Die stille Leere der Gedanken

Sag mir,
Wo ist die Leichtigkeit?
Wo ist sie geblieben?

Verschreckt inmitten
Bleicher Gebeine,
Verlorener Kindheit,
Verkorkster Jugend,
Einem verkopften Jetzt.

Sag mir,
Wo ist die Leichtigkeit?
Was ist geschehen?

Verreckt inmitten
Unzähliger Kränkungen,
Kleinlicher Verletzungen,
Gescheiterter Begegnungen,
Einem sterbendem Selbst.

Sag mir,
Wo ist die Leichtigkeit?
Wann werde ich verstehen?

Versteckt inmitten
Romantischer Gedanken,
Bedächtigem Grübeln,
Verbliebener Hoffnung,
Einem geliebten Leben.

Sag mir,
Wo ist die Leichtigkeit?
Und bin ich das überhaupt?

Leere

16:11 Zeit, die Zeit zu füllen

Es ist früher Nachmittag, bald Abend und die Zeit wird zum Feind. Was draußen zu erledigen ist, ist erledigt. Oder es kann bis morgen warten. Grell, übersteigert und abgehackt sind meine Gespräche, die Gespräche nach außen, die Gespräche in mir drin. Alles schreit aus vollem Halse: „Wir sind nicht allein!“

Folie118:05 Ich arbeite, also bin ich. Oder so.

Übersteigerte Intellektualität ist mir schon seit ewigen Zeiten zuwider. Interessant, ist sie doch integraler Bestandteil meines Selbst und basiert mein Humor doch zumeist auf der verkannt genialen Verwendung besonderer Hintergründe des Gesagten und anderem… Ist es die Flucht, sich mit der Basis meines Seins zu beschäftigen, die mich dazu bringt hin und wieder in einem Anfall gemäßigten Wahnes tatsächlich zu versuchen kluges Zeug niederzuschreiben?

Folie221:24 Wenn ich weiterlaufe, kann mein Kopf nicht auslaufen

Emsig, emsig, emsig weiter. Eine Ameise in ihrer Kolonne, die linken (gefühlt) zwanzig Fußpaare heben, rechts abdrücken und dann ein weiterer Schritt. Nicht den Blick heben, nicht die Last verrutschen lassen, nicht weiterdenken. Mein Leben besteht aus dem nächsten Schritt und anschließend dann (eventuell) aus dem nächsten. Ich bin beschäftigt, die Welt ist in Ordnung. Woher nehme ich nur neue Scheuklappen, sollten die meinen mir von meinen verschwitzten Stirnlappen rutschen?!

23:24 Pause, Atemholen und anschließend ein Knäckebrot

Hyperaktivität ist keine Sache eines unausgelasteten Körpers. Das würde der Masse fettleibiger Menschen, die in Ihrem Stuhl festkleben und alles andere als beweglich sind, dann ja das Anrecht absprechen, sich selbst auch als hyperaktiv diagnostizieren zu können. Hyperaktivität ist eine Farce, geschaffen um zu übertünchen. Zu übertünchen und abzulenken, von uns, von euch, von dem Knäckebrot. Aber reinbeißen müssen wir; so dass es kracht.

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23:35 System Overload, beende äußere Einflussnahme

11 Minuten danach, nach dem Knäckebrot, nach der Atempause. Nicht gerade ein super Filmtitel, dazu auch noch sehr abgekupfert. 11 Minuten, weniger Zeit als es brauchen würde eine Website zu finden die mir etwas ausspuckt das 11 Minuten dauert und nicht das Buch/den Film 11 Minuten meint. 11 Minuten ist alles, was mein Leben braucht um schlafen zu gehen und dabei nur eins zu vergessen. Mich und die Krümel.

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23:56 Zeit ins Bett zu gehen… von wegen!

Während ich meinem Leben dabei zuschaue, wie es schlafen gegangen ist und mir denke: „watt nu?“ bewegt sich mein Körper ganz automatisch und als ich wieder hinschaue, was genau da eigentlich vor sich geht, ist mein Körper bereits wieder mit anderem beschäftigt. Ich komme mir vor wie ein Betrunkener, dessen Augen verzweifelt versuchen dem Geschehen zu folgen, jedoch immer eine halbe Sekunde zu spät dort ankommen und in einem Reigen verschwommener, verwirrender Standbilder Informationen an das Stammhirn weiterreichen.

