Am Subjekt vorbei sehend

Oder auch ‚objektiv sein‘. Aber wer kann das schon sein in diesen Zeiten in denen wir unseres eigenen Ichs bewusster sind als vermutlich je zuvor. Long Live Science!

Ich kann nicht ohne mich selbst denken. Allein in dem vorangegangenen Satz verdoppelt sich mein Ich, schwillt mit jedem weiteren meiner Sätze an und wird zu einem einzigen, zähflüssigen Brei den wir (also ich) Meinung nennen.

Meine Meinung bin Ich und Ich kann nicht ohne Meinung sein; nicht einmal als Mitglied einer Konsumgesellschaft mit Privatsendern und Internetzugang im Kühlschrank. Jedes Bild das ich mir bilde, jede Ansicht die ich zu anderen Meinungen entwickle kann und muß nur über mein eigenes Denken – und damit mein eigenes Ich – ablaufen; und verbleibt somit in mir selbst verankert.

In dieser speziellen Konstellation wäre somit der Spruch „niemand kann objektiv sein“ nur unter der Prämisse geltend das er „ohne das eigene Subjekt denkend“ meint. Wenn ich jedoch nicht ohne dieses Ich denken kann ist es unsinnig es in den Betrachtungen ausklammern.

Eine jede Betrachtung eines Anderen müsste sonst ‚objektiv‘ in sich sein, behandelt das Ziel des Gesagten, der Meinung, etc doch immer ein Objekt (weil nicht durch mein Subjekt damit verbunden) meiner subjektiven (aus meinem eigenen Subjekt stammend) Wahrnehmung.

Und darum mag ich Menschen die „so eine Frechheit“ sagen rein ‚objektiv‘ nicht.

Das fremde Ich

Er erwachte, wie an jedem beliebigen anderen Werktag, als sein Wecker ansprang und in stetig steigender Lautstärke ein Piepen durch die Wände seine Träume schleuderte. Sein stets hellwacher Geist hatte auch heute keine Probleme sich zu sortieren und die gewohnten Handlungen anzuregen. Er stand auf, fischte seine Schlappen unter dem Bettüberzug hervor, schüttelte Kopfkissen und Bettdecke auf und schlug die Tagesdecke mit derselben geübten Bewegung zurück, wie er es seit dem Tod seiner Frau die letzten neun Jahre zu tun pflegte. Ein prüfender Blick, ein kleines, verkniffenes Lächeln und er wandte sich ab um seine Morgentoilette zu erledigen.

Ich schaue diesem Wesen hinterher. Jenem Sinnbild, dass einem ersten, kurzen Gedanken in meinem Kopf entsprungen ist und ein eigenes Leben entwickelt hat. Eigenes Leben? Hat es das, wenn alle seine Handlungen und Gedanken einem Gedankengang meines Hirnes entsprungen und doch nur symbolisch zu verstehen sind? Ist das kleine Lächeln Ausdruck einer Freude oder doch nur das I-Tüpfelchen auf der Leinwand eines alten, routinierten – fast schon neurotisch exakten – Prototypen von Menschsein, den ich zu entwerfen versuche?
Wie viel Leben hat dieses Ich eigentlich, das ich die Bühne betreten und agieren lasse nach einem Plan, der von Beginn bis Ende festgeschrieben scheint? Steht mehr hinter seinen Handlungen, in diesem Raum den ich nicht definiere; sei es aus Faulheit, Vergesslichkeit oder literarischer Notwendigkeit? Lächelt er vielleicht das angegraute, tausendfach verliebt betrachtete Bild seiner Frau an, während die Gewohnheit eines in gemeinsamer Glückseligkeit verbrachten Lebens mechanisch die Rituale des Aufstehens erledigt? Lächelt er über die befriedigende Genauigkeit seiner Arbeit, während seine faltige Hand die Kordrillen der Tagesdecke in einen exakt rechten Winkel zur Bettkante streicht und ein innerer Dämon endlich Ruhe gibt?
Wem gehört dieses Lächeln, dass ich veranlasst habe, welches aber von einem anderen Ich gelächelt wurde?

