Motivationen

Es ist Sieben Uhr fünfzehn auf den Punkt. Mein Wecker klingelt und sein leicht hämisches „brought this upon yourself, don’t try to bind this one on me “ (genialer „Tiger Lou“ Song) lässt mich noch mehr die Ironie der Situation spüren.
Es ist Viertel nach Sieben in der Früh und das an einem Sonntag. Ich stehe auf und erledige all dass, was eben morgens so ansteht. Dabei fällt mir auf, dass ich für diese unwirkliche Zeit (in meiner Lebenswelt kann man das mit 4 Uhr früh etwa vergleichen) relativ fit bin.
Was noch interessant zu erwähnen wäre… ich tue mir das freiwillig an. Es gibt keinen anderen Grund, als das ich von mir aus ohne Zwang gesagt habe, ich möchte heute bei einem Turnier aushelfen. Wo ich vielleicht nicht einmal viel spielen werde!
Wäre ich selbst vor einem Jahr auf mich zugekommen und hätte mir gesagt, in einem Jahr würde ich freiwillig soetwas tun, hätte ich, nicht nur wegen der Behauptung „ich bin Du aus der Zukunft“, vermutet mein Gegenüber wäre verrückt.
Motivare… sich bewegen. In the Latin. Aber wieso bewegen wir uns für manches so leichtfüßig und für anderes nicht? Nur an der „Lust“ kann es nicht liegen, denn gestern hatte ich, dezent formuliert, keinen Bock.
Sich bewegen… im Kopf? In einem Mix aus Kopf und Körper?
Oder war es nur eine dieser kurzen Schübe die dafür sorgen, dass ich nicht ganz untergehe und etwas lebe, das auch nach einem zweiten Blick wie ein Leben aussieht?

In jedem Fall sollte man Menschen öffentlich anprangern, die Turniere um solche Zeiten starten lassen.

Gott und die Postleitzahlen

Gott ist, so scheint mir, zu kurzsichtig gewesen mit seiner Schöpfung. Typisch irgendwie.

Ich bin kein wirklich religiöser Mensch, habe aber für mich meinen Glauben. Das auszuführen wäre eine langwierige und wahrscheinlich auch langweilige Angelegenheit, aber es sei so viel gesagt: Ich berufe mich in meinen Ausführungen darauf, dass es Gott in jedem von uns, für uns und aus uns heraus gibt. Feuerbach, Existentialismus und einen Haufen eigener Ansichten zusammengewürfelt zu einem Gott, den wir in uns selbst tragen/produzieren und finden können. Wobei es schon ein formloses und übergeordnetes „Sein“ gibt. Das ist der Glaube daran, der sich von dem psychologischen Grundstock wegbewegt. Meiner zumindest.

Und dieser Gott also hat seine Schöpfung verkackt. So wie der Mensch das mit den Postleitzahlen. Oder mit den IP-Adressen. „Ach das wird schon ewig reichen. Das verbrauchen die nie!“, mag sich Gott gedacht haben, als er die Erde mit den Ressourcen und allem ins Universum warf. So wie sich die Herren der Post verrechnet haben, oder die Urväter des Internets niemals annahmen, dass ihre postulierten Zahlen erreicht werden.

Was also tun, wenn man dasteht und das eigene Konzept mitten im Spiel flöten geht. Weitermachen. Soviel ist sicher. Denn aufhören ist eine Option, die in diesem Spiel mit recht gravierenden Folgen versehen ist: dem Tod. Wir sind, auf Gedeih und Verderb hineingeboren in unser Leben. In diese Welt, die in bester Politikermentalität konzipiert wurde: spaßig und farbenfroh zu Beginn sein, am Ende aber dann mehr schlecht als recht die gef(l)ickte Karre aus dem Dreck holen.

Klassisch Mensch wäre und ist an diesem Punkt allem und jedem die Schuld zu geben. Wir sind ja letzten Endes nur Opfer der Umstände. Gott hat uns fehlerhaft geschaffen, wir können nicht anders als dem Kind den Lolli wegzunehmen weil es so klein und schwach ist. Wir mussten das letzte Brot essen, auch wenn andere noch nichts hatten. Gott ist schuld. Oder irgendwer anderes. Aber nicht wir. Nicht ich.