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01:27 A brave new day

Der Bordcomputer meldet, dass sich die Flotte noch immer in Bewegung befindet. Auch wenn die Kommandozentrale keine weiteren Befehle sendet, ist dem Operationsmechanismen nicht Einhalt zu gebieten. Irgendwo zwischen mir und meinem Kopf scheint eine Verbindung gekappt zu sein. Vielleicht steckt da ein Krümel fest. Oder ich schlafe schon und träume nur noch aktiv zu sein? Grenzen sind eh überbewertet. Besonders Realität und Traum.

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02:14 Musik ist geronnene Dickmilch im Prozess unseres Denkens

Seit einer halben Stunde bin ich bereits auf dem Weg ins Bett… bestimmt. Und ich bin auch gewiss schon ungefähr 3 cm vorangekommen. Die Kunst beim Fliegen ist es, den Boden zu verfehlen. Die Kunst ist es, den Wahn sinnig zu machen. Die Nacht ist voller abgedroschener Phrasen und ich stecke in dem Pfuhl den mir dieser Dünnschiss beschert.

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Nuancen

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mich beschäftigen.

Das große Ganze ist mir hingegen eigentlich zumeist recht wumpe. Griechenlandjedersagtwasdazukacke? Meh.
Eurokrise und Finanzprobleme?
Ich bin seit Jahren nicht richtig arm und nicht bestimmt nicht reich. Abgesehen davon: in einer Krise stecken wir alle. Eine Seinskrise vielleicht, es könnte aber auch das Ende der Welt sein. Des passt schon. Und wenn nicht, dann ist es mir genauso egal wie vorher.

Die kleinen Dinge allerdings… das, was zwischen dir und mir schwebt, was in der Luft bleibt, wenn zwischen Menschen jenes furchtbare, zum scheitern verurteilte Ungetüm namens Kommunikation schwebt. Oder eben gerade nicht. Wenn Schweigen zwischen Freunden ist, wo Antworten sein müssten. Diese Stille zwischen zwei Worten,  die eigentlich nur die Summe ihrer Dinge ergeben sollten, jedoch unzählige weitere Elemente ermöglicht. Der Lärm in meinem Kopf, wenn eigentlich Stille sein sollte und dafür passend die ohrenbetäubende Leere, wenn ich mitten in dem stehe, was manch einer als Leben bezeichnen wollen würde.

Es sind diese ungelenken Kleinigkeiten – sozusagen der Schmierfilm zwischen den Dingen – die mir keine Ruhe lassen.

Das Miteinander – wenn es denn nicht ein Gegeneinander ist – gestaltet sich bedauerlicherweise in unserer Welt, die wir uns zumindest räumlich teilen, oft als… unklar.
Es gibt meistens Spielraum.
Nuancen.
Und das ist, wo wir alle gefickt werden.

Wir lernen vermutlich alle mehr oder weniger von Geburt (oder doch sehr bald danach) an, dass wir ein Ich haben. Etwas, das wir sind und das uns, je nach Ausprägung, auch ausmachen sollte. Was auch immer wir tun oder lassen, dass Ich ist mit dabei. Wer da anders denkt, kann ja mal versuchen eine Woche ohne das Wort „ich“ und seine Verwandten auszukommen. Unser Denken beginnt bei uns selbst, wir sind quasi das Zentrum unserer Welt. Zugegeben, nicht jeder von uns ist ein Zaphod Beeblebrox und hält sich für den Mittelpunkt des bekannten und vermutlich auch unbekannten Universums.
Davon spreche ich auch gar nicht. Zu verlangen, das wir uns von uns selbst loslösen und gänzlich ohne eigene Person denken ist nicht nur ein sehr hoher Anspruch, sondern ein unmöglicher. Wir können schlicht nicht anders denken, als wir selbst. Alles was außerhalb dessen liegt können wir uns einfach nicht denken.

