Der Poet in meinem Rachen

Es ist wieder einmal viel zu spät geworden für ihn. Die Nacht, verführerisch in ihrem dunklen Kleid, hatte ihn erneut mitgenommen auf eine jener wilden und doch stillen Reisen. Diese Wegstücke zwischen Wachen und Traum, beseelt von den bunten Trauben seiner Gedanken, waren seit einiger Zeit seine treuesten Gefährten während der trist anmutenden Durststrecken die der Tag bereit hielt. Der Tag; grau gewandet in seinem strengen geschnittenen Anzug und stets so sehr bemüht zu gefallen. Diese anbiedernde, geifernde Gestalt von Etwas, dass mit blendender Helligkeit versuchte die tiefen Abgründe seines schmutzigen Innenlebens zu verbergen. Der Tag war nicht sein Freund; ganz anders dessen Partnerin, die Nacht. Jene kühle, mystische Dame die elegant und still seine Sinne umgarnte und ihn lockend mitnahm um ihm eine Welt zu zeigen. die nicht blendete und beschrie, was es zu erleben gelte, sondern ihn sacht an der Hand nahm und ihm die Fenster zu seinen eigenen Welten öffnete, wo er sich nach eigenem Gutdünken flegeln, ausprobieren und erkunden konnte.

Irgendwann, er wusste nicht mehr genau wann, sprach er dann nicht mehr.

Nicht, dass es ihn gestört hatte wie die Welt lief. Nein, er war sich dessen bewusst, dass seine Sicht eine exzentrische Sicht darstellen musste und ein jeder normale Mensch nur müde und traurig den Kopf schütteln konnte ob seiner unverständlichen Gedanken. Es verstimmte ihn nicht einmal, wenn ein vermeintlich Befreundeter sich seiner annahm und versuchte ihn auf einen rechten Pfad zurückzubringen. Meist gab er dann für eine Weile vor, in der Welt der Tagmenschen – wie er sie wenig originell zu nennen pflegte – besser zu funktionieren. Er stand früher auf; genoß augenscheinlich Sonne, Tumult und Leben; verließ sein Haus mehr als er es bewohnte; knüpfte eine Vielzahl Kontakte und schließlich, wenn alle Welt beruhigt schien, einer verlorenen Seele erneut das Licht gezeigt zu haben, verließ er diese angestrenge, erschöpfende Welt erneut.

Nur, dass er mit einem Mal nicht mehr sprach.

Es mag eine Weile gut gehen, in dieser Welt nicht zu sprechen. Manch bedauerliche Seele muss sogar seit Geburt damit zurecht kommen. Doch wenn ein Mensch einfach AUFHÖRT zu reden, dann ist es so sicher wie das „Amen“ in der Kirche, dass nach einer Weile Menschen Fragen stellen. So ist es eben ihre Art und so war er darauf vorbereitet, als die Fragen begannen. Kurz nachdem er den Entschluss gefasst hatte, vielleicht auch währenddessen, hatte er einen Text geschrieben. Der Text erzählte in klarer, verständlicher Sprache weshalb es sinnlos sei weitere Worte zu verlieren. Das alles gesagt sei mit diesem Text und für weitere Worte keine Notwendigkeit bestehe. Alles andere könne auch die Schrift oder der Körper besorgen.

Und tatsächlich schien es auszureichen, was er schrieb. Denn auch wenn manch einer schlecht über ihn sprach – zumeist hinter seinem Rücken, denn den Mut, einander die Meinung zu sagen, haben nun halt doch die wenigsten Menschen – so fügten sich alle seiner Entscheidung. Auch versuchte niemand mehr, ihn auf den lichten Pfad zu leiten. Was auch immer er geschrieben hatte… es schien von solch innerer Überzeugung zu verkünden, dass man ihm das ließ, was er wahrlich am meisten begehrte: seine Ruhe.

Nun, was hat dies mit mir, also dem Autor, zu tun, so fragst du dich, lieber Leser, an diesem Punkt vielleicht und ich will dir keine Antwort schuldig bleiben.