Wenn wir es aber dann mal irgendwie hinbekommen, uns hinsetzen und ehrlich zu uns sind… dann stellen sich manche Fragen nicht wirklich mehr. Wir können uns fragen, warum Gott uns so geschaffen hat. Oder ob er es überhaupt getan hat. Oder ob es ihn überhaupt gibt.

Bullshit.

Es ist pups egal, ob es Gott gibt oder nicht, wie oder ob er uns geschaffen hat und ob das Kind den Drecks Lolli eh nicht essen wollte. Wir sind, so hab ich eben schon gesagt, hineingeworfen in unser eigenes Leben. Nicht das eines anderen Menschen, nicht das skurrile Konzept eines jenen. Wir sind. Hier und Jetzt und ganz für uns selbst sind wir im Hier und Jetzt und in uns.

Vielleicht müssen wir einfach mal erwachsen werden und notgedrungen auch die Fehler eines anderen ausbügeln um in unserem Spiel weitermachen zu können. Ob ich mir dabei einen Spielpartner mit Rauschebart, mir andere meiner abgefuckten Spezies suche oder alleine vorgehe: Wichtig ist mir, mich meiner eigenen Verantwortung für mich selbst bewusst zu machen und mich nicht weiter davor zu drücken. Ob nun mit oder ohne Ausreden.

Raupe 2.0

Die Wolken ziehen heute eilig als dicke, feste Wattebällchen über den Himmel. Die Bäume, die ich durchs Fenster sehen kann, zittern beständig unter dem pfeifenden Wind und schwanken hin und her. Zumindest stelle ich mir vor, dass der Wind pfeift, denn hier drin, auf der Couch, höre ich nichts. Hier drin ist eine nahezu unnatürliche Stille, in der einzig meine Gedanken und die Worte, die diese Gedanken bilden Platz haben. Selbst das nahezu melidiöse Schnarren des Bohrers, mit dem einer der Mieter weiter unten die Wände töten will vermag nicht die Gedanken zu übertönen. Denn hier, auf der Couch, da haben sie Platz. Platz und Gesellschaft.

Ich liege auf der Couch, jenem recht bequemen Zentrum meines geistigen Lebens und beobachte, wie Vögel in mein Blickfeld taumeln. Ihr Kampf mit den Böen hat etwas kunstvolles, spielerisches und lässt mich schmunzeln. Mir, festgeklebt an den Boden, fällt das kämpfen schwerer. Sie taumeln in mein Blickfeld, dass ich mittlerweile nahezu auswendig kenne. Die vergammelten Fenster, die fast in einer Linie mit dem kahlen Schornstein enden, der aus dem roten Schindeldach hervorzubrechen scheint wie ein Gewülst. Die Bäume, die stellenweise so dicht sind, dass ich die dahinterliegenden Wolken nicht mehr erkennen kann, dann jedoch wieder Lücken aufweisen, ganz so wie ein rasierter Pudel. Für mich sind die Bäume schon längst Cheerleader meiner eigenen Überlegungen geworden und oft stelle ich mir vor, wie sie mich mit leeren Phrasen anfeuern, während ich auf der Couch bin und versuche Klarheiten zu gewinnen. Klarheiten über mich und die Dinge die mich niederdrücken, kämpfen lassen. Auf jener Couch, auf der ich Frieden finden kann.

Dunkle Wolken ziehen unter den weißen heran, noch eiliger und drängender im Tempo als ihre Vorgänger. Während sie die, nun fast gemächlich daherschreitend wirkenden, Wattebällchen verschlingen merke ich, dass ich nicht nur auf der Couch liege, sondern auch rede. Rede über mich und jene Dinge, die mich bewegen. Auf jener Couch, die mein Leben bewegt, auf der ich mein Leben bewege. Und so wie die zwei Armeen dort am Himmel um den Platz kämpfen, so ist auch mein Kopf in einem ewigen Gerangel gefangen, in dem dunkle Gedanken mit wolkigen Wattebällchen voller Euphorie um das Blau des eigenen Horizonts streiten.

