Mathematische Differenzen

„Ich bin nicht immer so kompliziert“ sagte er und sie antwortete, sie sei es im Gegenteil immer.
Beide wussten sie, dass der andere nicht ganz sie Wahrheit sagte; fast körperlich spürten sie um den Kern einer gemeinsamen Wahrheit, die unausgesprochen hinter den Sätzen hing.

War er wirklich nicht immer so kompliziert? Oder doch auch immer? Etwas dazwischen?

„Du bist so kompliziert“, das war ein Satz der ihm schon oft gesagt wurde. Von Freunden, Partnerinnen, Familie oder auch Fremden, die nicht mehr als fünf Minuten mit ihm gesprochen hatten. Ungeachtet seiner Wortwahl, egal wie er sich gab oder auch nicht, begleitete ihn dieser Satz bereits so lange er zurückdenken konnte.

Einmal jedoch, fiel ihm ein als er ihre Worte hörte, hatte er aus dem Bauch heraus geantwortet: „Ich bin nicht kompliziert. Ich schwinge nur auf einer gänzlich anderen Welle. Wer dort hinkommt, für den bin ich echt simpel zu verstehen.“ Lange hatte er darüber nachgedacht, was in dieser Situation aus ihm herausgepurzelt war. Lange und gründlich, wie es so seine Angewohnheit geworden war, stets bedacht möglichst alle Blickwinkel zu berücksichtigen.
Anschließend hatte er es – auch ganz seine Angewohnheit – vergessen. Bis es nun wieder aus dem Sumpf seiner Gedanken auftauchte, in dieser einen Situation in der sie ihn ansah und diesen einen Satz sagte.

Wenn das Leben in einer Kurve aus Höhen und Tiefen (beispielsweise Sinusförmig) gezeichnet würde – so dachte er während sich ihre Augen für einen Augenblick schlossen und zu einem perfekten Bogen aus perfekten Wimpern wurden – dann würden sich die Unterschiede zwischen den Menschen leicht erklären. Ein Höhepunkt mehr im Leben, ein Steigungswechsel in den Stimmung, ein Wechsel im Vorzeichen der Erfahrungen, jede noch so kleine Änderung einer einzigen Konstante oder Variable und ein Leben verliefe neben denen der Anderen.

Leben – so seine Überlegung während sich ihre Lider wieder öffneten und ihm den Blick auf ihre unwiderstehlichen grünen Augen freigaben – schien ihm auf einmal viel klarer, reiner und zu definieren. Sehnsucht als der Versuch Lebensfunktionen aneinander anzugleichen, Entscheidungen als willentliche Kürzungen, Substraktionen und Manipulationen von Variablen durch Pläne und das alles in dem Wunsch, möglichst viel Phasengleichheit zu erlangen. In einen Zustand gleichen Schwingens zu gelangen, mit gleichen Steigungen, Nullpunkten, auf den selben Achsen in den selben Dimensionen.

Während ihre Augen ihn anblickten und doch durch ihn hindurchgriffen, während seine Blick ihre Augen traf und sich doch in weiter Ferne verlor wurde ihm eines klar, was er damals nur in seiner scheinbar schlagfertigen Art mit einem Witz hatte sagen können: Für ihn gab es keine dieser Funktionen. Kein Angleichen würde ihn je in diese Welt aus geraden, gebogenen, durchgezogenen und klar zu definierenden bringen. Wenn er versuchte, sich selbst in diesem Bild zu sehen, so blieb ein nebulöses, waberndes und atmendes Knäuel übrig. Ein Haufen unscharfer, rauschender Pixel vor einem Hintergrund klarer Konturen.

Und während ihm dies dämmerte, verriet ihr Blick ihm, dass es ihr genauso ging. Vielleicht sogar vielen anderen Menschen; das war ihm egal. Denn was er sah – dort wo ihre Augen in ihre Gedanken übergingen, an diesem Ort in den sie ihn blicken ließ ohne es zu wissen und an den er sie vermutlich im gleichen Maße blicken ließ – war die Gewissheit, dass sie mit ihm in Gleichklang atmete.

Zumindest für diesen einen Augenblick.

Dialoge I

Er: Für was bewirbst Du Dich eigentlich?

Sie: Kinderbetreuerin im Einkaufszentrum.

Er: Wrm.. yay?😆

Sie: Bitte nochmal in verständlich?

Er: Erm (verschrieben,  ein Laut des lauten Nachdenkens)
… (dramatische Pause zur Steigerung der Wirkung der Pointe)
yay (ein Ausruf der Freude, zumeist im ironischen Kontext verwendet.  Außerdem in dem vorliegenden Fall die Pointe)
?(Ein Fragezeichen, hier verwendet um der zuvor getätigten Aussage – zur Erinnerung: ein Auszug der Freude – eine erhöhte Zweideutigkeit zu verleihen)
😆 (Ermangelung eines besseren Smileys wurde dieses Emoticon verwendet um zu betonen, dass es sich um einen Scherz handelte)

Oder so😋
Anders gesagt: nicht mein Traumjob, aber scheinbar für dich ansprechend. Ich freue mich für dich, würde mich selbst aber erschießen.