Das ist nicht so wie die Herausforderung an ein Schwein (welches wohl nicht nach oben schauen kann), den Himmel zu betrachten. Dabei kann das Schein clever sein und sich einfach herumwälzen. Das ist vergleichbar mit dem Wunsch, in der siebzehnten Dimension Dinge zu tun, die außerhalb meines Sprachgebrauchs liegen. Denn sobald ich es beschreiben kann, entspringt es wieder meinen Kopf und ist damit von mir gedacht. Klar gibt es keine Garantie, dass ich nicht gerade in jener fernen Dimension jene Dinge tue die ich nicht beschreiben kann, aber davon weiß ich nichts; immerhin bin ich an meine 3-4 Dimensionen gebunden.

Wenn wir also jetzt annehmen, dass unser Denken unabdingbar mit unserem Ich verwoben ist wird vielleicht deutlich wieso wir am Arsch sind, wenn wir miteinander kommunizieren. Das muss doch schief gehen! Ich bin mir ja teilweise meines eigenen Denkens nicht sicher, wie soll ich dann auch nur im Ansatz behaupten können, ich würde verstehen was jemand anderes denkt?!
Und doch tun wir das immer wieder. Also es sagen. Zumindest öfter als wir es dann auch wirklich umsetzen. Also das Verstehen.

Irgendwo auf der Strecke zwischen uns und unserem Gegenüber ist ein Loch, welches wir zwar immer wieder versuchen zu füllen, was uns aber niemals gänzlich gelingen kann. Und so traurig das jetzt klingen mag, kann ich für meinen Teil darin sogar eine Befreiung finden. Nun ja. Teilweise. Befreit werde ich grundsätzlich von der Last des Versagens, wenn es mir nicht gänzlich gelingt mein Gegenüber zu verstehen. Oder der Angst, endlos narzisstisch zu sein, wenn mir wieder einmal auffällt, wie oft das Wort „ich“ in seinen Spielarten in diesem Text schon wieder auftaucht.

Wovon es mich allerdings nicht befreit, dass sind die Dämonen, die in diesem Loch schlummern. Die dunklen Gedanken, welche das Loch zu mehr machen als einer Strecke, die ich gerne überbrücken würde. Sie heizen darin Feuer an, schnappen sich spitze Metallforken, schnallen sich Hörner, Echsenschwanz und Hufe um und tanzen irre gackernd im flackernden Schein verbrennender Hoffnung.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mich beschäftigen. Und es sind die kleinen Dinge, die meine ganz persönliche Hölle beschwören.

Rollende Räder

Wieder am reisen, diesmal allerdings mit dem Bus… sehr zu meinen Leidwesen. Nicht, dass ich Bus nicht mag, oder die nette Dame neben mir unangenehme Gesellschaft wäre. Im Gegenteil: die Fortbewegung ist eine der mir liebsten. Mehr Platz als im Zug, vor allem im Fußbereich; die Gesellschaft ist sogar äußerst sympathisch (ich bin ja eh ein Mensch, der mittlerweile ganz gerne mit Fremden in Kontakt tritt). Allerdings bin ich mit dem Bus einfach mal das anderthalbfache der Zeit unterwegs. Was in Berlin jetzt kein Thema wäre, da man dort meist eh nicht viel mehr als eine Stunde unterwegs ist.
Heute sind es dann mindestens neun.

Als ich – nach einer viel zu kurzen Nacht – aufwachte, war mein Kopf voll mit Ideen, was ich in dieser vielen Zeit alles schreiben will. Ein Buch? Ach waaas. Brauch ich gar nicht erst mitnehmen, ich habe ja meine Geschichten im Kopf und schreibe ganz viel.
Das mit dem Denken sollte ich neu überdenken…

Die Räder rollen unter mir in einem gleichbleibenden, wegen der Unebenheiten allerdings nicht völlig monotonen, Brummen dem Ziel entgegen. Die Landschaft schlendert vorüber, denn in der Weite hat sie Zeit. Zeit es sich noch einmal zu überlegen, was sie eigentlich mit sich selbst anstellen will. Zeit sich hinzusetzen und inne zu halten, ungeachtet der hektischen Käfer, die durch sie hindurchrasen. Zeit, dem Wetter in seiner Unentschlossenheit beizustehen und seine Launen auszuhalten, ganz egal was es auch anbringt.