„… Phase in der ich mich wie in einem Netz gefühlt habe. In das ich mich immer mehr verwickele; in dem ich immer weniger erkenne und gefangen werde……… Und dann ist mir aufgefallen, dass ich selbst dieses Netz spinne. Dass es so sein soll; ich  mich in einen Kokon hülle…. [längeres Schweigen]…. Vielleicht um mich vor mir selbst und meinen Gedanken zu schützen. Damit ich Zeit habe, mich zu verwandeln. Zu verändern….. Schönes Bild. Darüber werde ich heute – glaube ich – schreiben.“

Wie in einem guten Theaterstück beendet mein Satz die Szene und der Vorhang fällt. Anschließend schreite ich, noch immer beflügelt von der Schönheit des Bildes, des Konstrukts meiner eigenen Überlegungen, den noch immer eilenden Wolken hinterher, gedrängt durch die Gedanken, die sich in meinem Kopf schon zu Sätzen formen und ungeduldig darauf warten, niedergeschrieben zu werden. So lasse ich in meiner Ungeduld die Couch hinter mir zurück, die mein Leben bestimmt. Mein Leben bestimmt indem sie mir die Freiheit und den Raum gibt, mich selbst zu bestimmen und zu erkennen. Die Möglichkeit gibt mich selbst zu erkennen und das auch auszuhalten.

Wenn ich will.
Wann ich will.

Briefe an mich – eine Reise im Land der Riesen

Aufbruch in Gedanken
Du bist raus, weg, auf und davon. Auch wenn es nur für eine Weile ist, freust du dich doch so sehr, ist es – genau zur richtigen Zeit – die perfekte Flucht. Ein Reisetagebuch wolltest du führen. Sagtest du zumindest allen. Aber schon im Flugzeug hattest du darauf keine Lust mehr. Tiefe, gründliche Sehnsucht hat dich erfasst und du hast dich an den gewandt, der dir am nächsten steht. An dich.
Du weißt schon, dass das unfair ist, oder? Das du damit Menschen ignorierst, die dir nahe sein könnten. Menschen die würden, wenn du sie nur lassen würdest. Aber dennoch bin ich neugierig, was und wie das hier wird. Diese Briefe an dich selbst.

Aufbruch in Aktion
Ich bin heute aufgestanden, ziemlich nach Plan, aber wie so oft ganz knapp in der Zeit. Flug verlief unspektakulär, Landung und Transfer zum Hotel ohne Dinge von Interesse. Das Hostel ist amüsant, unser Zimmer wirkt so, als sei es letzte Woche gebaut worden. Der Boden ist allerdings besser verlegt worden, als du es getan hast. FYI. Amüsant war auch, dass meine Hotelierreflexe an der Rezeption direkt wieder geweckt wurden und ich gleich „alles abgecheckt habe“. Nun ist es aber spät und morgen geht es schon wieder los, wo ich normal „später“ ins Bett gehe. Daher wünsche ich dir eine gute Nacht.

Aufwachen
Sieben Stunden Zugfahrt, eine steht dir noch bevor und du bist immer noch nicht wach. Oder wieder nicht. Jedenfalls ist dein Hirn matsch. Ob jetzt vom Schlafmangel, der Reise oder dem Tumult in deinem Kopf geschuldet, kann ich dir nicht beantworten. Du dir wahrscheinlich aber auch nicht. Ich drücke dir die Daumen, dass das klappt mit den Plänen gleich. Für mich klingt das nach überflüssigem Stress.

Die Gleise gleiten fort und fort
Umi. Der Ozean. Im japanischen. Gerade ist er um mich herum erschienen, wir fahren auf einer schmalen Brücke Land weiter. Leider hat er aber die Sonne ertränkt oder so. Denn wo der graue Himmel aufhört und der graue Ozean anfängt ist schwer auszumachen. David, der eigentlich nette Hiker wird langsam gelangweilt. Und du weißt, wie ich bin, wenn man mich mit Smalltalk zumüllt. Die letzte Stunde ist immer die längste und langweiligste. Gut, dass ich da einen Brief schreiben kann.

