Private Censay

Soviel also zu diesem Versuch das hier aufleben zu lassen…

Ich merke, dass mir das Schreiben fehlt, denn ich verliere den Überblick. Den Überblick über mich und die Themen die in mir herumschwurbeln.
Und ich merke das das Themen sind, die in einem neuen Leben stattfinden. Eines das ich (noch?) nicht mit allen teilen will – nun schon seit knapp 4 Jahren. Und weil die letzten iks „Nutzer“ die noch in meine Leserliste hinzugefügt wurden schäbige Bots waren.

In dem Sinne wird ab nun privat geschrieben, in der Hoffnung das ich damit das Ventil erneut öffnen kann das mir ganze 218 Beiträge lang (wenn ich diese Zahl so lese, bin ich ziemlich baff von mir selbst) viel gegeben hat ohne mich viel zu kosten…

Wer das mitlesen will, der schreibe mir hier über das Kontaktprofil eine Nachricht (oder belehre mich über anderweitige Möglichkeiten). Ich habe obskure Gründe der Auswahl und keine Ahnung (jetzt), wen ich da alles dazulasse… (and again, ob das überhaupt was werden wird)… aber soviel sei gesagt:

  • Es wird ein anderer Stil von „Geschichten“. Vermutlich zu Beginn „tagebuchiger“, wirrer und auskotzender; vor allem aber ziemlich privat, wie schon beschrieben muss ich erst mal da in mir aufräumen bevor ich Struktur reinbringe.
  • wenn sich Beiträge ergeben, die ich „der Allgemeinheit“ zutragen will, dann werde ich die auch veröffentlichen
  • Keine Zeit zu haben ist eine Bitch, oder ein Bastard, wenn da wer Gleichberechtigung will. Mein Leben ist gerade einmal 180 Grad zu meinem Beitrag „Over Capacity“ und ich weiss noch nicht ob ich das so geil finde

Sollten wir uns nicht „auf der anderen Seite“ sehen, dann sage ich dir: Danke für deine Aufmerksamkeit all die Jahre. Du hast mir viel geholfen, weil du gelesen hast.
Wirklich und ganz ohne Häme, Sarkasmus oder andere Lebensnotwendigkeiten: Danke fürs lesen und teilhaben. Komm gut durch dein Leben und viel Erfolg beim letzten Boss dann.

Peripherie

Als kleiner Junge – so in dem Alter in dem Latzhosen stets an einer Schnalle nicht geschlossen bleiben wollen, Drachen steigen lassen der Inbegriff von fliegen ist und Sommer aus Kirschbäumen und Kirschkernwettweitspucken gegossen werden – lief ich oft auf den Acker am höchsten Hügel unseres Dorfes. Es war ein beachtlicher Weg für einen kleinen Knirps, zumal die Welt damals noch sehr viel kleiner erschien, jeder einzelnen Wege entsprechend um so länger; Amerika kannte ich nur aus wilden Abenteuergeschichten, Deutschland war ein diffuses Gesprächsthema meines verknotterten Opas und die nächste größere Stadt zum Einen Lebensort meiner Tante und zum Anderen ungefähr drei Lichtjahre entfernt.

Dort oben vom Feld aus konnte man, wie ich dutzende Jahre später feststellen sollte, in die Eifel schauen; was eine ziemliche Distanz darstellt und meine Heinatwelt fortan urplötzlich in einen konkreten, geographisch verankerten Ort verwandelte. Durch die relative Einordnung meines erwachsenen Verstand verschwand ein Stück Magie und kehrte als Fleck auf der Karte zurück: neue Perspektive, neuer Ort, größere Welt. Der Lauf der Dinge.

Es war schon immer dieser Acker an dem meine Familie den Herbst standesgemäß mit Drachen und Grassodenschlachten begrüßt hatte und immer wenn der Wind blies zog es mich dort hin – meinen kleinen Lenkdrachen im Gepäck.