Während er sich unter die Dusche stellte und das Radio aufdrehte, befasste sich sein Geist bereits mit den anstehenden Tagesaufgaben. Butter ging aus, Brot auch. Einen Termin bei der Friseurin musste er auch machen, die Rothaarige war heute im Laden. Roswita oder Klara. Er wusste nicht mehr wie sie hieß, aber dafür war sie stets freundlich und gab ihm nach dem Schnitt meist noch eine kurze Kopfmassage, auch wenn ihre Chefin das nicht erlaubte und mit ihr schimpfte. Was sie jedoch stets mit einem Zwinkern in den Augen sagte, weshalb er nicht ganz wusste ob das ein Scherz war oder nicht. Oh und Käse durfte er nicht vergessen, den guten Emmentaler. Der alte war trocken geworden als er gestern beim Abendbrot kurz…

Meine Gedanken überschlagen sich in dem Versuch, im Denken des Anderen mitzuhalten. Dabei habe ich alle Zeit der Welt um aufzuschreiben, was ich mir selbst ausdenke, denn ich bin natürlich nicht unter der Dusche und meist denke ich dort auch nicht über Alltägliches sondern über Transzendentes nach. Komische Angewohnheit. Aber ein anderes Thema. Ich bin gefangen im Tempo des Wesens, das denkt und denkt und denkt; emsig wie ein kleiner, schrumpeliger Käfer, der im Sommer seine Mistkugel vor sich herschiebt. Seine Gedanken sind meine Gedanken und doch humpele ich hinterher im Versuch einzutauchen in eine Welt, die letztlich dann eben doch nicht meine ist. Und wieder der Zweifel: oder ist sie das doch?
Wem gehört diese Gedankenwelt, in der sich die mir ungewohnten Gedanken eines fast fertig gelebten Lebens wie an einer Perlenschnur aufreihen in der kleinen Welt eines Menschen, der bereits die ganze Welt gesehen hat. Oder auch nicht.
Ich weiß es nicht.
Ich müsste ihn fragen ob er bereits genug oder noch nichts gesehen hat. Seine Welt beschränkt und mit Mauern umgibt um geliebte Erinnerungen zu schützen oder weil die Grenzen seines Geistes härter sind als Beton.
Dieses Ich, der aus mir entsprungene Gedanke, wird mir zunehmend fremd und ich blickte verwirrt, zugleich aber auch gespannt auf die nächste Szene die sich mir entfaltet.

Indem der Mensch die Dinge um sich herum benennt, schält er sie ins Bewusste, beraubt sie damit der Möglichkeiten die sie hätten sein können und presst sie in eine Form, die er nach seinem Willen formen kann. Ähnlich diesem Prinzip stehe ich zwischen mir selbst und dem Wesen meines Geistes, gebannt verharrend in einer bizarren Handlungsunfähigkeit. Unzählige Szenarien verlebt mein Gegenüber innerhalb kurzer Gedankenblitze, während ich gemächlich das Schampoo aus meinen Haaren reibe und damit beginne meinen Körper einzuseifen. ‚Es ist schon merkwürdig mit den Gedanken‘ denke ich, als der Schaum an meinem knorrigen Körper in den Tälern der Falten abläuft und dabei ein Flussdelta bildet. Ganz wie am Nil damals. Ah, ist das schon lange her. Aber schön war es damals und nicht so verworren, als er noch mehr hatte als dieses fremde Ich um sich selbst zu unterhalten.

Nuancen

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mich beschäftigen.

Das große Ganze ist mir hingegen eigentlich zumeist recht wumpe. Griechenlandjedersagtwasdazukacke? Meh.
Eurokrise und Finanzprobleme?
Ich bin seit Jahren nicht richtig arm und nicht bestimmt nicht reich. Abgesehen davon: in einer Krise stecken wir alle. Eine Seinskrise vielleicht, es könnte aber auch das Ende der Welt sein. Des passt schon. Und wenn nicht, dann ist es mir genauso egal wie vorher.

Die kleinen Dinge allerdings… das, was zwischen dir und mir schwebt, was in der Luft bleibt, wenn zwischen Menschen jenes furchtbare, zum scheitern verurteilte Ungetüm namens Kommunikation schwebt. Oder eben gerade nicht. Wenn Schweigen zwischen Freunden ist, wo Antworten sein müssten. Diese Stille zwischen zwei Worten,  die eigentlich nur die Summe ihrer Dinge ergeben sollten, jedoch unzählige weitere Elemente ermöglicht. Der Lärm in meinem Kopf, wenn eigentlich Stille sein sollte und dafür passend die ohrenbetäubende Leere, wenn ich mitten in dem stehe, was manch einer als Leben bezeichnen wollen würde.