Ankunft
So langsam komme ich an. Und so langsam fängt auch mein Kopf die mich umgebende Ruhe ein. Nicht im Zug, da daddelt irgendwo Musik, quatschen Leute und textet mich der Ir(r)e zu. Die Natur, auch wenn nur durch eine Scheibe gesehen, strahlt Ruhe aus. Ihr ist es egal, ob ich vorbeikomme. Ihr ist nicht wichtig, ob ich bleibe. Das des geht ihr mit allen Menschen so. Und in dieser Gleichgültigkeit liegt Akzeptanz. Ich kann hier sein. Ich darf hier sein. Stavanger. Ein Nest ein einem verlassenen Land. Ein guter Start.

Amusement on the Trial Trail
Es ist ein Tag, der beschlossen hat mich zu amüsieren. Zuerst, nachdem wie einen unaussprechlichen Gipfel bestiegen hatten, konnte ich Flugstunden ohne Flughilfen nehmen. Krasser Wind. Auf dem Preikestolen habe ich die schöne Aussicht genossen… und auch nebenbei den Blick auf die Natur. Viel zu viele Touristen. Aber eine interessante Sache habe ich gelernt und ich möchte sie dir mitteilen: Kaugummi + Klippe + Wind = Bumerang. Sehr amüsant anzuschauen.
Als wir fast an der Kreuzung Trekking / Pussies waren, haben wir den Iren wiedergetroffen. Er hat seinen Plan (welcher nicht wirklich einer war) verworfen und läuft nun denselben Weg wie wir. Wenn er also aufholt (was er wird bei unserem Tempo), wären wir dann zu viert. Wie C. schon sagte: „What are the odds?!“ Gerade hatten wir Mittagspause und das an einem Berg-in-Fjord-Bach. Sehr cool, sehr kalt und viele, viele Wasserfälle. Mal schauen, was noch kommt.
Ich fühle mich wie Mogli. Frei und lebendig.

Durst
Der Ire hat es nicht geschafft, zu uns aufzuschließen und drohende Nahrungsmittelknappheit lässt den Großteil der Gruppe unentspannt sein. Dabei haben wir unsere größte und drängendere Sorge (wasser) gestern lösen können. 2 Stunden Durst haben uns (nach Rücksprache mit quasi Einheimischen) alle Bedenken ignorieren lassen und nun haben wir alle kleine, norwegische Bergquellwasserbakterien im Bauch. Scheinen sich gut mit dem Rest zu verstehen, denn uns allen geht es gut.
Der Pfad ist – nett ausgedrückt – abenteuerlich. Eine Kette an einer schrägen Steinplatte, 2 gefällte Bäume und es darf sich Trekkingpfad nennen. GEIL. Abends saßen wir mit anderen Trekkingern zusammen und haben das wenige, das wir haben so gut es ging geteilt. Am nächsten Morgen dann früh weiter, gutes Tempo und viele Kilometer in vernünftiger Zeit. Long way to go!

Tiefgründig sein
Du wolltest dich schon seit Tagen hinsetzen und das hier schreiben. Schreiben von der Ruhe, die dir das Land nahezu aufzwingt. Aber die Worte fehlen dir, du hast wieder zu viele davon bei Nichtigkeiten verloren. Du wolltest schreien. Auf dem Berg, wo der Wind dir die Worte aus dem Leib pressen wollte. Auf dem Stein am Hang, wo die Weite danach schrie, gefüllt zu werden. Immer und immer wieder wollte dieser Matsch aus Kummer, Hass, Freude und Freiheit heraus, hattest du ihn auf den Lippen. Aber dieses Land ist zu groß für deine kleine Vorstellung von Größe. Zu frei für diene Idee von Freiheit. Und so bist du still von der Bergspitze gegangen, hast du dich still auf den Stein gesetzt und geschaut. Oder all die anderen Male innegehalten. Die Ruhe in diesem Land steht über den Sorgen der Menschen. Es erschien falsch, überflüssig und störend. Die Befreiung lag nicht im Herausbrechen, in der Kanalisation. Sie lag im Frieden deiner Umgebung und kam zu dir.