Meist ging ich den Weg, der mich an einer klitzekleinen Bahnstation mit einem klitzekleinen Bahnübergang vorbeiführte. Danach schlug ich mich durch einige Büsche um anschließend den gekrümmten Rücken des Hügels vor mir zu sehen – einzig mit abgemähten, vertrockneten Getreidehalmstümpfen bestückt. Hin und wieder lief ich jedoch auch einen Umweg, was mich auf eine Brücke brachte, unter der die Bahngleise durch eine kleine Klamm verliefen (was sie zu eben erwähnter ebenerdiger Station brachte); meist dann, wenn ich von weitem den Zug gehört hatte und mir erhoffte ihn von oben mit einem Steinchen bewerfen zu können.

Erinnerung ist, so weiss der wissende Mensch, ein merkwürdiges Tier und stellt mit der Vergangenheit allerlei Schabernack an: der goldene Schein dieser Tage taucht alles in strahlende Wärme, der rabenschwarze Teer lässt die Straßen zu mäandernden Flüssen werden, der Zug rauscht in roter Pracht mit rußendem Wolkenschal durch das Tal; alle Farben, Gerüche und Töne vergessen ihre ursprüngliche Bedeutung und kondensieren zu einem feinen Destillat ungetrübter Nostalgie.

Eines erinnere ich jedoch – eingebettet in die verfranste Zeitlosigkeit jener Tage – ganz klar: Ich muss einmal beim laufen oder toben „dort oben“ gestolpert oder hingefallen sein, jedenfalls lag ich eine kurze Weile auf dem Rücken und schaute in einen Himmel, der nichts anderes enthielt als alle Blautöne, die ein Himmel hergeben kann. Keine Wolke trieb durch diese blaue Weite, kein Baum reckte seinen Zweig frech ins Bild, nichts hielt mein Auge fest als dieser endlose, kristallklare Himmel.

Mich überkam ein Schwindel, ganz so als würde ich von einem hohen Gebäude zu Boden schauen. Das Blau zog an mir, mein Körper kreiselte wie wild um sich selbst und jegliches Gefühl von Halt und Richtung zersprang innerhalb eines halben Herzschlags. Eine Sucht erwachte in mir, mich diesen Strudel hinzugeben, liegenzubleiben und mit diesem unerschütterlichem, endlosen Blau zu verschmelzen. Gleichzeitig wurde mir das Herz eng, ich spürte Übelkeit und Angst in mir, meine Augen suchten verzweifelt nach irgend etwas um sich festzuhalten und gegen den Sog zu behaupten. Mein Ich stritt mit sich selbst, zerfasernd und zersplittend an diesen beiden Sehnsüchten.

Diese Erinnerung überkam mich neulich: glasklar und in längst vergessener Härte. Der Junge hatte es vergessen, dass Kind in mir es chiffriert. Als der erwachsene Mensch mit zwei Handvoll Verantwortung, der ich nun geworden war, lag ich verhältnismäßig gelassen auf einem Tisch an einem Autobahnrasthof, schaute zufällig in einen endlosen blauen Sommerhimmel und erlebte plötzlich den damaligen Nachmittag noch einmal, nun mit neuen Augen. Die Sucht des Sogs, die Übelkeit des Kreiselns, die Angst des Haltlosen… All das spürte ich zweifach; als der Junge von einst und als der, der ich gerade war.

„… Letztlich geht es mir darum, diesen perfekten Himmel ungetrübt zu sehen; kein Ast der in ihn hineinragt, kein Masten, der an den Boden erinnert auf dem ich liege. Nur er und ich und diese Sucht nach Leere.

Das meiste im Leben spielt sich irgendwie in der Peripherie meiner Wahrnehmung statt, so wie alle Hinweise auf die Realität von diesem Himmel an die Peripherie meines Blicks gedrängt werden. Das große Ganze ist für mich nur diese Sucht danach in irgend etwas zu verschwinden, zu versinken und mich selbst zu verlieren. Der Rest ist unwichtig, an den Rand gedrängt und wenn ich ihn wahrnehme ist das Alles nur lästig.“

Du kennst mich, darum hast du erst lange zugehört, als ich dir die Erinnerung an damals erzählte und anschließend eine lange Weile mit mir geschwiegen, treibend in Wind und Zeit. Irgendwann setzten wir unseren Weg fort, zurück zu dem Ort an dem wir unser eigenes Leben töpfern.

