Morgendliches Gezwitschere

Da sitz‘ ich jetzt an einem dieser Morgen, die ja dafür da sein sollen das man ‚mehr vom Tag hat‘ und ich denke mir unentwegt:“Verfickte Scheiße, wer braucht diesen Kropf vom Tag?“

Das klingt jetzt so als hätte ich die Gedanken textrein umgedichtet; denn so denkt doch –  also wirklich genau so – ja so denkt doch einfach keiner. Well… Bullshit. Ich denke exakt genau so. Genüsslich polemisiere ich in meinem Kopf umher, denn die Narrenfreiheit habe ich für mich in meinem Kopf ja gepachtet. Die Gedanken sind frei und so – was denn? Ich lebe in Berlin, da darf ich sowas schreiben.

Ich sitze also zu Zeiten in der Sbahn zu der man sonst nur Kinder zum Brötchen-und-Bier-holen aus dem Haus jagt und bewundere die majestätische Pracht eines in grau getünchten Mickermorgens. Mit grauen Elementen zum aufdunkeln, es soll ja langweilig bleiben. Einheitsbrei um mich herum zum Frühstück, denn um was Gescheites zu frühstücken hatte ich nicht die Zeit . Da kamen mir ungefähr neun mal „nur noch fünf Minuten“ dazwischen. Und um die muß sich ja auch einer kümmern.

Wo kämen wir da generell hin? Wenn jeder einfach so die Hindernisse des Alltags überwinden und seinen Kram erledigen würde. Das wäre die totale Diskriminierung gegenüber allem was verschoben werden will! Eine Welt voller zufriedener, ausgeglichener und erfüllter Menschen… Mir käme mein Frühstück hoch, hätte ich eines zu mir genommen.

Ich nibbel an meiner Hipsterbrause.

Es ist entspannend, dass wir das morgendliche Gezwitscher der Flugratten gegen das Gezwitschere mit unsren Denkophonen eingetauscht haben. Außer wenn jemand vergessen hat den Ton leise zu stellen herrscht angenehme Stille im Zug – nicht das ich diese wahrnehmen würde, ich habe wie immer Musik auf den Ohren und verhinderte jegliche ungewünschte Annäherung.

Es ist sowieso einfach nur schlimm wie sehr die Menschen vereinsamen mit diesen Smartphones. Ich erinnere mich noch dunkel an meine Kindheit und all das viele Gequatsche mit Fremden im Zug oder Bus. Und die alle waren ja auch total offen für unvergnügliche Schmalspurgespräche mit ihren miefenden, besoffenen, oder anderweitig debilen Mitreisenden. Ach, was war das nur für eine wundervolle Zeit in den smartphonlosen Tagen, als die Menschen noch ihr Bedürfnis nach sozialem Kontakt mit den anderen ausgehungerten Leidensgenossen teilen konnten.

Ich nibbel weiter an meiner Hipsterbrause. Irgendwie bekommt mir der Prollsarkasmus gerade nicht.

Der Zug rollt weiter in Richtung eines Ziels mit dem ich mich lieber nicht auseinandersetzen möchte, also lenke ich meine Gedanken wieder in die Richtung der Smartphonesucht unserer Zeit. Jener scheinbar vereinsamenden Wut, die uns umtreibt und den mannigfaltigen, uns umgebenden Kontaktmöglichkeiten die kalte Schulter zeigen lässt.

Ich bleibe wieder daran stehen, dass diese Menschen um mich herum -ich nicht, ICH schreibe ja wichtige Literatur! – dass diese Menschen also irgendwie doch fast alle… nunja… kommunizieren. Mit Menschen. Nur eben Menschen die sie gern haben oder die sie gern haben wollen und treffen oder ficken oder oder oder… Also zumindest Menschen die sie kennen, wenn auch nur flüchtig vielleicht. Menschen, die ihnen etwas bedeuten im Gegensatz zu den ganzen Dumpfbacken die sie gerade umgeben. Früher, als ich klein und gerechtfertigt unwissend war, da nannte sich sowas Beziehungspflege. Vermutlich auch so etwas, das die jungen Menschen von heute nicht mehr tun. Also ich auch nicht. Oder ich doch schon noch?

Ich schlürfe den Rest meiner Hipsterbrause. Wie immer muß ich pissen wie ein Hirsch sobald das passiert.

Wann bin ich eigentlich alt? „Trau keinen über dreißig“ ist ja nicht mehr relevant, da wir ja alle Nazis sind. Ich dank meines Geschlechts und meiner Hautfarbe. Nur eines davon berechtigt mich zum Rassismus aber immerhin muss ich gar nicht mal was tun um es zu sein. Und das andere ist als genereller Vorwurf sowieso immer geeignet. Da müsste ich jetzt mansplainen um den Unterschied zu verdeutlichen.

Alter ist so ein Ding, welches die Menschen benutzen wie es ihnen gerade passt, oder? Brauch ich ne Ausrede gegen Sport, hab ich ja gestern erst.. und in meinen Alter braucht das länger bis…

Da ich aussteigen muß und nicht mehr genug Hipsterbrause in mir drin ist um weiter über so einen Rotz nachzudenken, werde ich vermutlich gleich einfach ein Kind schubsen und einem alten Man den Stock stehlen. Vielleicht werf ich auch ner Schwangeren was auf den Boden. Oh! Oh! Oh! Und irgendwas Fremdes anpöbeln. Am besten was das nach Ausland aussieht. – Ich bin Sozialarbeiter, ich darf das.