Die Fesseln des Reisens
Es ist einige Tage her, seit ich geschrieben habe. Nicht, weil zu wenig passiert wäre… Wir sind meist früh los, lange gewandert und wenn dann alles fertig war, war es zu spät um noch sehen zu können, was ich schreiben würde. Und dazwischen war ich einfach zu erschöpft. Ein erzwungener Umweg mit einem langen Abstieg, krasse eintausendnochwas Meter Anstieg in knapp 5 Stunden, 20+ Kilometer Hochmoor… jeder Tag hatte etwas, das neu gefordert hat, das neue Belastungsgrenzen gesetzt hat.

Die Fesseln eines Landes
Ich wollte immer wieder in Dialog mit mir treten. Dialog über die Dinge, die mich zuhause erwarten und Entscheidungen/Klarheiten brauchen. Aber weder das Land (du hast ja schon darüber geschrieben), noch der Weg haben es dir gestattet. Und so kreisen mir ein halbes Dutzend Gedanken immer und immer wieder im Hinterkopf herum. Doch konkreter werden gelingt mir hier nicht. Zu sehr bin ich gefesselt im Jetzt und Hier das mich umgibt. Der Tod meines analysierenden Zwiegesprächs. Erfrischend wie ich finde.

Ein Tag ohne Zeit
Ich wache auf und es ist bereits hell. Gelblich-grünlich… eigentlich beige ist das Licht im Zelt; irgendwie ist es eine seltsame, unbestimmte Farbe, die es hier drinnen fast heller erscheinen lässt, als es dann wirklich ist. Draußen ist es grau. Jenes Grau, dass den Himmel komplett umschließt und es so erscheinen lässt, als wäre ich unter einer Betondecke. Keine Ahnung, welche Uhrzeit es ist als ich aufwache. Keine Ahnung wie lange ich noch herumlag und abwechselnd, durch eine Lücke im Zelt, den Betonhimmel und, direkt daneben, den Zelthimmel anstarrte. Minuten, Stunden, Sekunden; An einem Tag wie diesem wird mir wieder sehr deutlich bewusst, dass Zeit sehr unwirklich ist. Im Grunde ist sie nur ein Gerüst, an dem wir Menschen uns entlang hangeln um nicht der Ungewissheit ausgesetzt zu sein.
Einzig durch Beginn und Ende des Regens, Vogelgezwitscher und das niederbrennen des knisternden, knackenden Feuers merke ich, dass der Tag seinen Lauf zu nehmen scheint. Sonne sehe ich keine. Ebenso wenig ein Loch in der grauen Suppe über mir. Alles gerinnt um mich her, wird zu demselben klebrigen Schleim, der mein Frühstück ist. Meine Gedanken passen sich dem grauen Einerlei an, werden ziellos, trist und zähflüssig. Mein Buch endet und damit auch das, was sich wie „Morgens“ anfühlt.
„Mittags“ – wann auch immer das ist – gehe ich ein wenig spazieren, obwohl mir das dunklere Grau am Himmel Regen versprechen will. Während ich in Richtung des Fjords schlendere – zu einem höheren Tempo sehe ich mich nicht in der Lage – beginnt es dann auch zaghaft zu nieseln. Doch auch als aus dem zaghaften Nieseln ein leichter Regen wird, verlässt mich die Gelassenheit nicht und in gleichmäßigem Tempo geht es weiter durch den kleinen Ort.
Ich sauge die Welt in mich ein, den Himmel, das Meer, Vögel, ein Seehund, Fische, der Boden; alles scheint von einem grauen Schleier überzogen zu sein. Einzig die menschlichen Einflüsse bekleckern farbenfroh die Gegend. Ein gelbes Boot schwankt langsam an seinem Ankerplatz hin und her; ein rotes Auto fährt scheppernd an mir vorbei; blaue Jacken stürmen an mir vorbei, eilig bedacht dem Regen zu entkommen.
Auf halbem Weg zurück zu meinem Zelt verlässt die Sohle meines linken Schuhs endgültig den Rest. Es war abzusehen, seit Tagen hatte sich der Halt zwischen den Beiden der Belastung von außen mehr und mehr gebeugt. Doch jetzt, inmitten des Regens, trennen sie sich und ich spüre, wie der feuchte Boden zu Besuch bei meinen Socken klingelt.
Zurück im Zelt liege ich erneut in einem Gewölbe fremdartigen Lichts und sehe den Regentropen dabei zu, wie sie auf den Zeltplanen entlang rinnen, an Falten kleine Pfützen bilden und nach einer Weile – nachdem immer mehr Wasser dazukam – die Plane umformen und zu Boden fließen, nur um das selbe Spiel von neuem beginnen zu lassen.
Wieder vergeht eine Zeit (lang? Kurz?) in der die Welt an Gewicht verliert und ich nur aus dem Kreiseln meiner Gedanken und den Geräuschen um mich her bestehe. Irgendwann höre ich dann Stimmen und mit den Stimmen kehren Wirklichkeit, Zeit und Sonne zurück.