Ironie meines Lebens

„Du schreibst ja gar nichts mehr!“ sagst Du. Genauer gesagt sagst Du das nicht, denn Dich gibt es nicht aber wie sähe es denn aus, wenn ich darüber schreiben würde, dass ich nicht schreibe!

Also sagst Du eben: „Du schreibst ja gar nichts mehr!“ und ich schaue dich nur mit müden Augen an. Die müden Augen habe ich in den letzten Jahren perfektioniert, streng dem Motto ‚Alles über sechs Stunden ist Luxus‘ folgend beweise ich seit… Immer, dass ich ein Mensch der Arbeiterklasse bin. Studiert und dennoch arm weil Soziales und bester Mensch und all der tighte shit.

Ironisch, dass ich nun – in einer Phase über die alle ungefragt ihr Menetekel ob meines zu erwartenden Schlafkontingents loswurden – mehr schlafe als in der Mehrheit meiner zweiten Lebenshälfte.

(Entweder platzt ein Knoten oder irgendein Gefäß)

„Ja, das stimmt wohl.“ antworte ich Dir – zumindest der Pointe halber sei es fortgeführt. Weitere Ausführungen spare ich mir Dir gegenüber; der Gestank von Ausrede liegt über Allem, breit und madig wie Griesbrei von letzter Woche. Es muss wohl ein Fass mit Phrasen verendet sein in irgendeiner Ecke.

‚Auch wenn ich sonst nur auf die Schnauze krieg, mein Leben begann mit einem großen Sieg!‘ sangen die wohl betrunkensten, prolligsten, unterdurchschnittlichsten Musiker und Lieblingsphilosophen ever. Es berührt mich immer wieder, wieviel Poesie diese Band in Alkohol, Frauen und Kiffen packen konnte.

Die Zeiten in denen es gut geht sind es, die mich belasten und verwirren; Der Sprung ins Kalte ist nur solange schlimm, bis er erfolgt. Alles davor ist Hirnfickerei und macht malade. Sehnlichst wird das ‚ich wusste es‘ poliert und, in den Gürtel eingenäht, mit herumgetragen – seine Stunde wird kommen.

Ironisch, wie sich das Glück verweigert wenn man es abweist; kenne mich da jedoch gut genug um es gelassen hinzunehmen. Nur keine Handlungen daraus erwachsen lassen; Stoik als Motivationskurve.

„Jeder sucht sich sein Unglück selbst aus.“ ist mir eine wesentlich sympathischere Variante zum Glücksschmiedetum geworden. Mit Unglück kenne ich mich aus, da bin ich Profi drin. Eintüten und weitermachen, der Wind bläst stetig weiter und schleift jeden Stein.

Ich propagiere an anderer Stelle die Immunität zum Verrat und hülle mich selbst in jene gläserne Glocke der Anonymität; die vermeintliche Dichotomie meiner zwei Identitäten. Rissiges Ego versus Alter Ego im Tanz um die Dogmen meiner Sätze. Immerhin konnte ich mir angewöhnen zu dem Lebensweg zu stehen, immer (immer ist so ein großes Wort) die Konsequenzen meiner Handlungen zu tragen.

Ironisch, dass ich deshalb wieder schreiben kann oder will; Die stachelige Muse des Selbstmitleid hat heute das Gästezimmer bezogen und scheint gerade ein Stelldichein mit der Eigenen Verachtung zu haben – los opuestos se atraen.

Läuft so… mittel. Lange habe ich überlegt mit dem, zufällig echt legendär passenden, Titel und Ende des letzten Text einfach Schluß zu machen. Tabula Rasa und woanders neu beginnen. Nicht mehr als ‚Tagebuch eines Verwirrten‘ und nur mit den Menschen die hier noch lesen… aber als was dann? Und was wenn keiner mitkommt? Und… Faulheit kann manchmal wirklich ein Segen sein. Schauen wir ob die Verwirrung erneut bleibt oder nur kurz zu Besuch ist.