Und auch ich gleite mit den Rädern meinem Ziel entgegen. Auch ich schlendere durch die Täler meiner Träumerein und schaue meinen Gedankenflocken bei ihrem gemächlichen Treiben zu. Auch ich entschleunige.
Die Ideen, die Anspannung. Alles was mich in den letzten Tagen nahe an die Stimmung eines verletzen Grizzlys brachte ist -vorerst zumindest – in der Gleichförmigkeit des Reisens erstickt und bröckelt leise von mir ab.

Ich wollte über so vieles schreiben, doch letztlich schreibe ich nur darüber, dass ich gar nicht schreiben will. Nicht denken; zumindest nicht bewusst. Mal schauen, wie lange das so bleibt und in meinem Kopf Ruhe herrscht.

Der Poet in meinem Rachen

Es ist wieder einmal viel zu spät geworden für ihn. Die Nacht, verführerisch in ihrem dunklen Kleid, hatte ihn erneut mitgenommen auf eine jener wilden und doch stillen Reisen. Diese Wegstücke zwischen Wachen und Traum, beseelt von den bunten Trauben seiner Gedanken, waren seit einiger Zeit seine treuesten Gefährten während der trist anmutenden Durststrecken die der Tag bereit hielt. Der Tag; grau gewandet in seinem strengen geschnittenen Anzug und stets so sehr bemüht zu gefallen. Diese anbiedernde, geifernde Gestalt von Etwas, dass mit blendender Helligkeit versuchte die tiefen Abgründe seines schmutzigen Innenlebens zu verbergen. Der Tag war nicht sein Freund; ganz anders dessen Partnerin, die Nacht. Jene kühle, mystische Dame die elegant und still seine Sinne umgarnte und ihn lockend mitnahm um ihm eine Welt zu zeigen. die nicht blendete und beschrie, was es zu erleben gelte, sondern ihn sacht an der Hand nahm und ihm die Fenster zu seinen eigenen Welten öffnete, wo er sich nach eigenem Gutdünken flegeln, ausprobieren und erkunden konnte.

Irgendwann, er wusste nicht mehr genau wann, sprach er dann nicht mehr.

Nicht, dass es ihn gestört hatte wie die Welt lief. Nein, er war sich dessen bewusst, dass seine Sicht eine exzentrische Sicht darstellen musste und ein jeder normale Mensch nur müde und traurig den Kopf schütteln konnte ob seiner unverständlichen Gedanken. Es verstimmte ihn nicht einmal, wenn ein vermeintlich Befreundeter sich seiner annahm und versuchte ihn auf einen rechten Pfad zurückzubringen. Meist gab er dann für eine Weile vor, in der Welt der Tagmenschen – wie er sie wenig originell zu nennen pflegte – besser zu funktionieren. Er stand früher auf; genoß augenscheinlich Sonne, Tumult und Leben; verließ sein Haus mehr als er es bewohnte; knüpfte eine Vielzahl Kontakte und schließlich, wenn alle Welt beruhigt schien, einer verlorenen Seele erneut das Licht gezeigt zu haben, verließ er diese angestrenge, erschöpfende Welt erneut.

Nur, dass er mit einem Mal nicht mehr sprach.

Es mag eine Weile gut gehen, in dieser Welt nicht zu sprechen. Manch bedauerliche Seele muss sogar seit Geburt damit zurecht kommen. Doch wenn ein Mensch einfach AUFHÖRT zu reden, dann ist es so sicher wie das „Amen“ in der Kirche, dass nach einer Weile Menschen Fragen stellen. So ist es eben ihre Art und so war er darauf vorbereitet, als die Fragen begannen. Kurz nachdem er den Entschluss gefasst hatte, vielleicht auch währenddessen, hatte er einen Text geschrieben. Der Text erzählte in klarer, verständlicher Sprache weshalb es sinnlos sei weitere Worte zu verlieren. Das alles gesagt sei mit diesem Text und für weitere Worte keine Notwendigkeit bestehe. Alles andere könne auch die Schrift oder der Körper besorgen.

Und tatsächlich schien es auszureichen, was er schrieb. Denn auch wenn manch einer schlecht über ihn sprach – zumeist hinter seinem Rücken, denn den Mut, einander die Meinung zu sagen, haben nun halt doch die wenigsten Menschen – so fügten sich alle seiner Entscheidung. Auch versuchte niemand mehr, ihn auf den lichten Pfad zu leiten. Was auch immer er geschrieben hatte… es schien von solch innerer Überzeugung zu verkünden, dass man ihm das ließ, was er wahrlich am meisten begehrte: seine Ruhe.