So endet, was ich als meinen Tag ohne Zeit sehe.

Zurück zu dem Ort an dem es begann
Es ist früh. Sehr früh. Wieder einmal und vor einer Woche wäre das Frühstück ein sehr spätes Abendessen gewesen- So leicht ändert sich der Lebensrhythmus scheinbar mit der Zeit. Oder eher innerhalb einer Strecke von knapp ca. 100 Kilometer. Morgen wird noch früher. So früh, dass ich versucht bin wachzubleiben. Andererseits brennt der Chlor vom gestrigen schwimmen im „Forsand’schen Kulturhus“ noch in den Augen und wirklich wach fühle ich mich nicht. Zudem ist in Stavanger /wie zu Beginn der Reise erwähnt) kein Bär zum gemeinsamen steppen, was die Wachbleibepläne erschlaffen lässt. Der morgendliche Kai ist so wie gestern grau und verlassen, doch die Ruhe fehlt. Gemütlich frühstückend folgen wir dem geschäftigen hin und her der Fähren, bis endlich unsere heranschwimmt.
Auf der Fähre bleiben wir diesmal unter Deck; es ist zu kalt und die Sensation des Fahrtwinds nach der ersten Fahrt auch ein wenig verbraucht. Das hübsche Lächeln der hübschen Fahrkartenkontrolleurin erhellt den tristen Morgen ein wenig und mit den –typisch norwegisch- blonden Haaren ersetzt sie für eine kurze Weile die fehlende Sonne. In Stavanger zwingt uns dann die Lage des Bahnhofs (mitten drin) dazu, den kostenlosen/günstigen  Übernachtungsmöglichkeiten zu entsagen und ein Zimmer in einem B&B zu buchen. Irgendwie überrascht es mich nicht sehr, an der Rezeption des kleinen schnuckeligen Hostels von einer Deutschen empfangen zu werden. Ich glaube die Hälfte aller Hotels auf der Welt hat eine/n Deutsche/n an der Rezeption… Was mich allerdings überrascht ist, dass die beiden einzigen Rezeptionistinnen beide die Namen von Exfreundinnen von C. und mir tragen…
Stavanger ist für mich ein wenig langweilig und so bin ich schon bald in unserem Zimmer und lese noch ein wenig in Ruhe für den restlichen Tag. Abends stauben wir noch kostenlose Waffeln mit Marmelade und Jogurt ab (JUMMY) und gehen zeitig schlafen. Es wird früh werden, die Nacht ist kurz. Verblüffender weise stecke ich das aufstehen um 4 Uhr morgens sehr gut weg. Die Woche Anstrengung hat mich wieder aktiver werden lassen und macht Strapazen wie diese zu Kleinigkeiten. Im Zug gibt es nicht viel mehr zu tun (Ich hätte das Buch mitgehen lassen sollen) als dem Verrinnen der Zeit zuzuschauen oder durch Schlaf zu entfliehen. Seit dem schwimmen ist jedoch mein rechtes Ohr fast taub, was die Welt zwar ganz angenehm runter dämpft, aber es auch schwer macht, Gesprächen oder anderem zu folgen. Von daher klinke ich mich, meist unbewusst, aus dem meisten aus und schwebe in meiner eigenen gedankenleeren Blase, in der ein ganz merkwürdiges Gemisch aus gedämpften Tönen und verstärkt wirkenden leisen Melodien miteinander Kaffee trinkt. Hin und wieder ist es, als würde ich in meinem Hinterkopf das Gesagt noch einmal vorgespielt bekommen, was es zusätzlich erschwert, Gesprächen zu folgen.

