst sagte sie nichts. Schaute mich nur an. Dann nickte sie, lächelte merkwürdig und sagte nur „Geh.“ Und ich ging; bestimmt zwei Schritte. Daran halte ich mich fest. Zwei Schritte bin ich mindestens gegangen. Zwei kleine, mutige Schritte, bis mich ihr Schatten einholte. Vielleicht bin ich noch einen zögernden halben Schritt weitergestolpert, doch dabei blickte ich schon zurück. Wollte ich das? Was meinte sie damit? War ich so ersetzbar? Lag ihr so wenig an mir?

Fragen zerfetzten mein Hirn, Spekulationen jagten gefühlte Gewissheiten, Zweifel ließen mich verharren. Dort. Zweieinhalb Schritte von ihr entfernt. Zweieinhalb Schritte und eine halbe Körperdrehung.

Nachdem ich zu ihr zurückgekehrt war, die neue Freundin ausgesperrt hatte und alles gab, um meine Beziehung zu ihr wieder so zu gestalten, wie sie war… Nachdem ich also mein gesamtes Sein verraten hatte, begann sie eifersüchtig und herrisch zu werden. Wagte ich es, irgendwohin zu schauen, bestrafte sie mich. Gab ich Widerworte, entzog sie sich mir. Doch ich brauchte sie. Brauchte sie mehr als ich mein eigenes Sein brauchte, denn dort – so schien es mir – lag kein Glück. Nur bei ihr. In der Bestätigung durch sie konnte ich finden was ich suchte.

Zeit ist eine merkwürdige Sache. Während damals kaum Zeit vergangen sein konnte, fühle ich mich heute doch so, als sei ich ein ganzes Leben so verharrt. Ohne Ego, ohne eigenes Leben und ganz der Sklave meiner manischen Herrin. Und wieder war ich glücklich. Oder nicht wirklich unglücklich. Zumindest nicht für mich spürbar. Oder spürte ich es, war aber zu schwach mich ihr zu entsagen?

Irgendwann fand ich jedoch diese Stärke. Irgendwie gelang es mir, die Tür zu finden, die mich herausbrachte aus dem Gefängnis, das ich mir selbst gemauert und eingerichtet hatte. Und meine alte, fast vergessene Freundin stand vor mir. Älter, grauer und weniger quirlig. Sie sah mich an, ihre Augen zwei Sterne aus Lebensfreude. Sie hauchte ein leises „Da bist du ja endlich.“, nahm mich bei der Hand und ging mit mir fort.

Später sah ich sie dort stehen, am Wegesrand. Sie sah mich an und sagte „Bleib stehen!“ Ich lächelte leicht und antwortete: „Jetzt gerade nicht.“ Denn die Zeit war nicht gekommen. Während ich weiterging dachte ich aber über sie nach. Und in meinem Kopf war nicht das Bild, welches ich so lange mit mir herumgetragen hatte. Ich erkannte, dass ich eine alte Freundin wiedergefunden hatte. Eine die ich bald wieder besuchen wollte. Eine Freundin, mit der ich über alles reden konnte und die mir Rat gab, den ich als wertvoll erachten würde.

Heute kenne ich die Trauer, so wie sie ist: Wertvoll, tiefgründig und ehrlich. Aber auch hinterlistig, klammernd, eifersüchtig und manipulierend. Heute kann ich sie besuchen und verliere mich nicht.

Hoffentlich.

Steine und Menschen

Ich fühle mich schwer, plump und kalt. Ganz so als sei mein Körper aus Stein.

Meine Gedanken beginnen zu erstarren und mein Körper scheint Risse zu bekommen, aus denen das Leben in feinem, klebrigen Staub herausrinnt. Jede Bewegung, jede Erschütterung, ja sogar jeder Windstoß wirbelt eine dichte Wolke auf, die mich schleift, mir die Sicht nimmt und über meinem Kopf in unerreichbare Ferne entschwindet. Einzig der Hauch dessen, was von mir gegangen ist bleibt auf der wunden Hülle zurück.

Ich sollte schreien. Schreien ob der Risse, des schleifenden Saubs, der klaffenden Wunden die er zurücklässt. Doch mein Mund bleibt stumm. Wo Schmerzen sein sollten, ist nichts als Leere. Wo mich Verzweiflung überkommen sollte herrscht Apathie.