Nun, was hat dies mit mir, also dem Autor, zu tun, so fragst du dich, lieber Leser, an diesem Punkt vielleicht und ich will dir keine Antwort schuldig bleiben.

Es verhält sich so, dass diese Geschichte in mir etwas wachrührt, dass mich in eine… poetische Stimmung versenkt.

Ich habe einen Poeten in meinem Rachen. Etwas, dass sich manchmal meiner ermächtigt und mich zwingt, unkontrolliertem Erbrechen ähnlich, unzählige Worte -vermeintlich wohlklingend und sich zu stetig größeren Kunstwerken aufbauend – auszustoßen und nicht nur zu Blatt zu bringen, sondern auch meine Mitmenschen damit zu belasten. Belasten, ja das ist es wohl, denn ich bin nicht Herr dieser Flut und so manch einer wird von meiner Flut an Wortgewalt überschwemmt, fortgetragen oder doch zumindest verstört.

Ich würge daran, ich versuche es herunterzuschlucken, doch dadurch wird der Brechreiz nur größer um letzten Endes dann nur um so heftiger aus mir herauszubrechen. Ich kann es nicht verdrängen, denn es beginnt sich in meinem Kopf auszubreiten, ganz so wie eine Milchkanne, stetig gefüllt, irgendwann überlaufen muss.

Dieser Poet ist wie ein maligner Tumor, wuchernd und fräsend in meinem Rachen, sich ausbreitend und mich erstickend. Er wird sich den Weg aus meinem Körper erkämpfen, soviel ist sicher. ob er dabei meinen Gaumen zerschmettert, meine Zähne ausreisst und meinen Kiefer bricht ist ihm völligst egal, denn für ihn geht es um eines: um seine Freiheit. Darum herauszubrechen und alles um sich herum mit fauliger Schwärze zu überziehen und zu vergiften.

Ich kotze. Kotze ihn aus und doch werde ich ihn niemals los. schleimiger, schwarzer Morast umspült meine Zähne, die an dem beißenden Schleim verätzen und als rauchende Ruinen in meinem, von aufgeplatzten Lippen umrahmten, Maul verbleiben. aus jeder Pore meines Leibes dringt er hervor und nichts kann ihn einsperren, nichts ihn in mir drin halten. Er dringt von meinem Rückgrat geradewegs durch die Haut und platzt aus meinem Rücken heraus, während er meine fleischliche Hülle abstreift wie eine lästiges Kleidungsstück. Es ist ein Feuerwerk der Schmerzen in meinem Kopf, ein grausames Spiel von Erlösung und Krampf, während er mich leert und leert und leert und leert; immer dann wenn nichts mehr da zu sein scheint noch weitermacht.

Zurück bleibt ein zerschmettertes Irgendwas, unbestimmt ähnlich zu dem, was ich vorgab zu sein, während er aus den dampfenden Überresten meines Ich heraussteigt und immer mehr zu dem wird, was um mich herum als Ich gesehen werden wird. Und wenn ich mich umdrehe sehe ich hinter mir nichts als eine befremdliche Szenerie eines vorher stattgefundenen Kampfes vielleicht. Etwas das mit mir nichts zu tun haben kann, denn ich bin nur Ich und niemand sonst. Und bevor ich mcih versehe, spüre ich erneut ein Kratzen in meinem Rachen. Etwas ist da in mir, wie es mir scheint. Ich räuspere mich und das Kratzen verschwindet. Vielleicht ist es ja nur Einbildung gewesen. Es wird bestimmt nichts sein. Ich bin Ich.

Es ist in jener Stille- kurz bevor mich nichts mehr als die undurchdringliche Stille meines eigenen, stetig wiederkehrenden Todes umgibt-  dass ich dem Inhalt jenes Textes zum greifen nahe komme.