Wunderbare Jahre

Saturn besitzt eine so geringe Dichte, dass er – würde man ihn in eine Badewanne werfen – wie ein Stück Seife oben schwimmen würde. 

Der Mitbewohner und ich sitzen in der schmierigen Asiatenbude vor einem überfüllten Kaisers-der-jetzt-Rewe-heisst und essen vor dem Sport noch eine Kleinigkeit.
Bald wird er nicht mehr der Mitbewohner sein und mein Herz blutet bei diesem Gedanken, aber so hat eben alles seinen Preis; Auch die fünf kleinen Frühlingsrollen die mir auf einem angeschlagenen Plastikteller zugeschoben werden. „So also erklärt sich der günstige Preis“ denke ich und kaue mehr aus Langweile als Hunger daran herum.
Wir sitzen uns gegenüber und als wir dort so sitzen und kauen fällt mir die Filmtauglichkeit dieses Moments auf.

So könnte ein guter Film anfangen. Everything needs a start and a proper story’s supposed to start at the beginning. 

Nichts hier ist schön. Nicht Der Kaisers-der-jetzt-Rewe-heisst in seiner, aus allen Nähten platzenden, Geschäftigkeit. Nicht die schmuddeligen Bänke dieser Fressbude, dicht gereiht an klebrigen Tischen. Nicht das fahle Neonröhrenlicht unter schmutzig-grauem Frühwinterhimmel, welches sowohl Kaufhalle als auch Essensladen in ungesundes, gräulich-faulendes Licht taucht. Nicht der verbeulte Metalltresen von dem aus auf kaputten, dreckigen Tellern pappiges Essen herausgeschleudert wird. Nicht die Menschen die hektisch, betrunken, laut oder gereizt sind – niemals aber gut gelaunt.
Nicht einmal ich mit meinen abgerantzen Klamotten; Die braune Cordjacke so alt wie ich selbst, an den Rändern abgerieben und ausgeblichen; der Pulli noch aus Zeiten in denen die Marke Fishbone in war, sein Stoff rau wie Leinen vom Waschen; die Lieblingsjeans nach 15 Jahren genäht und geflickt und doch schon wieder mit Loch und festsitzendem Grind durch Bauarbeiten im Sommer; Die Mütze in jenem Schwarz, das eine langjährige Nutzung verrät, schlicht, jedoch verstärkend im Eindruck des Heruntergekommenen… Wäre es nicht Berlin: ich könnte als Penner durchgehen.

Szenenwechsel: in mein zweites Leben, dort in der alten Heimat; dort wo sich die Zeit langsamer dreht.

Der Geruch nach Motten hängt im öffentlichen Nahverkehrsbus dieser geistlosen Kleinstadt, die ich nie wiedersehen wollte und doch viel zu oft sehen muß. Die Dauerwellen der alten Damen wellen sich Eine höher als die Andere. Vielleicht ist es ja eine Art nonverbale Hierarchiesierung dieser verwitterten Mütterchen: die mit den höchsten Wellen ist Oberhaupt der ‚Seegang‘; wer weiß es schon. Irgendwie passend, dass der Geruch von Moder und Verwesung dabei mitschwingt. Die Hülle ist letztlich Alles und unten im Meer hört dich niemand atmen. Etwaige Leichen sieht man eh erst beim Tauchgang; dann, wenn die Dauerwellen durchbrochen sind.

„Es liegt ein Fluch über dem Guinessbuch“ singt Rainald Grebe in Berlin aber hier bin ich meilenweit von Big B, mittelmäßiger Exzentrik und Fluchtversuchen aus der Durchschnittlichkeit entfernt. Hier ist die Mitte das Maß aller sichtbaren Dinge, der Schwerpunkt dermaßen tief, dass es in den gichtigen Knien knackt. Die Gewöhnlichkeit muss mich nicht einmal einholen, sie ist überall und empfängt mich mit lieblosen, kalten Armen – wie eine einsame Vettel einen alten Geliebten der zurück zu ihr stolpert. Es geht für sie hinaus, hinaus aus den verlockenden Sphären eines Puffs und es wird geliebt werden, komme was da wollte!