Mein Leben verlässt mich in einem beständigen Strom und ich zerstöre mich selbt, doch weigert sich alles in mir, den Verfall aufzuhalten. Wut auf mich selbst blockiert wie eine lodernde Wand, dass ich meine steinerne Hülle zerschmettere und von mir streife.

Ich fühle mich wie ein Stein an einem Berghang. Durch mein eigenes abschleifen nehme ich mir selbst den Halt, rutsche ich – oder vielmehr die Reste von mir – hilflos den Hang herab.

So sitze ich da, klein und kalt im Gefängnis meines Körpers, in vollem Bewusstsein meiner Selbst und hoffe darauf, aus einem Traum aufzuwachen der keiner ist.

Hear hear!

Kluge Worte sind ein Fluch,  der sich selbst bedingt und sich den Ausweg nimmt. So kann man klug beginnen. Habe ich sogar. ZOMG.

Es gibt Phasen, da könnte ich mir selbst die Fresse einschlagen, mich erwürgen, mir die Zunge raus reissen, die Finger abhacken, mich im Meer versenken (natürlich mit Betonschuhen)… kurz (und klug) gesagt: da mag ich mich nicht besonders.
Genauer gesagt: da mag ich die Worte die ich von mir gebe nicht.

Wer kluges Zeug redet, merkt oft nicht, wann es nur noch flussiger bullshit ist und eben… kluges Zeug. Das wäre die eingehend (uuuh. Kluge Worte!) erwähnte Ausweglosigkeit. Und wenn man es dann merkt, dann hat man ja genug kluge Worte, sich dafür zu rechtfertigen, rauszureden, oder es anderweitig abzustreiten.

Ich komme in dieser Erkenntnis dann zu dem Punkt, naja… ich glaub es ist klar was ich dann für einen Punkt erreiche.

Aber ganz kann ich die klugen Worte auch dann nicht lassen. Es ist so, als würden sie aus mir heraussprudeln. Als wäre es ihnen unmöglich, ein ungesprochenes / ungeschriebenes Leben zu führen und in stupider Mittelmäßigkeit zu verharren. Ein jedes ist etwas ganz besonderes. Ya fo sho…
Sich selbst zuzuschauen, wie man etwas tut, wofür man sich nicht mag ist… erbärmlich. Und auch wenn Psychologen und anderes kroppzeusch hier anwenden könnten, das nur wir selbst una erbärmlich gestalten und so weiter… darum geht es ja! Das die eigene Darstellung, trotz aller Klugheit und Besonnenheit, machtlos daneben steht, wenn das Hirn weitere Eskapaden (yeah. I’m on FIRE) auspackt und zuschaut, unfähig einzugreifen und dem Hirn das zu geben was es verdient: ne Maulschelle.

Aber vielleicht geht es auch nur mir so, weil ich so unglaublich klug und selbstreflektiert bin…
Ja, das muss es sein.

Indeed.
Hear hear.

In einer anderen Welt

Wäre die Welt anders als sie ist… doch das ist sie nicht. Und sie wird es auch nicht sein, werden oder gewesen sein. Unsere Wünsche, so scheint es mir wieder einmal, sind Spielbanken ohne Gewinngarantie. Wir zocken und zocken, in der Hoffnung auf mehr und das Anhalten unserer Gewinnsträhne. Aber im Hinterzimmer sitzt ein kleiner, dicker und gehässiger Drecksack, nur einen Knopfdruck vom Tilt entfernt.  Und sein fetter, vom  Schweiß nasser Knubbelfinger schwebt schon darüber.

Wären wir in einer anderen Welt… könnte ich durch die Schleier sehen…
So wäre doch nichts gewonnen.
Denn ich bin wer ich bin und wir sind alle Spielbälle unserer Wünsche. Completely, utterly dependent.

Wäre dies eine andere Welt… könnte ich erwachen…
Doch ich schlafe nicht. Träume nicht. Täusche nur die Augen und ersetze die grellen Farben meiner Welt mit den harmonischen Schwingungen meines Wollens. Sich selbst zu belügen kann gut tun. Daraus aufzuschrecken nie.

In einer anderen Welt, unter anderen Sternen, ja da wäre ich großer als mein Kopf.

Doch ich bin wer ich bin und nicht wer ich sein will.