Es verhält sich so, dass diese Geschichte in mir etwas wachrührt, dass mich in eine… poetische Stimmung versenkt.

Ich habe einen Poeten in meinem Rachen. Etwas, dass sich manchmal meiner ermächtigt und mich zwingt, unkontrolliertem Erbrechen ähnlich, unzählige Worte -vermeintlich wohlklingend und sich zu stetig größeren Kunstwerken aufbauend – auszustoßen und nicht nur zu Blatt zu bringen, sondern auch meine Mitmenschen damit zu belasten. Belasten, ja das ist es wohl, denn ich bin nicht Herr dieser Flut und so manch einer wird von meiner Flut an Wortgewalt überschwemmt, fortgetragen oder doch zumindest verstört.

Ich würge daran, ich versuche es herunterzuschlucken, doch dadurch wird der Brechreiz nur größer um letzten Endes dann nur um so heftiger aus mir herauszubrechen. Ich kann es nicht verdrängen, denn es beginnt sich in meinem Kopf auszubreiten, ganz so wie eine Milchkanne, stetig gefüllt, irgendwann überlaufen muss.

Dieser Poet ist wie ein maligner Tumor, wuchernd und fräsend in meinem Rachen, sich ausbreitend und mich erstickend. Er wird sich den Weg aus meinem Körper erkämpfen, soviel ist sicher. ob er dabei meinen Gaumen zerschmettert, meine Zähne ausreisst und meinen Kiefer bricht ist ihm völligst egal, denn für ihn geht es um eines: um seine Freiheit. Darum herauszubrechen und alles um sich herum mit fauliger Schwärze zu überziehen und zu vergiften.

Ich kotze. Kotze ihn aus und doch werde ich ihn niemals los. schleimiger, schwarzer Morast umspült meine Zähne, die an dem beißenden Schleim verätzen und als rauchende Ruinen in meinem, von aufgeplatzten Lippen umrahmten, Maul verbleiben. aus jeder Pore meines Leibes dringt er hervor und nichts kann ihn einsperren, nichts ihn in mir drin halten. Er dringt von meinem Rückgrat geradewegs durch die Haut und platzt aus meinem Rücken heraus, während er meine fleischliche Hülle abstreift wie eine lästiges Kleidungsstück. Es ist ein Feuerwerk der Schmerzen in meinem Kopf, ein grausames Spiel von Erlösung und Krampf, während er mich leert und leert und leert und leert; immer dann wenn nichts mehr da zu sein scheint noch weitermacht.

Zurück bleibt ein zerschmettertes Irgendwas, unbestimmt ähnlich zu dem, was ich vorgab zu sein, während er aus den dampfenden Überresten meines Ich heraussteigt und immer mehr zu dem wird, was um mich herum als Ich gesehen werden wird. Und wenn ich mich umdrehe sehe ich hinter mir nichts als eine befremdliche Szenerie eines vorher stattgefundenen Kampfes vielleicht. Etwas das mit mir nichts zu tun haben kann, denn ich bin nur Ich und niemand sonst. Und bevor ich mcih versehe, spüre ich erneut ein Kratzen in meinem Rachen. Etwas ist da in mir, wie es mir scheint. Ich räuspere mich und das Kratzen verschwindet. Vielleicht ist es ja nur Einbildung gewesen. Es wird bestimmt nichts sein. Ich bin Ich.

Es ist in jener Stille- kurz bevor mich nichts mehr als die undurchdringliche Stille meines eigenen, stetig wiederkehrenden Todes umgibt-  dass ich dem Inhalt jenes Textes zum greifen nahe komme.