Zurück in den Asiaten oder weiter? Weiter. Immer weiter! The road goes ever on and on, down from the door where it began.

Es gibt drei Arten von Menschen auf der Straße, sagt die Frau zu mir frühmorgens, während wir in der Ubahn sitzen. Unser Gespräch begann – als wir auf einer Bank sitzend auf den Zug warteten – mit der Frage ob sie mich mal anhauchen dürfe.
Sie selbst – seit kurzem erst wieder von der Straße runter – arbeitet ehrenamtlich in der Bahnhofsmission und habe festgestellt es gäbe drei Arten von Menschen auf der Straße: Süchtige, Verrückte und süchtige Verrückte; vielleicht waren es auch verrückte Süchtige.
Von jenen Menschen die aus Systemverweigerung oder ideelen Gründen auf der Straße leben will sie nichts wissen, dies sei vielleicht einer in einer Million und vermutlich sei auch der verrückt.

Die Bonbons, die ich ihr gab um über ihre Trockene-Alkoholikerinnen-Fahne hinwegzuhelfen, wirken nur bedingt. Ich muss es ihr nicht sagen, wir erkennen die unausgesprochene Wahrheit bereits in unseren Gesichtern: Sie wird wohl nur die reduzierte Portion Methadon bekommen. Immerhin habe ich ihren Morgen gerettet, wie sie mir ausdauernd beteuert, was mich fast meine Station verpassen lässt und ich unterbreche das eigentlich angenehme und interessante Gespräch mit dem hässlichen Tuten der Ubahnwarnleutchen und dem schmatzenden Geräusch der Gummilippen ihrer Türen. Alltag goes on and there is no time for humanity.

Surfer, dein richtiges Leben beginnt jetzt. – er ist ein Suchender, die Welle sucht er, die perfekte Welle. 

Die Vermieterin der Wohnung in der Stadt der Langeweile hat einen derartigen Oberbiss, dass man fast ihr schlecht sitzendes Toupet ignorieren könnte. Meine Überlegungen diesbezüglich werden rüde unterbrochen, als sie mit schnarrender Kratzstimme der Nachmieterin die Vorzüge ihrer Mieterinnenauswahl anpreist – Die hübsch-blondierte junge Frau ist nicht nur eine potentielle Nachmieterin, soviel wird mir bei dem Wort „Polizistin“ klar.
Sie habe ja nichts gegen Ausländer, aber… meine kleinen Stiche in die Patriotenniere ignoriert sie mit der gekonnten Ignoranz einer verkappten Rassistin woraufhin ich aufgebe. Für den Rest ihres Monologs versuche ich nur noch zu ergründen, woher sie einmal gekommen sein mag, dass sie so einen ungewöhnlichen Hautton und dieses merkwürdige Füllwort „erre“ hat. Die Ironie des Lebens ist bissiger als alle Kommentare die ich in mir trage.

Schlussszene: Die Kreise schließen sich, es geht zurück zum Asiaten, vorwärts zum Beginn der Geschichte; zurück zum Ende des Films.

Ähnlich dem schwarzen, perfekt glatten Monolith zum Anbeginn der Menschheitsgeschichte in 2001: Space Oddysey ragt mein Mitbewohner als Rettungsanker der Kultur aus dem Sumpf der gewöhnlichen Tristesse. Wie ein polierter Marmorklotz ragt seine aufrechte Gestalt über den Schmodder und die Ranzigkeit des Ladens, mit widerlicher Schönheit blendet er mein gelangweiltes Auge.

Ordentlich gebügelt und gestärkt bildet das sorgfältig ausgesuchte Hemd einen wundervollen farblichen Kontrast zum perfekt gebürsteten Jackett – natürlich mit Einstecktuch. Die Kravatte ist weg, immerhin ist es Feierabend; da darf es schon mal leger sein. Sein hipstermäßig langes Haar liegt ordentlich an und ist zum Zopf zurückgebunden, innen wie außen strikt geordnet. Die Doktorandenledertasche in weltmännischem Sherry-Farbton liegt neben ihm und natürlich kann man seine prunkvolle Understatementarmbanduhr gewollt unauffällig am Handgelenk blitzen sehen.