Sie: Warum einfach, wenns auch kompliziert geht, hm? ^^

Er: Weil kompliziert das neue einfach ist.
Das „hippe“ easy.

Sie: Gut, dass wir drüber ‚gesprochen‘ haben. 😬

Er: Hm. Wanna have? Also eine ernste Antwort

Sie: Auf welche Frage? 😳

Er: Warum einfach wenn bla

Sie: Achso. Na dann gib mal ne ernste Antwort.

Er: Weil einfach mich langweilt. Nicht im Sinne dessen, dass es blöd ist oder ich besser, besonders klug oder sonst was, sondern auf einem fundamentalem Level.
Manchmal habe ich das Gefühl, meine Gedanken sind ein überfüllter LKW, der auf einem Highway durch mein Leben rast, dass aber blöderweise nur für eine Landstraße gebaut ist. Natürlich hat die Straße auch Kurven und Schlaglöcher, weshalb unterwegs eine Menge verloren geht.

Einfach. .. das ist das, was übrig bleibt wenn ich auf die Landstraße schaue, auf der die zertrümmerten Fragmente dessen liegen, was ich unterwegs verloren habe. Dumm nur, dass ich nicht vergesse, was noch im LKW liegt. Entsprechend stehe ich also da und erlebe irgendwie gleich zwei Mal die selbe Sache. Einmal in den Tempo, das mich umgibt und einmal in den, das nur mein Ich umgibt. Das zweite rauscht dabei, unbeirrt im Tempo, mehrmals an der Situation vorbei und bringt jedes mal neue Ladung mit.

Einfach… das hat so wenig mit mir zu tun, dass es mir fremdartig vorkommt. Ich bin wie ein Alien, dass mehr als drei Dimensionen sieht und sich fragt, wieso keiner sonst auf die wunderschönen Farben in der Musik achtet.

Einfach… kann ich einfach nicht. Wenn ich probiere, nicht ich zu sein verkrampft sich mein Inneres und aus kompliziert wird merkwürdig. Gleichzeitig weiß ich aber nicht, ob kompliziert wirklich zu mir gehört, ob ich nicht etwas konstruiert habe um besonders zu sein. Wer bin ich überhaupt? Der, der seine Umwelt verwirrt? Oder der, der selbst verwirrt ist.

Einfach. Das ist ein Traum den ich habe. Einfach Ich sein. Einfach nicht über mich nachdenken. Einfach passieren lassen.

Das wäre der perfekte Schluss. Aber mein Kopf ist schon fünfzig Schritte weiter, seziert das ganze schon, weil meine Hände nicht schnell genug schreiben und meine Worte unzureichend sind. „Sprache ist im Grunde nur ein besseres Gekläff“ singt Joint Venture. Recht hat er.

Ich mag kompliziert vielleicht nicht einmal wirklich. Aber nur darüber kann ich mit dem Chaos mithalten,  dass meinen Kopf manchmal platzen lassen will.
Neulich sagte jemand: „Du bist ein schwieriger Charakter“. Darauf konnte ich nur aus tiefer Überzeugung sagen: „Nicht für die Menschen, die in meiner Welt mitschwingen. Diese Welt ist aber sehr, sehr weit weg von der, die gängig ist.“

Einfach. Ich glaube ich kenne nichts komplizierteres.

Sie: Das wäre doch n schöner Text für deinen Blog. ☺ So oder so ähnlich komme ich mir selbst in vielen gesellschaftlichen Konstellationen vor. Als die Einzige, die „anders“ denkt/fühlt/sieht. Und im Versuch, es den „Anderen“ angemessen mitzuteilen, registriere ich eine Art der Überforderung beim Gegenüber, die mich wiederum nur noch mehr als „anders“ und „zu kompliziert für den Rest“ dastehen lässt. Hm. Hab mich schon oft genug als Nicht Massenkompatibel verstanden. Macht den Umgang und die Eingebundenheit oft nicht einfach. Sondern eben kompliziert.

Er: Ja stimmt. Das ist ein wenig länger geworden als geplant😅
Das beschreibt ganz gut was die Krux an dem Thema ist. Schön gesagt.
Wobei ich jetzt nur für mich sprechen kann… aber ich finde dich nicht unverständlich.
Und ein wenig muß ich jetzt an das eine Lied von Reinald Grebe denken… „Massenkompatibel“

Sie: Genau aus dem Lied hab ich auch dieses schöne Wort. 😁