Civilisation, thou shall haveth I once again
Oslo an sich ist ein ziemlich spektakulärer Mix aus alten, schnuckeligen und vor allem kleinen Häusken und geradliniger, minimalistischer, moderner Baukunst. Zwei grundverschiedene Jahrtausende  treffen aufeinander und gehen eine Ehe ein, in der sich Backstein und Fiberglas die Hand reichen und auf Schieferplatte und Hartplastik Polka tanzen. Sehr stimmiges Konzept. Größtenteils.
Morgen dann geht es heim und schon heute werde ich die Sorgen nicht mehr los. Ich wünsche mich zurück an den Fjord, wo meine Sorgen dem nächsten Essen, der nächsten Zeltstatt oder sogar nur dem nächsten Schritt galten. Ich kehre zurück in die Welt der Hektik und Betriebsamkeit und ich merke vor allem eines:

Es ist keine Kraft entstanden in diesem Urlaub. Nicht direkt. Ich habe nicht die Motivation gefunden, meine Probleme jetzt und gründlich anzugehen. Doch mir ist klargeworden, dass ich nicht bereit bin. Ich gebe mir sehr wenig, bin meist sehr streng und ungnädig mit mir. Aber eins nehme ich schon jetzt mit. Ich brauche mehr Zeit.

Ich bin nicht in der Lage Sie zu sehen.

Begegnungen

Berit; Kjell; Sven, Christina, deren kleiner Sohn Jesse; Club 100 (Helge, Andreas und Karsten); George der Emigrant und seine australische Frau; David der Ire; die Tschechen Helena und Thomas, die namenlose Neuseeländerin auf Welttour im Bus.

Es war, trotz der einsamen Route, eine Reise der Begegnungen. Erstaunlich, dass wir auf dem so viele Begegnungen hatten, die so offen und herzlich verliefen. Fast scheint es mir so, als hätten die Menschen, denen wir begegnet sind gesammelt beschlossen ihre schlechte Laune oder den Wunsch nach „Privatsphäre“ ausgeschaltet. Es kann nicht am „Urlaubsmodus“ liegen, denn die schönsten Begegnungen waren mit den Menschen, die dort lebten. Dort in den stillen und bescheidenen Gefilden, in die wir hinein geschnuppert haben, ohne wirklich eine Spur zu hinterlassen.
Mir selbst waren die Begegnungen ein Wegweiser. Eine Selbstbestärkung in dem was mir wichtig ist:

Offen sein, aktiv auf interessante Menschen zugehen und das Interesse anderer an mir würdigen. Jeder der Menschen, die wir getroffen haben, war, wenn ich es mir „traditionell“ anschaue, nicht mein Typ. Die einen zu alt, die anderen zu prollig, zu elitär, zu einfach, zu… Und jedem habe ich gerne zugehört, bei jedem freute es mich, seine/ihre Geschichte zu hören. Vielleicht habe ich das aus meinem Schreiben gelernt: Eine Geschichte braucht keinen Beginn und auch kein Ende. Was zählt ist, wie du den Abschnitt aufnimmst, der sich dir bietet und das du ihn wertschätzt.

Doch diese Geschichte soll jetzt erst einmal enden.

Nach innen

Ich schließe die Augen, meine Reise beginnt.
Ich schließe die Augen und horche in mich hinein.

Doch wo beginnt meine Reise?