Ein Paar wie Yackyll and Hide. Starsky and Hutch. Han Solo und Chewbakka. Der Schöne und das Biest; grundverschieden im Äußeren und doch verbunden im Inneren. Des Einen Hülle ist des Anderen Seele, Zukunft und Vergangenheit zweier Leben auf der klackernden Tanzfläche einer unentwegt dröhnenden Musikkapelle. Alles ist Eins und Kleidung blendet nur den ungeduldigen Geist.

Weiss auf schwarzem Grund, flackernd im Imitat alter Filmstreifen und rissig an den Rändern überlassen wir das Feld einem simplen Wort:

fin

Over Capacity

„Sag mal… Ganz ehrlich… unterfordert dich dein Job nicht total?!“

Es ist müßig auszuführen was in der Situation gesprochen wurde, denn das spontane Gestammel einer Person gegenüber einer Andren in der Kennenlernphase des Lebens ist austauschbar und einerlei wie das verfärbte Waschwasser archaicher Waschweiber an derelikten Waschstellen. Genauer nachgedacht entdecke ich einen Anglizismus, was mir jedoch erst durch Freund G. Klar wird (man will große Worte ja nicht falsch utilitarisieren). Klingt gut, bleibt so; bin ich doch immerhin Architekt, meist sogar Bauherr meiner eigenen Geschichte(n).

Letztlich soll für die Privatsphäre eine verallgemeinernde Zusammenfassung reichen: Ja, aber das ist schon okay.
Was bleibt und begleitet ist immerhin der Gedanke, warum das okay und was dazu führte das dem so ist und wieso und überhaupt. Also extrapoliert mein Kopf
There are two Kind of people: those that can extrapolate from incomplete data.
und geht auf die Suche eines übergreifenden oder Zugrunde liegenden Themas. Come, walk with me stranger, for the night is dark and the hours long.
Or full of terrors, wenn man ‚Meta‘ genug ist.

Cut. Es muss zum Thema, genug der Ablenkung. Und wer wären wir, dem Text sein Thema zu verweigern!
Also kein einziges vergeudetes Wort mehr um etwas anderes als das, was im Titel ominös angedeutet, durch das englische weltmännisch aufgepeppt und dessen Pointe im ersten Satz quasi schon erklärt ist. Ganz wie es mein Stil ist; Redundanz sei meine Winterdecke, ich lege mich zur Ruhe damit und komme zum Frühling darunter hervor.
Ich stelle den Wecker auf Februar, dann können wir noch kurz kuscheln. 

Der afrikanische Pinguin trägt wohl auch den Namen ‚jackass penguin‘. Und unter Weiterem in der Kategorie Kamele:

Ein Symptom unser Zeit ist es, so meine abschließende Diagnose
Lassen Sie mich durch ich bin Heiler Lvl 83!
für die Weile bis die nächste kommt, dass wir unser gesamtes Potential (unsere Kapazitäten) ausschöpfen. Ob wir das wollen oder nicht sei dahin gestellt, dass hier soll keine sozialkritische… wobei doch!
…ich wiederhole mich nur ungern…
Sensibilisiert durch die Diskussion um meine Lebensführung, eingebettet als Sozialassi in einem Nest von Gutbürgerlich funktionierenden Erwachsenen (manche von denen sind jünger als ich), betrachtete ich, wieviel Platz wir Menschen uns eigentlich so im Leben lassen.

Es wäre vielleicht übertrieben zu behaupten, dass der Wunsch nach Erfüllung durch (viel) Arbeit, ein möglichst ausgeglichenes Privatleben und Beschäftigung am Wochenende, gesunder Schlaf und sowieso Allem
…hier fliegt gleich Alles in die Luft…
der Optimierung produktiver Arbeitsdrohnen gleichkommt; aber Übertreibung dient bei mir der Verdeutlichung und ein wenig kann man das schon so sehen, eh?