Meister der Ablenkung

Freitag Morgen Elf Uhr Fünfundfünfzig stehe ich am Bahngleis meiner Ubahn und warte auf den Zug. In fünf Minuten habe ich einen Termin, wie mir ein kleiner, wacher Teil meines Gehirns mitteilt, doch für den Rest meines Geistes ist Alles immer noch ein Aufwachen und damit eine ganze Traumwelt weit weg. Mein Körper hat noch den Abdruck der Matratze im Gefühl, der zurückgekehrte Winter noch nicht gänzlich die Wärme der Bettdecke vertrieben und ich stehe mit einem mehr schlecht als recht sitzendem Wrack von Frisur in der letzten Leere, kurz bevor die Massen der hungrigen Mittagspausierenden aus den stumpfen Bürogebäuden ausgespuckt werden.
Entsprechend meiner Verfassung lasse ich meine Augen ziellos umherwandern und schon bald sehe ich keine Konturen mehr, sondern mit jenem unscharfen Blick den jeder Brillenträger kennt. Jene Art von schauen, die für 3D-Bilderbücher benötigt ist – wo wir mit ihr kämpfen – und die bei exessiver Müdigkeit eintritt – ganz egal ob wir das wollen.
Ich muss kurz komplett weggetreten sein, denn mit einem Mal wird mir bewusst, dass ich nun schon eine Weile auf den schwarz-weiss marmotisierten Boden starre. Ich kann nicht genau bestimmen wann ich anfing dorthin zu starren, noch wie mein Blick dorthin gewandert ist; dazwischen ist eine Lücke, gefüllt mit wattiger, klebriger Unbestimmtheit.
Ich befinde mich in jenem Schwebezustand zwischen Wachsein und Abwesenheit, in dem meine Gedanken eine unrealistische Schärfe erreichen, mein Körper jedoch nicht mehr als eine flüchtige Erinnerung ist und mir wird mit einem Mal deutlich, was meine Augen mir zeigen:
Der Boden unter mir atmet, pulsiert und scheint sich wegen irgendwelcher Schmerzen zu winden. Ich stehe im Schacht einer Ubahn und unter mir räkelt sich das Gestein – welches Menschen vor mir zerschnitten, gesprengt, transportiert und in einer anderen Form wieder zusammengestückelt haben – und es lebt mehr als ich. Es atmet und lebt in einem derart starken Puls, dass es mich durch die gesamten Schichten meiner Gedankenwelten erbeben lässt, packt und aus meiner körperlichen Hülle hinausschleudert.
„Was ist Leben? Wie lebe ich? Lebe ich überhaupt?“ fragt Etwas, dort angekommen, unbestimmt in Fleischlichkeit, einzig definiert über die zarte Bindung  der Gedanken an eine weit entfernte Puppe.
„Ist das mein Leben? Bin ich der den ich lebe?“ denkt Etwas und die Bindung wird zu einem schmalen Pfad, während rings um mich her eine stille Schwärze lauert.

Ist es mein Leben, welches ich lebe? Eine sehr interessante Frage. Auch wenn du sie dir nicht das erste Mal stellst. Interessant auch deshalb, weil du einer Antwort noch immer nicht näher gekommen bist, wie ich annehmen darf. Nicht? War zu vermuten. Es würde mich auch überraschen, wenn du…

Während er mit sich selbst in eine uralte Diskussion einsteigt, schlüpft er unbemerkt aus sich heraus und geht den schmalen Pfad entlang, weg von dem Streit. Immer weiter läuft er, bis er sicher ist, dass sie ihn nicht mehr bemerken. Da hält er auf einmal inne, schaut zurück in die Richtung in der sie verweilen, lässt seinen Blick an dem Weg entlanggleiten. Wie er auf ihn zukommt, unter ihm entlangläuft und in der anderen Richtung im Nichts verschwindet. Dort wo jene – vage erinnerte – Hülle hätte sein sollen erstreckte sich nichts außer einer dämmrigen, grauen Ungewissheit. Unsicherheit verzerrt sein Gesicht, als er Hin und Her schaut auf jenem Pfad. Unsicherheit macht sich in seinem Herzen breit, breitet sich in ihm aus, raubt ihm die Kraft und hätte er einen Körper gehabt: er wäre erschöpft zusammengebrochen. So blieb er eine Weile, unbewegt und formlos, bis er letztlich einen Entschluss fasste und zurücklief.

Dämmrige, graue Ungewissheit Nichts als diese ewige Suppe um mich herum und nichts verändert sich Müsste ich nicht schon längst angekommen sein bei Ja schon lang müsste ich daran vorbeigegangen sein Wo sind sie nur Und wieso verändert sich nichts in dieser elengen, dämmrigen widerlich grauen beschissenen Ungewissheit?