Sind die Augen geschlossen, herrscht keine Dunkelheit. Fahles, gedämpftes Licht dringt durch meine Augenlider und blendet mich sogar dort. Doch wenn ich warte, wird dieses Licht schwächer, bilden sich vor meinen Augen Bilder aus Licht und Schatten – einzig gefärbt durch die seltsame Struktur der Dunkelheit meiner Augenlider – die sich in einem wirbelnden, verschwommenen Tanz ergehen und mich ablenken.

Wohin soll meine Reise denn gehen?

Ich horche in mich hinein, Musik umgibt mich. Ebenso der Lärm der Menschen um mich herum. Gespräche werden klarer. Fetzen der Themen bedecken meinen Kopf, bilden eine immer dichere und weichere Decke und je mehr es auf mich eintönt, desto undeutlicher werden die Einzelheiten. So, gebettet unter einem wohligen Mantel ungezählter Satz-, Lärm- und Musikfetzen beginne ich der Stille zu lauschen. Blut rauscht in meinen Ohren, vermischt sich mit den Schatten vor meinen Augen und beginnt meinen Körper in einen einzigen, rauschenden, wirbelnden Gedanken zu verwandeln.
Während ich in mich hineinschaue und -horche, beginnen in meinem Kopf Stimmen klar und laut miteinander zu diskutieren. Ein Gedankengang jagt den nächsten, wird brüsk unterbrochen und verteidigt sich noch im Fallen gegen die Vorwürfe anderer Stimmen. Mein Kopf wir ein großes, blutiges Schlachtfeld, auf dem grenzenloser Lärm herrscht. Der Kampf geht so lange weiter, bis alle Gedanken ausgeschaltet sind und nur ein einziger siegreich besteht. Dieser beginnt jedoch sofort, sich selbst in Frage zu stellen,sich zu kritisieren und seinem eigenen Schwanz hinterherzujagen, um sich schlussendlich wieder selbst gegenüber zu stehen.

So beginnt meine Reise.

Meine Augen betrachten einen wirbelnden Tank, meine Ohren spielen dazu einen munteren Reigen, während meine Gedanken in ewiger Selbstbeschäftigung verharren. Es ist immer dann, dass ich meinen Körper als eine leere Hülle empfinde. Mein Kopf, noch immer in seinem bunten Theaterstück gefangen, ruht auf einer fleischigen, nuzlosen Masse und ich hier finde ich, inmitten dieser Falten, Muskeln und Haare, endlich das Ziel meiner Reise.
Ich tauche ab in meinen Köper, weg von dem Lärm, weg von den Farben, weg von allem. Ich durchbreche die eiskalte, erfrischende Oberfläche der Stille und tauche so tief ich es vermag. Endlich verblasst alles um mich herum. Endlich rinnen die letzten störenden Einflüsse wie Perlen aus mir heraus und steigen nach oben; fort von mir. In der Stille schwebe ich unbewegt, unberührt.
Es ist ein einziger, kurzer und kostbarer Moment, soviel ist mir stets klar. Für mich ist es aber auch eine kleine, wunderbare und perfekte Ewigkeit.

Stille.Ruhe.
Friede.
In mir.
Mit mir.

Aber dann höre ich eine kleinen, kurzen Ton. Wieder und wieder, bis mein Geist darauf zuschwebt, er lauter wird und bald schon mein ganzes Sein umfasst. Ich erkenne mein schlagendes Herz und mit der Erkenntnis sehe ich es vor mir. Unbeirrt, ewig präsent schlägt es vor sich hin und ich sehe, wie es Leben in meinen Körper pumpt. Ich beobachte das Spiel der Muskeln und verfolge das pulsieren der Adern. Weiter und weiter führen die Adern, hinauf in weite Ferne. Während ich schaue und versuche das Ende zu erkennen, schwimme ich den Adern hinterher, zurück nach oben. Und ehe ich mich versehe, tauche ich aus der Stille auf.
Mein Geist saugt gierig den Lärm, die Farben, alles um mich herum auf und ich kehre zurück in meine Umgebung.

Meine Reise ist zuende.
Ich bin ruhig.