Mein Beruf ist schön und etwas das ich mir wirklich ausgesucht habe, keine Notwendigkeit hat mich dorthin getrieben oder würde mich dort halten, wäre das anders. Wenn ich dort bin arbeite ich gerne und möglichst gut. Just doing my job doesn’t suit me, könnte man sagen. Gern arbeiten geh ich dennoch nicht und die Rahmen meiner Arbeit sprengen meine Kapazitäten (es war ja Eingangs schon erwähnt) nicht. Auch wenn ich dafür in einen beständigen Dialog gezwungen werde – ähnlich der Frage warum man eigentlich keinen Alkohol trinkt, nie anders herum -, hat sich mit bislang noch keine unabdingbare Logik ergeben, dies zu ändern. 

Letztlich, so erklärt es sich für mich, geht es immer um eines: du (also ich) kannst doch mehr aus dir machen. Und das du das willst ist gegebener Fakt, immerhin hat du das Potential und das nicht auszuschöpfen ist Vergeudung.
It is known.

Eigentlich muss hier noch Text. So voll krass mit Message und so… 
Stumpf is‘ Trumpf

… but let’s not go over capacity.

The insurmountable Insanity of Vanity

Auf der Überholspur meines Lebens kann ich auch mal kurz innehalten um jemand vorzulassen, denke ich während ich in der Masse der arbeitenden und zu beschulenden Bevölkerung von S-Bahn zu U-Bahn zwockel. An der Rolltreppe bin ich auf der Seite gelandet auf der man eben weitergeht – komme was wolle und zwar schnell denn wo kommen wir sonst hin; eben nirgends hin und wer will das schon -, als überraschend ein, gänzlich unpassend rebellierend, weniger artiger Mitbürger aus seiner Spur der Lauffaulen, der nichtsnützigen Müßiggänger – der Spur des Stillstandes und Todes. Welch wonnige Sehnsucht mich nach ihr in diesem Moment packt! – ausbricht und mich vor die Wahl stellt: Konfrontation und durchziehen, mein Tempo halten und seine Leiche herausfordern über welche ich anschließend mit stolzgeschwellter Brust schreiten könnte; oder aber innehalten – kurz nur, quasi den kleinsten Bruchteil eines Lebens, aufhören voranzuschreiten und damit zurückfallen in prä-existentielle Urzustände – und auf ewig ob der unendlichen Güte meines unermesslichen Verzichts aufzusteigen in der unablässigen Rangelei um die besten Plätze auf der huldvollen Liste der besten Menschen. Der Allerbesten!

– – –

„You are one confused person, aren’t you?“
„Nah, not really.“

– – –

Mein Hirn muss vermutlich kurz ausgesetzt haben als ich dem verzweifelten Treiben der Hummel zuschaue, die sich zwischen der Doppelverlasung des Altbaus meiner Arbeit eingesperrt hat. Ich starre eine vermutlich ungebührlich lange Zeit auf das kleine Vieh, wie es im Kampf gegen eine unsichtbare Kraft immer und immer wieder anfliegt; vielleicht zunehmend verzweifelter und berauscht von der bizarren Hoffnung irgendwie doch noch zu entkommen; vielleicht zunehmend stoisch und besessen von der fatalistischen Gewissheit es irgendwie nicht lassen zu können. Vor mir spielt sich im Mikrokosmos ab, was mich vielleicht umgeben würde, könnte ich es wahrnehmen; würde ich die Kräfte erahnen die an mir zupfen und zerren und mich an-, ab- und umtreiben.
But alas – wie ich gerne mit dem Weltschmerz eines vom Leben gebeutelten Eremiten von mir gebe, dessen einzige Erkenntnis doch nur die Vergänglichkeit der Erkenntnis ist – … aber LEIDER – denn auf dem alas liegt der Impuls des Leidens – kann ich dieser Kräfte nicht gewahr werden und verbleibe das lyrische Ungeziefer im Käfig meines eigenen Zimmers, grotesk verwandelt und befremdlicherweise einzig um die Wahrung des eigenen, verdrießlichen Alltags bedacht. Lediglich mein Scharren mag weniger angestrengt wirken, verträume ich meinen Tag doch an dem Flügelschlag eines pelzbeinigen Sisyphos und vergesse darüber die stetige Optimierung meines von der Gesellschaft geknechteten Ichs.