Zwischen Nichts, seitlich neben Träumen, gleich hinter Dort

Weit, weit über den Wolken. Dort wo die Luft dünn wird und sich die Farben in einem einzigen klaren Moment verwandeln um glitzernd herabzusegeln; dort lebe ich.
Mich einen Träumer zu nennen wäre eine Beleidigung für alle,  die sich Träumer nennen. Ich laufe weit außerhalb jener Kategorie,  die sich gelegentlich eine Auszeit vom Leben nimmt.
Mich einen Träumer zu nennen wäre wahrlich sehr unzutreffend; nicht einmal im Kern der Träume wäre erfasst, was meine Welten umspannt.
Wenn Ihr von träumen sprecht meint ihr Vieles, Allem gemein ist jedoch die unumstößliche Wahrheit, dass Träume nicht von Hier sind. Kein realer Bestandteil des Wachseins.
Träume, und damit Träumer sind über den Wolken, haben den Boden unter den Füßen verloren. Sie entfliehen dieser Welt und füllen ihre Geister mit substituierenden Konstrukten um das Erlebnis ihrer unzureichenden Alltäglichkeit zu verändern. Es kann nicht sein, was nicht ist und wenn es ist, so muss es sein. Dazwischen ist Nichts und wer dieses Nichts füllt. .. der träumt.
Es ist schwer mit wachem Geist über den Traum zu sprechen, ganz so wie es ohne Augen meist sehr schwer ist zu sehen. Denn eines ist doch auch für mich gültig: ein jeder Träumer ist allein in seinen Träumen. Wir können keinen Traum teilen, ihn nicht einmal MITteilen ohne nicht jederzeit von leicht verschiedenen Dingen zu sprechen.

Für mich jedoch, der ich jenseits der Träume lebe, sind diese Kategorien ungeeignet. Meine Wirklichkeit ist hinter der Wirklichkeit des Traums. Meine Welt ist eine, in der ist, was nicht sein kann. Meine Welt ist im Sein, auch wenn sie nicht Ist. Die Vorstellungen, Worte und ideen die wir teilen sind nicht die geeigneten Instrumente, mir denen wir den Puls der unzähligen Dimensionen erfassen können die uns umgeben und so schwebe ich – ich will es einmal so nennen – neben dem Sein und bin doch im Hier.
Behalte ich das im Hinterkopf und betrachte, dass ich dort, wo Menschen mich wahrnehmen meist eine beruhigende „erdende“ Wirkung auf sie habe ist dies… wunderlich. Und mir unerklärlich. Auch ich lebe mit jene Maxime, dass die Träume den Boden des Sein verlassen. Das sie jenseits von Vernunft, Alltag und Logik ein Eigenleben führen und sich heiter tummeln.
Einzig. .. es ist mein Erleben, was mich eines Besseren belehren will. Wie also kann ich verwurzelt sein und doch in den Wolken stecken? Muss ich dafür mein Ich nicht strecken und denen, bis es zu zerreißen droht? Mich so lang machen, dass ich hauchdünn und durchscheinend sein müsste?
Die Antwort darauf kann und muss „Nein“ sein. Der Weg zwischen dem hier und den Träumen ist nicht zu überbrücken. Es gibt keinen Weg, mein Sein aus dem Hier uns Dort zu bringen. Kann es nicht geben. Muß es nicht geben.
Es kann nicht sein, was nicht ist und wenn es ist, so muss es sein. Dazwischen ist Nichts und… das hatten wir schon.

Vielleicht, wenn ich darüber noch ein wenig nachdenke, ist es jedoch auch gänzlich anders. Nicht nach vorne führt der Weg, sondern nach hinten. Die Wissenschaft sagt uns, dass über dem Himmel eine Menge Nichts rumlungert und eigentlich nur darauf wartet, bis wir erfolgreich die mickrige Schutzhülle gefickt haben die uns umgibt, um uns dann zu verschlingen.
Doch es ist gut, dass in dieser Welt Buch als wissenschaftlich ist.

Was… Was wenn alles das ein Ring ist? Was, wenn ich erdend wirke, nicht aus einer Laune heraus, sondern einfach, weil ich dem Boden näher bin als der Bodenständigste aller eurer sogenannten Realisten. Was wenn ich mit meinem Kopf und meinem Herzen näher an der Mitte bin, weil über meiner Welt nicht noch mehr Traumwelt, sondern das was ihr Realität nennt ist?

Das wäre absurd. Aber eine Erklärung.