Später, als ich wieder zu mir kam und jenen dumpfen Zustand brütenden Gleichklangs hinter mir ließ, fand ich mich in einem riesigen Gewölbe wieder. Der Weg unter mir war, sehr zu meinem Schrecken, verschwunden und ich zuckte innerlich zusammen. Mein Magen rutschte mir in den Hals, als das Gefühl des Fallens einsetzte, ich schloß die Augen und ergab mich meinem Schicksal. Als nach einer Weile nichts passierte, öffnete ich die Augen vorsichtig und stellte fest, dass ich weiterhin fest stand. Der Pfad… er war noch da! Er war lediglich unsichtbar oder doch zumindest durchsichtig. Erleichtert ließ ich mich sinken – nur kurz verblüfft darüber meinen Körper wahrzunehmen – und atmete tief durch.

Während ich dort saß, noch immer befangen von dem unangenehmen, nicht abzuschüttelnden Gefühl im Nichts zu schweben, fiel mir auf, dass um mich herum Fackeln brannten. Unzählige vin ihnen säumten jeden Winkel des Gewölbes, und nachdem es mir erst einmal bewusst wurde stellte ich fest, dass sie überall waren. Ich war umgeben von flackerndem Licht, die letzten so weit entfernt, dass sie sich am Horizont zu treffen schienen. Noch während ich zu begreifen suchte, was um mich herum geschah, fiel mir auf, dass zu jeder Fackel ein kleiner Gang gehörte, welcher sich hinter dem Licht in eine kaum wahrzunehmende Dunkelheit wand.

Mein Weg, so wusste ich mit untrüglichen Gewissheit – jene die einen von Zeit zu Zeit ohne Vorwarnung überkommt – lag in exakt EINEM dieser Gänge. Doch in welchem, hierbei half jenes Gefühl nicht, dass – ähnlich einem Frühlingsduft – bereits verschwunden war und mich in meiner Unschlüssigkeit allein ließ. Ich starrte, grübelte, verharrte, lief auf und ab – denn schienbar war ich doch nicht zum Stillstand verdammt – und verharrte erneut, starrte erneut und grübelte weiter. Das Licht der Fackeln schien zuzunehmen, die einzelnen Lichtpunkte in der Ferne verschwammen zu einem wabernden orangeroten Leuchten und noch immer hatte ich nicht den Hauch einer Ahnung, wohin ich mich wenden sollte.

Verzweiflung rollte in einem rauschenden Grollen heran, umspülte mich und riss mich mit sich fort. Ich wirbelte herum, rang nach Luft, schrie lautlos und rang mit den Wellen. Sie drang in meine Lungen ein, umnebelte meinen Geist und erstickte meine Stimme. Sie war überall und ich.. ich verschwand.

Stille. Schwarze, kalte Stille. Stille in einem Ozean an fernen, unbekannten Ufern.
Ein Lichtpunk segelt herab und verlischt, noch bevor er begriffen werden kann. Noch einer folgt, verschwindet – ohne zu existieren – und entsteht erneut.
Ein ständiger Akt von Tod und Wiedergeburt, getanzt in völliger Stille.
Wasser brandet über stille Ufer ferner, unbekannter Ozeane und verrinnt lautlos im weißen Sand.

Wir sehen ihn, auf dem Pfad der keiner zu sein scheint.
Er steht dort, reglos und nahezu leblos.
Er öffnet die Augen, blicklos und entrückt.
Sein Mund öffnet sich, mechanisch und krotesk.
„Welchen Unterschied macht es also?“
Wir
hören ihn, als der Pfad in unzähligen Splittern zerspringt.
Er fällt, reglos und nahezu leblos.
Er schließt die Augen, blicklos und nahezu leblos.
Sein Mund schließt sich, mechanisch und krotekst.

„…zurückbleiben bitte!“ dröhnt es mir in die Ohren, begleitet vom widerlichen Tuten, dass Fahrgäste darauf hinweist das die Türen der Ubahn schließen. Ich starrte weiterhin stumpf auf den reglosen Boden.

Freitag Morgen Elf Uhr Sechsundfünfzig stehe ich am Bahngleis meiner Ubahn und warte auf den nächsten Zug.