– – –

You seem very confused with who you are.“
„But I am not…. So maybe yes, I am confused. But I integrated the ambiguity of my own little vain self into myself.“

– – –

Die Uhr – pompös groß, mit der Spitze ihres billigen Plastikrunds auf einer blättrig weiß lakierten Fensterbank ruhend in einem Zimmer, welches die Herrlichkeit damaliger Internate erspüren lässt – tickt leise vor sich her, Symbol der streng geprüft und bemessenen Zeit die vergeht; vielleicht auch sie zunehmend verzweifelt oder stoisch, wer vermag es schon zu sagen; wer sich zum Meister der Zeit aufschwingen und mit der Illusion des Verständnisses bekleiden, die der Kaiser vorher schon schamvoll berührt abgelegt hatte.
Die Seite eines Buches – vermutlich eine Schmonzette der Untiefen dessen was sich Jugendliteratur schimpft und den Abschriften alter Blaupausen durch die Mönche des Mittelalters gleichkommt – wird umgeblättert, scharrt laut auf jene Art durch den Raum, die ein kleines Geräusch in der es umgebenden Stille zur Maxime des möglichen Lärms werden lässt und in unserem Ohr eine fokalen Kakophonie bildet, was als Satz zwar schön kingt aber in der Nebensache ausreichend störend auf die Konzentration wirkt. Auch das Rauschen im Sumpf der Zeit, oder gurgeln im Schaum der Wellen; die Bagatelle persiflieren und das Joch der Gleichmäßigkeit durchbrechen.

– – –

„That still seems pretty confused.“
„Yeah it is. But it’s all part of the plan.“

– – –

„Wenn man kein Geld hat, dann ist man ein Nichts!“ war ihr Satz, der für Sie inbrünstigs Bekenntnis nicht nur ihres Selbst, sondern ihrer ganzen Generation – glaubte ich Ihren Worten – darstellt. Unverständnis umschwirrt sie wie behäbige, glitzernde Fliegen bei meiner Antwort und sie wird mit der unabdingbaren Brillianz ihres unfertigen, in sich (blind)schlüssigen Weltbildes fundamental abgelehnt; ganz Mensch ihres Alters – Beta-Menschen, noch aus der Testphase des Lebens zu erwachsen – und damit erfrischend ehrlich im dissonanten Dialog der zwischen uns entsteht. Rudimentär zu erklären war mir heute schon genug, die angehende geistige Elite kann sich alleine in der Welt zurechtfinden – beschließe ich und begebe mich anschließend dennoch in die Diskussion.
Hoffnung ist wo wir sie schaffen.

– – –

„So you want to be confused?“
„It’s not about if I want to, it’s that we have to.“

– – –

Es gibt generell zwei Arten von Menschen: jene die sich bedanken wenn jemand Ihnen die Tür aufhält und jene die sich dadurch in ihren eingebildeten Geflecht von Gleichberechtigung verletzt sehen, denke ich während ich die Treppen einer anderen S-Bahn-Station herabschlendere; wesentlich später am Tag, nur unwesentlich wacher in dem Strom der abgearbeiteten und fertig beschulten Bevölkerung, welche durch einen Pulk aus zig Kinderwagen auf einen belustigenden Slalomkurs gezwungen wird – ich kann das während meines nahezu fabelhaften Abstiegs wunderbar überblicken und mich königlich darüber erheben; ein Widerstreit unendlicher Größe innerhalb der winzigen Passform meines Daseins. Individuell in der Welt meines eigenen Ichs und doch, bekleidet oder nicht nach den Vorlagen der inneren Modedesigner, ein Nichts wie alle anderen: emsig ausbrechend aus meinen Spuren, stoisch-hoffnungsvoll anflatternd gegen lenkende Kräfte und leise an meinem Leben entlangtickend.

– – –

Maybe that’s the start of a maniacs thoughts about enlightenment…
Bewegte, tumultige Gedankenzeiten; Poesie umgibt mich wie faulige Pomade.