„Karma’s a bitch“ und so. Gleichmäßig ätzend sein und du klebst nirgends fest, wah?

Nuancen

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mich beschäftigen.

Das große Ganze ist mir hingegen eigentlich zumeist recht wumpe. Griechenlandjedersagtwasdazukacke? Meh.
Eurokrise und Finanzprobleme?
Ich bin seit Jahren nicht richtig arm und nicht bestimmt nicht reich. Abgesehen davon: in einer Krise stecken wir alle. Eine Seinskrise vielleicht, es könnte aber auch das Ende der Welt sein. Des passt schon. Und wenn nicht, dann ist es mir genauso egal wie vorher.

Die kleinen Dinge allerdings… das, was zwischen dir und mir schwebt, was in der Luft bleibt, wenn zwischen Menschen jenes furchtbare, zum scheitern verurteilte Ungetüm namens Kommunikation schwebt. Oder eben gerade nicht. Wenn Schweigen zwischen Freunden ist, wo Antworten sein müssten. Diese Stille zwischen zwei Worten,  die eigentlich nur die Summe ihrer Dinge ergeben sollten, jedoch unzählige weitere Elemente ermöglicht. Der Lärm in meinem Kopf, wenn eigentlich Stille sein sollte und dafür passend die ohrenbetäubende Leere, wenn ich mitten in dem stehe, was manch einer als Leben bezeichnen wollen würde.

Es sind diese ungelenken Kleinigkeiten – sozusagen der Schmierfilm zwischen den Dingen – die mir keine Ruhe lassen.

Das Miteinander – wenn es denn nicht ein Gegeneinander ist – gestaltet sich bedauerlicherweise in unserer Welt, die wir uns zumindest räumlich teilen, oft als… unklar.
Es gibt meistens Spielraum.
Nuancen.
Und das ist, wo wir alle gefickt werden.

Wir lernen vermutlich alle mehr oder weniger von Geburt (oder doch sehr bald danach) an, dass wir ein Ich haben. Etwas, das wir sind und das uns, je nach Ausprägung, auch ausmachen sollte. Was auch immer wir tun oder lassen, dass Ich ist mit dabei. Wer da anders denkt, kann ja mal versuchen eine Woche ohne das Wort „ich“ und seine Verwandten auszukommen. Unser Denken beginnt bei uns selbst, wir sind quasi das Zentrum unserer Welt. Zugegeben, nicht jeder von uns ist ein Zaphod Beeblebrox und hält sich für den Mittelpunkt des bekannten und vermutlich auch unbekannten Universums.
Davon spreche ich auch gar nicht. Zu verlangen, das wir uns von uns selbst loslösen und gänzlich ohne eigene Person denken ist nicht nur ein sehr hoher Anspruch, sondern ein unmöglicher. Wir können schlicht nicht anders denken, als wir selbst. Alles was außerhalb dessen liegt können wir uns einfach nicht denken.

Das ist nicht so wie die Herausforderung an ein Schwein (welches wohl nicht nach oben schauen kann), den Himmel zu betrachten. Dabei kann das Schein clever sein und sich einfach herumwälzen. Das ist vergleichbar mit dem Wunsch, in der siebzehnten Dimension Dinge zu tun, die außerhalb meines Sprachgebrauchs liegen. Denn sobald ich es beschreiben kann, entspringt es wieder meinen Kopf und ist damit von mir gedacht. Klar gibt es keine Garantie, dass ich nicht gerade in jener fernen Dimension jene Dinge tue die ich nicht beschreiben kann, aber davon weiß ich nichts; immerhin bin ich an meine 3-4 Dimensionen gebunden.

Wenn wir also jetzt annehmen, dass unser Denken unabdingbar mit unserem Ich verwoben ist wird vielleicht deutlich wieso wir am Arsch sind, wenn wir miteinander kommunizieren. Das muss doch schief gehen! Ich bin mir ja teilweise meines eigenen Denkens nicht sicher, wie soll ich dann auch nur im Ansatz behaupten können, ich würde verstehen was jemand anderes denkt?!
Und doch tun wir das immer wieder. Also es sagen. Zumindest öfter als wir es dann auch wirklich umsetzen. Also das Verstehen.

Irgendwo auf der Strecke zwischen uns und unserem Gegenüber ist ein Loch, welches wir zwar immer wieder versuchen zu füllen, was uns aber niemals gänzlich gelingen kann. Und so traurig das jetzt klingen mag, kann ich für meinen Teil darin sogar eine Befreiung finden. Nun ja. Teilweise. Befreit werde ich grundsätzlich von der Last des Versagens, wenn es mir nicht gänzlich gelingt mein Gegenüber zu verstehen. Oder der Angst, endlos narzisstisch zu sein, wenn mir wieder einmal auffällt, wie oft das Wort „ich“ in seinen Spielarten in diesem Text schon wieder auftaucht.

Wovon es mich allerdings nicht befreit, dass sind die Dämonen, die in diesem Loch schlummern. Die dunklen Gedanken, welche das Loch zu mehr machen als einer Strecke, die ich gerne überbrücken würde. Sie heizen darin Feuer an, schnappen sich spitze Metallforken, schnallen sich Hörner, Echsenschwanz und Hufe um und tanzen irre gackernd im flackernden Schein verbrennender Hoffnung.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mich beschäftigen. Und es sind die kleinen Dinge, die meine ganz persönliche Hölle beschwören.