Es sind diese ungelenken Kleinigkeiten – sozusagen der Schmierfilm zwischen den Dingen – die mir keine Ruhe lassen.

Das Miteinander – wenn es denn nicht ein Gegeneinander ist – gestaltet sich bedauerlicherweise in unserer Welt, die wir uns zumindest räumlich teilen, oft als… unklar.
Es gibt meistens Spielraum.
Nuancen.
Und das ist, wo wir alle gefickt werden.

Wir lernen vermutlich alle mehr oder weniger von Geburt (oder doch sehr bald danach) an, dass wir ein Ich haben. Etwas, das wir sind und das uns, je nach Ausprägung, auch ausmachen sollte. Was auch immer wir tun oder lassen, dass Ich ist mit dabei. Wer da anders denkt, kann ja mal versuchen eine Woche ohne das Wort „ich“ und seine Verwandten auszukommen. Unser Denken beginnt bei uns selbst, wir sind quasi das Zentrum unserer Welt. Zugegeben, nicht jeder von uns ist ein Zaphod Beeblebrox und hält sich für den Mittelpunkt des bekannten und vermutlich auch unbekannten Universums.
Davon spreche ich auch gar nicht. Zu verlangen, das wir uns von uns selbst loslösen und gänzlich ohne eigene Person denken ist nicht nur ein sehr hoher Anspruch, sondern ein unmöglicher. Wir können schlicht nicht anders denken, als wir selbst. Alles was außerhalb dessen liegt können wir uns einfach nicht denken.

Das ist nicht so wie die Herausforderung an ein Schwein (welches wohl nicht nach oben schauen kann), den Himmel zu betrachten. Dabei kann das Schein clever sein und sich einfach herumwälzen. Das ist vergleichbar mit dem Wunsch, in der siebzehnten Dimension Dinge zu tun, die außerhalb meines Sprachgebrauchs liegen. Denn sobald ich es beschreiben kann, entspringt es wieder meinen Kopf und ist damit von mir gedacht. Klar gibt es keine Garantie, dass ich nicht gerade in jener fernen Dimension jene Dinge tue die ich nicht beschreiben kann, aber davon weiß ich nichts; immerhin bin ich an meine 3-4 Dimensionen gebunden.

Wenn wir also jetzt annehmen, dass unser Denken unabdingbar mit unserem Ich verwoben ist wird vielleicht deutlich wieso wir am Arsch sind, wenn wir miteinander kommunizieren. Das muss doch schief gehen! Ich bin mir ja teilweise meines eigenen Denkens nicht sicher, wie soll ich dann auch nur im Ansatz behaupten können, ich würde verstehen was jemand anderes denkt?!
Und doch tun wir das immer wieder. Also es sagen. Zumindest öfter als wir es dann auch wirklich umsetzen. Also das Verstehen.

Irgendwo auf der Strecke zwischen uns und unserem Gegenüber ist ein Loch, welches wir zwar immer wieder versuchen zu füllen, was uns aber niemals gänzlich gelingen kann. Und so traurig das jetzt klingen mag, kann ich für meinen Teil darin sogar eine Befreiung finden. Nun ja. Teilweise. Befreit werde ich grundsätzlich von der Last des Versagens, wenn es mir nicht gänzlich gelingt mein Gegenüber zu verstehen. Oder der Angst, endlos narzisstisch zu sein, wenn mir wieder einmal auffällt, wie oft das Wort „ich“ in seinen Spielarten in diesem Text schon wieder auftaucht.

Wovon es mich allerdings nicht befreit, dass sind die Dämonen, die in diesem Loch schlummern. Die dunklen Gedanken, welche das Loch zu mehr machen als einer Strecke, die ich gerne überbrücken würde. Sie heizen darin Feuer an, schnappen sich spitze Metallforken, schnallen sich Hörner, Echsenschwanz und Hufe um und tanzen irre gackernd im flackernden Schein verbrennender Hoffnung.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mich beschäftigen. Und es sind die kleinen Dinge, die meine ganz persönliche Hölle beschwören.